Volksskilauf 2008/2009: Eine statistische Analyse

Norbert Gütlein am 30.06.2009 - 12:28 Uhr

Jedes Jahr nehmen viele tausend Volksläufer an Rennen wie dem Vasalauf oder regionalen Wettbewerben teil. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage: Wer bevorzugt was? Wohin zieht es die Deutschen? Was machen die Frauen? (Zum Anzeigen der Grafiken einfach im Text auf den Namen der Abbildung klicken)

Gute Saison
Vom Wetter und der Schneelage begünstigt war die Volkslaufsaison 2008/2009. Bereits ab Ende November herrschten gute Schneeverhältnisse, die sich im Saisonverlauf durchwegs noch verbesserten. Mit ganz wenigen Ausnahmen konnte das Rennprogramm wie geplant realisiert werden. Der Steiralauf in Bad Mitterndorf war das einzige Ereignis, das abgesagt werden musste. In allen anderen Fällen, wo es zu wenig oder zu viel Schnee gab, konnten die Rennen durch Terminverschiebung oder Änderung der Strecken gerettet werden.

Worldloppet
Unangefochtener König unter den Langlaufserien ist der populäre Worldloppet. Bei der Generalversammlung der Organisation am 14. Juni 2009 in Gatineau wurde bekannt, dass insgesamt 101.500 Läufer in der abgelaufenen Saison an den Start gegangen waren. Den Löwenanteil haben sich dabei die europäischen Rennen herausgepickt, und unter diesen rangiert der Vasalauf, wie in Abb. 1 eindrucksvoll zu sehen ist, mit weitem Abstand an erster Stelle. Beim Vasalauf ist dabei die Zahl der gestarteten Läufer aufgetragen, bei den anderen Rennen die der Finisher. Auch die hier nicht mitbetrachteten Rennen in Übersee würden an dem gezeigten Bild nichts ändern. Allenfalls das Birkebeinerrennet und der Engadin Skimarathon kommen überhaupt in die Nähe des schwedischen Großereignisses, aber auch nur, wenn man ausschließlich die jeweiligen Hauptläufe wertet. Aber nicht im eigentlichen Vasalauf, dessen Teilnehmerzahl sich nicht mehr steigern lässt, liegt das Erfolgsgeheimnis der Schweden, sondern in den vielen weiteren Rennen der Vasalauf-Woche, einem System, das von anderen Veranstaltern in Ansätzen kopiert, aber in keinem Fall auch nur annähernd erreicht wird. Zu den Gewinnern der Saison zählen auch der Jizerska Padesatka und das Birkebeinerrennet, das einen historischen Teilnehmerrekord verzeichnete. Die anderen Rennen konnten sich behaupten, beim Engadin Skimarathon hingegen setzte sich der seit einigen Jahren beobachtbare stetige Abwärtstrend fort. Der König Ludwig Lauf verzeichnete einen geringen Rückgang, blieb aber im Bereich des Durchschnitts der Vorjahre. Das gleiche gilt für den Dolomitenlauf, wobei dieser, als deutliches Schlusslicht der europäischen Worldloppets, nach wie vor weit von seinen besten Zeiten entfernt ist.

Euroloppet
Nicht ganz so deutliche Unterschiede bei den Teilnehmerzahlen gibt es im Euroloppet. In Abb. 2 ist aber zu erkennen, dass die Euroloppet-Rennen, die auch im Worldloppet vertreten sind, die „reinen“ Euroloppets diesbezüglich weit übertreffen. Letztere Rennen, sowie der Dolomitenlauf, der nicht von seinem Status als Angehöriger des Worldloppet profitieren kann, erreichen durchwegs zwischen 1.000 und 2.000 Finisher. Der Toksovo Skimarathon verbleibt als einziger deutlich unter dieser Marke und bildet damit das Schlusslicht des Euroloppet. Gut organisierte und über Jahre gepflegte Veranstaltungen wie der Skadi Loppet, der Gommerlauf und der Gsieser Tal Lauf nähern sich der Zweitausender-Grenze. Bei den letztgenannten Rennen zeigt sich die jugendlich frische Identität des Euroloppet am besten. Man ergreift die Chance, losgelöst von den zum Teil starren Traditionen des Worldloppet, das Gesamtprodukt sowie die einzelnen Rennen stetig weiterzuentwickeln und sich auf die sich immer schneller verändernden Rahmenbedingungen einzustellen. Zu hinterfragen ist die sehr starke Überschneidung mit dem Worldloppet, die dem Euroloppet zwar Teilnehmer bringt, seine Identität aber auch stark verwässert.

