Von Carsten Stolz
Ich lebe zurzeit im Schlaraffenland. Es ist dieser märchenhafte Ort des paradiesischen Überflusses und der totalen Faulheit. Ich muss mich um nichts sorgen, gebratene Tauben fliegen direkt in meinen Mund und Bäche aus Milch und Honig fließen um mich herum. Mein Schlaraffenland heißt Fernsehsport. Es herrscht paradiesischer Überfluss: Fußball-WM, Formel 1, Motorradrennen, Leichtathletik-Meetings, Tennis in Wimbledon, Tour de France. Der Überfluss ist wunderbar gepaart mit totaler Faulheit: In liegender Stellung vor dem Fernseher, kühle Getränke in Griffweite für die linke Hand, einsatzbereite Fernbedienung in der rechten Hand. So richtig schlaraffenlandig wird es, wenn sich die Sportveranstaltungen zeitlich überschneiden. Die Anfängerlösung heißt zappen. Fortgeschrittene setzen mehrere Geräte ein. Zum Beispiel Formel 1 auf dem Fernseher, Wimbledon auf dem Laptop und Sportnachrichten auf dem Handy. Sportliche Tauben, Milch und Honig simultan. Wie bei einer römischen Fress-Orgie.
In der Fernsehsport-Disziplin gehöre ich (Selbsteinschätzung) zur erweiterten Weltspitze. Mindestens. Meistens praktiziere ich diese Disziplin nach einem Training. Die Geschichte, mit der ich Fernsehsport für mich selbst rechtfertige, ist das Einleiten der Erholung nach der Aktivität. In der linken Hand habe ich dann ein Eiweiss-Shake oder ein Glas Sauerkirschsaft. An den Beinen massieren die Kompressionsstiefel die Muskulatur und sorgen für Lymphdrainage. Im Nacken fördert das Akkupressurkissen die Durchblutung. Wahlweise kommt auch mal die Elektrostimulation mit dem Compex zum Einsatz. Und neben mir liegt der Hund. Auch eine Manifestation von Überfluss und Faulheit.
So passt es dann zusammen und alles ist gut. Natürlich läuft Formel 1-Rennen (Grosser Preis von Österreich) auf dem Tablet, während ich diese Zeilen schreibe (ich habe Zeugen und Beweisfotos). Es ist schwer, dieses Schlaraffenland mit Worten zu beschreiben: Paradiesischer Überfluss, totale Faulheit und faktisch-objektiv dazu passende Geschichte. Alles in Butter! Im Fernsehsport kann man so wunderbar das Leben von anderen leben und sich dieser Illusion hingeben. Natürlich immer mit Kommentaren und Ratschlägen. Da bin ich Bundestrainer, Renn-Ingenieur, Athletik-Coach, Mental-Trainer und Schiedsrichter. Dass dabei keiner auf mich hört, ist mir egal. Ich mache es nur für mich. Wenn andere Familienmitglieder die Tür demonstrativ schließen, dann weiß ich, dass ich richtig gut unterwegs bin und lege noch einen drauf.
Die demonstrativ geschlossene Tür geht demonstrativ wieder auf. Der Kopf eines Familienmitglieds schaut um die Ecke. Der Mund öffnet sich und sagt: «Hast Du nichts Besseres zu tun?» Das reisst mich aus dem Schlaraffenland heraus. Viktor Frankl (auch Österreicher) würde sagen, dass es zwischen Reiz und Reaktion einen Raum gibt. So gesehen lasse ich es auch zu, dass mich der gesprochene Satz aus dem schlaraffenlandigen Zustand reisst. Ich versuche, den Weg zurückzufinden in das Land, wo Milch und Honig fließen. Geht vorerst nicht. Der verbale Stachel piekst.
Was ist die Alternative zum Schlaraffenland? Der Genuss des Schlaraffenlandes ist kein kostenloses Mittagessen. Der Genuss kostet so viel wie die nicht gewählten Alternativen. «Alternativkosten» nennt das der Ökonom Friedrich von Wieser (übrigens auch ein Österreicher): Statt Fernsehsport-Schlaraffenland könnte ich auch Stretching, Yoga, Meditation oder Kontemplation machen. Oder sonst irgendetwas anderes. Aber weil die Rechtfertigung für den Fernsehsport so unglaublich überzeugend ist (siehe weiter oben), gelingt es mir spielend, die Alternativkosten in meinem inneren Dialog nach unten zu argumentieren. So wird der Fernsehsport mental wieder viel billiger. Das tut gut!
Die Tür, durch welche der verbale Stachel in den Raum kam, ist mittlerweile wieder geschlossen. Die Schlaraffenland-Homöostasis ist wieder vollkommen intakt. Das Pieksen des verbalen Stachels hat stark abgenommen. Fühlt sich an wie die kühlende und lindernde Wirkung von Mückenstichsalbe.
Im Grossen Preis von Österreich sind die Formel 1-Autos in Runde 67 von 71. Auf dem Steuergerät der Kompressionsstiefel kündigt sich das Programm-Ende in acht Minuten an. Der Eiweiss-Shake ist getrunken. Der Hund ist aufgewacht und fordert mit wedelndem Schwanz den Nachmittags-Spaziergang ein. Das Gleichgewicht kommt unerwartet schnell wieder ins Wanken. Bekanntlich ist nichts für die Ewigkeit, alles ist permanent provisorisch.
Ich raffe mich auf, doch noch etwas Wertschöpfendes zu tun. So ganz ohne paradiesischen Überfluss und auch ganz und gar nicht faul. Ist schon sehr anstrengend. Wirklich. Hat aber auch einen Hintergedanken. Schliesslich ist in ein paar Stunden Fussball-WM im Fernsehen. Ich will dem Satz «Hast Du nichts Besseres zu tun?» schon vorher jeglichen Wind aus den Segeln nehmen. Soziale Antizipation, sozusagen. Ich bezahle im Vorhinein dafür, dass ich mich dann wieder voll und ganz dem Schlaraffenland hingeben kann.
Und dann tauche ich wieder ab in diesen märchenhaften Ort des paradiesischen Überflusses und der totalen Faulheit.
Über diese Kolumne
Wenn wir auf zwei Brettern gleiten, ist dies mit besonderem „Sein“ und „Tun“ verbunden. Da gibt es immer wieder Gelegenheiten, aus einer anderen Sicht darauf zu blicken, geprägt von der „Liebe zur Weis(s)heit“ (am liebsten mit zwei „s“, weil verschneite Landschaften am schönsten sind). Durch die verschneiten Landschaften laufen wir lang, schreiten diagonal und denken quer. Unsere Lieblingsbeschäftigung ist damit im Kern philosophisch. Dies findet in der neuen Rubrik „PhilosoSki“ seinen Platz und schneit jeden Monat einmal mit Schneeflocken aus Satire und Humor herab.
Viel Spaß beim philososkieren!Der PhilosoSkist Carsten