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Auf Skirollern durch Deutschland (Teil 1)

Skyline Frankfurt © Stefan Prinz

Von Stefan Prinz

Corona hinterlässt überall seine Spuren. Mit dem deutschlandweiten Lockdown hatte das spätestens auch der Sport zu spüren bekommen. Die Ausgangsbeschränkungen führten zu Einzeltraining, Trainingspartner gab es nicht, mögliche Trainingslager und Wettkämpfe fanden erst gar nicht statt. „Stay home“ stand also an der Tagesordnung. Auch meine groß geplante Skirollertour entlang der Donau ans Schwarze Meer habe ich aufgrund der Lage schweren Herzens abgesagt. Aber immerhin sind Urlaub und Reisen im Inland ohne Probleme möglich. Wieso also rolle ich nicht einmal auf Skirollern quer durch Deutschland? Warum eigentlich nicht? Jeder will immer mit dem Flieger nach New York, Bangkok oder Sydney, aber man selbst kennt sich zuhause nur im Umkreis von 50 Kilometern aus. Was spricht also gegen eine Deutschlandtour? Rein gar nichts. Wer kann schon von sich behaupten, mit eigener Muskelkraft durch ganz Deutschland gefahren zu sein?

Nachdem ich bereits vor einiger Zeit die Strecke zwischen meiner Heimat Lauingen und der südlichen Grenze zu Österreich über Augsburg und Füssen gerollert bin, starte ich bei mir zuhause an der Donau die „Fortsetzung“ meiner Deutschlandtour in Richtung Sylt. Ich entscheide mich auf dieser Tour für die luftbereiften, robusten, aber etwas schweren Cross-Rollski SRB XRS01. Diese haben sich bereits bei meiner Donauradwegtour (1260km- von Donaueschingen, über Ulm, Passau, Wien und Bratislava bis nach Budapest) im Sommer 2019 auf unterschiedlichstem Untergrund als zuverlässige Begleiter erwiesen. Denn auf solchen Touren erwartet dich nicht nur schönster Asphalt, sondern auch Pflaster, Schotter, Sand und Gras musst du bewältigen.

Tourenfahren und Zelten in Zeiten von Corona

Schlafplatz © Stefan Prinz

Auch eine Skirollertour von 2.500 Kilometern beginnt mit einem ersten Schritt. Eine derartige lange Tour habe ich zuvor noch nie absolviert und liegt weit über meinen persönlichen Rekord-Distanzen. Es liegen sicherlich sehr viele herausfordernde Kilometer vor mir, aber Zweifel kommen bei mir dennoch nicht auf- ich habe in den letzten Wochen und Monaten hart und zielstrebig trainiert. Ich fühle mich bereit! Nach einer letzten Henkersmahlzeit fällt also der Startschuss und ich rolle mit einem 14kg-Rucksack auf dem Rücken auf meinem „Heimstreckennetz“ über das Eselsburger Tal, die Städte Aalen und Crailsheim nach Rothenburg ob der Tauber. Ich habe ziemlich großen Respekt vor dem unsichtbaren, allgegenwärtigen Corona-Virus, also vermeide ich Menschenmassen in Städten und zelte in den ersten Tagen ausschließlich wild. Der klare Vorteil: Ich treffe dort auf keine einzige Menschenseele- den ganzen Tag lang. Natürlich muss man beim Wildzelten wachsam sein und gut versteckte Plätze suchen. Hinzu kommt, dass man sich auf ein minimalistisches sowie spartanisches Leben einlässt: Strom gibt es nicht, Wasser holt man auf Friedhöfen oder filtert man aus kleinen Bächen, duschen und Wäsche waschen kann man im Fluss. Nahezu jeden Abend gibt es dann Pasta, bevor man sich zusammen mit der ganzen Ausrüstung in ein kleines Zelt quetscht. Aber ein Sonnenaufgang am Berghügel, ein einsamer Platz am Meer oder auch nur ein erfrischendes Bad im Fluss machen die Schnaken im Zelt, die Schnecken in den Schuhen sowie die Ameisen im Frühstücksessen erträglicher.

