Gommerlauf
Norbert Gütlein am 29.02.2008 - 11:09 Uhr
Dass so manche ausgefeilte Planung aus höheren Gründen zunichte gemacht wird, habe ich im Leben schon manchmal erfahren. Heuer hat es meine Langlauf-Saisonplanung erwischt. Nach verheißungsvollem Beginn zwingt mich eine hartnäckige Erkältung aufs Krankenlager und ich muss auf die als Saisonhöhepunkt gedachten Rennen in Tannheim und Oberammergau verzichten. Nach Wiedergenesung und vorsichtiger Steigerung der Trainingsumfänge möchte ich aber vor dem Engadiner unbedingt noch meine Wettkampftauglichkeit testen. Aber wo?
Der Schneemangel hat die ursprünglich große Auswahl an Veranstaltungen eingegrenzt. Kurzfristig entscheide ich mich für die Fahrt zum Gommerlauf in der Schweiz, wo beste Bedingungen herrschen sollen. Entgegen so manchem skeptischen Blick auf die Karte ist das Oberwallis über die Gotthard-Autobahn und die Autoverladung durch den Furka-Tunnel gar nicht so weit von Süddeutschland entfernt. Nach vier Stunden Fahrt durch die überwiegend frühlingshafte Schweiz gelange ich im Rhonetal in eine andere Welt - hier herrscht noch tiefster Winter mit einer dicken Altschneedecke.
Gleichzeitig mit der Aufnahme des Gommerlaufs in den Euroloppet haben die Veranstalter zahlreiche Neuerungen eingeführt. Zu diesen gehört die Austragung eines Klassik-Rennens, das am Samstag auf der Originalstrecke des ersten Gommerlaufs von 1973 verläuft. Diesen Halbmarathon habe ich mir als lockeres Einlaufen für den Hauptlauf am Sonntag vorgenommen. Als ich aber im Startgelände in Blitzingen meine dank des Toko-Wachstipps optimal präparierten Ski teste, fängt es in meinem Kopf zu kreisen an. „Das sind heute Traumbedingungen, da lässt du’s laufen!“ hetzt mich eine innere Stimme auf. Also suche ich mir einen Startplatz in der vorderen Hälfte und fiebere dem Rennen entgegen.
Nach dem Startschuss zieht sich das recht kleine Feld augenblicklich auseinander, so dass jeder von Anfang an unbehindert sein Tempo laufen kann. Die Strecke steigt über einige Geländestufen, unterbrochen von kurzen Abfahrten, im Tal empor. Die durchgängig drei parallelen Spuren wurden am Vorabend in den grobkörnigen Altschnee gezogen und sind durch den Nachtfrost bombenfest. Die Trasse erweist sich als ausgesprochen abwechslungsreich. Immer wieder wird vom schattigen Nordhang auf die von der Sonne beschienene Südseite gewechselt. Gut zu bewältigende Anstiege wechseln sich mit flachen Abfahrten ab, in denen man sich gut erholen kann. Mehrfach werden die malerischen Dörfer des Goms berührt, dort stehen zahlreiche Zuschauer, die uns enthusiastisch anfeuern.
Dies und die perfekten Bedingungen beflügeln meinen Kampfgeist. Das Feld hat sich sortiert und ich liefere mir mit einigen anderen Wettkämpfern, die meisten dürften in meiner Altersklasse sein, hautnahe Positionskämpfe. In den Anstiegen kann ich immer etwas weglaufen, dafür schieben sich die anderen auf den Flachstücken wieder zentimeterweise an mir vorbei. Obwohl ich haarscharf an meiner Leistungsgrenze laufe, nehme ich die Gebirgslandschaft mit ihren schütteren Lärchenwäldern, Bergwiesen und den Dreitausendern am Talschluss bewusst wahr. Wie im Rausch erlebe ich die letzten Kilometer, auf denen bis kurz vor dem Ziel immer wieder kleinere Anstiege zu überwinden sind. Im flachen Talgrund in Oberwald ist dann noch eine kleine Schleife zu laufen, Ehrensache dass wir auf der Zielgeraden noch um die Plätze ringen. Nach der Ziellinie klopfen wir uns dann grinsend gegenseitig auf die Schultern. War das ein Rennen!
Beim Hauptrennen am Sonntag ist die Atmosphäre am Start gänzlich anders, was schon an der zehnfachen Zahl an Teilnehmern gegenüber dem Vortag liegt. Die freie Technik ist in der Schweiz eben sehr populär, den meisten Läufern ist ihr guter Trainingszustand anzusehen. Ich beobachte den Start des Halbmarathons, der vor dem Rennen über 30 km gestartet wird, und wundere mich über den Nachzügler des Feldes, einen Mann, der überhaupt nicht skaten kann. Verzweifelt bemüht er sich, mit den Latten, die ihm so gar nicht gehorchen wollen, voranzukommen. Immer wieder fällt er in den Schnee. Die Szene erinnert an das Prominentenbiathlon in der ARD.
