Stadtlauf in Biberach: Die unendliche Länge von 400 Metern
Norbert Gütlein am 30.09.2009 - 10:38 Uhr

Was eine typische Chef-Idee ist, weiß so ziemlich jeder Arbeitnehmer. Sie beginnt häufig mit „wir sollten einmal…“, wobei diese harmlos klingende Einleitung einige grammatikalische Besonderheiten beinhaltet, die der Eingeweihte jedoch zu deuten weiß. So ist mit „wir“ in diesem speziellen Fall eigentlich die zweite Person Plural gemeint, das „sollten“ ist wie in manchem Gesetzestext mit „müssen“ zu übersetzen. Jedenfalls erwartet der Erzeuger des Geistesblitzes, dass die Angesprochenen die Idee freudig erregt und subito umsetzen, und das ungeachtet ihrer vielleicht völlig anderen Wahrnehmung der Genialität des Vorschlags.
Dieser besteht im konkreten Fall darin, dass jener (mein!) Chef es für angebracht hält, dass beim jährlich stattfindenden Biberacher Stadtlauf, als Vertreter dessen Hauptsponsors er regelmäßig zur Preisverteilung zu erscheinen hat, sich auch ein Team aus seiner Abteilung publikumswirksam sportlich betätigen soll. Gnädigerweise erspart er seinen Untergebenen die Teilnahme am schweißtreibenden Hauptlauf über 6,4 km, das Aufbringen einer Abteilungsstaffel, bei der sich im Rahmen eines Nebenwettbewerbs sechs Läufer drei 800-Meter-Runden teilen, sollte es aber doch sein. Mein Einwand, dass die resultierende Strecke von 400 Metern für Menschen in meinem Alter definitiv kontraindiziert sei, wird mit der Erklärung gekontert, das Ganze sei doch mehr Gaudi als wirklicher Sport. Ich stecke bis zum Hals in der Mit-gutem-Beispiel-voran-Falle und so stimme ich der Aufnahme in ein noch zu bildendes Team vorschnell zu.
Die Suche nach Mitstreitern gestaltet sich unerwartet schwierig, viele der Angesprochenen schütteln nur mit einem viel sagenden Grinsen den Kopf. Meine Gattin, mit der natürlichen Intelligenz des Nichtsportlers ausgestattet, hält mich für völlig bekloppt und garniert dies mit Handbewegungen, die im Straßenverkehr üblicherweise strafbar sind. Kaum ist das Team vollständig, droht es an der Verletzung eines Mit-Läufers schon wieder zu scheitern. In letzter Minute fällt mir ein neuer Praktikant in meiner Gruppe ein, der beim Vorstellungsgespräch geäußert hat, dass er früher geturnt habe und aktiv Fußball spiele. Auf meine harmlose Frage, ob er am nächsten Sonntag schon etwas vorhabe, ist er nicht schnell genug auf dem nächsten Baum – Praktikantenschicksal. Drahtig wie er ist, bekommt er ein Laufshirt der Größe M - aus meinem XXL-Trikot könnte er sich ein Zelt bauen. Auf seine Frage, wie schnell er denn laufen müsse, erzähle ich ihm das gleiche Märchen wie mein Chef. Anschließend nagen jedoch Zweifel an dieser Darstellung an mir und – viel zu spät – sehe ich mir im Internet die Ergebnisse des Vorjahres an. Von wegen Spaßlauf! Vor Jahresfrist haben sich das Team des örtlichen Finanzamtes und einer Medizintechnik-Firma im hauchdünnen Abstand um die Strecke gejagt. Durchschnittlich 68 Sekunden haben die Läufer für die halbe Runde gebraucht. Ich bin geschockt. Die Gattin rät besorgt zur vorgeschützten Invalidität. Als ich nicht kneifen will, kündigt sie „kein Mitleid“ für den Fall an, dass ich mich bei dem Kurzstrecken-Abenteuer verletzen sollte und am Ende noch angesichts einer darob verkorksten Langlaufsaison den „sterbenden Schwan“ zu geben gedenke.
