Gefährliche Illusion vom dopingfreien Sport

Norbert Gütlein am 15.09.2008 - 13:28 Uhr
Kann es einen dopingfreien Sport geben? Oder wenigstens einen weitgehend dopingfreien? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn schließlich dringen nicht viele Informationen an die Öffentlichkeit, haben erfolgreiche Athleten den Anspruch auf die Unschuldsvermutung, so lange man ihnen nicht einen Verstoß gegen die geltenden Bestimmungen nachweisen kann. Aus einer gewissen Entfernung betrachtet muss man sich jedoch eingestehen, dass es keinen dopingfreien Sport geben kann. Warum?

Betrug jeder Art wird immer dann massiv betrieben, wenn der Zugewinn aus der illegalen Tätigkeit sehr hoch ist, es also viel zu verdienen gibt. Diese Antriebskraft ist beim Sport beträchtlich. In der Antike war das Ansehen eines Olympiasiegers extrem hoch, der Sportler hatte für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Heute ist dies in manchen Profisportarten ähnlich, lassen sich Weltmeistertitel und Olympiasiege direkt in klingende Münze umsetzen. Aber auch in den anderen Sportarten ist das mit einem Titel verbundene Prestige riesig, zudem kann eine Medaille die Tür zu einer einträglichen Karriere innerhalb oder außerhalb des Sports aufstoßen. In den meisten Ländern kommt das Nationalprestige hinzu, das in Diktaturen zudem grotesk überhöht ist. Sportliche Erfolge geraten dort in den Rang von Staatsaufgaben, für die man alles investiert. Strafandrohungen und Verfolgungsdruck haben nur geringen Einfluss auf die Bereitschaft zum Betrug, vor allem dann, wenn der Abstand zwischen Tätern und Strafverfolgern hoch genug ist, dass sich die Täter einigermaßen sicher fühlen können. Dies ist durch die immensen Fortschritte der modernen Medizin und Biotechnologie und die teilweise sehr kurzen Nachweisfenster vieler Substanzen beim Doping derzeit wohl gegeben.

Angesichts der nicht zu beherrschenden Triebkräfte und entgegen der gebetsmühlenartig vorgetragenen Beteuerungen dürften die Verantwortlichen im Weltsport den Kampf um einen weitestgehend dopingfreien Sport längst aufgegeben haben. Investiert wird vielmehr darin, die Illusion desselben zu schaffen und aufrecht zu erhalten. Die Mechanismen hierfür sind so primitiv wie perfide, sie nutzen natürliche menschliche Schwächen und Verhaltensweisen und sie funktionieren bestens auch ohne formale Absprachen der Beteiligten.


Die wichtigste Methode dabei sind die viel besungenen Dopingkontrollen. Was passiert, wenn man einen Athleten nach Doping fragt? Er wird darauf verweisen, wie oft er schon mit negativem Ergebnis getestet worden sei. Mit beeindruckenden Zahlen warten auch die Sportverbände, allen voran das IOC, auf. Etwa 5.000 Tests allein in Peking, so viele waren es noch nie. Dr. Thomas Bach, der IOC-Vize, lobte zum Beginn der Spiele in China die Veranstalternation. Große Fortschritte habe sie gemacht, ein Labor nach westlichem Vorbild sei aufgebaut worden. Schließlich wolle man ja nicht, dass ein Schatten auf ihre Erfolge bei den Spielen falle. Wie wahr! Die Vergangenheit hat gezeigt, dass negative Dopingtests bei Großereignissen wenig darüber aussagen, ob eine Sportlerin oder ein Sportler wirklich sauber sind. Sehr unterschiedlich sind zudem die Kontrolldichten in verschiedenen Staaten, nicht überall sind Sportler während der Aufbauphase ohne „Vorwarnzeit“ erreichbar. Da viele Fragen offen bleiben, sind die Tests letztlich nur ein Placebo, angesichts ihres faktischen Beweischarakters halten sie den Mythos „dopingfreier Sport“ jedoch aufrecht.

