Rollski Weltcup Cesis
Ein Erlebnis der besonderen Art war die Wettkampfteilnahme beim zweiten FIS Rollski Weltcup der Saison 2004 in Cesis / Lettland vom 22.-25. Juli.
Grund der weiten Anreise war die Absage eines Weltcupveranstalters in Polen, der Lettische Skiverband übernahm kurzfristig die FIS Veranstaltung und wertete damit ihre eigene nationale Veranstaltung sehr stark auf.
Die Meldeliste stieg auch gleich merklich an. Zehn Nationen sendeten ihre Sportler ins Baltikum 90 Kilometer nördlich der Hauptstadt Riga.
Die Farben des Deutschen Ski Verbandes vertraten kurzfristig sechs Sportler kreuz und quer aus Deutschland.
Die Anreise
Die Rolle des Teamcaptains bekam mit mir, Andreas Dillemuth (SC Lanzenhain/HSV), einer der Rollski-Oldies, der mit momentanem Dienstort Mittenwald die weiteste Anreise zu verzeichnen hatte (2175 km). Nach kurzem Auflesen des Lobensteiners Dirk Grimm, der zur Zeit Semesterferienaufenthalt in Europa genießt, bevor es wieder back in the USA geht sowie das Zusteigen der Jugendläuferin Marie Mewes, auch aus Lobenstein sowie des Erzgebirglers Lutz Preußler aus Seiffen ging es zum weiteren Treffpunkt nach Frankfurt / Oder, dort stiegen die Harzer Damenläuferin Michaela Riesen und der Masters II Teilnehmer Jürgen Rademacher der Fahrgemeinschaft zu.
Bis dorthin ging alles ohne Probleme und sonstige Umstände voran. Aber kurz nach erstem Kartenstudium und Routenplanung ins Baltikum gab es auf den ersten 20 Kilometern der polnischen Autobahn schon die erste Ernüchterung: die Autobahn war kurzfristig gesperrt und wir mussten leider wieder fast bis zur Grenze zurückfahren und eine andere Alternative über die Landstraße finden. Nach erneutem Versuch auf die leider, gemäß neuester Karten, nicht fertig gestellte Autobahn ging es dann im eher ruhigen LKW Tempo Richtung Posen. Überholen war schwer möglich und wir freuten uns endlich auf die neue Autobahn ab Posen, doch nach knapp 100 Kilometern freier schneller Fahrt und einigen Sloty´s Maut war die Freude wieder vorbei, wieder Landstraße mit vielen LKW´s und polnischen Fiat´s vor uns. Es lief nur zögerlich, ab und zu konnten wir im Duo mit zwei Fahrzeugen auf fast 150 km/h beschleunigen, trotz vieler Warnungen vor den gefährlichen polnischen Polizeiradarkontrollen, ging es ohne Probleme durch die vielen kleinen Ortschaften und Dörfer mit weit über 100 km/h ohne große Bremsangewohnheiten schnellstmöglich durch. Als nach ca. 10 Fahrstunden dann der erste Polizist mit einer Warnkelle plötzlich bei Tempo 160 auf die Straße trat, rutschte das Herz unseres Fahrers Dirk erstmals in die Hose, aber Fahrzeug 1 hatte Glück, gespannt schauten wir nun in den Rückspiegel und warteten auf das Aufhalten unseres Fahrzeugs 2. Denn dieses war ähnlich schnell, verlor aber ab und zu etwas bei den Überholvorgängen des Vorausfahrzeuges den Anschluss. Doch auch bei diesen viel Glück und keine Kontrolle, anscheinend waren die Radarpistolen der polnischen Polizisten nicht für unsere Geschwindigkeit auf der Landstraße geeicht. Nach kurzem Erholungsschock und auftanken ging es dann wieder weiter.
