Perfekter Skitrail
Norbert Gütlein am 28.01.2009 - 16:12 Uhr
Das Start- und Zielgelände des Skitrail in Tannheim ist eines der schönsten Stadien bei Volkslaufveranstaltungen: Traumhafte Kulisse, ausreichend Platz und eine zuschauerfreundliche Start- und Zielrunde.
Als ich am Freitag vor dem Rennen an diese Stelle komme, um meine Startnummer abzuholen, bietet sich eher ein Bild der Verwüstung. Stundenlanger Regen hat dem Schnee zugesetzt, der aufkommende Orkan zerrt an Reklamebannern und Absperrgittern und fängt an, das mit großem Aufwand aufgebaute Ziel zu zertrümmern. Soll hier morgen ein Skirennen gestartet werden? Ich bin dennoch recht zuversichtlich, als ich mich auf den Weg zurück ins Allgäu mache. Einerseits sind die Wetteraussichten gut, andererseits hat das Organisationsteam um OK-Chef Michael Keller schon früher gezeigt, dass es mit derart widrigen Umständen umzugehen versteht.
Am nächsten Tag sieht die Landschaft des Tals wie vom Sturm blank gefegt aus. Das Wetter allerdings ist perfekt. In Zöblen künden mehrere parallele Klassikspuren von den Anstrengungen des Veranstalters in der vergangenen Nacht. Auch das Startgelände wurde am Morgen wieder in Stand gesetzt. Die Spuren sehen verdächtig nach Klister aus. Die Spezialisten am Toko-Wachsstand haben jedoch eine andere Idee. Zwei dünne Schichten Hartwachs, darauf ein Grip-Wachs aus der Spraydose. Die Aussicht, mir nicht selbst die Finger schmutzig machen zu müssen, siegt, ich probiere die mir neue Kombination aus. Beim Einlaufen passt der Ski auch, was mir jedoch Sorgen macht ist eine seltsame Kurzatmigkeit, die mich an jeder noch so kleinen Steigung voll an die Grenze bringt. Um nicht sofort zum Verkehrshindernis zu werden, stelle ich mich vorsorglich ganz ans Ende des kleinen Feldes der Klassikwettbewerbe. Irgendwie werde ich die 14 Kilometer schon meistern.
Bereits die erste Steigung hoch zum Wiesle wird zur Qual. Heftig nach Atem ringend erreiche ich den Sattel und stürze mich in die Abfahrt. Die folgende Schiebestrecke bringt mich wieder zurück ins Rennen. Schnell ist die Wende in Schattwald erreicht. Jetzt geht es wieder bergauf. Dass der aggressive Schnee der dünnen Schicht Sprühklister bereits den Garaus gemacht hat und ich mich jetzt mit den verbliebenen Hartwachsresten im Triebschnee neben der glasigen Spur verzweifelt nach oben kämpfe, kann allerdings nur als schwache Ausrede dienen. Meine desolate Verfassung hätte auch mit besserem Grip kein schnelleres Tempo erlaubt. Dank der guten Gleiteigenschaften meiner Ski kann ich mich in den Abfahrten und Flachstücken einigermaßen behaupten. Der letzte Anstieg ist wieder zum Vergessen, dann winkt bereits das Ziel. Ich bin so fertig, dass ich mir ernsthaft überlege, ob ich überhaupt beim 35 km-Skatingrennen am Sonntag mitmachen soll. Die Tatsache, dass ich wundersamerweise in meiner Altersklasse den dritten Platz belegt habe, baut mich dann wieder etwas auf und ich entscheide mich für die Teilnahme.
