Kolumnen

PhilosoSki: Frühlingsgefühle

Von Carsten Stolz

Nachdem die Ski in den Sommerschlaf gegangen waren, erwachte das Rennrad aus seinem Winterschlaf. Reifen aufpumpen, technischer Check, ins Rad-Dress schlüpfen und rein in den Sattel. Klick links, klick rechts und das erste Kurbeln beginnt. Grinsen so breit wie das Gesicht.

Einschalten des Radcomputers. Ein ungläubiger Blick. Da steht doch tatsächlich «BPM N/A» bei einem Datenfeld. Beats per Minute not available? Keine Herzfrequenzmessung! Alles andere ist da: Geschwindigkeit, Watt, Navigation, Trittfrequenz, Steigung, Training Stress Score, Gesamtstrecke, Höhenmeter, Neigungswinkel. Aber keine Herzfrequenz! Das Grinsen verlässt das Gesicht in einer Millisekunde. Der Körper fühlt die Frühlingswärme nicht. Die Ohren hören das frühlingsfröhliche Vogelgezwitscher nicht. Die Nase riecht den Fliederstrauch nicht. Keine Daten über die Herzfrequenz! Und das bei der ersten Ausfahrt, die so richtig kontrolliert im Grundlagenbereich erfolgen soll. Das geht gar nicht ohne Herzfrequenz. Eigentlich kann ich gerade umkehren.

Was mich davon abhält ist mein Freund Marc. Er kurbelt fröhlich pfeifend vor sich hin. Schaut mal rechts, mal links, zeigt auf den Fliederstrauch und grinst so breit wie sein Gesicht. Der hat gut Lachen – denke ich mir. Seine Herzfrequenz-Messung funktioniert bestimmt einwandfrei. Dann wäre ich auch in mir ruhend, ja vielleicht sogar im Flow. Marc merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist und fragt. Wenigstens das. Eigentlich bin ich gar nicht so zickig im Denken, aber jetzt gerade schon. Ich sage ihm, dass meine Herzfrequenz-Messung nicht geht und frage ihn vorsichtshalber, ob er über alle relevanten Trainingsdaten verfüge (inklusive und vor allem Herzfrequenz natürlich). Aus seinem Grinsen wird ein lautes Lachen: «Das messe ich gar nicht. Ich fahre nur nach Gefühl und heute fühle ich mich saugut!» Echt? Ich im Elend mit fast allen Daten; er im Glück vollkommen ohne Daten.

Das gibt mir zu denken und ich wende meinen ungläubigen Blick tatsächlich vom Radcomputer ab und blicke in die Landschaft. Es kommt mir irgendwie das Gespräch mit Frida Karlsson und Johannes Hoesflot Klaebo in den Sinn, welches sie im skirious problems-podcast führten. Da ging es auch um Training und interessanterweise sagten sowohl Frida als auch Johannes (ich erlaube mir das Sportler-Du, obwohl die beiden nichts davon wissen), dass sie zwar Trainingspläne haben, aber ihre Einheiten oft nach Gefühl absolvieren. Wie bitte? Auf diesem Niveau? Oder macht das auf diesem Niveau vielleicht sogar den entscheidenden Unterschied?

Das Schlagloch holt mich unvermittelt zurück ins Hier und Jetzt. Bin ja am Radeln. Mit meinem guten Freund Marc. Er unverändert glücklich ohne alles. Ich unverändert im Elend mit (fast) allem. Ich hatte extra noch die Radhandschuhe weggelassen. Macht Tadej (auch Sportler-Du ohne sein Wissen) ja auch so, wenn es um alles geht. Aber der hat ja ganz sicher immer Herzfrequenz-Daten. Oder würde er zustimmend nicken, wenn er Frida und Johannes zuhörte? Irgendwie geht diese Malaise-Ausfahrt dann zu Ende. Marc fragt, ob ich noch mit in die Sauna gehe. Morgen wollen wir wieder in den Sattel steigen und Mallorca weiter erkunden. Ich verneine vehement. Schließlich muss ich zuerst mein Datenproblem lösen. Beim Abendessen treffen wir uns wieder. Er riecht nach Kiefernadel-Aufguss. Ich habe mich beim Batteriewechsel am Herzfrequenz-Brustgurt noch mit dem Messer in den Finger geschnitten. Schlechte Ausgangslage für einen freundschaftlichen Abend.

