Transviamala - Durch die wilde Schlucht

Norbert Gütlein am 25.10.2006 - 22:35 Uhr
Sonntagmorgen, 10:30 Uhr, Hauptstraße in Thusis, Graubünden. Bereits eine Viertelstunde von dem Start des Nordic Walking-Rennens stehen die 400 Teilnehmer dicht gedrängt an der Startlinie.

Ich hätte mich gerne noch weiter oben in der Sonne warmgelaufen, aber bei so viel Andrang versuche ich, mir ein Plätzchen im vorderen Teil des Pulks zu ergattern. Ein Bekannter findet sich kurz vor dem Start auch noch ein: Michael Epp, Nordic Walking-Trainer aus dem schwäbischen Altshausen. Ein Ausdauersportler, der sich auf diese Art von Wettbewerben spezialisiert hat. Zweiter Platz beim Graubünden Walk aufs Rothorn, Sieger beim Nordic Extreme Walking auf die Zugspitze. Klar, dass er es heute hier wissen will.

Viktor Röthlin, der Schweizer Marathonmeister und Olympiateilnehmer hebt schließlich die Startpistole und schickt uns auf die Strecke. Ein exklusives Rennen beginnt, das in der Schweiz längst Kultstatus genießt. Jeweils 400 Läufer und Nordic Walker dürfen jedes Jahr auf die geschichtsträchtige Strecke durch eine der spektakulärsten und bekanntesten Schluchten der Alpen – die Viamala. Die Versuche römischer Heere oder mittelalterlicher Säumer, einen Weg durch die eigentlich ungangbare Schlucht zu finden, sind noch ebenso sichtbar, wie die Zeugnisse neuzeitlicher Ingenieurskunst. Der erste Streckenabschnitt führt uns zu einem solchen Baudenkmal, die alte Kommerzialstraße aus dem Jahr 1823 durch das „verlorene Loch“. Auf den noch flachen Ortsstraßen legt die Spitzengruppe ein höllisches Nordic Jogging-Tempo vor. Ich hänge mich an, um von dem großen Läuferfeld erst mal weg zu kommen. In der Schlucht steigt die Straße dann mit gleichmäßiger Steigung an. Auf dem alten rissigen Asphalt halten die Teerspitzen recht gut. Micha Epp und der Vorjahresschnellste Stefan Durisch liefern sich einen verbissenen Zweikampf an der Spitze. Von hinten drücken einige Teilnehmer nach, vorerst kann ich noch mithalten. Nach der ersten Überquerung des Rheins kommt ein Steilstück, das es in sich hat. Über große Blockstufen – laut Veranstalter sind auf der Strecke insgesamt 589 Steinstufen zu überwinden – geht es steil nach oben. Eine ebene Traverse führt dann ausgesetzt an der Schluchtwand entlang. Links überhängende Felswände, rechts der Abgrund. Überholen ist hier nicht möglich. Das für ängstliche Wanderer gespannte Drahtseil ignorieren wir, wegen der Stöcke haben wir ohnehin keine Hand frei. Eine kurze Bergab-Passage führt zur Straße, auf der der Rhein in schwindelnder Höhe erneut überquert wird. Ich laufe mit Absicht ganz nah am Geländer. Die hunderte Meter hohen glatten und abweisenden Felswände und das enge Flussbett mit seinen Wasserfällen zeigen, warum die Viamala einen so schlechten Ruf genießt. Jetzt geht es steil runter und dann auf der kühnen Hängebrücke Punt da Suransuns erneut über den Fluss. Ein steiler Aufstieg durch dichten Fichtenwald führt zum Ende der Viamala. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Nach der dunklen Enge der Schlucht öffnet sich nun das breite, sonnendurchflutete Schamsertal. Was müssen erst die Säumer gedacht haben, wenn sie diesen Punkt erreichten. Möglicherweise haben sie St. Martin in Zillis aufgesucht und ihrem Herrgott für die sichere Passage gedankt. Die Kirche gibt es seit dem 6. Jahrhundert, wegen ihrer Deckengemälde aus dem 12. Jahrhundert ist sie weltberühmt. Ich bräuchte auch etwas höheren Beistand, denn ich muss mir eingestehen, dass ich zur Streckenhälfte schon reichlich platt bin. Auch im eher lieblichen Schamsertal geht es beständig auf und ab. Wegen der großartigen Landschaft und der interessanten Streckenführung genieße ich trotzdem jeden Augenblick des Rennens.

Die Walker dürfen schon hinter der Ortschaft Pignia wenden. Auf der anderen Talseite geht es noch einmal kernig bergauf. Der Puls rauscht wieder nach oben. Aua, das tut weh! Ich beiße die Zähne zusammen und werde erneut belohnt. Aus dem dichten Laubwald taucht unversehens das Kirchlein von Clugin auf, ein architektonisches Kleinod. Auf der folgenden Serpentinenstraße kann ich mein Tempo halten. Die Zuschauer feuern mich mit Kuhglocken an. Ich bin trotzdem nicht böse, als ich das Ziel in Donat erreicht. Der Veranstalter des Transviamala, der Skiclub US Tumpriv, hat an alles gedacht. Eine improvisierte Dusche in der Autowerkstatt (mit heißem Wasser!), Bündner Spezialitäten in einem Säumer-Fazalet für jeden Teilnehmer und die berühmten Pizzokels bauen die erschöpften Wettkämpfer wieder auf. Das sommerlich warme Wetter lädt zum gemütlichen Hock mit den Konkurrenten ein. Micha Epp ist seinen „Begleiter“ nicht losgeworden. Zeitgleich sind die beiden nach fast 16 Kilometern über die Ziellinie gegangen. Die über 13 Minuten Vorsprung auf den Drittplatzierten zeigen, wie sehr es sich die beiden gegeben haben.

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