Olympia Rück- und Ausblick

Peter Schlickenrieder am 27.02.2006 - 15:45 Uhr
Es war nicht alles Gold, was im deutschen Langlauflager glänzte. Die Olympischen Spiele in der Höhe von Pragelato gestalteten sich für das DSV-Team vergleichbar der Loipen, auf denen um die Medaillen gekämpft wurde. Es begann im übertragenen Sinn eher "flach", denn die Vorfälle um die Schutzsperre von Evi Sachenbacher-Stehle haben natürlich für Anspannung und Unruhe in der deutschen Mannschaft und im Umfeld gesorgt. Hier wird man im Nachgang auch noch einmal genau die Vorgänge analysieren müssen, denn es gibt denkbar bessere Einstimmungsmöglichkeiten auf ein Großereignis als ein solches Theater, wobei ich mich klar zur Sportlerin bekenne und auch eher die Vorgehensweise der offiziellen Stellen hinterfragt sehen möchte.

Für mich fast logisch ging es dann zunächst, um im Bild zu bleiben, in eine "Senke". Die Truppe von Chefcoach Jochen Behle kam recht zäh in die Wettkämpfe. Rennen werden auch im Langlauf im Kopf entschieden und der schien bei den Athleten und Athletinnen blockiert zu sein. Die Verfolgerrennen gingen jedenfalls sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern daneben. Damit stieg der Druck auf das Team weiter an und nachdem die Läuferinnen im Klassisch-Rennen über zehn Kilometer erneut nicht überzeugen konnten, standen die Kritiker schon für die Verrisse bereit.

Alles hing nun von den 15 Kilometern der Männer in der klassischen Technik ab. Es war allen Beteiligten klar, dass es hier klappen musste. Ohne Erfolg in diesem Rennen hätte es anschließend kein Halten mehr gegeben. Und so ging es dann für Tobias Angerer um alles. Ich habe selten einen Trainer und einen Sportler so kämpfen gesehen. Behle hat Angerer zur Bronzemedaille gebrüllt. Mit dieser Medaille kehrte die Moral ins Team zurück, und es ging mit den Leistungen von nun an steil bergauf - so wie mit den Loipen in Pragelato.

Die Höhepunkte waren dann aus deutscher Sicht natürlich die beiden Silbermedaillen in der Staffel. Das Rennen bei den Frauen war unglaublich dramatisch: Claudia Künzel verlor am letzten Anstieg zunächst Gold und dann alle Medaillenchancen, um dann mit einem gigantischen Zielsprint doch noch auf Silber vorzurennen. Bei den Herren haben alle auf Gold geschielt, doch man braucht neben dem sportlichen Können auch Glück und Topmaterial und dies hatten eben am Ende die Italiener. Angerer kämpfte nämlich während der gesamten Spiele mit Materialproblemen an seinem Skating-Ski. Ich habe mit ihm mehrfach darüber gesprochen und er sagte mir, dass er bei bestimmten Witterungsbedingungen noch nicht das optimale Material gefunden hat. Daher muss man auch die Staffel-Silbermedaille eher als Gewinn betrachten, denn mit dieser Leistung war man immerhin einen Platz besser als in Salt Lake City 2002.

Dass Künzel auch im Sprint noch einmal zuschlagen konnte, hatte sie aus meiner Sicht schon im Staffelrennen angedeutet. Ihre Sprintqualitäten sind von herausragender Natur. Daher hat mich diese Silbermedaille nicht wirklich überrascht, obwohl auch die erst einmal gewonnen werden muss. Denn es ist schwer geworden eine Medaille zu erringen. Die Schweden haben sich stark präsentiert, die Italiener konnten in der Staffel glänzen und stellen nach dem abschließenden Sieg von Giorgio Di Centa im Rennen über 50 Kilometer nun auch den "König von Pragelato", während gegen Ende der Wettkämpfe unsere kleine Mannschaft sich leider wieder auf sportliche Talfahrt begeben hat. Die Kräfte haben am Ende nicht mehr ausgereicht, Angerer hatte die gleichen Materialprobleme wie in den Tagen zuvor.

Insgesamt kann man mit dem Abschneiden der deutschen Langlauf-Mannschaft dennoch zufrieden sein, es hätte nach dem schlechten Auftakt ganz anders kommen können wie zum Beispiel bei den großen Verlierern von Pragelato - den Norwegern, die weit hinter ihren eigenen Erwartungen zurückgeblieben sind. So hat mir der Zusammenhalt im DSV-Team sehr imponiert. Gerade der verletzte Axel Teichmann hat sich einmal mehr als der wahre Leader des Teams erwiesen, als er mit seiner Anreise der Mannschaft den Rücken gestärkt hat. Dieser Team-Spirit lässt mich auch zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Bis Vancouver 2010 sind es zwar noch vier Jahre, aber ich glaube, dass der deutsche Langlauf weiter im Aufwind ist. Und wenn man das grandiose Abschneiden der gesamten deutschen Mannschaft betrachtet, dann sind die ersten Überlegungen im DSV und die Rufe nach Olympia 2018 in München ganz nach meinem Geschmack. Die Spiele in Turin und Pragelato haben mir jedenfalls gut gefallen. Die Strecken waren sehr anspruchsvoll und mehr als olympiatauglich. Die Euphorie der Italiener nach dem Staffelsieg der Herren hat zudem zu einer würdigen Abschlusskulisse beim Fünziger-Lauf der Herren geführt.

Auch wenn die deutschen Langläufer kein Gold geholt haben, so haben sie doch bewiesen, dass sie mittlerweile zu den großen Langlaufnationen gehören. Jetzt geht es nach kurzer Pause zurück in den Alltag, der Weltcup heißt. Hier hat Behle mit seinem Schützling Angerer noch eine Mission zu erfüllen. Nach Rene Sommerfeldt und Axel Teichmann kann Angerer als dritter Deutscher den Gesamtweltcup gewinnen. Das sagt meiner Meinung nach viel über die Leistungsfähigkeit des deutschen Langlaufs aus, denn hier zählt nicht nur ein Rennen, sondern der ganze Winter.

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