Keine Spur für Käpt'n Blåbär
Norbert Gütlein am 12.03.2007 - 11:27 Uhr
Der kürzeste und treffendste Kommentar zu meinem Vorhaben kam von Walter, einem Langlaufveteranen und zweimaligem Vasalaufteilnehmer: "Der Vasalauf ist nicht schwer – aber lang. Da spielt sich das Rennen nicht mehr in den Beinen ab, sondern im Kopf." Man musste kein Prophet sein, um zu begreifen, dass er wohl Recht haben könnte.
Als ich, der noch nie eine Distanz jenseits der 50 km bestritten hatte, im Frühjahr 2006 beschloss, das Wagnis der 90 km des Vasaloppet auf mich zu nehmen, war mir klar, dass das kein Spaziergang werden würde. Entsprechend langfristig war mein Trainingsprogramm angelegt, das ich auch glücklicherweise unbehindert durchziehen konnte. Einen kleinen Schock erlebte ich dennoch bei der im Dezember vorsorglich eingeplanten Leistungskontrolle im Diagnostikzentrum Scheidegg. Die Power sei zwar da, beschied mir Sportlehrer Jürgen Faller bei der Auswertung, aber es spiele sich noch zu viel im anaeroben Bereich ab. So trainiert, könne ich recht gut kurze schnelle Rennen bis hin zur Halbmarathondistanz absolvieren, aber nicht unbedingt den Vasalauf. Noch sei Zeit, tröstete er mich, bis zum großen Ereignis umzusteuern. Ich solle einfach möglichst viele lange klassische Läufe im eher gemäßigten Tempo angehen. So weit die Theorie, in der Praxis erwies sich das angesichts des schneearmen Winters als eher schwierig. Dank des Durchhaltewillens einiger Veranstalter und langer Autofahrten dem Schnee hinterher konnte ich dann doch noch einigermaßen vorbereitet nach Schweden reisen.
Als ich am 4. März schließlich in meinem Startblock stehe, ist die ursprüngliche Anspannung längst einer gewissen Vorfreude auf das Rennen gewichen. In den hinteren Reihen vollzieht sich der Start eher unspektakulär. Man setzt sich gemächlich in Bewegung und gleitet ohne Hektik bis zum ersten Anstieg. Anders als die Spitzenläufer verbraucht man dort noch keine Körner. Wie bei einer Familienskitour stapfe ich im dichten Pulk nach oben, da bleibt sogar noch Zeit für ein Schwätzchen mit einem Teilnehmer aus Thüringen. Als nach einer Stunde Laufzeit an der 3 km-Marke die Hochebene erreicht ist, setzt sich das Feld erst richtig in Bewegung. Hier endet schlagartig meine Illusion vom unbeschwerten Gleiten durch die schwedische Winterlandschaft und ich erkenne, dass das ab sofort eine Kopfangelegenheit wird. Der Grund ist einfach und banal: Das am Morgen aufgetragene Hartwachs erweist sich als viel zu glatt und – was fast noch schwerer wiegt – es gibt eigentlich keine vernünftigen Spuren. Viele Teilnehmer stehen schon neben der Strecke und wachsen ihre Skier nach. Ich beschließe, damit noch bis zur Senke zwischen Mångsbodarna und Risberg zu warten und schiebe mich breitbeinig über die aufgewühlte Piste. Das kostet viel Kraft, ist aber die einzige denkbare Möglichkeit der Fortbewegung. Die offiziellen Wachsservice-Posten sind hoffnungslos überlastet und so bestreite ich meinen „Boxenstop“ mit selbst mitgebrachtem Hartwachs für wärmere Temperaturen. Das ist nicht optimal, hilft mir aber, den Anstieg auf den Risberg einigermaßen hinauf zu kommen. Zu glatte Ski haben hier eigentlich alle, insofern läuft niemand die eher harmlosen Steigungen diagonal hinauf. Es wird gegrätscht, getrampelt und zaghaft geskatet. Entsprechend glatt gebügelt ist die Strecke.
Gerade die extrem schlechten Verhältnisse sind das, was mich vorantreibt. Später wird in der Mora Tidning zu lesen sein, dass dies „einer der schwierigsten Vasaläufe seit der Einführung der Kunststoffskier“ gewesen sei. Im Augenblick habe ich eher den Verdacht, dass es immer so zugehe, daher beschließe ich, unter allen Umständen durchzulaufen, um mir dies nie wieder antun zu müssen. Im welligen Gelände nach Evertsberg das gleiche Spiel: glatte Anstiege wechseln mit zerfurchten, eisigen Abfahrten. Einige Kilometer vor Oxberg lege ich noch mal etwas Wachs nach – Swix VR 70, mehr geht nicht. Gelegentliche Blicke auf die Uhr verraten mir, dass ich mit einer Geschwindigkeit zwischen 11 und 12 km/h unterwegs bin. Es ginge vielleicht etwas schneller, aber für große Heldentaten ist es noch zu weit nach Mora. Den Konkurrenten geht es nicht besser als mir. In den ausgeschlagenen Spuren torkeln wir manchmal wie die Besoffenen dahin.