Nach knapper Hälfte der 1760 Kilometer Fahrstrecke von Lobenstein aus verzeichneten wir etwas Müdigkeit in Fahrzeug 2 und somit fuhren wir ein polnisches Hotel in der Stadt Ciechanow oberhalb von Warschau an. Bedenken über das Nichtmehrvorhandensein unserer doch recht guten Autos und Ausrüstung am nächsten Tag zerstreuten wir mit einem Gute Nacht Bier in der Hausbar. Nach gutem Frühstück ging es dann zur zweiten Tagestour, die Fahrzeuge waren noch mit den Rädern und allem, was dazugehört am Ort des Abstellens.
Nun ging es sofort wieder los, die Nachtruhe war lange genug und die Kilometer mussten wieder aufgeholt werden. Denn um 19:00 Uhr hatte ich Teamcaptain-meeting.
Die hohe Geschwindigkeit sollte sich auch wieder mit vielen Überholvorgängen Richtung Litauen fortsetzten. Leider waren die polnischen Straßen vor der Grenze nicht im einwandfreien Zustand und viele Baustellen verzögerten die Reisegeschwindigkeit. Fahrzeug 1 übernahm wieder mit beherzigter Fahrweise das Kommando und näherte sich die Grenze. Nach einigen Stunden und einer kurzen Pause in einem Hamburger-Shop der Konkurrenz von Mac D., mit aber viel größeren Burgern, zu viel billigeren Preisen erreichten wir die Litauische Grenze. Ohne Beanstandung ging es über Kaunas Richtung Riga. Ein Fahrerwechsel und plötzlicher sehr starker Tempoanstieg in Fahrzeug 2 bescherte uns fast die fatale Irrfahrt ins russische Kaliningrad obwohl das lettische Riga eigentlich riesig groß in lateinischen Lettern auf der litauischen Autobahn nicht zu übersehen war. Nach kurzer Irrfahrt der Fahrzeuglenkerin, genannt Michi, von Fahrzeug 2 konnten wir in Fahrzeug 1 wieder die Kontrolle und Führung übernehmen. Trotz anfänglicher Tempoprobleme mit dann nur noch langsamen knapp 80 km/h auf der Autobahn durch Fahrzeuglenkerin 2 sahen wir uns veranlasst den Rest nach Riga über die Grenze Litauens hinaus voraus etwas schneller zu fahren. Wir hatten ja unseren Termin und natürlich auch Hunger.
Der Tankstopp kurz hinter der Grenze in Lettland bescherte uns dann zu Fahrzeug 1 einen Vorsprung von fast 15 Minuten.
Nach Zusammenschluss ging es dann wieder gemeinsam durch Riga ins nur noch 90 Kilometer entfernte Cesis, dem lettischen Olympiazentrum der Biathleten (Ilmars Bricis), an der bekannten Bob- und Rodelbahn in Sigulda vorbei. Der Zeitumstellung zollten wir Respekt, doch spätestens als um zu MEZ Zeit 18:00 Uhr das Race Office anrief, mussten wir feststellen, dass wir die eine Stunde Zeitumstellung nicht berechnet hatten und somit das Teamcaptain-Meeting gleich schon für mich erledigt war. Man gab uns an, dass wir noch ca. 90 Minuten benötigen würden.
Dennoch konnte aufgrund beherzter und vorausschauender Fahrweise der Fahrer aus Fahrzeug 1 mit Dirk und Andreas, die eigentliche Fahrtzeit gemäß Computerberechnung von 29 Stunden auf 26 Stunden verkürzt werden.
Und Pünktlich zum Umtrunk und Häppchenempfang der Teamcaptains um 20:00 Uhr (MEZ plus eine Stunde) waren wir dann doch da. Zwischenzeitlich wurde auch noch eine Unterkunft für uns organisiert.
Nach erstem Begrüßungssekt und Häppchen ging es dann in Richtung Unterkunft. Nach kurzem Irrweg erreichten wir dann ein wunderschön in der lettischen Natur gelegenes Holzblockhaus mit kleinem Badeteich. Im Schlepptau hatten wir nun noch die Finnische Delegation, mit denen wir uns das hervorragende Essen der Eigentümerin sowie die Sauna und das Solarium sowie die vielen netten Moskitos und Stechmücken teilten.
Tag zwei der Anreise war somit auch glücklich geschafft.
