Birkebeiner-Rennet 2008 in Norwegen

Stefan Heim am 20.03.2008 - 17:55 Uhr
Bereits zum fünften Mal fuhr ich zu dem bekanntesten Langlaufrennen in Norwegen, dem Birkebeinerrennen. Bereits am Dienstag flog ich von München nach Oslo und dann ging es mit dem Zug weiter nach Lillehammer, wo ich wie üblich im Ersgård-Gjestehus mein Quartier nahm.

Die nächsten beiden Tage testete ich dann rund um das Birkebeiner-Skistadion und auf der Inga-Låmi-Loipe meine Ski und die Verhältnisse. Am Abend wurden dann große Diskussionen über das optimale Wachs und den idealen Ski geführt. Da es oben im Fjell Hartwachsbedingungen und unten Klisterbedingungen hatte wurde von vielen ein NoWax-Ski und von einigen Norwegern ein aufgerauhter Ski in Erwägung gezogen. Beim Abendessen vor dem Wettkampf wurde dann im Ersgård unter den Läufern verhandelt wer mit wem und wann mit dem Taxi runter zum Bahnhof fährt. Ich konnte dann mit einem Norweger mit, musste dafür aber eine halbe Stunde früher aufstehen.


Also ging es bereits um kurz vor vier aus den Federn und ab zum Frühstück. Dann standen die zwei Stunden Fahrt im Bus zum Start nach Rena bevor. Obwohl ich so früh noch nicht unbedingt richtig wach bin klappte die Verständigung mit den Norwegern in der Landessprache hervorragend und darauf bin ich doch ziemlich stolz. Ich hatte zwei Wachsvarianten im Kopf und entschied mich dann für eine Schicht blauen Klister (Swix KR30), die ich mir am Wachsstand sehr dünn auf den Ski auftragen ließ. Danach deckte ich meine Ski noch mit VR55 und VR50 ab. Nach dem Einlaufen wurde die Zeit ziemlich knapp, denn ich musste noch aufs Klo, das Gepäck abgeben und den Rucksack wiegen. Das Rennen hat einen historischen Hintergrund. Vor ca. 800 Jahren wurde auf dieser Strecke der norwegische Königssohn Haakon Haakonson von den besten Skiläufern der Birkebeiner gerettet. Haakon wurde später König, beendete den Bürgerkrieg und unter ihm hatte Norwegen seine Blütezeit im Mittelalter. Aus Tradition muss jeder Läufer beim Birkebeiner einen Rucksack, welcher mindestens 3,5 kg wiegt, mitnehmen. Dieser Rucksack soll das Königskind Haakon symbolisieren.

Als ich mein Gepäck dann abgegeben habe und in meine Startreihe wollte, stellte ich fest, dass ich bei meiner Salomon-Bindung den gelben Gummi verloren habe. Die Zeit war ja sowieso schon knapp und jetzt kam ich tatsächlich in Stress. Verzweifelt suchte ich nach dem blöden Gummi oder überlegte wo ich einen Ersatzgummi herbekommen könnte. Es war nichts zu machen und irgendwann musste ich an den Start. Viel zu spät kam ich natürlich in die 9. „Startpulje“ und musste mich fast ganz hinten einreihen. Mit diesem Lauf hatte ich ja noch einiges offen und ich sah bereits meinen ganzen Lauf den Bach runter rinnen. Es blieb aber nicht viel Zeit sich düstere Gedanken zu machen, denn ca. 50 Minuten nach der Elite erfolgte unser Startschuss.

Wie nicht anders zu erwarten war erst mal ein riesiger Stau und ich löste als 570. meiner Startgruppe die Zeitnahme aus. Die große Frage war jetzt nur wie ich irgendwie weiter nach vorne kommen könnte. Neben der Spur war meistens ein wenig Platz zum Überholen, doch das würde sehr viel Kraft kosten. Sehr diszipliniert ließ ich mich dieses Mal nicht zu einer Hauruck-Aktion verleiten und überholte nur, wenn es wenig Kraft kostete. Bei der ersten Zwischenzeit in Skramstadsætra war ich überraschenderweise mit einer Zeit von 46:48 (533. Rang M35) nur knapp zwei Minuten über der Richtzeit, die für unter 4 Stunden reichen würde. Dass meine Bindung nicht optimal ist, hatte ich bereits vergessen, denn der Ski war im Anstieg ziemlich perfekt.

Weiter ging es hinauf zum Dølfjell, wo man nach 13 km bereits 560 Höhenmeter Anstieg bewältigt hat. Bei dem schönen Wetter konnte man eine Schlange von tausenden Langläufern sich kilometerweit über das Fjell ziehen sehen. Das ist wirklich einmalig und ich wusste, dass dieses Gefühl und Bild mich immer wieder zu diesem Rennen zieht. Die Spur war in einem hervorragenden Zustand, die Sonne schien und mein Körper schien zu funktionieren und ich war einfach glücklich hier zu sein. Vor allem bemerkte ich dass ich selbst in meiner schwachen Disziplin Doppelstock einen Läufer nach dem anderen überholte. Da mein Ski sehr auf Anstieg gewachst war musste ich dann bei den ersten flacheren Stücken in Richtung Raufjell etwas mehr arbeiten wie andere, doch mir war es lieber so.