In Hökberg lasse ich mich langsam durch die Verpflegungsstation treiben, tanke Kraft bei Blaubeersuppe und warmem Wasser. Da fällt mein Blick auf den Stand des Toko-Wachsservice, wo im Augenblick so gut wie kein Andrang herrscht. Ein freundlicher Helfer trägt mir in kürzester Zeit mit der Wachsrolle Klister auf. Das ist genau das Richtige für den jetzt völlig durchfeuchteten Schnee. Es ist auch nicht mehr so eisig und die Spuren können hier sogar als solche bezeichnet werden. Mein Ski läuft jetzt richtig gut und mein Gefühl sagt mir, dass der Mann mit dem Hammer wohl nicht mehr vorbeikommen wird. In den Wäldern bis nach Mora gebe ich also noch mal richtig Gas. Die leichten Anstiege geht es zügig diagonal hinauf, in den flachen Passagen mit Doppelstockschub dahin. Was ich mir vom Vasaloppet erträumt habe, wird auf den letzten 20 Kilometern doch noch Wirklichkeit. Bei der letzten Verpflegung in Eldris reicht mir ein Becher Wasser und erstmals ein Gel, dann werden nur noch die Kilometer heruntergezählt. Straßenunterführung – Moraparken – die Kirche von Mora kommt ins Blickfeld. Das Schaulaufen auf der Zielgeraden fällt kurz aus, ich habe es jetzt eilig. Die Zeitnahme piepst – das war´s dann wohl. Eine freundliche Dame begrüßt mich mit „Welcome to Mora“ und Süßigkeiten. Für einen kurzen Moment habe ich einen Kloß im Hals, dann nimmt mich die Routine in Beschlag. Chip abgeben, ein Getränk, Ski abschnallen. Meine Frau erwartet mich hinter der Absperrung, das lange Rennen ist vorbei.
Als ich, der noch nie eine Distanz jenseits der 50 km bestritten hatte, im Frühjahr 2006 beschloss, das Wagnis der 90 km des Vasaloppet auf mich zu nehmen, war mir klar, dass das kein Spaziergang werden würde. Entsprechend langfristig war mein Trainingsprogramm angelegt, das ich auch glücklicherweise unbehindert durchziehen konnte. Einen kleinen Schock erlebte ich dennoch bei der im Dezember vorsorglich eingeplanten Leistungskontrolle im Diagnostikzentrum Scheidegg. Die Power sei zwar da, beschied mir Sportlehrer Jürgen Faller bei der Auswertung, aber es spiele sich noch zu viel im anaeroben Bereich ab. So trainiert, könne ich recht gut kurze schnelle Rennen bis hin zur Halbmarathondistanz absolvieren, aber nicht unbedingt den Vasalauf. Noch sei Zeit, tröstete er mich, bis zum großen Ereignis umzusteuern. Ich solle einfach möglichst viele lange klassische Läufe im eher gemäßigten Tempo angehen. So weit die Theorie, in der Praxis erwies sich das angesichts des schneearmen Winters als eher schwierig. Dank des Durchhaltewillens einiger Veranstalter und langer Autofahrten dem Schnee hinterher konnte ich dann doch noch einigermaßen vorbereitet nach Schweden reisen.
Als ich am 4. März schließlich in meinem Startblock stehe, ist die ursprüngliche Anspannung längst einer gewissen Vorfreude auf das Rennen gewichen. In den hinteren Reihen vollzieht sich der Start eher unspektakulär. Man setzt sich gemächlich in Bewegung und gleitet ohne Hektik bis zum ersten Anstieg. Anders als die Spitzenläufer verbraucht man dort noch keine Körner. Wie bei einer Familienskitour stapfe ich im dichten Pulk nach oben, da bleibt sogar noch Zeit für ein Schwätzchen mit einem Teilnehmer aus Thüringen. Als nach einer Stunde Laufzeit an der 3 km-Marke die Hochebene erreicht ist, setzt sich das Feld erst richtig in Bewegung. Hier endet schlagartig meine Illusion vom unbeschwerten Gleiten durch die schwedische Winterlandschaft und ich erkenne, dass das ab sofort eine Kopfangelegenheit wird. Der Grund ist einfach und banal: Das am Morgen aufgetragene Hartwachs erweist sich als viel zu glatt und – was fast noch schwerer wiegt – es gibt eigentlich keine vernünftigen Spuren. Viele Teilnehmer stehen schon neben der Strecke und wachsen ihre Skier nach. Ich beschließe, damit noch bis zur Senke zwischen Mångsbodarna und Risberg zu warten und schiebe mich breitbeinig über die aufgewühlte Piste. Das kostet viel Kraft, ist aber die einzige denkbare Möglichkeit der Fortbewegung. Die offiziellen Wachsservice-Posten sind hoffnungslos überlastet und so bestreite ich meinen „Boxenstop“ mit selbst mitgebrachtem Hartwachs für wärmere Temperaturen. Das ist nicht optimal, hilft mir aber, den Anstieg auf den Risberg einigermaßen hinauf zu kommen. Zu glatte Ski haben hier eigentlich alle, insofern läuft niemand die eher harmlosen Steigungen diagonal hinauf. Es wird gegrätscht, getrampelt und zaghaft geskatet. Entsprechend glatt gebügelt ist die Strecke.
