Deutschland mal anders

Mario Felgenhauer am 24.06.2004 - 05:06 Uhr

Man stelle sich folgendes Szenario vor:
--Donnerstag morgen an einer deutschen Universität. „Hast es schon gehört? Der Jochen Behle ist zurückgetreten.“ „Klar weiß ich. Hat mich doch vorhin der Fritz angerufen und mir alles erzählt.“ „Ist ja auch kein Wunder. Wenn man bei der Europameisterschaft keinen Sprinter ins Viertelfinale bringt, dann wächst natürlich der Druck der Öffentlichkeit.“ „Stimmt, ich glaub ich würde das auch nicht aushalten, wenn ich von 10 Fernsehstationen darauf angesprochen würde, ob jetzt personelle Konsequenzen daraus entstehen.“ „Und dann erst die Stammtischdiskussionen nach der Bild-Schlagzeile: „Jochen das war’s!“ „Aber was soll man machen? That's life.“--
So oder so ähnlich hätte es sich zutragen können an der Uni Nürnberg, im Büro in München oder in der Kneipe in Hamburg. Allerdings nur unter einer Bedingung: Skilanglauf wäre deutscher Volkssport anstelle von Fußball.
Bemühen wir noch einmal die Phantasie. Stellen wir uns vor der DFB wäre im Jahr 1900 mangels Interesse nicht gegründet worden. Doch der Deutsche sucht nach einer Freizeitbeschäftigung und entdeckt das schnellste Sportgerät auf Schnee: Den Ski. Der DSV steigt zum größten Verband in Deutschland auf. Mit 8 Millionen Mitgliedern wäre jeder Zehnte Deutsche in einem Skiverein. Sport und Sportgerät boomen. Aus den zwei Hauptdisziplinen Skilanglauf und Rollski entwickeln sich im Zuge der Zeit die Nordic Fitness Disziplinen Nordic Walking und Nordic Blading. Auch das tägliche Leben bleibt nicht vom Sport verschont. Mütter schicken ihre Kinder nach den Hausaufgaben mit dem Skiverein in den Wald zum Nordic Jumping, Väter treffen sich nach der Arbeit zu einer Nordic Blading Runde mit Kollegen. Ach wäre das eine schöne heile Welt ohne Übergewicht und lästigen Krankheiten. Auch Raucher gäbe es keine mehr. Schließlich würde es ein schlechtes Bild vor den Bekannten abgeben, wenn man das Sonntags Ausrollen wegen akuter Hustenanfälle vorzeitig beenden müsste.
Doch auch der Leistungssport würde sich großer Beliebtheit und vieler Talente erfreuen. Bereits 1954 gewinnt eine Deutsche den Titel über 30km klassisch bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz. 1974 und 1990 erkämpft sich die deutsche Staffel ebenfalls Gold in Deutschland und Italien. Doch wie so oft kommt nach dem Aufstieg auch für den nordischen Sport der freie Fall. Der Deutsche ist träge geworden. Warum draußen schwitzen, wenn man jedes Rennen zuhause am Fernseher verfolgen kann? Die Jugend findet Ski schon lange nicht mehr „cool“ und „trendy“, vergnügt sich lieber mit Fußballspielen auf der Straße. Der Verband erkennt diese Entwicklung zu spät. Bei der WM in den USA 1994 gibt es eine herbe Niederlage. Trotz einem Europameistertitel 1996 und der Vizeweltmeisterschaft 2002 ist die Verwandlung vom „Selbermacher“ zum „Zuschauer“ nicht mehr aufzuhalten. Skilanglauf ist Kneipenthema Nummer eins (sogar noch vor dem Thema Frauen), es finden Massenübertragungen der Rennen in Hörsälen der Unis statt, bei denen es schon mal zu Schlägereien kommen kann (O-Ton: “Fre-drik-son, Fre-drik-son, Fre-drik-son!“ „Halts Maul du Vaterlandsverräter“) und nach jedem Spiel ziehen endlose Menschenmassen in original-hautengen Langlaufanzügen der deutschen Nationalmannschaft durch die Großstädte. Natürlich kann jeder Deutsche die Staffel auch besser aufstellen als der Bundestrainer (Zitat: „Der Axel Teichmann ist kein so guter Skater, der muss einfach an zweiter Stelle klassisch laufen.“). Im Jahr 2004 kommt es schließlich nach der Europameisterschaft zu oben erwähntem Szenario. Ja und 2006 ist die Weltmeisterschaft im eigenen Lande. Da lastet ein ganz schöner Druck auf den Verantwortlichen im DSV.
Zurück in die Wirklichkeit! Die nordische Weltmeisterschaft ist zwar schon 2005 in Oberstdorf und damit in Deutschland, aber im Gegensatz zu den Fußballern können wir uns schon richtig auf dieses Highlight freuen.
“Oh wie schön, dass wir Skilangläufer und keine Fußballer sind!“


“Want to break free need to XC-Ski!”
Mario Felgenhauer        

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