Erfolgreiche DSV-Serie
Anders als manche Passinhaber der internationalen Serien schaffen es die meisten Langläufer nicht, an jedem Wochenende Großereignissen hinterher zu reisen. Sie suchen daher die Herausforderung bei den Rennen, die in bequemer Entfernung vom eigenen Wohnort zu erreichen sind. Dies stellt die Lebensgrundlage für die lokalen Rennen dar, die, mit oder ohne Zugehörigkeit zu einer nationalen Serie, die Basis der Volkslaufszene in Europa bilden. Auf eine mittlerweile 12-jährige Erfolgsgeschichte blickt die unter dem Dach des DSV veranstaltete Skilanglaufserie zurück. In deren Statistik (Abb. 3) ragen die beiden Rennen hervor, die auch in den internationalen Serien vertreten sind. Bemerkenswert ist, dass der Kammlauf nach zweijähriger Pause aus dem Stand gleich wieder eintausend Teilnehmer verzeichnen konnte, ein Niveau, das der Skitrail Tannheimer Tal – Bad Hindelang, eine deutsche Veranstaltung auf österreichischem Boden, seit Jahren annähernd konstant aufweist. Mit einigem Abstand folgen der Erzgebirgs-Skimarathon und der Rennsteiglauf. Eindrucksvoll sind die von der Serie gemeldeten Zahlen: 4.982 individuelle Teilnehmer konnten bei den 12 Rennen registriert werden. Insgesamt 316 Läufer wurden für die Teilnahme an mehreren Rennen mit Medaillen in Gold, Silber und Bronze ausgezeichnet.

Weitere deutsche Rennen
Zusätzlich zu den Rennen der DSV-Serie konnte nach zweijähriger Abstinenz wieder einmal der legendäre Rucksacklauf auf der 100 km langen Strecke des Schwarzwälder Ski-Fernwanderwegs ausgetragen werden. 95 Läuferinnen und Läufer unterzogen sich der auch beträchtliche Höhenmeter umfassenden Herausforderung. Weitere 208 Finisher bevorzugten die 60 km lange Strecke des „kleinen Rucksacklaufs“ zwischen Schonach und Hinterzarten, dem Überbleibsel des einst stolzen Schwarzwälder Skimarathons. Da die mit geringem logistischem Aufwand organisierte Veranstaltung den Kriterien für einen regulären Skimarathon nicht genügt, sind die Schwarzwälder vor einigen Jahren aus der DSV-Serie geflogen. Vielleicht setzt sich in der Wiege des deutschen Skisports irgendwann einmal die Erkenntnis durch, dass die wetteranfällige Strecke am Schwarzwaldkamm nicht die Grundlage für einen regelmäßig ausgetragenen Wettbewerb sein kann und vielleicht ringt man sich auch dazu durch, auf einer der schneesicheren Höhenloipen dieses herrlichen Mittelgebirges einen überregionalen Wettbewerb zu etablieren, der dann wieder seinen verdienten Platz in der deutschen Rennserie einnehmen könnte. Ein Ansatzpunkt wäre zum Beispiel der Albtäler Skimarathon, der mit insgesamt 197 klassierten Teilnehmern 2009 eine Art Wiederauferstehung feierte. Mit drei Austragungen noch relativ neu in der Szene ist der Voralpen-Skimarathon. Dieser lockte heuer 283 Skisportler auf die recht anspruchsvollen Halbmarathon- und Marathonstrecken um Buchenberg im Allgäu.


