Verschollen in Betzenstein

Norbert Gütlein am 18.12.2005 - 09:44 Uhr
Eine fränkische Weihnachtsgeschichte

Zu den Traditionen in meiner Familie gehört es, dass wir die Weihnachtstage bei meiner Mutter in meiner alten Heimat in Erlangen verbringen. Vor einigen Jahren lag das Frankenland an Weihnachten ausnahmsweise unter einer kräftigen Schneedecke. Aus diesem Grund gehörte auch ein Paar Klassik-Langlaufski zu meinem Reisegepäck.

Gegen den leisen Protest des Restes der Familie begebe ich mich am Heiligabend gegen Mittag zu einer Trainingsrunde in die Fränkische Schweiz. Auf der Suche nach gut gespurten Loipen fahre ich nach Spies. Die Erwartung wird voll erfüllt und bald befinde ich mich auf den frisch gespurten Rillen.

Eine sehr schöne wellige Spur führt Richtung Norden. Der in dieser Gegend ausgesprochen reizvolle Wechsel von bewaldeten, felsigen Hügeln und baumfreien Senken, beschienen von einer milden Wintersonne löst in mir eine regelrechte Laufeuphorie aus. Immer weiter entferne ich mich von meinem Ausgangspunkt, bis die Loipe, nach dem Überqueren einer Straße sich wieder nach Süden wendet. Ich habe keine Ahnung, wo ich mich exakt befinde, aber die Sonne zeigt mir, dass die Richtung stimmt. Später entnehme ich einem Ortsschild, dass ich mich am Rande von Betzenstein bewege, das das Zentrum dieses Loipennetzes darstellt. Nach dem mehrfachen Überqueren von Straßen gerate ich dann doch etwas in Zweifel über die Exaktheit meines inneren Kompasses. Entgegenkommende Skiwanderer können mir nicht helfen, einer schließlich hat eine Loipenkarte dabei. Erschreckt stelle ich fest, dass ich noch recht weit zu meinem Fahrzeug zu laufen habe, und eine Rückkehr bei Tageslicht, angesichts der schon fortgeschrittenen Stunde knapp werden würde.

Ich präge mir den weiteren Verlauf ein: Vor der nächsten Ortschaft scharf links, dann wieder rechts und später entlang einer Straße zurück zum Ausgangspunkt. Beim Herannahen an den Ort ist die Abzweigung nicht zu finden. Nur eine einsame Trittspur verliert sich im Unterholz. Ich erreiche den Ort und frage am ersten Haus nach dem weiteren Verlauf. Eine freundliche Dame rät mir, den Ort zu durchqueren, und am anderen Ende den Hügel hinauf zu laufen. Ich bin skeptisch, folge aber dem Rat, weil ich es nun wirklich nicht besser weiß. Einige Passanten an einer Bushaltestelle sind genauso ratlos wie ich. Am anderen Ortsrand führt eine steile apere Straße den Berg hinauf zu einem Sattel. Weit und breit ist keine Loipe mehr zu sehen. Immerhin ist die Straße ab dem Scheitelpunkt schneebedeckt. Ich schnalle meine Ski wieder an und fahre auf der Straße zum nächsten Ort ab.

Das war wohl keine gute Idee. Beim näher kommen sehe ich klar, dass hier keine Langlaufspur hinein- oder herausführt. Der Ort wirkt wie ausgestorben. Vor einem Haus spielen Kinder im Schnee. Ich ernte nur Staunen auf meine Frage nach dem richtigen Weg. Die hinzu gerufene Mutter weiß es nicht besser und holt ihren Mann. Der erscheint mit Schlabberhose und Pantoffeln, reichlich unwirsch über die Störung. Ich schildere ihm mein Problem. Ja, ganz klar: Oben am Sattel ginge der Weg nach „Rahbertsgsee“ (auf Deutsch Reipertsgesee). Von dort sei es nur noch ein kurzes Stück nach Spies. Nach dieser Ansage verzieht sich die gesamte feststellbare Population des Ortes ins Haus.