Der Prolog
Nun stand der Wettkampftag Nr. 1 an: Anreise zur Prologstrecke nach Priekuli, einer Skiroller-Trainingstrecke für die lettischen Biathleten, mit steilen Anstiegen und schnellen Abfahrten.
2600 Meter Länge, 40 Höhenmeter Differenz und 70 Meter Totalanstieg waren nun drei bzw. viermal zu durchlaufen, nach schnellem Abtrocknen der Abfahrten und der 180 Grad Kurven ging es dann bei hochsommerlichen Temperaturen zur Mittagszeit zum Start.
Die besten Resultate des Tages erreichten dann die Lobensteiner Dirk Grimm mit Platz acht im starken Herrenfeld sowie die Jugendläuferin Marie Mewes mit Platz zwei.
Unser Masters II Oldie Jürgen Rademacher belegt auch nach schwerem Kampf mit den steilen Steigungen Platz zwei.
Lutz Preußler belegte noch aussichtsreich Platz acht im Juniorenfeld, dagegen war Michaela Riesen mit Platz 12 bei den Damen ebenso unzufrieden wie ich selbst mit Platz 26 im Herrenfeld.
Es steckte uns noch die lange Anreise in den Knochen.
Einem guten Kaffee- und Kuchenbuffet, am Nachmittags des ersten Prologes, seitens der Hausvermieterin und einem sehr guten Abendessen, mit viel Nudeln zum auffüllen der Kohlehydratspeicher, folgte dann der freundschaftliche Besuch der italienschen Herren im „Deutschen Holzhaus“ mit dem traditionellen finnische Saunabesuch, vorbereitet durch die finnische Hausmitbelegung. Dem heißen Aufguss folgte naturgemäß die Abkühlung mit lettischem Bier und sonstigen finnischen Bikenbiergetränken.
Der Sprint
Wettkampftag Nr. 2 folgte aber zugleich ohne große Pause. Es stand nun die Sprintqualifikation über 250 Meter im Zentrum von Cesis an.
Wiederum schaffte Dirk Grimm die beste Leistung im deutschen Team und belegte den zweiten Gesamtplatz bei den Herren. Leider verpasste er aber im KO ¼ Finale den Einzug ins Finale gegen den späteren Sprintzweiten Simone Paredi aus Italien und belegte Gesamtplatz fünf.
Jürgen Rademacher belegte bei den Masters II auch wieder den zweiten Platz und sicherte sich dann im Finale die Silbermedaille im KO-Sprint.
Marie Mewes belegte in der Qualifikation den dritten Platz und gewann dann auch die Bronzemedaille im Finale um Platz drei des Jugendsprints.
Im Damensprint ging es für Michaela Riesen nach einem zehnten Platz ins 1/8 Finale, dort kam aber leider dann das Ausscheiden.
Ich selbst schied auf Platz 29 der Herrenqualifikation genauso chancenlos aus wie in der Juniorenklasse Lutz Preußler auf Platz zehn.
Nach erneutem gutem Mittagsessen im Holzblockhaus ging es dann nach kurzer Ruhe zur Erkundung der netten Kleinstadt Cesis sowie zum Eisschlemmen.
Dabei wurden den vielen netten weiblichen Mitbewohnerinnen sehr viel Beachtung geschenkt, sodass es selbstverständlich nach dem Sportlerempfang und Abendessen der Nationen auf die große Songcontestparty im nahe gelegenen Park mit ca. 3000 Fans ging.
Dabei wurden natürlich die internationalen Freundschaften gepflegt und verbessert.
Bei einem großen Frauenüberschuss in Lettland waren wir alle besonders gut aufgelegt und hervorragender Stimmung. Die Finnische Delegation schaffte es, bis auf Jari Joutsen, sogar wieder zum zweiten Male eine Nacht im Cesischen Park zu verbringen.
Die Verfolgung
Der Wettkampftag Nr. 3 war dann von den Jagdstartrennen geprägt. Eine zwei Kilometer Runde im Zentrum von Cesis mit 40 Höhenmeter Differenz war zwischen acht und vierzehn Mal zu durchlaufen.
