Wettkampffieber
Mario Felgenhauer am 16.12.2003 - 06:12 Uhr„…this boy’s addicted and race is the trip …”
(frei nach Bon Jovi „Bad Medicine“)
„... dieser Junge ist abhängig und das Rennen ist seine Droge ...”
Wenn Schüler im Unterricht nicht mehr still sitzen können, wenn Studenten Vorlesungen schwänzen, wenn Soldaten, BGS und Zoll Beamte ihre Dienstwaffe gegen Langlaufski tauschen, dann ist es wieder ausgebrochen, das schlimmste Fieber das die Menschheit kennt: Das Wettkampffieber.
Bereits am Donnerstag werden die Sachen gepackt, meist eine übergroße Tasche, in der man locker ein Kleinkind schmuggeln könnte, den Wachskoffer, mit 30g Tuben (jede mit einem Wert über 150 Euro) und das Wichtigste den Skisack, mit den Brettern, die die Welt bedeuten. Der Vereinsbus wartet schon vor der Haustür. „Hab ich auch an alles gedacht? Ski, Schuhe, Wachs, LL-Anzug? Ok, jetzt aber los!“ Dann liegen einige Kilometer Straße vor uns und in den letzten Jahren werden diese Kilometer immer mehr. Österreich, Italien, Schweiz, wo man eben Schnee findet.
Tag 1: Das Training!
Die Ruhe vor dem Sturm. Am Morgen ist noch nicht alles so hektisch wie in den nächsten Tagen. Man besichtigt die Wettkampfstrecke und trifft alte Freunde (es soll da auch Leute geben die bei all dem Hallo und Hände schütteln kaum einmal die ganze Runde ablaufen können). Nach einem lockeren Training mit ein paar Sprints geht’s zurück ins Quartier. Nachmittags steht die Skipräparation auf dem Programm. Soweit man keinen Servicemann dabei hat, ist das auch gar nicht so ohne. Da können schon mal 2 Stunden zusammenkommen.
Am Abend dann der Höhepunkt: Die Verteilung der Startnummern. Das lässt sich auch kein Trainer nehmen, diese persönlich zu vergeben. Dazu kommt dann der ein oder andere Kommentar: „Du bist morgen der erste in deiner Gruppe, lass dich nur nicht einholen.“ „Du hast morgen den Peter Schlickenrieder hinter dir. Wenn er dich überholt, hängst dich dran!“ Der ein oder andere soll auch den alten Aberglauben pflegen, dass mit der Startnummer schlafen Glück bringen soll.
Tag 2: Race Day (zu deutsch: Renntag)
Früh morgens beginnt das Grauen. Jeder hasst ihn, aber gemacht wird er trotzdem: Der Frühsport. Ein bisschen Laufen und Stretching vor dem Frühstück. Dann eine Schüssel Müsli und 1-2 Semmeln (Brötchen), für den ein oder anderen tut’s auch ein Riegel. Ein letztes Mal zur Toilette und dann ab zur Strecke. Schnell die Ski getestet (es geht doch sowieso immer nur einer am Besten und das ist meistens der Älteste den man schon zig mal gelaufen ist), dann Warmlaufen und schon sind es nur noch 20 Minuten bis zum Start. Skimarkierung nicht vergessen! (ja ja woran man nicht alles denken muss!) Im Startbereich noch ein letzter Plausch mit den Kontrahenten: „Mir geht’s gar nicht gut, ich war krank“ „Ich fühl mich auch nicht wohl“ „Die Strecke ist nicht so mein Fall“ (man könnte meinen man ist in einem Lazarett gelandet, auf der Strecke laufen sie dann aber alle wie immer). Die Startuhr zählt den Countdown. Ein Piepser bei 10 Sekunden und für jede der letzten 5 Sekunden. Du durchbrichst die Startschranke und es geht los. Ob es heute gut oder schlecht läuft, merkt man ziemlich schnell. Dem entsprechend ist dann auch die Stimmung während des Rennens. Wir nehmen mal an, es ist ein guter Tag. Dann gibt’s nichts schöneres als Anstiege hinaufzuspringen und sich Abfahrten hinunterzustürzen. Man schiebt den 1/1er weiter als je zuvor und man fährt eine tiefere Abfahrtshocke als in jedem anderen Rennen. Im Ziel ist man zwar kaputt aber überglücklich. Bereits nach einer Minute hat man wieder genug Luft um mit dem Gegner über den Ausgang des Rennens zu diskutieren. Für Außenstehende unglaublich: Nach dem Zieldurchlauf wird sich noch ausgelaufen. Das heißt, man läuft langsam weiter um das Laktat abzubauen, das sich in der Muskulatur angesammelt hat. Schließlich will keiner am nächsten Tag „schwere Beine“ haben.
Tag 3: Race Day 2
Trotz Auslaufen am Vortag kommen die Muskeln früh am Morgen des zweiten Renntages nur langsam in Schwung. Aber spätestens nachdem ich den Langlaufanzug angezogen habe, ist es wieder da, das Kribbeln in den Beinen.
Hatte man am ersten Tag ein gutes Rennen läuft es sich am Zweiten viel lockerer. War man weniger erfolgreich will man’s erst recht besser machen.
Zum Schluss steht ja noch die Siegerehrung an und für den ein oder anderen Metall- oder Glaspott ist sicher noch Platz zuhause. Dann heißt es wieder Abschied nehmen von Freunden und Bekannten, bevor es auf den Heimweg geht.
Aber so was wie Wehmut kommt nicht auf, schließlich sieht man sich meist am nächsten Wochenende wieder, irgendwo zwischen Harz und Südtirol.
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