Dachsteintraining – Die Saison kann kommen

Mario Felgenhauer am 10.11.2008 - 11:08 Uhr
Ganz langsam und bedächtig setzt sich die Gondel in Bewegung. Ungefähr 60 Snowboarder, Alpinskifahrer und Skilangläufer drängen sich auf engstem Raum und entschweben Punkt 8:30 Uhr in Richtung 2.700 Meter über dem Meer. Es riecht beziehungsweise müffelt nach Schweiß, Wachs und menschlichen Gasen. Nach fünf Minuten ist die Fahrt beendet und ein Strom an Sportlern ergießt sich über die Gipfelstation. Ein ganz normaler Trainingstag am Dachstein nimmt seinen Lauf.

Erstes Schneetraining
Der große Ansturm an Skilanglauf- und Biathlonnationalmannschaften ist Anfang November schon vorbei. Wenn in Skandinavien und teilweise auch in den Alpen die ersten Loipen gespurt werden, dann wird es ruhiger im beschaulichen Ort in der Steiermark. Dann nehmen die Nachwuchssportler und Volksläufer das Ganzjahrestrainingsgebiet auf dem Gletscher in Beschlag. Ähnlich wie ihre großen Vorbilder oder ehemaligen Gegner wollen auch sie möglichst früh ihre ersten Schneekilometer absolvieren und sich so eventuell einen Vorteil gegenüber den Konkurrenten erarbeiten. Skirollern kann eben nicht zu 100 Prozent das Skilanglaufen simulieren. Während man in niedrigeren Lagen inzwischen immer häufiger lange auf den Schnee warten muss, bietet der Dachstein noch immer die Möglichkeit, ganzjährig Schneekilometer zu sammeln. In den Sommermonaten gilt es dann allerdings mit Altschnee und aufgeweichten Loipen zurechtzukommen. Erst im September/Oktober bildet Neuschnee eine perfekte Unterlage, um das Training möglichst ähnlich den Bedingungen im Winter gestalten zu können. Insgesamt 15 Kilometer an Loipen hält der Dachstein dafür bereit. Die Zehn-Kilometer-Runde auf dem Hallstädter Gletscher bietet dabei auch knapp 300 Höhenmeter, weswegen sie durchaus als anspruchsvoll zu bezeichnen ist. Die Fünf-Kilometer-Runde der Ramsauer Loipe ist dagegen etwas einfacher gestrickt, windet sich aber genauso wie die Zehn-Kilometer-Strecke in Serpentinen über den Gletscher. So behält man seine Mitläufer immer gut in Sicht, was manchmal von Vorteil, oft aber auch von Nachteil für die eigene Stimmungslage sein kann. Diese ist meist vom derzeitigen Leistungsstand und dem morgendlichen Bewegungsgefühl abhängig. Schwere Beine sind Gift für die positive Trainingseinstellung.

Ein ganz normaler Trainingstag am Dachstein
Es ist 7:20 Uhr, der Wecker klingelt. Langsam schlage ich die Decke zur Seite und stehe auf. Bereits der erste Schritt verheißt nichts Gutes. Die Beine sind schwer wie Blei. Müde schleppe ich mich ins Bad und erledige die Morgentoilette. Dann geht es hinunter in den Gästeraum zum Frühstück: Saft, Müsli und zwei Semmeln mit Wurst und Käse oder Marmelade und Nutella. Sportler sind wenig anspruchsvoll. Zurück auf dem Zimmer bereite ich meinen Trinkgurt vor und packe den Rucksack mit Wechselklamotten. Dann schlüpfe ich in meinen Langlaufanzug und schon geht’s los. Schnell noch die Ski und Stöcke aus dem Wachsraum geholt und wir machen uns zu dritt auf den 200 Meter Weg zur Talstation der Dachsteinbahn. Der Schritt ist langsam und bedächtig, das Gefühl in den Beinen wird aber langsam wieder besser. Die Müdigkeit scheint zu verfliegen. Am Drehkreuz des Eingangs warten schon 30 andere Schneeverrückte, die sich dann auch ziemlich schnell in die Gondel drängen, nachdem der Eingang freigegeben wurde. Fünf Minuten später steigen wir 1.000 Höhenmeter weiter oben aus und betreten die Stahltreppe, die hinunter zur Umkleide führt. Schnell die Langlaufschuhe und Handschuhe angezogen, dann steht der Trainingseinheit nichts mehr im Wege. Doch zuerst muss man vom Fuße des Felsens, auf dem die Bergstation steht, hinunter zur etwas tiefer gelegenen Loipe gelangen. Das kann bei eisigen Bedingungen auch mal gar nicht so einfach werden. Heute geht alles gut und das Wetter verspricht einen traumhaften Tag. Unten angekommen lege ich meinen Rucksack ab, schalte den MP3-Player ein und drücke auf den Startknopf meiner Pulsuhr. Für die nächsten knapp zwei Stunden bin ich mit mir und der Musik im Ohr alleine und sammle eifrig Schneekilometer. Auf dem Hinweg jeder Serpentine geht es leicht bergab und nach einer scharfen 180 Grad Kurve in einen leichten Anstieg. Dies wiederholt sich in jeder Runde fünf Mal, ehe man wieder an den Ausgangspunkt zurückkommt. Immer wieder kontrolliere ich meinen Puls. Hier oben auf über 2.500 Metern ist das besonders wichtig, um sich nicht kaputt zu laufen. Manchmal findet sich auch ein Mitläufer, der dann für etwas Ablenkung sorgt. Heute ist es Reini Kronbichler, der Chef der Skiwachsfirma HWK, mit dem ich mich auf meinen letzten Runden über die neuesten Entwicklungen austausche. Schlickis ehemaliger Wachser hat diesen Sommer eifrig getestet und war jede Woche zwei Tage hier auf dem Dachstein. Da kann ich mit meinen drei Tagen auf Schnee natürlich nicht viel entgegensetzen. Mit dem Stopp-Piep meiner Pulsuhr beginnt die eigentliche Höchstschwierigkeit des Trainings. Von der Fünf-Kilometer-Runde führt der Weg zurück zur Bergstation über eine Skipiste, die einem nach dem eigentlichen Training noch einmal alles abverlangt. Oben angekommen ziehe ich mir schnell trockene Sachen an und warte auf die Ankunft der Gondel. Mittlerweile ist es 11:30 Uhr und es wird Zeit für das Mittagessen. Das gönne ich mir dann auch nur wenige Minuten nach meiner Ankunft an der Talstation. Viel Zeit bleibt nämlich nicht. Schnell noch die nassen Sachen zum Trocknen aufgehängt und dann für ein Stündchen zum Mittagsschlaf ins Bett. Um 14 Uhr heißt es bereits wieder Fertigmachen für die Nachmittagseinheit. 1:15 Stunden in der jeweils anderen Stilart im Vergleich zum Vormittag und zurück im Hotel um 17 Uhr. Wer meint, dass jetzt der angenehme Teil beginnt, irrt erstmal. Die Ski wollen nach dem Abendessen noch gepflegt werden. Dann bleibt aber endlich Zeit für etwas Fernsehschauen oder Lesen. Zwischen 22:00 und 22:30 Uhr geht das Licht aus. Die Müdigkeit hat uns übermannt und morgen geht es ja wieder früh los. Manch einer würde uns aufgrund dieses Lebens für Verrückt erklären, für einen Langläufer gehört das jedoch zum ganz normalen Trainingsalltag. Und so wird es auch im nächsten Jahr wieder Profis, Nachwuchssportler und Hobbyläufer auf den Dachstein zum ersten Schneetraining ziehen.

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