Tour de Ski – hautnah erlebt
Norbert Gütlein am 08.01.2007 - 14:46 Uhr
Das neue Sportereignis Tour de Ski macht Station in Oberstdorf, das liegt fast vor meiner Haustür – ein Muss für mich, als Zuschauer dabei zu sein. Schon am Tag vor dem ersten Rennen treibt mich die Neugier ins Langlaufstadion.
Das Wetter könnte schlechter nicht sein: Dauerregen und Sturmböen. Trotzdem trainieren viele Teams auf dem Kunstschneeband in der fast grünen Landschaft, darunter auch einige Deutsche. Jens Filbrich und Axel Teichmann kann ich beim Skitest beobachten. Sie wirken extrem konzentriert, nehmen ihre Umgebung fast nicht wahr. Etwas mehr von dieser Welt, aber im weiten Rund des Stadions verloren und einsam kommt mir der Sprinter Johannes Bredl vor, zu diesem Zeitpunkt der bestplatzierte Deutsche. Als er die Strecke verlässt, ergibt sich ein kurzer Dialog. Mit seiner Leistung in München ist er sehr zufrieden, für morgen wünscht er sich eigentlich nur eins: durchkommen.
Die Bedeutung seiner Worte wird mir erst am nächsten Tag bei der 2 x 10 km Verfolgung klar. Wie schwer es für einen reinrassigen Sprinter angesichts der entfesselt die steilen Oberstdorfer Berge hinaufstürmenden Distanzläufer ist, wird schnell deutlich. Tapfer stemmt sich der junge Bayerwälder gegen die auf der kurzen 2,5 km-Schleife drohende Überrundung, aber als die Spitzengruppe in die letzte Runde geht, ist er doch eingeholt. Sein Ausscheiden, übrigens gemeinsam mit dem Sieger von München, Christoph Eigenmann, bleibt im Hexenkessel des Stadions unbemerkt. Die Doppelverfolgung hat sich zum Oberstdorfer Hauptereignis entwickelt, schließlich findet dieser Wettbewerb seit der Vor-WM 2004 (damals gewann übrigens René Sommerfeldt), nun schon zum vierten Mal in Folge statt. Die spektakuläre WM-Strecke scheint wie geschaffen für diesen Wettkampf. Die Zuschauer haben ihre Lektion gelernt, der lang gezogene Schrei, wenn die Spitzengruppe über die Scheidbrücke ins Stadion „fliegt“ ist ein Markenzeichen geworden. Das Herrenrennen lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Man möchte meinen, das deutsche Spitzentrio versuche so etwas wie eine Teamtaktik. Vorne macht Jens Filbrich die Pace, dahinter folgt Tobias Angerer. Axel Teichmann beschließt die Spitzengruppe. Ob so geplant oder nur von mir so empfunden, als Tobias Angerer vor meinen Augen in der Abfahrt stürzt, zeigt sich der Vorteil dieser Konstellation. Nachdem sich der Gestürzte aufgerappelt hat, führt ihn Axel Teichmann wieder an die Spitzengruppe heran. Der Aufforderung von Moderator Jens Zimmermann hätte es nicht bedurft, das Publikum feuert „Toobii“ frenetisch an. Im knappen Finish reicht es dann auch noch zum umjubelten dritten Platz.
Deutlich gedämpfter ist die Atmosphäre am folgenden Tag. Daran ist zunächst der Neuschnee schuld, der über Nacht gefallen ist und der auch während des Rennens reichlich niedergeht. Auch der Ausfall von Axel Teichmann drückt auf die Stimmung. Außerdem sind es schließlich Einzelstartrennen, die heute hier über die Bühne gehen, nach den Massenstarts des Vortags gewissermaßen ein Rückfall in alte Zeiten. Wie muss das erst gewesen sein, als die Läufer früher nach dem Start im Wald verschwanden und erst zum Zieleinlauf wieder auftauchten? Auf der kurzen Oberstdorfer Runde ist aber auch ein Einzelstartrennen interessant, zudem versteht es der Stadionsprecher Kjell-Erik Kristiansen, der heute zu großer Form aufläuft, die Angelegenheit spannend zu halten. Für mich als aktiven Langläufer hat der Einzelstart übrigens durchaus seine Reize. Anders als im großen Feld kann man die Läuferinnen und Läufer einzeln beobachten und sich das eine oder andere abschauen. Gerade die Deutschen sind stilistisch derzeit Ton angebend, Videos der Deutschen gehören bei anderen Teams zum Standard-Anschauungsmaterial.