Als ich in meinen Startblock komme, sind die besten Plätze schon besetzt. Ich nehme es gelassen, schließlich weiß ich nicht, wie gut ich den Kraftakt von gestern überstanden habe. Dank meines Euroloppet-Passes bin ich immerhin in die Startgruppe B eingereiht worden und muss das Rennen nicht von ganz hinten aufnehmen. Vor allem in den ersten Anstiegen genieße ich das ruhige Mitschwimmen im Feld. Dann juckt es mich wieder und ich suche mir den Weg nach vorn. Mein Ski läuft perfekt und ich steigere mein Tempo kontinuierlich. In den beiden flachen Anstiegen vor der Verpflegung in Münster blase ich dann zur Aufholjagd.
An der Gabelung von Kurz- und Langstrecke sehe ich den verspäteten Teilnehmer des Halbmarathons wieder, der sich dort einen kurzen Aufstieg hinaufmüht. Ich selbst biege in die zwischen Geschinen und Obergestein eingebaute fast ebene Zusatzschleife ein. Die intensive Sonneneinstrahlung hat bewirkt, dass die Strecke mit einer leichten Firnschicht überzogen ist – der Stoff aus dem die Skater-Träume sind. Immer wieder überhole ich kleinere Grüppchen oder Einzelkämpfer, werde aber auch gelegentlich von schnelleren Läufern aus den hinteren Startgruppen passiert. Wenige Kilometer vor dem Ziel taucht wieder der Langlaufnovize vor mir auf. Ich habe den Eindruck, dass sein Schritt schon flüssiger geworden ist, er absolviert offensichtlich einen Skatingkurs der harten Art. Ich bewundere die Zähigkeit des einsamen Athleten und feuere ihn im Vorbeilaufen an.
In Zielnähe spüre ich einen Schatten, jemand hat sich an mich drangehängt. Ich beschließe, mich nicht mehr überholen zu lassen und lege auf der letzten langen Geraden nochmals einen Zahn zu. Dann wendet die Strecke letztmalig, es geht leicht bergab. Die Zuschauer machen einen Höllenlärm, ich werde von einer ungeheueren Euphorie gepackt. Gleichzeitig mit mehreren Konkurrenten biege ich auf die Zielgerade ein. Wir sprinten, was das Zeug hält. Das Ergebnis ist zweitrangig, was zählt ist das Erlebnis, es den Profis einmal gleich getan zu haben. Adrenalin pur, das macht den Unterschied zum Fernsehsport aus.
Auf der Heimfahrt kann ich in Ruhe Bilanz ziehen: ein attraktives Rennprogramm, ein großes, sportliches Teilnehmerfeld, perfekte äußere Bedingungen, hervorragende Organisation und eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Schöner kann Langlaufen fast nicht mehr sein. Würde die Polizei bei Verkehrskontrollen auf Glückshormone testen, ich wäre sicher über allen Grenzwerten.
Der Schneemangel hat die ursprünglich große Auswahl an Veranstaltungen eingegrenzt. Kurzfristig entscheide ich mich für die Fahrt zum Gommerlauf in der Schweiz, wo beste Bedingungen herrschen sollen. Entgegen so manchem skeptischen Blick auf die Karte ist das Oberwallis über die Gotthard-Autobahn und die Autoverladung durch den Furka-Tunnel gar nicht so weit von Süddeutschland entfernt. Nach vier Stunden Fahrt durch die überwiegend frühlingshafte Schweiz gelange ich im Rhonetal in eine andere Welt - hier herrscht noch tiefster Winter mit einer dicken Altschneedecke.
Gleichzeitig mit der Aufnahme des Gommerlaufs in den Euroloppet haben die Veranstalter zahlreiche Neuerungen eingeführt. Zu diesen gehört die Austragung eines Klassik-Rennens, das am Samstag auf der Originalstrecke des ersten Gommerlaufs von 1973 verläuft. Diesen Halbmarathon habe ich mir als lockeres Einlaufen für den Hauptlauf am Sonntag vorgenommen. Als ich aber im Startgelände in Blitzingen meine dank des Toko-Wachstipps optimal präparierten Ski teste, fängt es in meinem Kopf zu kreisen an. „Das sind heute Traumbedingungen, da lässt du’s laufen!“ hetzt mich eine innere Stimme auf. Also suche ich mir einen Startplatz in der vorderen Hälfte und fiebere dem Rennen entgegen.
Nach dem Startschuss zieht sich das recht kleine Feld augenblicklich auseinander, so dass jeder von Anfang an unbehindert sein Tempo laufen kann. Die Strecke steigt über einige Geländestufen, unterbrochen von kurzen Abfahrten, im Tal empor. Die durchgängig drei parallelen Spuren wurden am Vorabend in den grobkörnigen Altschnee gezogen und sind durch den Nachtfrost bombenfest. Die Trasse erweist sich als ausgesprochen abwechslungsreich. Immer wieder wird vom schattigen Nordhang auf die von der Sonne beschienene Südseite gewechselt. Gut zu bewältigende Anstiege wechseln sich mit flachen Abfahrten ab, in denen man sich gut erholen kann. Mehrfach werden die malerischen Dörfer des Goms berührt, dort stehen zahlreiche Zuschauer, die uns enthusiastisch anfeuern.
