Mittlerweile wurde bekannt, warum Kristine Stavås Skistad sich von ihrem langjährigen Trainer getrennt hat. Sie sah sich nun zum Vereinswechsel gezwungen. Außerdem war Therese Johaug schnellste Europäerin im Halbmarathon Kopenhagen und die FIS lockerte die Regeln für neutrale Russen.
Schwere Vorwürfe gegen Skistads Trainer
Im Juni gab Kristine Stavås Skistad völlig überraschend die Trennung von ihrem langjährigen Trainer Lage Sofienlund bekannt. Über die Gründe wurde damals geschwiegen. Nun meldete TV2, dass Skistad eine offizielle Beschwerde gegen ihren Trainer eingereicht hatte. Kristine Stavås Skistad sieht sich in dem Konflikt als Opfer von Machtmissbrauch und Manipulation. Es gab zum Beispiel keine klaren, rechtssicheren Verträge, die festlegten, wer wie viel Geld für welche Leistung bekommt. Da Skistad ihrem Trainer blind vertraute, hat sie alles abgenickt. Da er gleichzeitig auch sportlicher Leiter bei Konnerud IL Ski ist, kam es zu massiven Interessenkonflikten. Skistad wirft ihm vor, dieses Machtverhältnis ausgenutzt zu haben, um Geld- und Vertragsentscheidungen zu treffen, die am Ende gut für ihn oder den Verein waren, aber schlecht für sie selbst. Die Sache wurde zuerst von der Ski-Abteilung und danach vom Hauptvorstand des Vereins Konnerud IL behandelt. Danach wurde der Fall an die Ethik-Kommission des norwegischen Skiverbandes übergeben. Diese stellte in ihrem Bericht kritikwürdige Zustände fest. Aus den internen Dokumenten des Skiverbandes geht hervor, dass die Ethikkommission die Vorwürfe inhaltlich stützte. In dem Untersuchungsbericht heißt es wörtlich: „Die Ethikkommission erachtet es als am wahrscheinlichsten, dass der Beschuldigte (Sofienlund), zumindest unbewusst das naive Verhältnis der Beschwerdeführerin (Skistad) zu Finanzen und ihr unbegrenztes Vertrauen in sein ehrliches und faires Handeln ausgenutzt hat.“ Die Kommission kam deshalb zu dem Schluss, dass die Regelverstöße von solcher Natur seien, dass sie eigentlich disziplinarische Reaktionen nach sich ziehen müssten. Der Gesetz- und Anklageausschuss des Verbandes entschied aber letztlich, das Verfahren einzustellen. Es wurde festgestellt, dass keine ausreichende Grundlage vorliegt, um den Trainer nach den sportlichen Regelwerken zu sanktionieren. Grund dafür ist eine rechtliche Lücke im Sportreglement: Da es sich primär um private finanzielle und vertragliche Absprachen zwischen den beiden handelte, greift das offizielle Sanktionsrecht des Sportverbandes in diesem Fall nicht. Nach TV-2-Informationen gab es nach der Einstellung des Falls ein Treffen im Verein. Von Skistads Seite wurde gefordert, Schlüsselpersonen – darunter den Trainer Lage Sofienlund – aus dem Verein zu entfernen. Hierfür wurde dem Verein eine Frist bis Mittwoch, den 16. September 2026, gesetzt. Skistad hat deutlich signalisiert, dass sie ernsthaft einen Vereinswechsel erwägt, sollten die Forderungen nicht erfüllt werden. Dazu kam es nun: Der Verein ließ das Ultimatum verstreichen und Skistad gab nun ihren Vereinswechsel zum benachbarten Mjøndalen IF Ski bekannt. Die 27-Jährige wird aber auch weiterhin in Konnerud trainieren, wo sie unmittelbar an der Strecke lebt. Die Vereinsvorsitzende von Konnerud IL, Kristin Ørmen Johnsen, hat explizit betont, dass die Tür des Vereins und des Skistadions für Kristine weiterhin sperrangelweit offen steht. Sie darf die dortige Infrastruktur trotz des Vereinswechsels uneingeschränkt nutzen. Konnerud IL hat daraufhin dem umstrittenen Trainer Lage Sofienlund eine schriftliche Abmahnung erteilt, ihn jedoch trotz heftiger interner und externer Proteste im Amt belassen. Skistad hatte nach dem Verstreichen des Ultimatums unter großem Zeitdruck gestanden, da zwischen dem Bekanntgeben eines Vereinswechsels und dem ersten Rennstart zwei Monate liegen müssen. Nun steht einem Start bei der norwegischen Saisoneröffnung in Beitostølen am 20. November aber nichts im Wege.
