Sandra Flunger: „Da wünsche ich mir mehr Mut und Überzeugung“ - xc-ski.de Langlauf

Sandra Flunger: „Da wünsche ich mir mehr Mut und Überzeugung“

Nach 36 Jahren steht mit Sandra Flunger wieder eine Frau an der Spitze der deutschen Biathlon-Nationalmannschaft. Im Interview mit xc-ski spricht sie über die Stärken und Entwicklungsmöglichkeiten des Frauenteams sowie ihre Vorstellungen von Führung und Zusammenarbeit. Außerdem erklärt die 44-Jährige, warum sie beim Schießen mehr Mut sehen möchte und welche Chancen sie in der deutschen Biathlon-Struktur erkennt.

xc-ski: Sandra, was waren deine ersten Gedanken, als die Anfrage für die Position als Cheftrainerin der deutschen Biathlonmannschaft kam?

Sandra Flunger (AUT) coach Team Switzerland © Manzoni/NordicFocus

Sandra Flunger: Ich habe mich sehr wertgeschätzt gefühlt. Deutschland ist eine der führenden Biathlonnationen und hat den Sport über viele Jahre geprägt. Mich reizt an der neuen Aufgabe die Zusammenarbeit mit den Athletinnen. Mein Ziel als Trainerin ist es, jede einzelne bestmöglich zu betreuen. Für mich persönlich bedeutet der Nationenwechsel, dass ich unglaublich viel dazulernen kann, da jedes Land sein eigenes System hat.

xc-ski: Welche Stärken hat das deutsche Team?

SF: Wir haben im Team einen guten Mix aus erfahrenen und jungen Athletinnen. Im Vergleich zur Schweiz gibt es einen viel größeren Pool an Athletinnen. Das ist mir besonders aufgefallen, als ich die Junioren-WM am Arber verfolgt habe. Aus meiner Sicht ist es ein Vorteil, dass wir in der Jäger-Rolle sind und nicht die Gejagten. Es ist normal, dass nicht jede Sportlerin jeden Tag ihre Top-Leistung abrufen kann, aber wenn wir als Team gut zusammenarbeiten, dann sollte es möglich sein, dass immer ein bis zwei ganz vorn mit dabei sind.

xc-ski: Wo siehst du Entwicklungspotenzial?

SF: Die Schießgeschwindigkeit lässt sich verbessern. Das technische Vermögen ist im gesamten deutschen Team sehr gut, weil viele Experten die Sportlerinnen auf ihrem Weg begleitet haben. Aus meiner Sicht ist das langsame Schießen ein Resultat der hohen Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. Da entscheidet sich die Athletin vielleicht eher dafür, langsamer und sicherer zu schießen, als Fehler zu riskieren. Denn jede Strafrunde muss nach dem Rennen vor den TV-Kameras erklärt werden. Da wünsche ich mir mehr Mut und Überzeugung.

xc-ski: Du betreust das Team gemeinsam mit Denny Andritzke, der Co-Trainer ist. Kanntest du ihn schon?

SF: Wir sind uns vor ein paar Jahren mal in Oberhof über den Weg gelaufen und haben kurz gesprochen. Aber so richtig kennengelernt haben wir uns im April, um den Rahmen für unsere Zusammenarbeit und die Trainingsstruktur abzusprechen. Denny wird am Stützpunkt in Oberhof sein und ich in Ruhpolding, wo ich häufig mit Andreas Stitzl im Austausch bin, der dort die Lehrgangsgruppe 1b betreut. Insgesamt ist es unser Ziel, dass wir die verschiedenen Trainingsgruppen und auch die Athletinnen, die nicht an den Stützpunkten trainieren, stärker verbinden, als das in den vergangenen Jahren der Fall war.

xc-ski: Beschreibe bitte deinen Führungsstil!

SF: Ich bin ehrgeizig und habe immer ein offenes Ohr für meine Athletinnen. Für eine gute Zusammenarbeit braucht es aus meiner Sicht klare Regeln, an die sich jeder hält, aber auch gute Kommunikation. Das Zwischenmenschliche ist mir wichtig. Wahrscheinlich können meine Sportlerinnen meinen Führungsstil aber besser beschreiben.

xc-ski: Nach 36 Jahren gibt es im deutschen Biathlon wieder eine Cheftrainerin. Wie oft bekommst du in Interviews die Frage gestellt, wie es ist, als Frau eine Cheftrainerposition zu haben?

Sandra Flunger (AUT) © Manzoni/NordicFocus

SF: Ich werde das sehr oft gefragt. Hoffentlich kommen wir irgendwann dahin, dass wir nicht mehr darüber sprechen müssen. Aber ich beantworte die Frage gern, da es mir wichtig ist, über das Thema zu sprechen. Frauen sind im Sport, gerade als Trainerin, immer noch unterrepräsentiert.

xc-ski: Deutschland blickt auf große Erfolge im Biathlon zurück. Ist diese Tradition für dich Motivation oder Belastung?

SF: Im Moment ist es pure Motivation für mich. Vielleicht ändert sich das zu Beginn des Winters, wenn mehr Fokus auf meiner Mannschaft und meiner Person liegt.

xc-ski: Welche Aspekte der deutschen Biathlon-Kultur möchtest du verändern?

SF: Mir ist wichtig, dass alle wissen, dass sie zum Team gehören. Wir im Weltcup stehen immer im Rampenlicht, aber es gibt so viele Menschen, die dafür arbeiten, dass die Biathleten erfolgreich sind, z. B. Heim- oder Vereinstrainer oder alle, die sich ehrenamtlich engagieren. Wenn alle gut miteinander agieren und dankbar sind, werden wir erfolgreich sein.

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