Sollte ich etwas übersehen haben? Ich bin mir nicht sicher, bin aber nun schon fast schicksalhaft auf die Aussagen der Ortskundigen angewiesen. Auf der schneebedeckten Straße skate ich zurück zum Sattel. Dort ist zunächst nichts zu entdecken. Als ich schon resigniert abdrehen will, entdecke ich im Tiefschnee doch die Andeutung eines Waldwegs und eine verwaschene Wanderweg-Markierung. Das könnte der Weg in den besagten Ort sein. Jetzt trifft mich die ganze Wucht der Realität: Die Sonne ist schon lange untergegangen, es ist fast dunkel und natürlich dementsprechend kalt. Meinem sportlichen Training entsprechend, bin ich eher leicht bekleidet und natürlich richtig durchgeschwitzt. Außer dem Autoschlüssel und einem Päckchen Papiertaschentüchern habe ich keine Ausrüstung dabei. Soll ich es unter diesen Umständen wagen, einen ungespurten, dunklen Waldweg durch eine unbekannte Gegend zu begehen? Werde ich dann im nächsten Frühjahr als fränkischer Ötzi wieder entdeckt? Visionen von Polizisten und Bergwachtmännern, die, nach Stunden von meiner Familie alarmiert, am Heiligabend die weiträumige Gegend nach mir absuchen müssen, tauchen auf. Gibt es hier Hubschrauber mit Wärmebildkameras? Nein, ich werde die Zivilisation nicht verlassen. Ich beschließe, meine Energie auf das Management der Eingeborenen zu lenken.

Wohin nun? Aus Bequemlichkeit entscheide ich mich für den schneebedeckten Teil der Straße, trotz des beim ersten Versuch eher unfreundlichen Empfangs. Der Franke ist ob seiner mürrischen Sprödheit bundesweit verschrien. Aber, so wird immer wieder eingewendet, wenn man ihn näher kenne, könne er auch herzlich und hilfsbereit sein. Ich hoffe auf letzteres. Nach einer weiteren Schussfahrt in den Ort klingle ich meinen neuen Bekannten heraus. Eindringlich schildere ich ihm mein Problem. Störrisch und schweigsam sieht er mich an. Nach längeren Pausen dann: Ja, da muss ich Sie wohl zum Parkplatz fahren. Bingo! Vor Dankbarkeit wäre ich fast auf die Knie gesunken. Ich feiere innerlich meine Rettung aber mein Gegenüber steht immer noch da, Hände in den Taschen, Mundwinkel bis zum Erdboden, macht keine Anstalten, seine Ankündigung in die Tat umzusetzen. Dann plötzlich hellt sich seine Miene auf. Hinter mir ist ein Fahrzeug aufgetaucht. Es ist der örtliche Jagdpächter, der seine weihnachtliche Tour bei den Bauern und Waldbesitzern macht. Die Aussicht, die lästige Aufgabe weiterdelegieren zu können, treibt meinen Gesprächspartner an und er übernimmt von sich aus die Verhandlungen. Selbstverständlich bringt mich der hilfsbereite Waidmann zu meinem Auto. Schnell sind die Ski in seinem Geländewagen verladen und ich sitze im geheizten Inneren. Mein „Retter“ schaltet den Allradantrieb ein und wühlt sich querfeldein über zugewehte Feldwege und durch Traktorfurchen, bis er die Straße zum Parkplatz erreicht. Über die Landstraße wäre es ein stundenlanger Fußmarsch gewesen, bedeutet er mir. Ich weiß gar nicht, wie ich ihm danken soll.

Bei der weiteren Heimfahrt entdecke ich dann im Scheinwerferlicht einen Langläufer am Straßenrand, der seine Ski trägt. Sollte ich nicht der einzige Gestrandete an diesem Abend sein? Ich halte an und biete meine Hilfe an. Nein, bedankt sich der einsame Fußgänger für mein Angebot. Er komme aus dem nächsten Ort und sei in wenigen Minuten zu Hause.

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