Nordic Walking in den Vogesen

Norbert Gütlein am 25.09.2006 - 09:16 Uhr
Nordic Walking ist in Frankreich noch fast völlig unbekannt. Zwar mögen unsere Nachbarn schon einmal von der neuen Leidenschaft der Deutschen gehört haben, wenn man in den Vogesen mit Nordic Walking-Stöcken unterwegs ist, wird man aber immer wieder einmal seltsam angesehen.

Entsprechend dünn ist auch die einschlägige Infrastruktur. Nordic Walking-Parks mit ausgeschilderten Strecken, Stockverleih und Kursangeboten, wie es sie im benachbarten Schwarzwald in fast allen Orten gibt, sucht man in Frankreich vergeblich. Soll man es deswegen bleiben lassen? Mitnichten - für alle, die dieses interessante Mittelgebirge einmal auf diese Weise erleben wollen, empfehle ich das Nordic Walking-Zentrum im Westentaschenformat. Die ausgezeichneten topographischen Karten des Institut Geographique National im Format 1 : 25.000 (TOP 25), die man im örtlichen Buchhandel oder an Kiosken erstehen kann, liefern Tourenvorschläge in fast unbegrenzter Vielfalt. Da das dichte, mit farbigen Symbolen markierte Wanderwegenetz des Club Vosgien in diesen Karten eingezeichnet ist, ist es fast unmöglich, sich zu verlaufen.

Aus familiären Gründen führt mich mein Weg immer wieder im September in diese Gegend. Während meine Gattin das internationale Patchworktreffen in Ste-Marie-aux-Mines besucht, „muss“ ich mir, gemeinsam mit unserem outdoorbegeisterten Hund, die Zeit in den Bergen vertreiben. Ein ideales Trainingslager zur Verbesserung der Grundlagenausdauer.

Eine Tour hat es mir heuer besonders angetan: die Überquerung des Massif du Taennchel. Ausgangspunkt ist der kleine Ort Tannenkirch, der von der Elsässer Weinstraße schnell erreichbar ist. Vom Parkplatz am Ortseingang steigt der Weg steil an. Der weiche Waldboden bietet den idealen Untergrund für intensive Stockarbeit. Nach diesem schweißtreibenden Auftakt freue ich mich über ein flacheres Teilstück, vorbei am Wanderheim des Club Vosgien und einem Bauernhof. Von der Schutzhütte Rotzel gibt es mehrere Wege, das eigentliche Massiv anzugehen. Ich entscheide mich für eine Variante, die zunächst flach, dann extrem steil direkt auf den knapp 1.000 m hoch gelegenen Kamm führt. Durch dichten, urwaldartigen Bewuchs führt der schmale, von Granitblöcken gesäumte Bergpfad direkt zum Rammelfels, eine imposante, steil ins Tal abstürzende Felsgestalt. Jetzt führt der Weg fast eben auf dem manchmal nur wenige Meter breiten Bergkamm entlang. Immer wieder passiert man eigentümlich geformte Felsformationen. Die Blöcke am Rocher des Reptiles sehen wirklich wie urzeitliche Echsen aus. Die aus dem Tal aufsteigenden Nebelfetzen verstärken die märchenhafte Szenerie. Eine über 2 km lange rätselhafte „Heidenmauer“ zieht sich auf der Kuppe des Berges entlang. Moosbewachsene Fichten, verkrüppelte Kiefern und Vogelbeerbäume mit leuchtend roten Beeren, darunter Heidelbeersträucher und Heidekraut bilden die Vegetation. Gelegentlich schimmert die Sonne durch die hochnebelartige Bewölkung und taucht den Wald in ein unwirkliches Licht. Wir sind allein hier oben auf dem Berg. Wie abgeschnitten von der Welt komme ich mir vor. Von Zeit zu Zeit öffnen sich Ausblicke ins Tal und auf die steil auf einem benachbarten Berg liegende Haut-Koenigsbourg. Meinen sportlichen Walking-Schritt habe ich längst aufgegeben. Staunend bummle ich über den schmalen Pfad, klettere über Felsen und umgestürzte Bäume und bewundere die skurrilen Erosionsformen. Am Rocher de la Paix d´Udine ist das Ende des Bergkamms erreicht. Über steile Serpentinen und Hohlwege gelange ich zurück ins Tal.

Imposant sind auch die Strecken im Bereich des Vogesenkamms. Die steilen, teilweise senkrechten Abstürze vom Hauptkamm nach Osten, die dort eingelagerten Karseen und die auf den Hochweiden betriebene Almwirtschaft erinnern teilweise an die Alpen. Die meisten ausgeschilderten Wege verlaufen auf naturbelassenen Single Trails oder schmalen Karrenwegen. Je nach Kondition und Stabilität der Sprunggelenke kann man die Strecken gemütlich erwandern, als Nordic Walker oder auch im Laufschritt durcheilen. Auch für andere Sportarten sind die Vogesen ein gutes Revier. Mountainbike (VTT) kann auf vielen markierten Strecken betrieben werden. Für Rennradfahrer bieten die zahlreichen Cols beliebig lange und schwere Bergstrecken. Wer es klassisch liebt, kann die 9. Etappe der letztjährigen Tour de France von Gérardmer nach Mulhouse abfahren, über Grand Ballon und Ballon dÁlsace. Dass im Winter hier Langlaufloipen gespurt werden, versteht sich fast von selbst.

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