In der Nacht suchen mich die Dämonen heim. Das kann auch ohne Alkohol passieren. Im Traumdelirium sehe ich einen großen Haufen mit all meinen Daten-Gadgets und Rumpelstilzchen, der wie von der Tarantel gestochen auf diesem Haufen herumspringt und alles kurz und klein schlägt. Breit grinsend selbstverständlich. Mit erhöhtem Ruhepuls (haha, jaja, in der Nacht habe ich es mit der Herzfrequenz-Messung voll im Griff!) wache ich auf. «Ich könnte ja morgen einfach mal ohne alles fahren und schauen, was passiert!» geht es mir durch den Kopf. Kaum gedacht, schreibe ich den Gedanken dem nächtlichen Dämmerzustand zu. Aber der Gedanke ist auch nach dem zweiten Espresso am nächsten Morgen noch da. Ich könnte es ja mal machen wie Frida und Johannes. Einfach nur so mit Gefühl fahren.

Marc und ich fahren los. Königsetappe in der Serra de Tramuntana heute: 90 km, knapp 2000 Höhenmeter stehen an. Marc grinst natürlich schon wieder. Ohne alles. Ich komme mir fast nackt vor ohne meine Messgeräte und spüre Gefühle von Kontrollverlust. Aber es gibt kein zurück. Das Hotel ist weit weg und dort liegt das ganze Klump (habe ich echt «Klump» geschrieben?). Los geht’s und ich ergebe mich in mein Schicksal. «Akzeptiere, was ist.» haben ja schon die Stoiker gesagt. Nun denn. Die Sonne fühlt sich auf der Haut wunderbar an. Der Wind rauscht in den Ohren. Der Morgentau verstärkt den Nadelwaldgeruch in der Nase. Und der Körper fühlt sich im Rhythmus der rotierenden Pedale wunderbar an. Ich fühle, wie die Beinmuskulatur arbeitet. Ich fühle, wie die Arme und Schultern locker sind. Ich fühle, wie im Wiegetritt am Anstieg der ganze Körper Kraft entwickelt. Und dann realisiere ich schier Unglaubliches: Grinsen erhöht die Trittfrequenz! Ja, wirklich. Es ist eben doch alles irgendwie miteinander verbunden. E-motionen bringen Bewegung. «Das ist Flow.» geht es mir durch den Kopf. Der Tag ist traumhaft. Marc und ich grinsen um die Wette. Als wir zurück im Hotel sind, erübrigt sich die Frage nach der Sauna. Wir gehen beide. Anschließend haben wir beide diesen Kiefernnadel-Geruch und das Abendessen verläuft entsprechend harmonisch.

Der nächste Tag beginnt mit einem Dilemma: Radeln mit Daten oder ohne? Wer nur eine Variante hat (so wie ich bis vorgestern), hat keine Wahl. Wer zwei Varianten hat (so wie ich seit gestern), hat ein Dilemma. Wer drei oder mehr Varianten hat, der kann wirklich wählen. Aristoteles hat schon mal was über die «goldene Mitte» geschrieben (war Aristoteles eigentlich Radfahrer mit Herzfrequenzmesser?). Die Suche nach dem rechten Maß (klar zu unterscheiden von der Suche nach der richtigen Mass (Bier)) ist uralt. Der Brückenschlag zwischen beiden Welten, das ist heute die Aufgabe. Gefühle mitnehmen als Schwimmhilfe, um im Datensee emotional nicht zu ertrinken. Auf dem Drahtseil bleibt nur, wer in Balance ist. Die Ausfahrt gelingt: mit Daten, mit Gefühlen und mit Grinsen.

«Emotionen sind Daten.» Lese ich abends irgendwo. Das ist ein sehr versöhnliches Ende, finde ich. Und grinse.

Über diese Kolumne

Wenn wir auf zwei Brettern gleiten, ist dies mit besonderem „Sein“ und „Tun“ verbunden. Da gibt es immer wieder Gelegenheiten, aus einer anderen Sicht darauf zu blicken, geprägt von der „Liebe zur Weis(s)heit“ (am liebsten mit zwei „s“, weil verschneite Landschaften am schönsten sind). Durch die verschneiten Landschaften laufen wir lang, schreiten diagonal und denken quer. Unsere Lieblingsbeschäftigung ist damit im Kern philosophisch. Dies findet in der neuen Rubrik „PhilosoSki“ seinen Platz und schneit jeden Monat einmal mit Schneeflocken aus Satire und Humor herab.

Viel Spaß beim philososkieren!Der PhilosoSkist Carsten