Aktivitäten in den Nachbarländern
Anders als in Deutschland gibt es in Österreich keine nationale Rennserie. Als Atomic Tropy firmieren einige Rennen, deren Gemeinsamkeiten sich auf diesen Werbeauftritt beschränken, eine Serienwertung sucht man vergeblich. Wie Abb. 4 zeigt, ist die Größe der Veranstaltungen recht unterschiedlich. Gerade noch als erster durchs Ziel geht der Dolomitenlauf, hart verfolgt vom Koasalauf. Beachtliche Resonanz um die 1.000 Teilnehmer erfahren der Skitrail und der Ganghoferlauf, die weiteren Rennen liegen im Mittelfeld, haben nur lokale Bedeutung oder kratzen hart am Rande des Existenzminimums. Die zum Teil prominente Besetzung der Startfelder zeigt, dass die österreichischen Ereignisse durchaus hohen sportlichen Rang genießen. Was fehlt, ist hauptsächlich die Mobilisierung der einheimischen Läufer. Die Analyse der Rennen ergibt, dass neben dem „deutschen“ Skitrail auch die anderen Ereignisse erheblich von ausländischen Teilnehmern leben. Beim Dolomitenlauf sind es die Worldloppet-Enthusiasten aus aller Herren Länder, bei den in Nordtirol angesiedelten Events sind es wiederum die Deutschen, die den Rennen ihren Stempel aufdrücken. Die einst so große Langlaufnation Österreich leidet sichtlich an einer personellen Auszehrung. Zum Glück gibt es jedoch auch Positives aus der Alpenrepublik zu berichten. Auf der Plus-Seite stehen die überraschend hohe Resonanz beim Ganghoferlauf 2009 und das hohe Augenmerk, das man den Kinder- und Jugendrennen beimisst, eine Investition, die sich in der Zukunft sicher auszahlen wird. Die Frage, wie man dem Dolomitenlauf wieder zur alten Bedeutung verhelfen könnte, dürfte nicht die einzige Hausaufgabe in unserem Nachbarland sein. Ebenfalls auf der Agenda könnte das Problem der Schneesicherheit beim Koasalauf stehen oder die Herausforderung, wie man die Rennen in den relativ schneesicheren Orten Tannheim und Leutasch zu Ereignissen von internationaler Bedeutung ausbauen könnte. Eine Veränderung kündigt sich schon an. Unter dem Titel „Austria Loppet“ wird es im nächsten Jahr eine Serienwertung der drei Läufe Ramsauer Dachstein Volkslanglauf, Skimarathon Saalfelden und Internationaler Tauernlauf geben. Wie in Deutschland wird die Schweizer Volkslaufserie unter dem Dach des nationalen Skiverbands organisiert. Auch hier findet eine Punktewertung für die Spitzenläufer und eine Kilometerwertung für die Breitensportler statt. Dominiert wird der Swissloppet vom Engadin-Skimaraton, neben dem einzig der Gommerlauf einigermaßen bestehen kann. Die anderen acht Rennen erreichten 2009 zwischen 100 und 600 Teilnehmer. Man sollte aber nicht verkennen, dass die Schweizer Serie, deren Markenzeichen kurze schnelle Rennen in der freien Technik sind, ihr treues Stammpublikum an hochsportlichen Skatern hat. Die Mobilisierung des größeren Teils der Langlaufnation Schweiz gelingt jedoch nur beim Engadin Skimarathon. Eine bemerkenswerte Vitalität kann der italienischen Langlaufszene bescheinigt werden. Neben dem Mega-Ereignis Marchialonga und dem Euroloppet im Gsieser Tal gibt es vier weitere Veranstaltungen, die problemlos die Tausendermarke erreichen oder überschreiten. Eine Spezialität der italienischen Rennen sind die bei drei Veranstaltungen angebotenen Kombinationswertungen aus Läufen in der klassischen und freien Technik.

Frauen lieben die Kurzstrecke
Ein statistisch signifikanter Trend, der sich bei jedem beliebigen Rennen reproduzieren lässt, ist die Tatsache, dass Frauen die Kurzstrecken den Langstreckenrennen bei weitem vorziehen. Abb. 5 zeigt dies für eine Auswahl von Läufen beider Stilarten. Der Anteil der Frauen im Volkslauf liegt insgesamt bei ca. 17 %. Das ist wenig gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung und zeigt den Organisatoren den Weg auf, wie man in einem insgesamt gesättigten Markt noch Zuwächse erzielen könnte. Die meisten Veranstaltungen bieten heute Kurzstrecken an, wichtig ist es aber auch, diese attraktiv zu gestalten und angemessen zu präsentieren. Ein Nebeneffekt einer solchen Entwicklung könnte auch sein, die Attraktivität des Volksskilaufs für Neueinsteiger generell zu erhöhen.

