Endstation Bretterschachten

Norbert Gütlein am 20.03.2006 - 12:01 Uhr
Von weiter hinten sieht alles sehr entspannt aus. Ich stehe im dritten Startblock des Skadi Loppet über 21 km Klassische Technik, männliche Teilnehmer von H 46 aufwärts. Das heißt, dass ich hier eher zu den Jüngeren zähle. Um mich herum viele Jahrzehnte lange Langlauferfahrung. Wettergegerbte Gesichter, die Burschen haben schon viele Schlachten geschlagen. Entsprechend cool wird die Hektik kommentiert, mit der sich die erste Startgruppe auf den Weg macht. „Das muss ich nicht mehr haben“, sagt einer. Erwartungen an das Rennen? Ohne Massensturz die erste Abfahrt hinunter kommen. Ab dann läuft jeder sein eigenes Rennen. Da bin ich richtig, denke ich mir. Vor allem nach den Erfahrungen des Vortags, über 30 km Freistil. Da stand ich, der Einteilung des Veranstalters entsprechend, im zweiten Startblock und war da einer der Ältesten. Noch viel älter sah ich aus, als ich meinen Versuch, das hohe Anfangstempo des Feldes mitzugehen, an den sich jäh aufsteilenden Bergen mit schweren Beinen bezahlen musste. Heute soll alles ganz anders werden. Ich will die ersten Kilometer ruhig angehen und meinen eigenen Rhythmus finden. Das Wetter ist auch besser als am Vortag. Nach einer frostigen Nacht strahlt die Sonne vom Himmel und treibt die Temperatur nach oben. Entsprechend großes Rätselraten herrschte in der Wachsfrage. Ich habe mich an die Empfehlung der Experten vom Swix- und Fischer-Stand gehalten.
Startschuss für unsere Gruppe. Ohne großes Gerangel setzt sich das Feld in Bewegung. Da viele Spuren zur Verfügung stehen, ergibt sich schon bald die Gelegenheit, das Tempo selbst zu wählen. Die Anstiege kommen mir heute nicht so steil vor wie gestern. Mein Ski steigt gut, trotz der je nach Sonneneinstrahlung zwischen Pulver und Matsch wechselnden Schneebedingungen. Im Wachslotto habe ich mindestens einen Fünfer gezogen. In den Flachstücken geht es mit Doppelstock zügig dahin, bergab läuft der Ski und ich kann mich, ganz anders als am Vortag, in der Abfahrtshocke erholen. Meine bereits gute Laune nähert sich der Euphorie. Eine lange Steigung führt auf eine fast baumfreie Hochebene. Der Schnee ist hier noch trocken. Ich lasse es laufen und überhole fleißig. Nur nicht übertreiben jetzt, das Rennen ist noch lang. Der Große Arber rückt ins Blickfeld. Ein Frevel, diese großartige Landschaft im Renntempo zu durcheilen. Die hervorragenden Strecken haben mir gestern schon imponiert, heute sortiere ich das Langlaufzentrum Bretterschachten in die vorderste Kategorie meiner Hitliste der Top-Regionen ein. Plötzlich rauscht ein Läufer mit hohem Tempo an mir vorbei. Sollte ein Konkurrent bei der Verpflegung etwas Aufputschendes zu sich genommen haben? Nein, es ist die Spitze des 42 km-Rennens. Ich beneide die Spitzenläufer nicht um die Aufgabe, sich im Zick-Zack durch das recht dichte Feld der Damen und Seniorenklassen hindurchzuwuseln. Nach der Wende der 21 km-Strecke wird es noch bunter. Jetzt sind für einige Kilometer alle Startgruppen beider Rennen vereint. Nach dem Abzweig der langen Strecke in die zweite Runde wird es wieder etwas ruhiger. Einige Abfahrten geben Gelegenheit, sich für die kommenden Schlussanstiege zu regenerieren. Die regelmäßig aufgestellten Kilometertafeln markieren den Abstand zum Saisonende. Schade eigentlich. Andererseits macht sich der Kräfteverschleiß durch das Skating-Rennen vom Vortag und den Engadiner vom vergangenen Wochenende bemerkbar. Für heute reicht´s. Das Ziel kommt in Sicht. Noch einige Doppelstockschübe, dann ist das letzte Rennen der Saison beendet. Im Zielraum verbreitet die warme Sonne einen Hauch von Frühling. Die Langlaufszene feiert ihren letzten großen Saisonevent. Ich feiere mit.

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