Trotz des kleinen Ausrutschers am Samstag habe ich wieder dem offiziellen Wachstipp vertraut und zu Hause meine Skatingski entsprechend vorbereitet. Bereits der erste Test beschert mir ein sinnliches Erlebnis – es geht schnell dahin. Auch die Atemnot des Vortags ist wie von Zauberhand verschwunden. So kann ich mir zunächst in Ruhe den Start der 55 km-Läufer ansehen, der wieder einmal recht spektakulär ausfällt. Das Feld wird von einem Snowmobil begleitet. Auf der Stadionrunde legen die Spitzenläufer ein derartiges Tempo vor, dass der Fahrer den Gashahn weit aufdrehen muss, um nicht eingeholt zu werden. Der Fotograf Marco Felgenhauer, der rittlings mit dem Rücken zur Fahrtrichtung auf dem Snowmobil steht, muss sein ganzes Können aufbieten, um auf dem schaukelnden Gefährt seine Kamera ruhig zu halten.
Inzwischen ist die Sonne herausgekommen und die Voraussetzungen für einen perfekten Skitag sind damit komplett. Das Organisationsteam hat das seine dazu beigetragen. Um vier Uhr sind die Fahrer der Spurgeräte ausgerückt und haben die gesamten 55 km gefräst und gewalzt. Das Ergebnis ist eine einwandfreie aus körnigem Schnee bestehende Piste. Auch das Feld der Läufer über die 35 Kilometer ist schnell unterwegs. Ich nehme die Herausforderung an und halte mit einem größeren Pulk mit. An der ersten Wende in Schattwald ist das Feld immer noch recht dicht zusammen. Das ist Pech für die schnellen Läufer auf der Langstrecke, die schon aus Oberjoch zurückkommen und sich nun in die kleinen Staus einreihen müssen, die sich an den Engstellen bilden. Am Ortsrand von Tannheim wird die Piste dann wieder breiter und Überholen ist problemlos möglich. Das Stadion wird im Eiltempo passiert, es geht weiter zur Wende Vilsalpsee. Der Anstieg hoch zur Kapelle ist grobkörnig und schnell. Es bleibt keine Zeit, den atemberaubenden Ausblick auf Tannheim und das Startgelände zu genießen, schon geht es wieder auf einer rasanten Abfahrt hinunter in den Ort. Auf dem schwach welligen Streckenabschnitt bis nach Nesselwängle bin ich immer noch mit vielen Läufern unterwegs. Abgesehen vom Gedränge an den Engstellen ist dies in der traumhaften Landschaft des Tals sehr inspirierend. Eine Runde auf dem von der Sonne beschienenen Sportplatz in Nesselwängle, gefolgt von einer an dieser Stelle auch dringend benötigten Verpflegungsstelle, leiten die die letzten zehn Kilometer ein. Nach einem kurzen Anstieg geht es überwiegend flach dahin, über den Haldensee, Grän und die Talauen bei Tannheim. Ich bin inzwischen recht müde und verliere den Anschluss an meine Gruppe. Dank meiner immer noch bestens laufenden Ski komme ich aber ohne großen Kraftaufwand gut voran. Zusammen mit einigen versprengten Konkurrenten gehe ich den letzten Anstieg an. Ein Krampf im Oberschenkel und die zunehmende Erschöpfung machen ihn zu einer echten Prüfung. Das Ziel ist nicht mehr weit – gehetzt von nachrückenden Läufern der Langstrecke kämpfe ich mich hoch zum Sattel und kann mich in der Abfahrt wieder etwas regenerieren. Noch ein kurzes Schaulaufen auf den Stadionrunden, dann führen mich einige kräftige Skatingschritte ins Ziel.
Die Atmosphäre des Rennens hält mich noch eine ganze Weile gefangen, ich brauche Zeit, um von meinem Adrenalinlevel herunter zu kommen. Unzählige Trainingskilometer habe ich schon im Tannheimer Tal zurückgelegt, aber der Skitrail, an dem ich heuer bereits zum zehnten Mal teilnehme, ist immer wieder ein besonderes Erlebnis. Die Frage, warum man sich das eigentlich alles antut, wird bei solchen Gelegenheiten eindrucksvoll beantwortet. Entspannt plündere ich erst einmal den Verpflegungsstand, ziehe mich in der Tennishalle um, verstaue meine Ausrüstung und mache mich auf den Heimweg. Das wohlige Gefühl, an einem tollen Rennen bei hervorragenden Bedingungen teilgenommen zu haben, hält noch eine ganze Weile lang an.