Ja, wo laufen sie denn?
Böse Zungen behaupten, die größte deutsche Ski-Volkslaufveranstaltung sei der Engadin Skimarathon. An dieser Aussage ist auch einiges dran. Vor einigen Jahren, bevor die Anzahl der Deutschen beim Engadiner kontinuierlich abnahm, war dies tatsächlich so, es wäre heute noch der Fall, betrachtete man die Teilnehmerzahl bei den einzelnen Rennen. Berücksichtigt man hingegen die Beteiligung an den Gesamtveranstaltungen, liegen aktuell die beiden deutschen Top-Events, nämlich der König Ludwig Lauf und der Skadi Loppet, vor den Schweizern (Abb. 6). Die Deutschen als Reiseweltmeister verdienen diesen Titel auch im Volksskilauf. Sie sind bei fast jedem Rennen vertreten, stellen oft die neben dem Gastgeberland größte Teilnehmergruppe und sind durchschnittlich in höherer Zahl vertreten als die Läufer aus den anderen großen Langlaufnationen (Ausnahme: die Zahl der Norweger beim Vasalauf und beim Marchialonga ist nicht zu toppen). Ähnlich gut besucht wie viele deutsche Veranstaltungen sind die grenznahen Rennen in Österreich und der Tschechischen Republik.

Internationalität
Bei wenigen Sportarten zeigt sich der Völker verbindende Charakter des Sports so intensiv, wie beim Volksskilauf. Der prickelnden Atmosphäre im Startraum eines Euroloppet oder Worldloppet kann sich niemand entziehen. Freundschaften, die bei solchen Rennen geschlossen werden, halten oft ein Leben lang. Beim Worldloppet werden bis zu 40 teilnehmende Nationen gezählt, im Euroloppet liegt dieser Wert durchschnittlich bei über 20 und selbst bei lokalen Rennen nehmen im Durchschnitt Teilnehmer aus 6 Nationen teil. Die zweite Messgröße für den internationalen Erfolg einer Veranstaltung ist die absolute Anzahl an ausländischen Sportlern. Der prozentuale Anteil würde zu falschen Schlüssen führen, da die Gesamt-Teilnehmerzahl der betrachteten Rennen stark variiert. In Abb. 7, wo die in- und ausländischen Teilnehmer einiger europäischer Rennen des Worldloppet aufgetragen sind, zeigt sich, dass gerade die Rennen, die ein hohes Mobilisierungspotenzial auf nationaler Ebene haben, wie allen voran der Vasalauf und der Engadin Skimarathon, auch das internationale Teilnehmerfeld erfolgreich anzuziehen vermögen. Ähnliches gilt für die Rennen in Polen und Tschechien, während die Veranstaltungen in Finnland und Frankreich ihre große nationale Aufmerksamkeit nicht adäquat in eine internationale Beteiligung ummünzen können. Der Marchialonga, ebenfalls ein Rennen von großer nationaler Bedeutung, erscheint hier etwas verzerrt, was sicher an der strikten Teilnehmerbegrenzung liegt. Insbesondere der Dolomitenlauf, der eine gute internationale Ausstrahlung hat, verfügt bei den einheimischen Langläufern über keine ausreichende Attraktivität. Auch beim König Ludwig Lauf sollte man das Marketing in Richtung der einheimischen Langläufer verbessern, will man die Stellung des Marktführers im eigenen Land auf die Dauer halten.

Fazit
Eine vom Wetter begünstigte Saison 2009 hat gezeigt, dass der Langlaufsport in Europa auf hohem Niveau erfolgreich ist. In Nord- und Osteuropa sind sogar noch Zuwächse möglich, während in Mitteleuropa das Niveau annähernd konstant bleibt. Marktführer ist weiterhin der Worldloppet und innerhalb dessen der Vasalauf, dessen Erfolg von keiner anderen Veranstaltung erreicht wird. Der innovationsfreudige Euroloppet bietet gut geführten Events die Möglichkeit, internationale Aufmerksamkeit zu erlangen und sich dadurch weiterzuentwickeln. Hidden Champions gibt es aber auch unter den Rennen, die in keiner internationalen Serie zu finden sind. Die DSV-Skilanglaufserie hat ihr eigenes Gesicht und die Bindung an ihr treues Stammpublikum weiterentwickelt. Bleibt zu hoffen, dass die Organisatoren ihre Produkte weiterentwickeln und - was am wichtigsten ist – dass die Schneelage auch im nächsten Jahr die Rennen so begünstigt wie heuer.

Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1
Abbildung 2
Abbildung 3
Abbildung 4
Abbildung 5
Abbildung 6
Abbildung 7

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