Dies und die perfekten Bedingungen beflügeln meinen Kampfgeist. Das Feld hat sich sortiert und ich liefere mir mit einigen anderen Wettkämpfern, die meisten dürften in meiner Altersklasse sein, hautnahe Positionskämpfe. In den Anstiegen kann ich immer etwas weglaufen, dafür schieben sich die anderen auf den Flachstücken wieder zentimeterweise an mir vorbei. Obwohl ich haarscharf an meiner Leistungsgrenze laufe, nehme ich die Gebirgslandschaft mit ihren schütteren Lärchenwäldern, Bergwiesen und den Dreitausendern am Talschluss bewusst wahr. Wie im Rausch erlebe ich die letzten Kilometer, auf denen bis kurz vor dem Ziel immer wieder kleinere Anstiege zu überwinden sind. Im flachen Talgrund in Oberwald ist dann noch eine kleine Schleife zu laufen, Ehrensache dass wir auf der Zielgeraden noch um die Plätze ringen. Nach der Ziellinie klopfen wir uns dann grinsend gegenseitig auf die Schultern. War das ein Rennen!
Beim Hauptrennen am Sonntag ist die Atmosphäre am Start gänzlich anders, was schon an der zehnfachen Zahl an Teilnehmern gegenüber dem Vortag liegt. Die freie Technik ist in der Schweiz eben sehr populär, den meisten Läufern ist ihr guter Trainingszustand anzusehen. Ich beobachte den Start des Halbmarathons, der vor dem Rennen über 30 km gestartet wird, und wundere mich über den Nachzügler des Feldes, einen Mann, der überhaupt nicht skaten kann. Verzweifelt bemüht er sich, mit den Latten, die ihm so gar nicht gehorchen wollen, voranzukommen. Immer wieder fällt er in den Schnee. Die Szene erinnert an das Prominentenbiathlon in der ARD.
Als ich in meinen Startblock komme, sind die besten Plätze schon besetzt. Ich nehme es gelassen, schließlich weiß ich nicht, wie gut ich den Kraftakt von gestern überstanden habe. Dank meines Euroloppet-Passes bin ich immerhin in die Startgruppe B eingereiht worden und muss das Rennen nicht von ganz hinten aufnehmen. Vor allem in den ersten Anstiegen genieße ich das ruhige Mitschwimmen im Feld. Dann juckt es mich wieder und ich suche mir den Weg nach vorn. Mein Ski läuft perfekt und ich steigere mein Tempo kontinuierlich. In den beiden flachen Anstiegen vor der Verpflegung in Münster blase ich dann zur Aufholjagd.
An der Gabelung von Kurz- und Langstrecke sehe ich den verspäteten Teilnehmer des Halbmarathons wieder, der sich dort einen kurzen Aufstieg hinaufmüht. Ich selbst biege in die zwischen Geschinen und Obergestein eingebaute fast ebene Zusatzschleife ein. Die intensive Sonneneinstrahlung hat bewirkt, dass die Strecke mit einer leichten Firnschicht überzogen ist – der Stoff aus dem die Skater-Träume sind. Immer wieder überhole ich kleinere Grüppchen oder Einzelkämpfer, werde aber auch gelegentlich von schnelleren Läufern aus den hinteren Startgruppen passiert. Wenige Kilometer vor dem Ziel taucht wieder der Langlaufnovize vor mir auf. Ich habe den Eindruck, dass sein Schritt schon flüssiger geworden ist, er absolviert offensichtlich einen Skatingkurs der harten Art. Ich bewundere die Zähigkeit des einsamen Athleten und feuere ihn im Vorbeilaufen an.
In Zielnähe spüre ich einen Schatten, jemand hat sich an mich drangehängt. Ich beschließe, mich nicht mehr überholen zu lassen und lege auf der letzten langen Geraden nochmals einen Zahn zu. Dann wendet die Strecke letztmalig, es geht leicht bergab. Die Zuschauer machen einen Höllenlärm, ich werde von einer ungeheueren Euphorie gepackt. Gleichzeitig mit mehreren Konkurrenten biege ich auf die Zielgerade ein. Wir sprinten, was das Zeug hält. Das Ergebnis ist zweitrangig, was zählt ist das Erlebnis, es den Profis einmal gleich getan zu haben. Adrenalin pur, das macht den Unterschied zum Fernsehsport aus.
Auf der Heimfahrt kann ich in Ruhe Bilanz ziehen: ein attraktives Rennprogramm, ein großes, sportliches Teilnehmerfeld, perfekte äußere Bedingungen, hervorragende Organisation und eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Schöner kann Langlaufen fast nicht mehr sein. Würde die Polizei bei Verkehrskontrollen auf Glückshormone testen, ich wäre sicher über allen Grenzwerten.
Fotoserie: Gommerlauf
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