Ich habe mich dann an einen „Zug“ angehängt der über das Raufjell einen Läufer nach dem anderen überholte. Auch immer mehr Läufer aus den vor uns gestarteten Startblöcken wurden überholt. Bei der ersten Abfahrt nach dem Raufjell musste ich dann allerdings die Gruppe ziehen lassen, denn meine Skier waren einen Tick langsamer. Je tiefer wir aber in Richtung Kvarstaddammen kamen, desto schneller wurde mein Material. In einer Flachpassage wollte dann auch ein Norweger wissen welches Gleitwachs ich drauf habe. Es lief alles hervorragend und in Kvarstaddammen war ich dann in einer Zeit von 02:09:21 (490. Rang M35), was eine Minute schneller war als 2001 als ich 4 Stunden und 5 Minuten brauchte. Hier war mir klar dass mein Ziel den Lauf unter 4 Stunden zu schaffen in sehr nahe Reichweite gekommen war. Ich fühlte mich bestens gerüstet für die knackigen Anstiege hinauf zum höchsten Punkt auf das Midtfjell.

Es lief auch ausgezeichnet, doch fast oben angelangt bekam ich die ersten Krämpfe in den Oberarmen. Das fand ich ziemlich ärgerlich, da man das erste Stück rüber nach Sjusjøen ziemlich viel im Doppelstock machen sollte. Es war dann zum Glück nicht so schlimm und es ging trotzdem etwas vorwärts. Manchmal musste ich zwar die Hände etwas ausschütteln, da immer mal wieder Krämpfe sich in den Oberarmen meldeten, aber es war alles halb so wild. In Sjusjøen kam ich dann nach 03:13:06 (470. Rang M35) an und freute mich bereits auf die schnellen Abfahrten hinunter nach Lillehammer. Vor allem war mir klar, wenn es mich nicht zerlegt, dass ich unter 4 Stunden schaffen müsste und ich keine Krämpfe in den Beinen bekommen würde.

Das war alles sehr motivierend und dass man als Alpenbewohner abfahren kann ist nicht sonderlich verwunderlich. Manchmal musste man leider etwas viel „pflugen“, da recht viele Läufer sich in den Spuren tummelten und man dann doch einen Sturz riskiert hätte. 7 km vor dem Ziel hatte ich dann noch mal ganz schöne Krämpfe in den Oberarmen und ich war mir nicht mehr sicher ob ich es unter 4 Stunden schaffen könnte. Ich dachte mir aber, egal was jetzt noch passiert beiss die Zähne zusammen und gib Gas. In dem Anstieg 2 km vor dem Ziel hatten dann ziemlich alle Probleme weil man hier Klister bräuchte und keiner einen Grip hatte, doch ich schaffte sogar den Großteil im Doppelstock. Da ich meiner persönlichen Bestzeit entgegenlief spürte ich sowieso keine Schmerzen mehr!

Mit einer Zeit von 3 Stunden 51 Minuten und 17 Sekunden erreichte ich in meiner Altersklasse M35 einen 464. Rang. 54 km klassisch von Rena nach Lillehammer über das Fjell und somit 1.000 Höhenmeter im Anstieg und 800 Höhenmeter Abfahrt waren überwunden. Als 570. bin ich aus meinem Startblock 9 gestartet und am Ende hatte ich die 19. schnellste aus dieser Startgruppe. In meiner Altersklasse war ich der 5. schnellste aus „Pulje 9“. Im Ziel war ich überglücklich und es hat heute alles gepasst. Der Ski war perfekt und mein Körper hat recht gut mitgespielt. Das obwohl ich im Februar durch eine Angina zwei Wochen überhaupt nicht trainieren konnte.

Das Rennen hat in einem spannenden Endspurt bei den Herren der Tscheche Stanislav Rezac vor dem Norweger Anders Aukland und bei den Damen die Norwegerin Hilde G. Pedersen gewonnen.

Beim Abendessen waren wir dann am Tisch ein buntes Gemisch aus verschiedenen Nationen (Franzosen, Italiener, Polen, Russen, Isländer, Norweger …) und es wurde in unterschiedlichen Sprachen bunt durcheinander gesprochen. Wir waren uns einig, dass das auch zu so einem Wettkampf gehört. Das ist wirklicher Sport!

Am nächsten Tag nahm ich dann etwas traurig Abschied von Lillehammer, denn das Gästehaus wird seine Pforten schließen und verkauft. Im Flugzeug kam ich dann neben einer jungen Frau aus Schliersee zu sitzen, mit der ich mich den ganzen Flug über das Rennen und Norwegen unterhielt (zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass sie die Frau von Peter Schlickenrieder, unserem Langlauf-Experten war). Nach einem Verpflegungsstopp bei meinem „Münchner Stützpunkt“ fuhr ich dann noch am Abend heim und hatte eine perfekte Birkebeiner-Woche hinter mich gebracht.

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