Sepp Berners Langlaufleben (Teil2)
Wenn der kleine Hunger kommt...
Nach seinem großen "Fight" beim Engadin Skimarathon trainierte der Sepp natürlich hochmotiviert weiter. Ihm war klar, es gibt noch viel zu tun, um im nächsten Jahr unter die Top 300 zu stürmen. So stürzte er sich ins Training. Auf den Hochebenen des Bayrischen Waldes fand der Sepp Anfang April noch super Bedingungen vor, die wollte er nutzen!
Jeden Tag so um die 1,5 Stunden, genau nach seinem ausgeklügelte Trainingsplan. Meistens geht er erst so gegen Mittag auf die Runde, weil sich dann mehr „Zuschauer“ auf der Loipe befinden. Wenn dann ein „Skiwanderer“ in Sicht kommt, merkt man sofort wie Berner das Tempo anzieht. Ist er erstmal im Windschatten schreit er auch gleich „Spur“ und wenn es den armen Touristen dann fast aus eben dieser wirft, entlockt das unserem Hobbyprofi nur ein hämisches Grinsen.
Am ersten April war es dann soweit, der Sepp hatte nochmal einen absoluten Höhepunkt in seinen Trainingsplan eingebaut.
Er wollte eine Strecke über 50km bezwingen, die er noch nie in seinem doch schon langen Langlaufleben gelaufen war. Er fühlte sich bärenstark und ließ es locker angehen. Doch als er um 11 Uhr an die Strecke kam mußte er feststellen, daß die Sonne schon ganze Arbeit geleistet hatte und den Schnee langsam aber sicher in sulzigen „Batz“ verwandeln würde. Schnell noch den Trinkgurt umgeschnallt, auf die Ski gesprungen und schon ging sie los, die Jagd nach den einigermaßen guten und schnellen Bedingungen. Eile war geboten und der schnelle Sepp ließ sich nicht zweimal bitten!! Die erste Stunde machte er richtig Dampf und kam gut vorwärts, allerdings machte die "Hitze"seinem Trinkgurt zu schaffen, der sich wie von selbst leerte. Nach eineinhalb Stunden erreichte er den Wendepunkt der Strecke, folglich war es jetzt bereits Halb Ein Uhr, der Schnee wurde knöcheltief, der Trinkgurt war fast leer, erste Zweifel schwirrten im Kopf umher.
Diese sollten sich noch verstärken, nachdem der Trinkvorrat endgültig erschöpft und das Tempo merklich nachgelassen hatte. Nach einigen Stürzen im „batzigen“ Schnee und der traurigen Gewissheit, dass sich ein nicht wegzuredendes Hungergefühl in seinem Magen andeutete, wurden seine Schritte merklich kürzer.
Bei Kilometer 30 bot sich ein Lichtblick, es tat sich eine Quelle auf und der Trinkgurt wurde aufgefüllt. Aber schon einige Kilometer später mußte Sepp erkennen, dass er keinen Durst, sondern Hunger hatte, und dies ungemein. Auf einmal erschien ein Wiener Schnitzel mit Pommes vor seinem inneren Auge und ihm war klar, der Heißhunger war da und das zwanzig Km vor dem Ziel!! Sprüche eines ehemaligen Trainers, "wenn der Hunger kommt, dann frißt du sogar die Rinde von den Bäumen"schossen in seinen Kopf.
"Soweit bist du noch nicht", dachte sich der Sepp und kämpfte sich wieder einige hundert Meter weiter. Der Hunger wurde immer stärker. "Ich hab mich schon gefragt ob wohl unter der Schneedecke noch irgendwo Heidelbeeren eingefroren sind" erzählte mir der Sepp später. So quälte er sich Meter um Meter weiter und da wartete ja noch der drei Kilometer lange Schlussanstieg.
Als sich in seinem Kopf gerade Spagetthi, Weißbrot und eine schöne große Apfelsaftschorle breitmachten, kam er am Fuß des Anstiegs an. „ Von da an gings mir wieder total gut und ich bin locker nach Hause gelaufen.“ So seine offizielle Version am Abend am Stammtisch.
Was er allerdings nicht wusste: Am selben Tag traf ich die etwa 60 Jahre alte Mutter eines Vereinskameraden. Irgendwie sind wir im Gespräch auf den Sepp gekommen. Da hat sie mir folgendes erzählt: Heute Vormittag bin ich dem Sepp im langen Anstieg begegnet. Du wirst es nicht glauben, aber der kam mir total blass und mit den Skiern in den Händen entgegen. Als ich ihn dann fragte, ob er sich verwachst habe, winkte er ab. Allerdings hat er mich gefragt ob ich was zu Essen dabeihätte. Ich wollte ihm dann etwas Schokolade abgeben, aber er hat mir die Tafel sofort aus der Hand gerissen und fast auf einmal runtergewürgt. Danach hat er die Skier angezogen und ist langsam weitergelaufen. Kannst du mir erklären was da los war?
Ich konnte, aber in Rücksicht auf den Berner hab ich natürlich nichts erzählt. Am Stammtisch konnte ich mich aber nicht mehr zurückhalten und hab zum Sepp geschaut und gesagt: „Du Sepp, du hast da einen Schokoladenfleck am Kinn.“ Er hat sich dann ganz schnell mit einer Serviette das Kinn abwischen wollen und der ganze Stammtisch hat gebrüllt vor Lachen.
Seitdem hat Berner immer Schokolade in seinem Trinkgurt dabei. “Wenn der kleine Hunger kommt!“ hat er mir erklärt.
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