In der Nacht vor dem Ereignis schlafe ich unruhig. Den Sonntagvormittag verbringe ich damit, erfolglos die Spuren der stundenlangen Gartenarbeit des Vortags aus den müden Knochen zu dehnen. Bereits leicht lädiert trete ich die Fahrt in die Innenstadt an. Beim intensiven Aufwärmen, das mir von Leichtathletik-Experten angeraten wurde, kann ich die Konkurrenz in Augenschein nehmen. Immerhin sind heuer sechs Staffeln am Start. Der „Lehrerexpress“ sieht sehr gefährlich aus, die haben sicher alle Sport studiert. Auch die zweite Staffel aus meiner Firma, eine Abordnung der Werkfeuerwehr, ist bestens aufgestellt. Neben unserer Truppe, aus der ich schon optisch als „Bremsläufer“ herausrage, gibt es noch drei Staffeln der KaVo-Runners, alle im gleichen Outfit und dadurch kaum zu unterscheiden. Immerhin eine Handvoll Normalos scheint jedoch dabei zu sein, ein kleiner Trost für jemanden, der sehenden Auges einer faustdicken Blamage entgegen geht. Taktisch nicht übermäßig geschickt aufgestellt, muss ich die zweite Strecke laufen. An der Wechselmarke stehend höre ich den Startschuss. Noch eine Minute Galgenfrist, dann kommt schon unser Startläufer um die Ecke geschossen, hinter den Lehrern und mit knappem Vorsprung vor den weiteren Staffeln. Der Wechsel klappt gut, ich renne los und hole auf den ersten Metern alles aus mir heraus, begleitet von einem dumpfen Schmerz im rechten Oberschenkel. Wie ein Blitz jagt der Kollege von der Feuerwehr an mir vorbei – ich glaube fast, ich stehe. Kurz darauf werde ich von zwei weiteren Läufern überspurtet, deprimierender kann man nicht durchgereicht werden. Mit einer Mischung aus Verkrampftheit und Kurzatmigkeit quäle ich mich über den Kirchplatz und die engen Gassen der Altstadt. Zum Glück stehen hier nur sehr wenige Zuschauer. Von hinten erfolgt ein weiterer Angriff, jetzt gilt es, den vorletzten Platz zu verteidigen. Die fast unmerkliche Steigung in Richtung Marktplatz kommt mir wie ein Berglauf vor. Immerhin hat der Läufer vor mir sein Pulver auch schon verschossen, ich komme wieder etwas näher, auch nach hinten kann ich mich absichern. Noch zwei Kurven. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding - die letzten Meter wollen nicht enden. Eine gefühlte Unendlichkeit später ist das Ziel auf dem Marktplatz erreicht. Mein Teamkamerad reißt mir ungeduldig das Staffelholz aus der Hand und fetzt los, während ich erschöpft gegen den Wagen mit der Zeitmessung torkle. Einige Offizielle klopfen mir tröstend auf die Schultern, ich kann nur atemlos den Kopf schütteln. Vom Innenraum aus verfolge ich, wie meine Mannschaftskameraden versuchen, den verlorenen Boden wieder gut zu machen. Unser Praktikant ist eine echte Kanone. Wäre die Lücke etwas kleiner, könnte er als Schlussläufer die drittplatzierte Staffel noch angreifen. So reicht es immerhin zum vierten Rang. Die schnellen Kameraden der Feuerwehr haben mit Platz zwei die Ehre der Firma gerettet. Ich gehe schon mal meine Optionen für die nächste Austragung durch: ernsthaft für diese Strecke trainieren oder die Teilnahme verweigern. Die Entscheidung wird vertagt. Ein Trost kommt über den Lautsprecher. Selbst die siegreiche Lehrerstaffel ist über die drei Runden nicht schneller, als die Drei-Runden-Durchgangszeit der kenianischen Weltklasseläufer, die im abschließenden „Lauf der Asse“ insgesamt acht Runden zu absolvieren haben. Aus der beschaulichen Betrachterperspektive an der Bande schaue ich mir die Wunderläufer an – außerirdisch!
