Die Stunde des Siegers

Mario Felgenhauer am 24.11.2003 - 05:11 Uhr

Hat man einmal als Nation das Potential erreicht, das Deutschland im Moment besitzt, hat dies für manchen Athleten auch Nachteile. Ein Rückblick:


Olympische Spiele 2002: Axel Teichmann wird nicht für die Staffel nominiert. Er ist krank und Deutschland hat 4 andere Staffelkandidaten die gerade top in Form sind.


Val di Fiemme 2003: Tobias Angerer kann im Duathlon wegen eines gebrochenen Skis nicht seine volle Leistungsfähigkeit zeigen und wird nicht für die Staffel nominiert, die knapp hinter Norwegen Silber gewinnt.


Zurück in die Gegenwart: Bei der DM auf Skirollern in Ruhpolding läuft Tobias Angerer zwei super Wettkämpfe. In Düsseldorf beim ersten Weltcup kommt der Rückschlag. Mit seinem Einzelergebnis ist er nicht zufrieden. Er hatte sich eigentlich mehr ausgerechnet. Der 2.Platz in der Staffel tröstete ihn aber darüber hinweg.


Dann wieder ein super Wettkampf beim Test in Munio. Erneut ein Sieg in der Weltelite. Jetzt konnte die Saison eigentlich kommen.


Vergangenen Samstag ein Einzelstart Rennen. Nicht gerade Tobi’s  Lieblingsrennen und erneut eine Pleite. Platz 22, zu schnell angegangen und dann eingebrochen.


4 Zehntel Sekunden entscheiden schließlich über seine Staffelnominierung (jedenfalls auf dem Papier). Als bester Sprinter wird er zudem als Schlussläufer aufgestellt. In Zeiten wo Massenstartrennen erst auf den letzten Metern entschieden werden ist das schon fast Pflicht. Nervös war er schon, vor dem Start, wie er hinterher im Fernsehinterview zugibt.


Und es kommt wie es kommen musste. Dank einer super Leistung der beiden Klassiker Filbrich und Teichmann können sich die Norweger in ihrer Lieblingsdisziplin nicht absetzen. Dank Rene Sommerfeldt verpufft auch der Angriff des letztjährigen Weltcupgesamtsiegers Matthias Fredriksson für Schweden. Die Italiener retten sich gerade noch in diese Spitzengruppe, doch alle anderen müssen abreißen lassen. Ich muss zugeben, als ich beim letzten Wechsel die Zusammensetzung dieser Spitzengruppe gesehen habe, war ich mir nicht mehr so sicher ob Deutschland überhaupt aufs Siegertreppchen kommt. Die 5 Schlussläufer: Tore Ruud Hofstad für Norwegen (Platz 2 am Samstag), Pietro Piller Cottrer für Italien (Platz 1 am Samstag), Ole Einar Bjoerndalen für Norwegen 2 (Biathlon Olympiasieger), Joergen Brink für Schweden (Platz 3 Gesamtweltcup 2003) und Tobias Angerer (Platz 22 am Samstag).


Doch Joergen Brink musste bald abreißen lassen. Er war am Samstag schon nicht in Topform gewesen. Auch Pietro Piller Cottrers Angriffe führten nicht zum Erfolg. Tobi macht das einzig richtige. Er hält sich im Windschatten. Als er einmal an die erste Position rückt, bleibt er sogar fast stehen und lässt die Anderen vorbei. 700m vor dem Ziel beginnt der letzte Anstieg. Wieder taktisches Geplänkel. Bei 600m liegt Tobi hinter den beiden Vortagessiegern. Als Cottrer aus der Führung geht, tritt der junge Deutsche an und lässt nicht mehr locker. Schnell sind es ein paar Meter. Der Norweger hat nicht mehr die Kraft zum Gegenangriff und Cottrer hängt hinter beiden Norwegern fest. Der Weg ist frei. Bereits 20m vor dem Ziel reißt Tobi die Arme hoch. Ob ihm wohl zu diesem Zeitpunkt bewusst war, was er gerade vollbracht hat? Zum ersten Mal gewinnt eine deutsche Staffel einen 4*10km Wettbewerb, aber nicht nur wegen zwei ausgezeichnet guten Skatern, sondern wegen zwei ebenso guten Klassikern, die Norwegen jederzeit im Griff hatten. Vor wem oder was sollten die Deutschen jetzt noch Angst haben?      

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