Blasmusikläufe

Norbert Gütlein am 18.12.2007 - 08:35 Uhr
Mein Vater war ein begeisterter Sportler: in der Nachkriegszeit deutsche Spitze im Kajakslalom, Bergsteiger, Skiläufer und Leichtathlet. Seine große Leidenschaft aber war der Skilanglauf. Beim Skiclub Erlangen, dessen Gründungsmitglied er war, gehörte er in den fünfziger und sechziger Jahren zu den Leistungsträgern und bestimmte das Geschehen im Skiverband Frankenjura mit. Neben seinen Leistungen als Rennläufer diente er seinem Verein auch als Sportwart, Jugendtrainer und später als zweiter Vorsitzender. So vielseitig er im Sport war, in einer Sache verstand er überhaupt keinen Spaß – er hasste Volksläufe.

"Blasmusikläufe!" schnaubte er verächtlich, wenn die Rede auf die in den siebziger Jahren in Mitteleuropa zahlreich aufkommenden Marathonveranstaltungen nach dem Vorbild des schwedischen Vasalaufs kam. Als "Blasmusikläufer" wurden all diejenigen tituliert, die bei solchen Rennen mitmachten, und das waren nicht wenige in seinem Umfeld. Wer weiß, mit welcher Verbissenheit und Schärfe politische und weltanschauliche Diskussionen zur damaligen Zeit geführt wurden, kann ermessen, dass es mitunter heftig zuging, wenn leidenschaftlich über das Für und Wider von König-Ludwig-Lauf, Dolomitenlauf oder Marcialonga gestritten wurde. Als Jugendlicher er hielt ich mich aus solchen Diskussionen wohlweislich heraus, hätte es auch nie gewagt, meinem Vater in einer so wichtigen Angelegenheit öffentlich zu widersprechen. Aber insgeheim sympathisierte ich mit seinen Skikameraden und hörte gerne zu, wenn sie mit leuchtenden Augen von ihren Erlebnissen beim Koasalauf oder Engadiner berichteten.


Es ist den Beteiligten heute nicht mehr klar, woher diese Abneigung überhaupt kam. Die Angst vor dem Massenstart kann es nicht gewesen sein, schließlich war mein Vater als robuster Startläufer in der Staffel bekannt. Dann schon eher der Ärger über die eine oder andere geplatzte Altersklassenstaffel, wenn die Kollegen, anstatt bei lokalen Ereignissen auf Sieg zu setzen, in Sachen Alpentris unterwegs waren. Eine Vermutung geht auch in die Richtung, dass ihm die langen Strecken nicht so sehr lagen. Als athletischer, spurtstarker Läufer fühlte er sich auf der in Franken gerne gelaufenen 10 km-Schleife wohl, der 15er war ihm nach eigenem Bekunden häufig schon "fünf Kilometer zu lang". Ich kann ihn leider nicht mehr danach fragen, denn er ist vor genau zehn Jahren an den Folgen eines Sportunfalls beim Kajakfahren verstorben.

Die Entwicklung ist an der einst eisern verfochtenen Überzeugung meines Vaters längst vorübergegangen. Bei den vom ihm bevorzugten Pokallangläufen oder Gaumeisterschaften sind heute allenfalls noch die Jugendklassen und einige Spitzenläufer vertreten. Wer sich als Hobbyläufer zu so einem Rennen verirrt, riskiert eine Blamage und sorgt dafür, dass die Zeitnehmer Überstunden machen müssen. Wer als "normaler" Langläufer an Rennen teilnehmen möchte, ist bei den vielen professionell organisierten Volkslaufveranstaltungen an der einzig richtigen Stelle. Die früher von der örtlichen Blaskapelle intonierte Musik gibt es dabei freilich nicht mehr, heute ertönt Popmusik aus der Konserve.

Ich bin kein ausgesprochener Fan der Blasmusik, freue mich aber, wenn sie von Zeit zu Zeit erklingt. Am liebsten mag ich die Alphornbläser, die beim Engadin Skimarathon im Wald bei Bever aufspielen. Wenn ich da vorbeikomme, läuft es mir jedes Mal kalt den Rücken herunter.
Johann Gütlein Johann Gütlein
Fotoserie: Blasmusikläufe

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