Als ich am Freitag vor dem Rennen an diese Stelle komme, um meine Startnummer abzuholen, bietet sich eher ein Bild der Verwüstung. Stundenlanger Regen hat dem Schnee zugesetzt, der aufkommende Orkan zerrt an Reklamebannern und Absperrgittern und fängt an, das mit großem Aufwand aufgebaute Ziel zu zertrümmern. Soll hier morgen ein Skirennen gestartet werden? Ich bin dennoch recht zuversichtlich, als ich mich auf den Weg zurück ins Allgäu mache. Einerseits sind die Wetteraussichten gut, andererseits hat das Organisationsteam um OK-Chef Michael Keller schon früher gezeigt, dass es mit derart widrigen Umständen umzugehen versteht.
Am nächsten Tag sieht die Landschaft des Tals wie vom Sturm blank gefegt aus. Das Wetter allerdings ist perfekt. In Zöblen künden mehrere parallele Klassikspuren von den Anstrengungen des Veranstalters in der vergangenen Nacht. Auch das Startgelände wurde am Morgen wieder in Stand gesetzt. Die Spuren sehen verdächtig nach Klister aus. Die Spezialisten am Toko-Wachsstand haben jedoch eine andere Idee. Zwei dünne Schichten Hartwachs, darauf ein Grip-Wachs aus der Spraydose. Die Aussicht, mir nicht selbst die Finger schmutzig machen zu müssen, siegt, ich probiere die mir neue Kombination aus. Beim Einlaufen passt der Ski auch, was mir jedoch Sorgen macht ist eine seltsame Kurzatmigkeit, die mich an jeder noch so kleinen Steigung voll an die Grenze bringt. Um nicht sofort zum Verkehrshindernis zu werden, stelle ich mich vorsorglich ganz ans Ende des kleinen Feldes der Klassikwettbewerbe. Irgendwie werde ich die 14 Kilometer schon meistern.
Bereits die erste Steigung hoch zum Wiesle wird zur Qual. Heftig nach Atem ringend erreiche ich den Sattel und stürze mich in die Abfahrt. Die folgende Schiebestrecke bringt mich wieder zurück ins Rennen. Schnell ist die Wende in Schattwald erreicht. Jetzt geht es wieder bergauf. Dass der aggressive Schnee der dünnen Schicht Sprühklister bereits den Garaus gemacht hat und ich mich jetzt mit den verbliebenen Hartwachsresten im Triebschnee neben der glasigen Spur verzweifelt nach oben kämpfe, kann allerdings nur als schwache Ausrede dienen. Meine desolate Verfassung hätte auch mit besserem Grip kein schnelleres Tempo erlaubt. Dank der guten Gleiteigenschaften meiner Ski kann ich mich in den Abfahrten und Flachstücken einigermaßen behaupten. Der letzte Anstieg ist wieder zum Vergessen, dann winkt bereits das Ziel. Ich bin so fertig, dass ich mir ernsthaft überlege, ob ich überhaupt beim 35 km-Skatingrennen am Sonntag mitmachen soll. Die Tatsache, dass ich wundersamerweise in meiner Altersklasse den dritten Platz belegt habe, baut mich dann wieder etwas auf und ich entscheide mich für die Teilnahme.
Trotz des kleinen Ausrutschers am Samstag habe ich wieder dem offiziellen Wachstipp vertraut und zu Hause meine Skatingski entsprechend vorbereitet. Bereits der erste Test beschert mir ein sinnliches Erlebnis – es geht schnell dahin. Auch die Atemnot des Vortags ist wie von Zauberhand verschwunden. So kann ich mir zunächst in Ruhe den Start der 55 km-Läufer ansehen, der wieder einmal recht spektakulär ausfällt. Das Feld wird von einem Snowmobil begleitet. Auf der Stadionrunde legen die Spitzenläufer ein derartiges Tempo vor, dass der Fahrer den Gashahn weit aufdrehen muss, um nicht eingeholt zu werden. Der Fotograf Marco Felgenhauer, der rittlings mit dem Rücken zur Fahrtrichtung auf dem Snowmobil steht, muss sein ganzes Können aufbieten, um auf dem schaukelnden Gefährt seine Kamera ruhig zu halten.