Das Damenrennen mit dem Sieg von Petra Majdic und guten Platzierungen von Viola Bauer und Evi Sachenbacher-Stehle dient gewissermaßen zum Aufwärmen für das Herren-Einzel. Die Sprinter haben es dabei heute etwas einfacher – sie können nicht überrundet werden. Das verleitet das schwedische Duo Björn Lind und Peter Larsson dazu, die Strecke gemeinsam im Skiwandertempo zu absolvieren, von Kjell-Erik Kristiansen bei jedem Zieldurchlauf mit ätzenden Kommentaren bedacht. An der Spitze wird das Rennen von den Deutschen dominiert: zunächst von René Sommerfeldt, dann von Franz Göring und schließlich von Tobias Angerer, der immer neue Zwischenbestzeiten vorlegt. Das Blatt wendet sich gegen Ende des Rennens. Da immer weniger Läufer auf der Strecke sind und der Schneefall noch stärker wird, werden die Spitzenläufer regelrecht ausgebremst. Tobias Angerer spielt den Schneepflug für seine stärksten Konkurrenten, die trotzdem Mühe haben, an ihm dran zu bleiben. Der alte Fuchs Kjell-Erik Kristiansen hat die Situation schnell erkannt und gratuliert Franz Göring schon vorab zum ersten Weltcupsieg. Als Tobi Angerer, der vom Sprecher so titulierte „König von Bayern“ schließlich mit seinem Gefolge ins Stadion kommt, bleibt er mit einer Gewaltleistung knapp unter der Zeit von Eldar Roenning und macht damit den deutschen Dreifachtriumph perfekt.
Als die Siegerpräsentation vorbei ist und das Publikum in Scharen in Richtung Oberstdorf strömt, hält es mich nicht mehr auf den Zuschauerrängen. Ich hole meine Ski aus dem in der Nähe abgestellten Auto und gehe auf die von den Läufern verlassene Strecke. Der erste Eindruck ist, dass die Spur nach den beiden Rennen reichlich gelitten hat, sie erinnert mich mehr an die Feld, Wald und Wiesen-Wettbewerbe meiner Jugend. Vor allem die Abfahrten sind durch den Neuschnee äußerst glatt und tückisch. Ein Mal laufe ich die Original-Schleife bevor sich die Erkenntnis durchsetzt, dass das Hardcore-Gelände rund um Egli-Hügel und Burgstall nicht gerade das Richtige für einen Hobbyläufer ist, um seine Grundlagenausdauer zu verbessern und ich mich in das sanftere Gelände der Zimmeroy zurückziehe. Dort hat der rührige Oberstdorfer Loipendienst nach Ende der Schneefälle eine astreine Spur gezogen. Gelegentlich schauen noch einige Weltcupläufer beim Auslaufen vorbei, ansonsten gehört die Strecke nun dem zahlreich vertretenen Allgäuer Langlaufnachwuchs.
Das Wetter könnte schlechter nicht sein: Dauerregen und Sturmböen. Trotzdem trainieren viele Teams auf dem Kunstschneeband in der fast grünen Landschaft, darunter auch einige Deutsche. Jens Filbrich und Axel Teichmann kann ich beim Skitest beobachten. Sie wirken extrem konzentriert, nehmen ihre Umgebung fast nicht wahr. Etwas mehr von dieser Welt, aber im weiten Rund des Stadions verloren und einsam kommt mir der Sprinter Johannes Bredl vor, zu diesem Zeitpunkt der bestplatzierte Deutsche. Als er die Strecke verlässt, ergibt sich ein kurzer Dialog. Mit seiner Leistung in München ist er sehr zufrieden, für morgen wünscht er sich eigentlich nur eins: durchkommen.
Die Bedeutung seiner Worte wird mir erst am nächsten Tag bei der 2 x 10 km Verfolgung klar. Wie schwer es für einen reinrassigen Sprinter angesichts der entfesselt die steilen Oberstdorfer Berge hinaufstürmenden Distanzläufer ist, wird schnell deutlich. Tapfer stemmt sich der junge Bayerwälder gegen die auf der kurzen 2,5 km-Schleife drohende Überrundung, aber als die Spitzengruppe in die letzte Runde geht, ist er doch eingeholt. Sein Ausscheiden, übrigens gemeinsam mit dem Sieger von München, Christoph Eigenmann, bleibt im Hexenkessel des Stadions unbemerkt. Die Doppelverfolgung hat sich zum Oberstdorfer Hauptereignis entwickelt, schließlich findet dieser Wettbewerb seit der Vor-WM 2004 (damals gewann übrigens René Sommerfeldt), nun schon zum vierten Mal in Folge statt. Die spektakuläre WM-Strecke scheint wie geschaffen für diesen Wettkampf. Die Zuschauer haben ihre Lektion gelernt, der lang gezogene Schrei, wenn die Spitzengruppe über die Scheidbrücke ins Stadion „fliegt“ ist ein Markenzeichen geworden. Das Herrenrennen lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Man möchte meinen, das deutsche Spitzentrio versuche so etwas wie eine Teamtaktik. Vorne macht Jens Filbrich die Pace, dahinter folgt Tobias Angerer. Axel Teichmann beschließt die Spitzengruppe. Ob so geplant oder nur von mir so empfunden, als Tobias Angerer vor meinen Augen in der Abfahrt stürzt, zeigt sich der Vorteil dieser Konstellation. Nachdem sich der Gestürzte aufgerappelt hat, führt ihn Axel Teichmann wieder an die Spitzengruppe heran. Der Aufforderung von Moderator Jens Zimmermann hätte es nicht bedurft, das Publikum feuert „Toobii“ frenetisch an. Im knappen Finish reicht es dann auch noch zum umjubelten dritten Platz.