Gerade die extrem schlechten Verhältnisse sind das, was mich vorantreibt. Später wird in der Mora Tidning zu lesen sein, dass dies „einer der schwierigsten Vasaläufe seit der Einführung der Kunststoffskier“ gewesen sei. Im Augenblick habe ich eher den Verdacht, dass es immer so zugehe, daher beschließe ich, unter allen Umständen durchzulaufen, um mir dies nie wieder antun zu müssen. Im welligen Gelände nach Evertsberg das gleiche Spiel: glatte Anstiege wechseln mit zerfurchten, eisigen Abfahrten. Einige Kilometer vor Oxberg lege ich noch mal etwas Wachs nach – Swix VR 70, mehr geht nicht. Gelegentliche Blicke auf die Uhr verraten mir, dass ich mit einer Geschwindigkeit zwischen 11 und 12 km/h unterwegs bin. Es ginge vielleicht etwas schneller, aber für große Heldentaten ist es noch zu weit nach Mora. Den Konkurrenten geht es nicht besser als mir. In den ausgeschlagenen Spuren torkeln wir manchmal wie die Besoffenen dahin.
In Hökberg lasse ich mich langsam durch die Verpflegungsstation treiben, tanke Kraft bei Blaubeersuppe und warmem Wasser. Da fällt mein Blick auf den Stand des Toko-Wachsservice, wo im Augenblick so gut wie kein Andrang herrscht. Ein freundlicher Helfer trägt mir in kürzester Zeit mit der Wachsrolle Klister auf. Das ist genau das Richtige für den jetzt völlig durchfeuchteten Schnee. Es ist auch nicht mehr so eisig und die Spuren können hier sogar als solche bezeichnet werden. Mein Ski läuft jetzt richtig gut und mein Gefühl sagt mir, dass der Mann mit dem Hammer wohl nicht mehr vorbeikommen wird. In den Wäldern bis nach Mora gebe ich also noch mal richtig Gas. Die leichten Anstiege geht es zügig diagonal hinauf, in den flachen Passagen mit Doppelstockschub dahin. Was ich mir vom Vasaloppet erträumt habe, wird auf den letzten 20 Kilometern doch noch Wirklichkeit. Bei der letzten Verpflegung in Eldris reicht mir ein Becher Wasser und erstmals ein Gel, dann werden nur noch die Kilometer heruntergezählt. Straßenunterführung – Moraparken – die Kirche von Mora kommt ins Blickfeld. Das Schaulaufen auf der Zielgeraden fällt kurz aus, ich habe es jetzt eilig. Die Zeitnahme piepst – das war´s dann wohl. Eine freundliche Dame begrüßt mich mit „Welcome to Mora“ und Süßigkeiten. Für einen kurzen Moment habe ich einen Kloß im Hals, dann nimmt mich die Routine in Beschlag. Chip abgeben, ein Getränk, Ski abschnallen. Meine Frau erwartet mich hinter der Absperrung, das lange Rennen ist vorbei.
Fotoserie: Keine Spur für Käpt'n Blåbär
Anzeige
Anzeige
-
Lanzenhainer Rollskirennen (DSV-Tour) 02.06.2012 - 03.06.2012
-
Wolkser Rollskilauf (DSV-Tour) 10.06.2012
-
FIS Rollski Weltcup 2012 Oroslavje (CRO) 16.06.2012 - 17.06.2012
-
Rollski Bergläufe Seiffen (DSV-Tour) 30.06.2012 - 01.07.2012
Termine
Shop & Material
-
Fischer RC3 Skating NNN
ab 109,95 €
zum Langlauf-Shop ...
Weitere Fragen und Antworten zum Thema Langlauf finden Sie auf www.sportlerfrage.net






