Ein königlicher Sonntagsausflug

Norbert Gütlein am 05.02.2006 - 21:29 Uhr
Ein atemberaubender Anblick, für den allein sich die Teilnahme schon gelohnt hat: Die durch den morgendlichen Dunst milchige Sonne ist gerade aufgegangen und bescheint im Gegenlicht den beeindruckenden Tross von 1800 Läufern, der sich soeben am Startplatz des König-Ludwig-Laufs in Richtung Ettaler Sattel in Bewegung gesetzt hat. Wie viele Dinge hat auch dieses Erlebnis zwei Seiten, denn angesichts der Masse Mensch, die da vor mir herläuft, wird mir sofort klar, dass es heute nichts mit einer annehmbaren Zeit und einer Platzierung im Mittelfeld wird. Wegen einer erst überstandenen Erkältung und der damit verbundenen Unsicherheit über meine Fitness habe ich die alte Oberammergauer Regel, dass der Rennverlauf im Startgatter mit entschieden wird, außer acht gelassen und mich ziemlich weit hinten reingestellt. Jetzt habe ich Gelegenheit, die volkslauftypischen größeren und kleineren Katastrophen live mitzuerleben. Ski-Mikado am engen Durchlass unterhalb von Ettal, Nahkampf-Einlagen am Eingang zum Mühlwald, die vielen, überwiegend der Nervosität der Teilnehmer geschuldeten Stürze. Dazu kommt ein über fast 20 km neutralisiertes Rennen. Aus unerfindlichen Gründen sind auf dem größten Teil der Strecke nur zwei Spuren angelegt, obwohl meistens Platz für drei oder vier gewesen wäre. Das Feld zieht sich dadurch nur sehr langsam auseinander – Überholen ist fast zwecklos. Es ist wie an der Supermarkt-Kasse: Egal welche der beiden Spuren man wählt, man ist immer in der langsameren. Nur bei eklatanten Bremsern wird die Kraft raubende Überholung über den breiten ungespurten Streifen eingesetzt. Negative Gedanken darüber verdränge ich schnell. Die Bedingungen sind so, wie ich sie liebe: Pulverschnee mit festem Untergrund, kalt. Ich schwimme im Einheitstempo mit, genieße die großartige Bergkulisse der Ammergauer Alpen und die Schattenspiele der Sonne im verschneiten Winterwald. Etwa zur Streckenmitte ergibt sich etwas mehr Platz zum Laufen. Ich freue mich über meinen guten Ski, laufe in meinem eigenen Rhythmus und vergesse fast das Rennen um mich herum. Ein kleines Abenteuer ist noch zu überstehen: meine Angst-Abfahrt kurz vor der Straßenquerung oberhalb von Linderhof. Vor einigen Jahren habe ich hier einen Salto gedreht und mir eine Rippe angeknackst. Seitdem hasse ich diese kurze Abfahrt, die sich heuer besonders widerlich präsentiert. Eine eisige Rinne, gesäumt von großen Haufen mit gefährlichem Abrieb und gespickt mit gestürzten Läufern. Ich bremse mich konsequent hinunter und bin froh, als ich es unbeschadet überstanden habe. Über einen leicht abwärts führenden Ziehweg wird das Schloss Linderhof erreicht. Hier kommt der Namensgeber des Rennens ins Spiel. In ganz Bayern wird mit dem legendären König Ludwig II Marketing betrieben, aber hier ist es berechtigt. Linderhof ist das Königsschloss, das er selbst über einen längeren Zeitraum bewohnt hat. Erbaut in den Jahren nach dem Krieg 1870/71, nutzte es der kunstsinnige Monarch, um sich, frustriert über die mit der Reichsgründung verloren gegangene Souveränität Bayerns und angewidert von der Nationalstaatsbegeisterung seiner eigenen Untertanen, in die Bergeinsamkeit zurück zu ziehen und sich dort seine Traumwelten zu schaffen. Ein kurzer Blick auf die im Stil des Barock gestaltete Fassade, dann ist der Kernbereich des Geländes schon durchlaufen und die einzige nennenswerte Steigung der gesamten Strecke steht auf dem Programm. Der teilweise in der Sonne liegende glatte Anstieg ist schnell abgehakt und wird mit einer langen Abfahrt ins sonnendurchflutete Graswangtal belohnt. Ab jetzt, es sind noch ca. 16 km zu laufen, passiert nichts Aufregendes mehr. Doppelstock, Doppelstock-Zwischenschritt, dazwischen zur Abwechslung etwas Diagonal. Mein Ski läuft immer noch exzellent und ich kann eine richtiggehende Aufholjagd veranstalten. Immer wieder tauchen größere Läuferpulks vor mir auf und stacheln meinen Ehrgeiz an. Auf dem Ammerdamm geht es noch mal richtig zur Sache. Mit der Spitze einer größeren Gruppe biege ich schließlich auf die Zielgerade ein und sprinte sogar noch um die hinteren Plätze. Ein Blick auf die Uhr: oh je, da war ich in den Vorjahren deutlich schneller unterwegs. Laufzeit also abhaken, das Rennen aber war ein Genuss. Es folgt die übliche Routine. Umziehen, zwei Becher Suppe und eines der berühmten Wurstbrote hinuntergewürgt. Ein König-Ludwig Dunkel hätte mich gereizt, aber angesichts der bevorstehenden Heimfahrt verzichte ich lieber.

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