Jizerská Padesátka
Norbert Gütlein am 17.01.2008 - 08:27 Uhr
Meine "Langlaufkarriere" begann schon in den frühen sechziger Jahren. Als kleiner Junge rutschte ich mit den damals üblichen Holzskiern mit Kabelzugbindung gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten durch den nur mäßig beschneiten Erlanger Stadtwald. Der Lohn der Mühe war das DSV-Skiwanderabzeichen, eine schmucklose Holzplakette, die ich einige Zeit lang noch stolz in einem Schatzkästchen aufbewahrte. Dem Langlaufsport bin ich treu geblieben, die Sammlung derartiger Finisher-Prämien hatte danach für mich keine allzu große Bedeutung mehr.
Dies dauerte an, bis ich im vergangenen Jahr beschloss, meine erfolgreiche Teilnahme am Vasalauf mit einem Eintrag in einem eigens dafür beschafften Worldloppet-Pass standesgemäß zu dokumentieren. Interessanterweise entfaltete dieses Büchlein von nun an eine bemerkenswerte Eigendynamik. Immer wieder blätterte ich darin, und fragte mich, wohin die nächste Reise denn nun führen würde. Ende Dezember war es soweit. Angesichts meiner schon zahlreichen Trainingskilometer in dieser Saison beschloss ich, beim Jizerská Padesátka in der benachbarten Tschechischen Republik das 50 km-Rennen mitzulaufen. Zum Glück konnte ich mich einer gemischten mittel- und oberfränkischen Truppe, die schon seit Jahren an diesem Rennen teilnimmt, anschließen und so von deren bestehenden Übernachtungsmöglichkeiten und guten Ortskenntnissen profitieren.
Die lange Anfahrt nach Liberec vertreiben wir am Freitagabend mit einigen lockeren Trainingskilometern auf den Loipen am Startgelände in Bedřichov, wo gerade das Skating-Rennen zu Ende gegangen ist. Der Samstag gehört der Skipräparation, zahlreichen Spekulationen über das Wetter und der Aufnahme größerer Mengen an Kohlenhydraten. Am Renntag, dem 13. Januar schließlich ist es sonnig, leichter Nachtfrost hat die stark durchfeuchtete Schneedecke gefestigt. Die Entscheidung der mitgereisten Experten fällt auf Klister, eine Wahl, der ich mich nur allzu gerne anschließe.
Da ich erst in einer der mittleren Startgruppen dran bin, habe ich noch Zeit, den Start der Eliteläufer zu beobachten. Kein geringerer als der tschechische Staatspräsident Václav Klaus schickt die sehr prominent besetzte Top-Gruppe auf die Strecke. Was dann folgt ist meines Wissens im Volkslanglauf einzigartig. Kaum ist die Spitzengruppe im Wald verschwunden, öffnet sich das Startgatter, in dem die erste Startgruppe käfigartig eingesperrt ist - ohne angeschnallte Skier! Die Läufer rennen in den Startraum, schnallen ihre Bretter an und machen sich sofort auf die Strecke. Im Fünf-Minuten-Takt wiederholt sich das Schauspiel und ich muss mich beeilen, selbst rechtzeitig zum Start zu kommen.
Von Beginn an steigt die Strecke stufenweise durch den Wald bergan. Es sind zwar drei Parallelspuren angelegt, trotzdem geht es recht eng und entsprechend langsam zu. Man kann zwar links und rechts am Rand überholen, da dort die Stöcke und teilweise auch die Skier im tiefen Schnee einsinken, ist das aber recht Kraft raubend. Als ich ein sehr gewagtes Überholmanöver mit einem Sturz bezahle und dabei den lebhaften Protest der nachfolgenden Läufer hervorrufe, stelle ich meine allzu forschen Bemühungen lieber ein. Schon nach fünf Kilometern wird in Kristiánov die erste Verpflegungsstelle erreicht. Sie ist dort richtig platziert, schließlich folgt mit dem Anstieg zum Rozmezi unmittelbar eine der Schlüsselstellen des Rennens. Ungefähr 200 Höhenmeter sind auf den gleichmäßig und nicht allzu steil ansteigenden Rampen zu überwinden.
Die dann folgende flach abfallende Schiebestrecke verlangt mir fast mehr ab, als der eigentlich gemäßigte Anstieg. Der Grund ist der in 1000 m Höhe immer noch sehr trockene, mehlige Schnee. Mein Klister ist hier eindeutig zu stumpf. Eine Situation, die bei Strecken mit einem großen Höhenunterschied recht häufig anzutreffen ist. So schiebe ich, bis mir die Arme wehtun und bin nicht einmal böse, dass das Feld auch hier immer noch sehr eng zusammen ist.