Dopingskandale, zumal wenn sie bei Großereignissen auftreten, sind zunächst einmal schlecht fürs Geschäft. Andererseits helfen sie aber auch, die Illusion von der Dopingfreiheit wieder neu zu festigen. Beispiele gibt es genug: Seoul 1988, Lahti 2001, die olympischen Winterspiele 2002 und 2006, viele Radsportereignisse. Die Mechanismen sind mittlerweile erprobt und nahezu austauschbar: ertappte einstige Heroen, die mit versteinertem Gesicht auf Tauchstation gehen, tränenreiche Geständnisse reuiger Sünder, Enthüllungen früherer Mittäter. Die Medien schalten blitzschnell um und gewinnen dem Skandal zumindest eine interessante Nachrichtenlage ab. Fasziniert verfolgt der Zuschauer den Fall seiner einstigen Helden. Jetzt schlägt die Stunde der Funktionäre. „Rückhaltlose Aufklärung“, „eisernes Durchgreifen“ und in der Zukunft ein noch dichteres und damit lückenloses Kontrollsystem werden angekündigt. Die nicht ertappten Sportler, die zunächst geschockt oder auch befriedigt reagiert haben, wollen jetzt am liebsten „die Vergangenheit ruhen lassen“, sie richten lieber „den Blick nach vorn“. Der Sportkonsument, des Skandals irgendwann überdrüssig, willigt nur zu gerne in den unausgesprochenen Pakt ein, verlässt sich auf obskure Selbstheilungskräfte des Sports und gibt sich der Illusion einer nun dopingfreien Zukunft hin. Natürlich werden, wenn sich die Wogen nach einem turbulenten Dopingskandal wieder geglättet haben, weitere Sportler erwischt. Das sind dann „unverbesserliche Idioten“, „bedauerliche Einzelfälle“ oder schlichtweg der Beweis, dass die neu formierten Kontrollmechanismen greifen. Als Delinquenten bestens geeignet sind dabei ukrainische Gewichtheber, griechische Sprinter oder nordkoreanische Schützen, je exotischer desto besser.

Eine Untervariante der Verdrängungsmechanismen ist der durch die nationale Brille getrübte Blick auf das „Doping der Anderen“. Befeuert durch den berechtigten Hinweis auf die in Deutschland sehr hohe Kontrolldichte ist die Mär von den eigenen sauberen und den „bösen“ Athleten der Chinesen, Russen, Amerikaner oder anderer schnell manifestiert. Aber Vorsicht, gerade auf diesem Feld ist die Gefahr der Selbsttäuschung groß. So galt zum Beispiel das Team Telekom jahrelang als eine saubere Bastion im ansonsten Doping verseuchten Radsport, bis sich das genaue Gegenteil herausstellte. Einer der wenigen in Peking aufgedeckten Dopingfälle betraf pikanterweise (wieder einmal) die deutschen Springreiter.

Bedeutsam für das kollektive Verdrängen ist auch, dass nicht zu viele Tatsachen ungeschminkt auf den Tisch kommen. Hier hilft die selbst für Fachleute inzwischen nur noch schwer zu durchschauende Materie mit ihren komplizierten, nicht einmal annähernd völlig erforschten medizinischen und biochemischen Zusammenhängen. Illusorisch, einem breiten Publikum diese Tatsachen verständlich präsentieren zu wollen. Aber auch viele der unappetitlichen Details der Dopingszene werden der Öffentlichkeit geflissentlich verschwiegen. Die teilweise dramatischen Nebenwirkungen der Substanzen kennen vermutlich nicht einmal die Athleten genau. Über Ekel erregende Urin-Panschereien, für die Sportler potenziell lebensgefährliche verdeckte Transporte von Blutpräparaten oder das Erpressungs- und Einschüchterungspotenzial der im Hintergrund präsenten Drogenmafia wird ebenfalls gerne der Mantel des Schweigens gebreitet.