Über das Taubertal und den Main nach Frankfurt

Auf perfekten Radwegen laufe ich durch das idyllische Taubertal mit vielen kleinen Dörfern und Städten am Wegesrand. In einer Stadt nehme ich anstelle einer verpassten Fahrradrampe unfreiwillig die Fußgängertreppe, und jage auf dem Skirollerholm die Treppenstufen hinab. Ich versuche, einen Sturz zu verhindern, als genau in diesem Moment am unteren Ende der Treppe ein Auto quer anschießt und meinen „Abgang“ kreuzt. Vollbremsung. In solchen Momenten bin ich unglaublich froh, dass ich mir extra für die Cross-Rollski eine Bremse an meinen Fischer-Sommerschuh gebaut habe (für alle Nicht-Langläufer und -Rollsportler: Skiroller besitzen standardmäßig keine Bremsen). Hinter dem hügeligen Taubertal erreiche ich auch schon den Main, dem ich über Miltenberg nach Aschaffenburg folge. Inzwischen schmerzen die Schultern aufgrund der Last und der Reibung des Rucksacks beim Armschwung: Der gesamte Bereich zwischen Brust und Schulterbein ist ein einziger brennender, roter Fleck. Ich laufe bis nach Frankfurt am Main, gönne mir am Nachmittag ein paar Stunden Pause und schaue mir nach der Krawallnacht am Opernplatz die Stadt an.

Entlang des Rheinradweges in den Norden Deutschlands

Köln © Stefan Prinz

Nach einem ausgedehnten Frühstück mache ich mich wieder auf die Socken und rolle über Rüsselsheim weiter an die Mainmündung. Ich bin am Rhein angekommen! Nach einem kurzen Abstecher in die Landeshauptstadt Mainz geht es rechtsrheinisch über Wiesbaden in das idyllische Mittelrheintal. Bei Rüdesheim/Bingen wechsle auf die linke Flussseite, und passiere anschließend zahlreiche Burgen, die weltbekannte Loreley, St. Goar und Boppard. Völlig erschöpft, sehe ich einen Supermarkt und gehe mal wieder „shoppen“. Danach liege ich oberkörperfrei mitten auf einem Supermarktparkplatz bei 30 Grad im Schatten, ziehe mir 0,5kg exzellenten Vanillepudding, 0,5kg vorzügliche Prinzenrolle, 7 Semmeln und eine kalte 1,5-Liter-Flasche Cola „auf Ex“ rein. Ob das gesundheitlich oder sportwissenschaftlich gesehen Sinn macht, ist mir in diesem Moment einfach völlig egal. Ehrlich gesagt, hätte ich mir teilweise bessere Straßenverhältnisse und mehr Ruhe entlang des Rheinradwegs gewünscht- stattdessen dominieren zahlreiche Passagen mit Kopfsteinpflaster und Betonplatten, begleitet von einer lauten Bundesstraße und einer stark befahrenen Bahnlinie im engen Flusstal. Trotzdem ist die Landschaft außergewöhnlich schön und erinnert mich ein bisschen an die österreichische Wachau zwischen Melk und Krems von meiner letzten Donauradwegtour. Schließlich erreiche ich das Deutsche Eck im sehenswerten Koblenz. Hier treffe ich auf viele „Fans“, die Leute sprechen mich fasziniert an und wollen mich fotografieren… Ich laufe weiter in die Beethovenstadt Bonn, die ich allerdings sofort wieder verlasse- aufgrund der Menschenmassen und unglaublich vieler leichtsinniger Menschen, die das Wort „Mindestabstand“ nicht verstehen. Ich gehe zurück auf den ruhigen Radweg und folge ihm nach Norden- und sofort bin ich wieder in der Natur, ganz allein im Wald, was um ein Vielfaches schöner ist als irgendein Städtetrip. Nach einer 100km Etappe erreiche ich den Kölner Dom, und begebe mich in die Metropolregion Rhein-Ruhr: Über Leverkusen, Düsseldorf und Duisburg geht es im Zick-Zack weiter in Richtung Niederlande.