Das ändert sich erst, als die Strecke wendet, und nach einer längeren Abfahrt der Weiler Jizerka erreicht wird. Die hier baumfreie Ebene lässt den strahlenden Sonnenschein und den großartigen Blick auf die umgebenden Bergketten so richtig zur Geltung kommen. Am liebsten würde ich stehen bleiben, um die Szenerie in Ruhe in mich aufzunehmen. Der Schnee ist hier auf der Rückseite des Berges schon stärker umgewandelt und ich kann im nachfolgenden langen und flachen Anstieg erstmals so richtig punkten. Eine rasante Abfahrt führt wieder zurück ins Tal und zu einer Verpflegungsstelle, die den Auftakt zum berüchtigten Smĕdava-Anstieg bildet. Dieser weist 150 Höhenmeter auf und ist zudem recht steil. Wer sich hier hinaufprügelt muss dies auf den noch folgenden 20 Kilometern möglicherweise teuer bezahlen. Auch diesen Anstieg bewältige ich recht gut, nur manchmal muss ich grätschen oder rutsche weg.
Bis zur 40 km-Marke folgen die bekannten flachen Wellen. Bedingt durch den pulvrigen, stumpfen Schnee merke ich gar nicht, dass die Strecke hier überwiegend abfällt. Auf den letzten zehn Kilometern ändert sich der Landschaftscharakter noch einmal. Die Strecke führt auf recht engen Wegen durch den Hochwald. Schnelle Abfahrten wechseln sich mit zahlreichen Gegenanstiegen ab. Das Feld ist wieder dicht zusammen, allerdings befinde ich mich jetzt inmitten der vor mir gestarteten Gruppen, es wird also auch etwas schneller gelaufen. Jetzt ist die Schneedecke gut durchfeuchtet, daher passt mein Ski perfekt. Wäre ich mit Hartwachs unterwegs, würde es jetzt eng. Eigentlich geht diese abwechslungsreiche Phase viel zu schnell zu Ende, das Ziel naht. Eine zusätzliche 500 m-Schleife haben die Veranstalter noch eingebaut, dann löst der Transponder den abschließenden Piepston aus.
Da meine Begleiter alle deutlich vor mir angekommen sind, werde ich schon ungeduldig erwartet. Um sie nicht zu lange warten zu lassen, kürze ich die übliche Ziel-Routine auf das Notwendigste ab. Halt, eigentlich wäre jetzt noch der Stempel für den Worldloppet-Pass abzuholen. Kann ich mir aber ebenfalls schenken, denn das Dokument habe ich dummerweise in der Hektik des Aufbruchs zu Hause vergessen. Muss ich jetzt zur Strafe noch einmal wiederkommen? Oder komme ich deshalb wieder, weil das mit über 3000 Teilnehmern sehr gut besuchte, landschaftlich großartige und wegen seines echten Volkslaufcharakters einzigartige Rennen einen weiteren Besuch verdient hätte?
Dies dauerte an, bis ich im vergangenen Jahr beschloss, meine erfolgreiche Teilnahme am Vasalauf mit einem Eintrag in einem eigens dafür beschafften Worldloppet-Pass standesgemäß zu dokumentieren. Interessanterweise entfaltete dieses Büchlein von nun an eine bemerkenswerte Eigendynamik. Immer wieder blätterte ich darin, und fragte mich, wohin die nächste Reise denn nun führen würde. Ende Dezember war es soweit. Angesichts meiner schon zahlreichen Trainingskilometer in dieser Saison beschloss ich, beim Jizerská Padesátka in der benachbarten Tschechischen Republik das 50 km-Rennen mitzulaufen. Zum Glück konnte ich mich einer gemischten mittel- und oberfränkischen Truppe, die schon seit Jahren an diesem Rennen teilnimmt, anschließen und so von deren bestehenden Übernachtungsmöglichkeiten und guten Ortskenntnissen profitieren.
Die lange Anfahrt nach Liberec vertreiben wir am Freitagabend mit einigen lockeren Trainingskilometern auf den Loipen am Startgelände in Bedřichov, wo gerade das Skating-Rennen zu Ende gegangen ist. Der Samstag gehört der Skipräparation, zahlreichen Spekulationen über das Wetter und der Aufnahme größerer Mengen an Kohlenhydraten. Am Renntag, dem 13. Januar schließlich ist es sonnig, leichter Nachtfrost hat die stark durchfeuchtete Schneedecke gefestigt. Die Entscheidung der mitgereisten Experten fällt auf Klister, eine Wahl, der ich mich nur allzu gerne anschließe.
Da ich erst in einer der mittleren Startgruppen dran bin, habe ich noch Zeit, den Start der Eliteläufer zu beobachten. Kein geringerer als der tschechische Staatspräsident Václav Klaus schickt die sehr prominent besetzte Top-Gruppe auf die Strecke. Was dann folgt ist meines Wissens im Volkslanglauf einzigartig. Kaum ist die Spitzengruppe im Wald verschwunden, öffnet sich das Startgatter, in dem die erste Startgruppe käfigartig eingesperrt ist - ohne angeschnallte Skier! Die Läufer rennen in den Startraum, schnallen ihre Bretter an und machen sich sofort auf die Strecke. Im Fünf-Minuten-Takt wiederholt sich das Schauspiel und ich muss mich beeilen, selbst rechtzeitig zum Start zu kommen.
