Oiwei i

Norbert Gütlein am 27.11.2006 - 13:19 Uhr
„Oiwei i!“ pflegte der Sohn unserer Nachbarn zu klagen, wenn er zuhause für eine Dienstleistung eingespannt wurde. Seine Eltern schworen zwar, die Aufgaben zwischen ihm und seinem Bruder paritätisch aufzuteilen, sein eingebautes Zählwerk warf aber ein anderes Ergebnis aus und bescherte ihm eine gepflegte Paranoia. Ich hätte liebend gerne mit ihm getauscht, musste ich als Einzelkind doch zu 100 % ran, wenn bei uns zu Hause irgendwelche Hand- und Spanndienste anstanden. „Oiwei i“ lautete mein Blues schon 40 Jahre bevor Hans Söllner sein gleichnamiges Lied komponierte.

Der Frust über die Aufgabenlast verflog im Laufe der Zeit und machte einem speziellen Verfolgungswahn Platz, der damit zu tun hatte, dass ich immer größer und – zugegebenermaßen – dicker wurde. Nur Betroffene wissen, welcher Spießrutenlauf damit verbunden ist, wenn sich die eigene Konfektions- oder Schuhgröße am Rande der Kleiderständer oder Regale befindet, dort wo eigentlich gar keine schicken Sachen mehr zu finden sind. Die mitleidigen oder genervten Blicke des Verkaufspersonals spürte ich schon, bevor ich einen Laden überhaupt betrat. „In Ihrer Größe leider nicht…“, „führen wir nur bis Größe 50…“ „so große Schuhe werden bei uns selten verlangt“, „müssen wir bestellen, ist aber möglicherweise nicht mehr auf Lager“. Mein früher unerschütterlicher Glaube an die Kompetenz des Einzelhandels schrumpfte auf ein Minimum, je mehr Sprüche dieser Art ich hörte und je mehr gespieltes Bedauern des Personals ich zu sehen bekam, nachdem ein prüfender Blick an mir herauf- und heruntergewandert war. Nur ein einziges Mal geriet mein neu erworbenes Weltbild ins Wanken und zwar als ich es, mit den amerikanischen Konfektionsgrößen nicht vertraut, in den USA gleich bei „Large and Tall“ versuchte. Nach einem kurzen optischen Vermessen befand man mich dort als zu schmächtig und komplimentierte mich ebenso aus dem Laden, wie mir das in Deutschland ständig so erging.

Am schlimmsten war es eigentlich immer in Sportgeschäften. Viele Händler empfanden es offenbar als geschäftsschädigend, auch große Größen in ihren Regalen zu haben. Taten sie es doch, führten statistische oder anders geartete Schwankungen häufig dennoch zu peinlichen Szenen („…die Italiener schneidern erfahrungsgemäß immer ein bis zwei Nummern kleiner“). Wild entschlossen, mir die Freude am Sport nicht von arroganten VerkäuferInnen oder inkompetenten Ladeninhabern vermiesen zu lassen, baute ich mir schließlich ein über halb Europa gespanntes Netzwerk von zuverlässigen und verschwiegenen Händlern auf, die bei rechtzeitiger Order die gewünschten Artikel gegen gute Bezahlung zum Saisonbeginn bereitstellten. Natürlich spielte der Versandhandel dabei eine gewichtige Rolle. Niemand stöhnt leise auf, wenn ich bei der Größe XL oder gar XXL anklicke.

Mit zunehmenden sportlichen Aktivitäten geriet auch mein Bauchumfang wieder in ein Maß, das mir das Betreten eines Sportgeschäfts ermöglichte, ohne dass die dort aufgestellte Verkäuferschar reihenweise die Flucht ergriff. Nur bei der Schuhgröße (und für die kann ich nun wirklich nichts), ergeben sich bis heute diverse Ausreißer. Als sich im vergangenen Winter plötzlich mein Klassik-Langlaufschuh auflöste, geriet sogar das Wettkampfprogramm in ernsthafte Gefahr. Nach einigen Fehlversuchen im Handel zauberte schließlich ein hilfsbereiter Spitzenlangläufer und Salomon-Repräsentant noch einen Schuh aus dem Hut und rettete die Saison.

Das Aufbrechen längst vernarbter Wunden verursachte schließlich vor kurzem ein Sportartikelversand. Um meine Leistungen in der Loipe zu verbessern, hatte ich beschlossen, geeignete Trockenübungen in mein Training einzubauen und per Internet ein Paar nagelneue Rollski bestellt. Als ich die Teile in Betrieb nehmen wollte, erwies sich mein Schuh als zu groß für die Bindung. „Darf man diese Rollski mit Schuhgröße 13 nicht mehr benutzen?“, zuckte es durch mein Hirn? Oder haben die (…) nur die Bindung falsch montiert? Ich hoffe, dass letzteres der Fall ist, sonst laufe ich Gefahr, wieder in mein altes Trauma zurückzufallen: Oiwei i!
Norbert Gütlein Skiroller
Fotoserie: Oiwei i

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