Nordic Walking im alpinen Eldorado

Norbert Gütlein am 07.08.2005 - 19:44 Uhr
Erlebnisbericht vom Nordic Walking Festival Warth-Schröcken am 6. August 2005

Steil und kurvenreich windet sich die Hochtannberg-Passstraße hinab ins Tal der Bregenzer Ache. Es ertönen noch einige lustige Kommentare, aber so langsam macht sich gespannte Nervosität breit. Wir befinden uns im Shuttle-Bus zum Start des 2. Nordic Walking Festival Warth-Schröcken. Der harmlos klingende Name der Veranstaltung täuscht darüber hinweg, dass hier knallharter Wettkampfsport ansteht. Das für den Sieger ausgelobte Preisgeld von 500 Euro hat, wie schon im Vorjahr, die lokale Ausdauer-Elite angelockt. Angeführt von Hubert Strolz, dem Olympiasieger in der alpinen Kombination von 1988, rennen die Cracks unter freiem Gebrauch der Stöcke den Berg hoch und lassen normale Nordic Walker ganz schön alt aussehen. Die vielen bekannten Gesichter im Bus lassen vermuten, dass es auch diesmal ähnlich verlaufen wird. Auch der Alpin-Olympiasieger ist wieder mit von der Partie. Im Startgelände verkündet er eine Änderung des Reglements: In diesem Jahr müssen die Stöcke am Griff gehalten werden – na denn. Auch die Strecke wurde geändert. Diesmal führt sie von Schröcken-Unterboden nach Warth. Da das Ziel höher liegt als der Start, hat sie den Charakter eines Berglaufs.

Auf Kommando des Tourismus-Obmannes geht es los. Wie zu erwarten war, stürmt eine Gruppe von knapp 10 Spitzenläufern voraus. Dahinter befindet sich eine Dreiergruppe, dann folge ich. Angesichts der anstehenden 600 Höhenmeter habe ich mir eisern vorgenommen, nicht jetzt schon zu überpowern. Am ersten Steilstück kann ich einen meiner Vorläufer überholen, die beiden anderen habe ich fast erreicht, als sie mir in einer Gefällstrecke wieder davonrennen. Hinter mir hat sich schon eine größere Lücke aufgetan. Ich präzisiere daher meine Renntaktik. Die beiden da vorne kann ich auf die Dauer wohl nicht halten, also suche ich meinen eigenen Rhythmus. Immer knapp an der Schmerzgrenze kämpfe ich mit mir und dem steilen Berg. Ein Blick nach oben zeigt einen Teilnehmer, der aus der Spitzengruppe zurückgefallen ist. Mit kraftvollem Diagonalschritt drückt er sich die knackige Steigung hinauf.

Über die Fellealpe und die Batzenalpe, wo jeweils gut bestückte Verpflegungsstationen eingerichtet sind, geht es Richtung Körbersee. Die Strecke verläuft zumeist über gekieste Fahrwege, mit einigen romantischen Bergpfaden als willkommener Abwechslung. Die beiden Konkurrenten vor mir habe ich immer im Blickfeld, es fehlt mir aber die Kraft, die kleine Lücke zu schließen. So muss es Jan Ullrich gehen, wenn Lance Armstrong wieder mal das entscheidende Loch gerissen hat.

Hinter dem Hotel Körbersee ist der Scheitelpunkt der Strecke erreicht. Die großartige Berglandschaft des Hochtannberg belohnt für die Strapazen. Auf der anderen Talseite kann man Widderstein und Biberkopf hinter einigen Wolken erkennen. Meine beiden Vorderleute nehmen die Stöcke hoch und joggen bergab. Wegen einer erst kürzlich auskurierten Verletzung hat mir der Arzt von zu großen Heldentaten abgeraten. Ich lasse die beiden also laufen und falle in einen zwar langsamen aber Gelenk schonenden Trimmtrab. Nach einem kleinen Gegenanstieg folgt mit der alten Salzstraße, einem früheren Saumpfad, nochmals ein landschaftliches Highlight. Schließlich kommt der Zielort Warth ins Blickfeld. Hinter mir höre ich Getrampel – jetzt hat mich doch noch ein Konkurrent erwischt. Bergab bin ich einfach zu langsam. Noch eine kurze abschüssige Schlammpassage, dann folgt eine wellige Traverse oberhalb des Skiortes auf einem aussichtsreichen Wiesenweg. Die Körner sind jetzt verbraucht, ich zwinge mich, auf dem vom vorangegangenen Regen schlüpfrigen Pfad konzentriert zu laufen. Ein kurzer Blick zurück: jetzt ist keine Überholung mehr zu befürchten. Die letzten 500 Meter führen auf einer frisch gemähten Wiese steil bergab. Das Heu wurde zum Trocknen auf Holzgestellen, den Heinzen, aufgeschichtet, eine Technik, die man im Alpenraum nur noch sehr selten zu sehen bekommt. Nach einer Umrundung des Tourismusbüros ist das Ziel erreicht. Der laute Beifall der Zuschauer und der bereits im Ziel befindlichen Läufer tut richtig gut. Viktoria Kammerlander, die sympathische Organisatorin vom Tourismusbüro Warth, hat meinen Zieleinlauf im Bild festgehalten. Nach dem Überziehen der Trainingsjacke lasse ich den Wettkampf ausklingen: Schulterklopfen, Fachsimpeln und das Beklatschen des Eintreffens weiterer Teilnehmer, darunter der bestplatzierten Dame.

Am Nachmittag, alle Teilnehmer sind inzwischen wohlbehalten im Ziel eingetroffen, folgt die Siegerehrung und Preisverleihung. Wieder übernimmt Hubert Strolz die Moderation. Gewonnen hat der Vorarlberger Kadertriathlet Thomas Kresser vor den beiden Skilangläufern Harald Strohmaier und Lothar Natter. Hubert Strolz belegt Rang 4. Für mich selbst reicht es zu Platz 12, exakt im Mittelfeld der Herren. Bei den Damen siegte Petra Rapp vor Margit Hammerle und Marianne Beer. Neben dem Preisgeld haben die Organisatoren auch viele wertvolle Sachpreise aufgeboten. Es geht zu wie früher beim Skispringen. Wer schneller gelaufen ist, darf auch als erster an den Gabentisch, immer abwechselnd die Damen und die Herren. Selbst die Letzten erhalten noch Gutscheine, deren Wert das Startgeld übersteigt. Fazit: Eine gut organisierte, sportliche Veranstaltung in entspannter, fast familiärer Atmosphäre, die eine größere Teilnehmerzahl verdient hätte.

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