Starker Halbmarathon für Johaug
Therese Johaug setzt sich auch nach der Geburt ihres zweites Kindes immer neue sportliche Ziele. Nils ist gerade acht Monate alt und ihr ambitioniertes Ziel lautete, einen Halbmarathon unter 1:10 Stunden zu laufen. So reiste sie nach Kopenhagen und trotz einer Sehnenverletzung an den Adduktoren, die ihren Start bis zum Schluss in Frage stellte, pulverisierte sie ihre bisherige Bestzeit um fast zwei Minuten auf 1:08:43 Stunden. In dieser Zeit war sie die schnellste Frau, auch wenn offizielle Ergebnislisten sie nicht so führen. Das hat den Grund, dass die 38-Jährige nicht im offiziellen Elite-Feld, sondern in einer späteren Startwelle antrat, so dass sie nicht ganz vorne in der offiziellen Elite-Wertung auftaucht. Rein von der Zeit her war sie jedoch die schnellste europäische Frau des gesamten Renntages und sogar eine Sekunde schneller als die belgische Profi-Läuferin Chloé Herbiet, die das offizielle europäische Elite-Feld anführte. Im Gesamtklassement der parallel stattfindenden Straßenlauf-Weltmeisterschaften hätte ihre Zeit für den 19. Platz weltweit gereicht. Beobachter und Medien am Streckenrand berichteten fasziniert, dass man Johaugs Herkunft aus dem Wintersport sofort ansieht. Sie läuft auf dem Asphalt mit einer extrem hohen Frequenz und einem flachen, gleitenden Schritt, der stark an ihre berüchtigte Skating-Technik auf Langlaufski erinnert. Nach dem Rennen zeigte sie sich im Interview mit dem norwegischen Rundfunk NRK selbst völlig verblüfft: „Ich habe mich so gut gefühlt und das Rennen von Anfang bis Ende kontrolliert. Eigentlich hätte ich von Beginn an noch schneller laufen können.“ Gegenüber dem Fernsehsender VG bestätigte sie: „Ich habe durch das Skifahren ein brutales Lungenvolumen, kann dieses Tempo also ewig halten. Was mir fehlt, ist die Abhärtung der Muskeln für den harten Asphalt. Aber ich werde definitiv einen echten Marathon ausprobieren!“
FIS überarbeitet Regeln für neutrale Sportler
Nun könnte der Start zumindest einiger russischer Langlauf-Stars doch näher rücken. Die FIS hat das Reglement für neutrale Athleten aus Russland und Belarus noch einmal ganz frisch überarbeitet und eine entscheidende Passage gestrichen: Armeesportclubs sind kein automatischer Ausschlussgrund mehr. Das Verbot für Athleten, die mit „affiliierten Strukturen“ (also angeschlossenen Sportgesellschaften) der Armee oder der nationalen Sicherheit verbunden sind, wurde komplett gestrichen. Das bedeutet, dass Skilangläufer, die für die traditionellen großen Clubs CSKA (Zentraler Sportklub der Armee) oder Dynamo (historisch dem Innenministerium/Sicherheitsbehörden zugeordnet) starten, nun offiziell den neutralen Status (AIN) beantragen und erhalten können. Ausgeschlossen bleiben laut dem neuen Dokument nur noch Athleten, die „freiwillig einen direkten Vertrag mit den Streitkräften oder den nationalen Sicherheitsorganen“ abgeschlossen haben. Russlands Sportfunktionäre feiern dies als riesigen Schritt nach vorn, weil nun theoretisch fast der gesamte Kader wieder gemeldet werden könnte. Allerdings sind nahezu der gesamte russische Weltcupkader von 2022 nicht einfach nur „Mitglieder“ im Club CSKA, sondern auch Angehörige des Militärs. Bolshunov ist beispielsweise aktiver Hauptmann der russischen Nationalgarde (Rosgwardija). Das heißt, damit sie die Startberechtigung bekommen können, müssten sie erst bei Militär kündigen, was große finanzielle oder politische Folgen haben würde. Dass der „gesamte Kader“ zurückkehren könne, stimmt also nicht ganz. Der russische Verband kann nun zwar fast alle Nachwuchsleute und Athleten ohne Dienstgrad melden – für die absoluten Topstars mit Offiziersrängen bleibt das Startverbot jedoch eine unüberwindbare Hürde, es sei denn, sie brechen offiziell mit dem russischen Militär.