Dieser besteht im konkreten Fall darin, dass jener (mein!) Chef es für angebracht hält, dass beim jährlich stattfindenden Biberacher Stadtlauf, als Vertreter dessen Hauptsponsors er regelmäßig zur Preisverteilung zu erscheinen hat, sich auch ein Team aus seiner Abteilung publikumswirksam sportlich betätigen soll. Gnädigerweise erspart er seinen Untergebenen die Teilnahme am schweißtreibenden Hauptlauf über 6,4 km, das Aufbringen einer Abteilungsstaffel, bei der sich im Rahmen eines Nebenwettbewerbs sechs Läufer drei 800-Meter-Runden teilen, sollte es aber doch sein. Mein Einwand, dass die resultierende Strecke von 400 Metern für Menschen in meinem Alter definitiv kontraindiziert sei, wird mit der Erklärung gekontert, das Ganze sei doch mehr Gaudi als wirklicher Sport. Ich stecke bis zum Hals in der Mit-gutem-Beispiel-voran-Falle und so stimme ich der Aufnahme in ein noch zu bildendes Team vorschnell zu.
Die Suche nach Mitstreitern gestaltet sich unerwartet schwierig, viele der Angesprochenen schütteln nur mit einem viel sagenden Grinsen den Kopf. Meine Gattin, mit der natürlichen Intelligenz des Nichtsportlers ausgestattet, hält mich für völlig bekloppt und garniert dies mit Handbewegungen, die im Straßenverkehr üblicherweise strafbar sind. Kaum ist das Team vollständig, droht es an der Verletzung eines Mit-Läufers schon wieder zu scheitern. In letzter Minute fällt mir ein neuer Praktikant in meiner Gruppe ein, der beim Vorstellungsgespräch geäußert hat, dass er früher geturnt habe und aktiv Fußball spiele. Auf meine harmlose Frage, ob er am nächsten Sonntag schon etwas vorhabe, ist er nicht schnell genug auf dem nächsten Baum – Praktikantenschicksal. Drahtig wie er ist, bekommt er ein Laufshirt der Größe M - aus meinem XXL-Trikot könnte er sich ein Zelt bauen. Auf seine Frage, wie schnell er denn laufen müsse, erzähle ich ihm das gleiche Märchen wie mein Chef. Anschließend nagen jedoch Zweifel an dieser Darstellung an mir und – viel zu spät – sehe ich mir im Internet die Ergebnisse des Vorjahres an. Von wegen Spaßlauf! Vor Jahresfrist haben sich das Team des örtlichen Finanzamtes und einer Medizintechnik-Firma im hauchdünnen Abstand um die Strecke gejagt. Durchschnittlich 68 Sekunden haben die Läufer für die halbe Runde gebraucht. Ich bin geschockt. Die Gattin rät besorgt zur vorgeschützten Invalidität. Als ich nicht kneifen will, kündigt sie „kein Mitleid“ für den Fall an, dass ich mich bei dem Kurzstrecken-Abenteuer verletzen sollte und am Ende noch angesichts einer darob verkorksten Langlaufsaison den „sterbenden Schwan“ zu geben gedenke.