Von Beginn an steigt die Strecke stufenweise durch den Wald bergan. Es sind zwar drei Parallelspuren angelegt, trotzdem geht es recht eng und entsprechend langsam zu. Man kann zwar links und rechts am Rand überholen, da dort die Stöcke und teilweise auch die Skier im tiefen Schnee einsinken, ist das aber recht Kraft raubend. Als ich ein sehr gewagtes Überholmanöver mit einem Sturz bezahle und dabei den lebhaften Protest der nachfolgenden Läufer hervorrufe, stelle ich meine allzu forschen Bemühungen lieber ein. Schon nach fünf Kilometern wird in Kristiánov die erste Verpflegungsstelle erreicht. Sie ist dort richtig platziert, schließlich folgt mit dem Anstieg zum Rozmezi unmittelbar eine der Schlüsselstellen des Rennens. Ungefähr 200 Höhenmeter sind auf den gleichmäßig und nicht allzu steil ansteigenden Rampen zu überwinden.
Die dann folgende flach abfallende Schiebestrecke verlangt mir fast mehr ab, als der eigentlich gemäßigte Anstieg. Der Grund ist der in 1000 m Höhe immer noch sehr trockene, mehlige Schnee. Mein Klister ist hier eindeutig zu stumpf. Eine Situation, die bei Strecken mit einem großen Höhenunterschied recht häufig anzutreffen ist. So schiebe ich, bis mir die Arme wehtun und bin nicht einmal böse, dass das Feld auch hier immer noch sehr eng zusammen ist.
Das ändert sich erst, als die Strecke wendet, und nach einer längeren Abfahrt der Weiler Jizerka erreicht wird. Die hier baumfreie Ebene lässt den strahlenden Sonnenschein und den großartigen Blick auf die umgebenden Bergketten so richtig zur Geltung kommen. Am liebsten würde ich stehen bleiben, um die Szenerie in Ruhe in mich aufzunehmen. Der Schnee ist hier auf der Rückseite des Berges schon stärker umgewandelt und ich kann im nachfolgenden langen und flachen Anstieg erstmals so richtig punkten. Eine rasante Abfahrt führt wieder zurück ins Tal und zu einer Verpflegungsstelle, die den Auftakt zum berüchtigten Smĕdava-Anstieg bildet. Dieser weist 150 Höhenmeter auf und ist zudem recht steil. Wer sich hier hinaufprügelt muss dies auf den noch folgenden 20 Kilometern möglicherweise teuer bezahlen. Auch diesen Anstieg bewältige ich recht gut, nur manchmal muss ich grätschen oder rutsche weg.
Bis zur 40 km-Marke folgen die bekannten flachen Wellen. Bedingt durch den pulvrigen, stumpfen Schnee merke ich gar nicht, dass die Strecke hier überwiegend abfällt. Auf den letzten zehn Kilometern ändert sich der Landschaftscharakter noch einmal. Die Strecke führt auf recht engen Wegen durch den Hochwald. Schnelle Abfahrten wechseln sich mit zahlreichen Gegenanstiegen ab. Das Feld ist wieder dicht zusammen, allerdings befinde ich mich jetzt inmitten der vor mir gestarteten Gruppen, es wird also auch etwas schneller gelaufen. Jetzt ist die Schneedecke gut durchfeuchtet, daher passt mein Ski perfekt. Wäre ich mit Hartwachs unterwegs, würde es jetzt eng. Eigentlich geht diese abwechslungsreiche Phase viel zu schnell zu Ende, das Ziel naht. Eine zusätzliche 500 m-Schleife haben die Veranstalter noch eingebaut, dann löst der Transponder den abschließenden Piepston aus.
Da meine Begleiter alle deutlich vor mir angekommen sind, werde ich schon ungeduldig erwartet. Um sie nicht zu lange warten zu lassen, kürze ich die übliche Ziel-Routine auf das Notwendigste ab. Halt, eigentlich wäre jetzt noch der Stempel für den Worldloppet-Pass abzuholen. Kann ich mir aber ebenfalls schenken, denn das Dokument habe ich dummerweise in der Hektik des Aufbruchs zu Hause vergessen. Muss ich jetzt zur Strafe noch einmal wiederkommen? Oder komme ich deshalb wieder, weil das mit über 3000 Teilnehmern sehr gut besuchte, landschaftlich großartige und wegen seines echten Volkslaufcharakters einzigartige Rennen einen weiteren Besuch verdient hätte?
Fotoserie: Jizerská Padesátka
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