Das Wichtigste an jedem Tag: Einen Platz zum Schlafen finden

Abendstimmung © Stefan Prinz

In dieser industriegeprägten Gegend finde ich fast keine Wildcampingspots und nur wenige Zeltplätze. Aber ich bin ja bei Warmshowers dabei! Was das ist? Eine Plattform, bei der Radreisende bei anderen Rad-Verrückten übernachten können. Das Prinzip ist ganz einfach: Auf einer interaktiven Karte werden Gastgeber auf der ganzen Welt angezeigt- ähnlich wie bei Couchsurfing. Ich finde es einfach nur super- man trifft coole, verrückte und abenteuerlustige Leute, man bekommt eine warme Dusche, einen Zeltplatz im Garten, oftmals sogar Abendessen und Frühstück, manchmal sogar ein eigenes Gästezimmer. Ich bin überwältigt von der Gastfreundschaft, den Begegnungen, und dem Interesse an meiner Tour bzw. „unserem“ Sport. Falls jemand von euch eine Mehrtagestour plant, empfehle ich euch, dort mitzumachen! Es spart viel Geld, es macht Spaß, und man verbringt den Abend nicht einsam in irgendeinem Hotelzimmer… Als Gegenleistung bietet es sich natürlich an, auch selbst andere „Radreisende“ zu beherbergen. Ich bin auch Gastgeber, und lerne von anderen Vieles bzgl. Equipment und Tourenfahren dazu.

Auf geht’s nach Bremen!

Zurück zum sportlichen Geschehen… Bei Wesel verlasse ich den Rhein und rolle ziemlich planlos und querfeldein, über die fahrrad- und rollskifreundliche Stadt Münster und die Erhebungen des Teutoburger Waldes nach Osnabrück. Inzwischen plane ich nicht mehr viel im Voraus, sondern treffe viele Entscheidungen spontan, indem ich mich an den Radwegschildern orientiere (leider bin unterwegs auch schon im Kreis gelaufen…). Aber ich hasse es, immer auf meine digitalen Karten zu schauen und mich per Navigations-Apps kommandieren zu lassen. Erstens raubt mir das den Spaß in der Natur und zweitens belastet die ständige GPS-Ortung in hohem Maße meinen Akku- trotz großer Powerbank muss ich Strom sparen, denn beim Zelten im Wald habe ich bis jetzt noch keine Steckdose gefunden…

Einmal kurz nicht aufgepasst und schon ist es passiert…

Bremen © Stefan Prinz

Auf dem Weg nach Bremen bin ich nun fast ausschließlich auf asphaltierten, straßenbegleitenden Radwegen unterwegs. Der Gegenwind nimmt kräftig zu und meine Kräfte schwinden. Auf der Anzeige der heutigen Etappe stehen schon knapp 110 Kilometer und erschöpft erreiche ich kurz vor Sonnenuntergang die Hansestadt Bremen. Vorbei am Weserufer und am Rathaus quäle ich mich auf Kopfsteinpflaster durch die Innenstadt. Eine Umleitung folgt. Fußgänger und Radfahrer werden getrennt. Da ich auf ein Hupenkonzert der vielen Autofahrer nun absolut keine Lust habe, nehme ich den gepflasterten Gehweg. Doch dann… Wuuums. Schürrff. Stockspitzengekreische. Ausfallschritt. Krach. Schmerzen. Chaos. So, hier kommt eine von mir aufbereitete reflektierte Herangehensweise: Wo bin ich? Ich liege auf der Straße und küsse gerade den Asphalt… ich bin gestürzt… das darf doch nicht wahr sein… Der Blick zurück zeigt mir, dass ich einen verdammt hohen Bordstein übersehen habe und ich deshalb vornüber gestürzt bin. Ich versuche, die Situation souverän zu meistern, und führe einen ersten Körpercheck durch: Es dürften nur leichte Prellungen sein, Knochenbrüche kann ich sofort ausschließen. Zusätzlich hat der linke Oberschenkel beim Sturz ordentlich was abbekommen, aber ich verblute noch nicht. Ich repariere mit Kabelbindern und Knoten provisorisch den beim Sturz gerissenen Rucksack und rolle noch äußerst vorsichtig im Doppelstockschub, wie ein „blutiger“ Anfänger, fünf Kilometer bis zum Stadt-Campingplatz. Ich baue mein Zelt auf, koche Nudeln und kümmere mich um mein Material und meine Verletzungen. Ich brauche heute zur Abwechslung eine lange, warme Dusche. Ich brauche einfach mal Zeit. Zeit zur weiteren Planung. Zeit zur Erholung. Zeit zur Regeneration. Zeit für mich.

Fortsetzung folgt in Teil 2!

Bildergalerie (Teil 1+2)

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