Viele Zuschauer waren gekommen, um die Sportler aus Lettland und den Nachbarländern anzufeuern. Leider ging der auf Platz zehn im Prolog gelegene Einheimische Ilmars Bricis nicht mehr an den Start.
Aus deutscher Sicht war besonders der Jugendsieg von Marie Mewes herausragend zu bewerten. Nach Platz zwei im Prolog drehte sie noch den Spieß im Schlussanstieg um und gewann erfolgreich die Goldmedaille der weiblichen Jugend
Auch wieder auf Platz zwei lief Jürgen Rademacher der bei den Masters II seinen russischen Laufkameraden nicht bezwingen konnte.
Im Juniorenfeld verbesserte sich Lutz Preußler dann um einen Platz auf die siebte Position.
Bei den Damen blieb es für Michaela Riesen mit dem zwölften Platz.
Im starken Herrenfeld beherrschte der 36-jährige Igor Glushkov aus Russland auch diesen Jagdstartwettbewerb. Nach seinem Prologauftaktsieg, dem Sprintqualifikationssieg und dem KO-Finalsieg gewann er auch überragend das Rennen über 28 Kilometer vor dem Weltcupsieger und Europameister von Zagreb 2004 Alfio Di Gregorio aus Italien sowie dem Drittplatzierten Alberto Pertile aus Italien.
Dirk Grimm konnte sich einen Platz verbessern und belegte im Endsprint siegreich gegen den finnischen Sprintdritten Jari Joutsen den siebten Platz. Ich selbst lief im Herrenfeld auf Platz 23 liegend ins Ziel ein.
Der Abschied
Einer großen Siegerehrung am Ende des Renntages folgte dann das Auschecken aus dem tollen Holzhaus.
Mit einem wehmütigen Blick auf die Vermieterin begab man sich auf die Rückreise.
Alles in allem, der Aufenthalt in der lettischen Kleinstadt war sehr herzlich und es war alles bestens organisiert und man kann ohne sich Probleme machen in dieses gastfreundliche Land mit guten Fahrzeugen reisen, ohne sich auch nur Gedanken auf Diebstahl zu machen.
Mit einer Besichtigung des Altstadtkerns der Hauptstadt Riga und einem gutem Abendessen in Litauen begab man sich dann auf die getrennte Heimreise in den Süden und Norden Deutschlands aufbrach.
Es folgte nun wieder ein beherzter Tiefflug (wir fuhren nicht schnell, aber dafür tief) über die Straßen Litauens und Polens, der für Fahrzeug 1 in gleiche Besetzung ohne nennenswerte Zwischenfälle nach erfolgreicher Nachtfahrt endetet. Leider mussten wir mit großen Fragezeichen und Schulterzucken am nächsten Mittag erfahren, dass unsere Fahrzeugbesatzung Nr. 2 leider in Litauen vor der Grenze mit 133 km/h in eine Laserpistole der armen litauischen Polizisten fuhren, und das obwohl sie sich so sehr bemühten auf die Einhaltung der Richtgeschwindigkeit von 90 km/h auf der Landstraße zu achten.
Nach kurzer Verhandlung und diversen Tauschprobleme der lettischen Latten und der nicht mehr großer Anzahl vorhandener litauischen Litten, die ja bekannterweise vorher in Pizza´s und Cola umgetauscht wurden, gaben sie sich dann doch der Übermacht der Polizisten geschlagen und legten 150 Deutsche Euros in die dankbaren Hände der Exekutivmitarbeiter des litauischen Staates, natürlich ohne Quittung und durften ihre beherzte Reise zurück nach Deutschland nun wieder fortsetzen.
Alles in allem: Cesis 2005, Ausrichter für einen weiteren FIS Rollski-Weltcup, wir kommen wieder, ob mit Kfz oder mit einem Billigflug, und hoffen auf ein nettes Trainingslager mit den neu kennen gelernten Sportfreunden aus dem Baltikum.
Danach soll es dann weiter gehen mit der Reise ins Nachbarland Russland zum weiteren FIS Weltcup der Saison 2005 in Moskau.

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