In der Nacht vor dem Ereignis schlafe ich unruhig. Den Sonntagvormittag verbringe ich damit, erfolglos die Spuren der stundenlangen Gartenarbeit des Vortags aus den müden Knochen zu dehnen. Bereits leicht lädiert trete ich die Fahrt in die Innenstadt an. Beim intensiven Aufwärmen, das mir von Leichtathletik-Experten angeraten wurde, kann ich die Konkurrenz in Augenschein nehmen. Immerhin sind heuer sechs Staffeln am Start. Der „Lehrerexpress“ sieht sehr gefährlich aus, die haben sicher alle Sport studiert. Auch die zweite Staffel aus meiner Firma, eine Abordnung der Werkfeuerwehr, ist bestens aufgestellt. Neben unserer Truppe, aus der ich schon optisch als „Bremsläufer“ herausrage, gibt es noch drei Staffeln der KaVo-Runners, alle im gleichen Outfit und dadurch kaum zu unterscheiden. Immerhin eine Handvoll Normalos scheint jedoch dabei zu sein, ein kleiner Trost für jemanden, der sehenden Auges einer faustdicken Blamage entgegen geht. Taktisch nicht übermäßig geschickt aufgestellt, muss ich die zweite Strecke laufen. An der Wechselmarke stehend höre ich den Startschuss. Noch eine Minute Galgenfrist, dann kommt schon unser Startläufer um die Ecke geschossen, hinter den Lehrern und mit knappem Vorsprung vor den weiteren Staffeln. Der Wechsel klappt gut, ich renne los und hole auf den ersten Metern alles aus mir heraus, begleitet von einem dumpfen Schmerz im rechten Oberschenkel. Wie ein Blitz jagt der Kollege von der Feuerwehr an mir vorbei – ich glaube fast, ich stehe. Kurz darauf werde ich von zwei weiteren Läufern überspurtet, deprimierender kann man nicht durchgereicht werden. Mit einer Mischung aus Verkrampftheit und Kurzatmigkeit quäle ich mich über den Kirchplatz und die engen Gassen der Altstadt. Zum Glück stehen hier nur sehr wenige Zuschauer. Von hinten erfolgt ein weiterer Angriff, jetzt gilt es, den vorletzten Platz zu verteidigen. Die fast unmerkliche Steigung in Richtung Marktplatz kommt mir wie ein Berglauf vor. Immerhin hat der Läufer vor mir sein Pulver auch schon verschossen, ich komme wieder etwas näher, auch nach hinten kann ich mich absichern. Noch zwei Kurven. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding - die letzten Meter wollen nicht enden. Eine gefühlte Unendlichkeit später ist das Ziel auf dem Marktplatz erreicht. Mein Teamkamerad reißt mir ungeduldig das Staffelholz aus der Hand und fetzt los, während ich erschöpft gegen den Wagen mit der Zeitmessung torkle. Einige Offizielle klopfen mir tröstend auf die Schultern, ich kann nur atemlos den Kopf schütteln. Vom Innenraum aus verfolge ich, wie meine Mannschaftskameraden versuchen, den verlorenen Boden wieder gut zu machen. Unser Praktikant ist eine echte Kanone. Wäre die Lücke etwas kleiner, könnte er als Schlussläufer die drittplatzierte Staffel noch angreifen. So reicht es immerhin zum vierten Rang. Die schnellen Kameraden der Feuerwehr haben mit Platz zwei die Ehre der Firma gerettet. Ich gehe schon mal meine Optionen für die nächste Austragung durch: ernsthaft für diese Strecke trainieren oder die Teilnahme verweigern. Die Entscheidung wird vertagt. Ein Trost kommt über den Lautsprecher. Selbst die siegreiche Lehrerstaffel ist über die drei Runden nicht schneller, als die Drei-Runden-Durchgangszeit der kenianischen Weltklasseläufer, die im abschließenden „Lauf der Asse“ insgesamt acht Runden zu absolvieren haben. Aus der beschaulichen Betrachterperspektive an der Bande schaue ich mir die Wunderläufer an – außerirdisch!
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La Transjurassienne in Mouthe/FRA 11.02.2012 - 12.02.2012
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Int. Tiroler Koasalauf in St. Johann/AUT 11.02.2012 - 12.02.2012
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