Das bestens funktionierende System eines vermeintlich sauberen Sports kommt erst ins Wanken, wenn die Skandale bei Großereignissen periodisch auftreten oder die Abstände immer kürzer werden. Prominentestes Beispiel ist die notorische Tour de France, bei der sich die Abkehr von Zuschauern, Sponsoren und Medien inzwischen bemerkbar macht. In Peking ist bis zum Schlusstag alles gut gegangen. Auffällig wenige Sportler sind erwischt worden, darunter, was wichtig war, keiner der famosen Chinesen. Aber auch bei Olympia 2008 hat der Mythos einige Risse bekommen. Angesichts kaum mehr glaubwürdiger Rekorde der Schwimmer und Sprinter und der unglaublichen Dominanz der Chinesen flochten viele Beobachter (vorsorglich?) Zweifel in die ansonsten noch vorherrschende Jubelberichterstattung ein. In Überschriften, separaten Kommentaren oder Filmbeiträgen wurden dezent formulierte Vorbehalte veröffentlicht. Deutlich weniger feinsinnig drückte sich Sprinter Tobias Unger aus: „Eine Riesenverarschung!“

Mit diesem auf den 100 m-Lauf gemünzten Urteil würde man den vielen Sportlern in den Disziplinen unrecht tun, bei denen es nicht nur auf pure Kraft, Schnelligkeit oder Ausdauer ankommt, sondern vielmehr auf Vielseitigkeit, Koordination, mentale Stärke oder mannschaftliche Geschlossenheit. Bei allen großen Sportereignissen ist eine differenzierte Betrachtung also angemessen. Wie soll sich aber der einzelne Zuschauer nun verhalten, wenn schon die ansonsten allwissenden Sportreporter unsicher werden? Die Antwort auf diese Frage bringt verblüffender Weise eine selten gewordene Spezies zum Vorschein: den mündigen Medienkonsumenten. Wo einem vom Fernsehen oder der Presse das Denken nicht mehr abgenommen wird, ist man gezwungen, sich seine Meinung selbst zu bilden. Eine gesunde Portion Skepsis bei allzu grandiosen Leistungen, eine kritische Grundhaltung gegenüber den von Politik und Verbänden verordneten Denkmustern und eine wachsende Resistenz gegenüber dem hoch geputschten Hype um Rekorde und nationale Erfolge können die Folge sein. Kann man aber mit dieser Einstellung noch richtig Spaß als Sportzuschauer haben? Aber klar doch! Wenn man etwas genauer hinsieht, wird sich höchstens die Perspektive leicht verändern. So wird man den zwanzigsten Platz eines Nachwuchssportlers, der sich aus der Jugendmannschaft seines Vereins an die Weltelite herangekämpft hat, wieder als Riesenerfolg und nicht das Versagen eines „Olympiatouristen“ empfinden. Oder man wird es gelassen als die Tatsache hinnehmen, dass Sportler keine Maschinen sind, wenn, wie bei der Ski-WM 2005 geschehen, die in der nationalen Erwartung schon fest gebuchten Medaillen ausbleiben und einige Medien prompt aggressiv reagieren. Oder: wer hat eigentlich das Recht, von Fabian Hambüchen eine Goldmedaille zu fordern. Etwa so gloriose Kunstturner wie auch der Schreiber dieser Zeilen, die schon beim Felgaufschwung ihre liebe Not haben? Eine weitere Nebenwirkung einer etwas weniger aufgeladenen Betrachtungsweise sei übrigens noch verraten: Es kann passieren, dass man sich die mit allerhand Showelementen und Selbstbeweihräucherung gespickten Übertragungen der großen Fernsehanstalten gelegentlich schenkt und sich statt dessen auf eine aktive Trainingsrunde mit dem einzigen Sportler begibt, bei dem man sich wirklich sicher sein kann, dass er nicht gedopt ist, nämlich mit sich selbst.

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