Fotoserie: Perfekter Skitrail
Inzwischen ist die Sonne herausgekommen und die Voraussetzungen für einen perfekten Skitag sind damit komplett. Das Organisationsteam hat das seine dazu beigetragen. Um vier Uhr sind die Fahrer der Spurgeräte ausgerückt und haben die gesamten 55 km gefräst und gewalzt. Das Ergebnis ist eine einwandfreie aus körnigem Schnee bestehende Piste. Auch das Feld der Läufer über die 35 Kilometer ist schnell unterwegs. Ich nehme die Herausforderung an und halte mit einem größeren Pulk mit. An der ersten Wende in Schattwald ist das Feld immer noch recht dicht zusammen. Das ist Pech für die schnellen Läufer auf der Langstrecke, die schon aus Oberjoch zurückkommen und sich nun in die kleinen Staus einreihen müssen, die sich an den Engstellen bilden. Am Ortsrand von Tannheim wird die Piste dann wieder breiter und Überholen ist problemlos möglich. Das Stadion wird im Eiltempo passiert, es geht weiter zur Wende Vilsalpsee. Der Anstieg hoch zur Kapelle ist grobkörnig und schnell. Es bleibt keine Zeit, den atemberaubenden Ausblick auf Tannheim und das Startgelände zu genießen, schon geht es wieder auf einer rasanten Abfahrt hinunter in den Ort. Auf dem schwach welligen Streckenabschnitt bis nach Nesselwängle bin ich immer noch mit vielen Läufern unterwegs. Abgesehen vom Gedränge an den Engstellen ist dies in der traumhaften Landschaft des Tals sehr inspirierend. Eine Runde auf dem von der Sonne beschienenen Sportplatz in Nesselwängle, gefolgt von einer an dieser Stelle auch dringend benötigten Verpflegungsstelle, leiten die die letzten zehn Kilometer ein. Nach einem kurzen Anstieg geht es überwiegend flach dahin, über den Haldensee, Grän und die Talauen bei Tannheim. Ich bin inzwischen recht müde und verliere den Anschluss an meine Gruppe. Dank meiner immer noch bestens laufenden Ski komme ich aber ohne großen Kraftaufwand gut voran. Zusammen mit einigen versprengten Konkurrenten gehe ich den letzten Anstieg an. Ein Krampf im Oberschenkel und die zunehmende Erschöpfung machen ihn zu einer echten Prüfung. Das Ziel ist nicht mehr weit – gehetzt von nachrückenden Läufern der Langstrecke kämpfe ich mich hoch zum Sattel und kann mich in der Abfahrt wieder etwas regenerieren. Noch ein kurzes Schaulaufen auf den Stadionrunden, dann führen mich einige kräftige Skatingschritte ins Ziel.
Die Atmosphäre des Rennens hält mich noch eine ganze Weile gefangen, ich brauche Zeit, um von meinem Adrenalinlevel herunter zu kommen. Unzählige Trainingskilometer habe ich schon im Tannheimer Tal zurückgelegt, aber der Skitrail, an dem ich heuer bereits zum zehnten Mal teilnehme, ist immer wieder ein besonderes Erlebnis. Die Frage, warum man sich das eigentlich alles antut, wird bei solchen Gelegenheiten eindrucksvoll beantwortet. Entspannt plündere ich erst einmal den Verpflegungsstand, ziehe mich in der Tennishalle um, verstaue meine Ausrüstung und mache mich auf den Heimweg. Das wohlige Gefühl, an einem tollen Rennen bei hervorragenden Bedingungen teilgenommen zu haben, hält noch eine ganze Weile lang an.
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