Deutlich gedämpfter ist die Atmosphäre am folgenden Tag. Daran ist zunächst der Neuschnee schuld, der über Nacht gefallen ist und der auch während des Rennens reichlich niedergeht. Auch der Ausfall von Axel Teichmann drückt auf die Stimmung. Außerdem sind es schließlich Einzelstartrennen, die heute hier über die Bühne gehen, nach den Massenstarts des Vortags gewissermaßen ein Rückfall in alte Zeiten. Wie muss das erst gewesen sein, als die Läufer früher nach dem Start im Wald verschwanden und erst zum Zieleinlauf wieder auftauchten? Auf der kurzen Oberstdorfer Runde ist aber auch ein Einzelstartrennen interessant, zudem versteht es der Stadionsprecher Kjell-Erik Kristiansen, der heute zu großer Form aufläuft, die Angelegenheit spannend zu halten. Für mich als aktiven Langläufer hat der Einzelstart übrigens durchaus seine Reize. Anders als im großen Feld kann man die Läuferinnen und Läufer einzeln beobachten und sich das eine oder andere abschauen. Gerade die Deutschen sind stilistisch derzeit Ton angebend, Videos der Deutschen gehören bei anderen Teams zum Standard-Anschauungsmaterial.
Das Damenrennen mit dem Sieg von Petra Majdic und guten Platzierungen von Viola Bauer und Evi Sachenbacher-Stehle dient gewissermaßen zum Aufwärmen für das Herren-Einzel. Die Sprinter haben es dabei heute etwas einfacher – sie können nicht überrundet werden. Das verleitet das schwedische Duo Björn Lind und Peter Larsson dazu, die Strecke gemeinsam im Skiwandertempo zu absolvieren, von Kjell-Erik Kristiansen bei jedem Zieldurchlauf mit ätzenden Kommentaren bedacht. An der Spitze wird das Rennen von den Deutschen dominiert: zunächst von René Sommerfeldt, dann von Franz Göring und schließlich von Tobias Angerer, der immer neue Zwischenbestzeiten vorlegt. Das Blatt wendet sich gegen Ende des Rennens. Da immer weniger Läufer auf der Strecke sind und der Schneefall noch stärker wird, werden die Spitzenläufer regelrecht ausgebremst. Tobias Angerer spielt den Schneepflug für seine stärksten Konkurrenten, die trotzdem Mühe haben, an ihm dran zu bleiben. Der alte Fuchs Kjell-Erik Kristiansen hat die Situation schnell erkannt und gratuliert Franz Göring schon vorab zum ersten Weltcupsieg. Als Tobi Angerer, der vom Sprecher so titulierte „König von Bayern“ schließlich mit seinem Gefolge ins Stadion kommt, bleibt er mit einer Gewaltleistung knapp unter der Zeit von Eldar Roenning und macht damit den deutschen Dreifachtriumph perfekt.
Als die Siegerpräsentation vorbei ist und das Publikum in Scharen in Richtung Oberstdorf strömt, hält es mich nicht mehr auf den Zuschauerrängen. Ich hole meine Ski aus dem in der Nähe abgestellten Auto und gehe auf die von den Läufern verlassene Strecke. Der erste Eindruck ist, dass die Spur nach den beiden Rennen reichlich gelitten hat, sie erinnert mich mehr an die Feld, Wald und Wiesen-Wettbewerbe meiner Jugend. Vor allem die Abfahrten sind durch den Neuschnee äußerst glatt und tückisch. Ein Mal laufe ich die Original-Schleife bevor sich die Erkenntnis durchsetzt, dass das Hardcore-Gelände rund um Egli-Hügel und Burgstall nicht gerade das Richtige für einen Hobbyläufer ist, um seine Grundlagenausdauer zu verbessern und ich mich in das sanftere Gelände der Zimmeroy zurückziehe. Dort hat der rührige Oberstdorfer Loipendienst nach Ende der Schneefälle eine astreine Spur gezogen. Gelegentlich schauen noch einige Weltcupläufer beim Auslaufen vorbei, ansonsten gehört die Strecke nun dem zahlreich vertretenen Allgäuer Langlaufnachwuchs.
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