PhilosoSki: Frühjahrsputz - xc-ski.de Langlauf

PhilosoSki: Frühjahrsputz

Von Carsten Stolz

Aus und vorbei.

Mit dem Zieleinlauf beim Birkebeiner Mitte März endet unsere Langlaufsaison. Sehr abrupt. Der Rückflug katapultiert uns in eine andere Welt: knatternde Benzin-Rasenmäher während der Mittagspause, fauchende Hochdruckreiniger am Samstag, Anstehen bei Autowaschanlage und Recyclinghof, Gänseblümchen, Vogelgezwitscher und Schokoladen-Osterhasen im Supermarkt.

Frühling überall.

Verlockend ist die Aussicht auf Rennrad, Laufschuhe, Schwimmbrille und all die anderen Spielformen, mit denen man versucht, die Zeit bis zum nächsten Winter zu überbrücken. Vor dem lustvollen „Hin zu“ steht jedoch ein notwendiges „Weg von“. Der Winter will schließlich würdevoll abgeschlossen sein.

Die Qualität des nächsten Anfangs hängt von der Qualität des letzten Endes.

Der bewusste Umgang mit der Ausrüstung hat eine nicht zu unterschätzende Wirkung. Es gibt eben nicht nur die Beziehung zwischen Körper und Geist, sondern auch diejenige zum Langlaufmaterial. Es ist kein Automatismus, dass die Dreiecksbeziehung Körper-Geist-Material symbiotisch-stärkend ist; dies bedarf aktiver Beziehungspflege.

Der Frühjahrsputz von vielen Ausrüstungsgegenständen ist einfach. Die Bekleidung erfordert vor allem angemessene Kenntnis der Waschmaschine, was nicht für alle Haushaltsmitglieder zutrifft. Es kommt dann zu Arbeitsteilung: eine Person macht die Soft-Ware, eine Person macht die Hart-Ware. Oder etwas direkter: Er oder sie macht die Wäsche und er oder sie macht die Ski.

Schuhtrockner sind auch einfach. Im Grundsatz. Aufwendig wird es, wenn die Schuhtrocknung mit dem Anspruch nach gleichzeitiger Geruchsneutralisierung verbunden wird. Die Lösungsansätze sind vielfältig: Backpulver, Zitrusfrüchte, Essigwasser, Kaffeepulver, Katzenstreu (ja, wirklich! Kein Tippfehler!), Gefriertruhe stehen auf der Hausmittel-Liste. Natürlich gibt es auch kommerzielle Lösungen, wahlweise als Bananen-Imitation oder mit Zedernholz-Spänen. Hier kommt – im Gegensatz zur Bekleidung – durch die Wahl einer Lösung Individualität im Dreieck zwischen Geist, Körper und Materie zum Ausdruck.

Da wir uns in diesen Zeilen vom Einfachen zum Schwierigen bewegen, geht es zuletzt um die Ski. Die Bezeichnung «Ski» lässt sich in Einzahl oder Mehrzahl verstehen. Langlaufski sind keine Einzelgänger, sondern existieren mindestens in lebenslanger Zweiheit. Richtig wohl fühlen sie sich aber nur in Herden. Je grösser die Herde, umso besser. Und so wie kein Zebra-Fell dem anderen gleicht, so ist jeder Ski einzigartig mit seiner Erfahrungsgeschichte und seinem Belag.

Die Ski sind schon während der Saison die Gegenstände gewesen, welche sich der grössten Aufmerksamkeit erfreuten. Mal glitten sie unwiderstehlich schnell und verliehen katzenartige Eleganz beim Aufstieg (symbiotisch-stärkend für Körper und Geist), mal konnten sie auch mit teuersten Pülverchen nicht zur Kollaboration gezwungen werden (leidvoll-schwächend für Körper und Geist).
Am Saisonende ist der Moment der Vergebung und Versöhnung gekommen, womit wir uns weiterhin in besagtem Dreieck bewegen. Meine Ski waren zu Saisonbeginn bei einem Belags-Guru für maschinelles Ski-Reiki. Jetzt wollen sie beim Frühjahrsputz sommerfest gemacht werden.

Also: Wachstisch aufbauen, Weissbier einschenken (mit Alkohol natürlich!), Musik (eher laut, um Rasenmäher und Hochdruckreiniger zu übertönen! «Time to Say Goodbye» vielleicht?), Ski und Pflegematerial griffbereit legen.

Dieses Pflegeritual ist mit allen Sinnen erlebbar: Sehend wird der Belag begutachtet. Mit Handbürsten (um das kinästhetische Erleben zu intensivieren) wird er ausgebürstet. Der Geruchssinn darf ohne Atemschutz das ganze olfaktorische Spektrum von Wachsentferner und Wachs aufnehmen. In den Ohren hat das Abziehen des Belags mit rasiermesserscharfen Plexi-Klingen etwas melancholisch-symphonisches. Weil ein Schluck aus der Wachsentferner-Flasche nicht empfohlen werden kann, muss für den Geschmackssinn speziell gesorgt werden. Dafür ist das Weissbier zuständig.

Das stundenlange multi-sensorische Erleben des pflegenden Hirten mit seiner Ski-Herde wirkt symbiotisch-verstärkend im Beziehungsdreieck. Es ist immer wieder erstaunlich, welche mentalen Prozesse die dünnen Latten beim lebenden Wesen auslösen. Da wird innerlich (oder auch mit lauter Stimme) mit den Ski gesprochen. Der Kratzer im Belag löst spiegelneuronales Empfinden aus (fühlt sich an wie irgendetwas zwischen Schürf- und Schnittwunden).

Und irgendwann sind die Ski dann bereit für den Sommerschlaf. Sie werden in der Herde achtsam im Skisack gebettet. Die Zähne des Reissverschlusses schliessen sich und verdunkeln die Welt, begleitet von einem einfühlsamen «müde bin ich, geh zur Ruh, schliesse beide Augen zu». Das gilt jetzt auch für das langlaufende Beziehungsdreieck. Vorübergehend.

Der Rasenmäher des Nachbarn ist verstummt. Dem Hochdruckreiniger ist das Wasser ausgegangen. Das Weissbier ist leer. Die Herde schläft.

Das „Weg von“ ist abgeschlossen und ein nächstes „Hin zu“ wird kommen: die Vorfreude auf die nächste Saison ist da.

Multisensorisch und im Dreieck natürlich.

Über diese Kolumne

Wenn wir auf zwei Brettern gleiten, ist dies mit besonderem „Sein“ und „Tun“ verbunden. Da gibt es immer wieder Gelegenheiten, aus einer anderen Sicht darauf zu blicken, geprägt von der „Liebe zur Weis(s)heit“ (am liebsten mit zwei „s“, weil verschneite Landschaften am schönsten sind). Durch die verschneiten Landschaften laufen wir lang, schreiten diagonal und denken quer. Unsere Lieblingsbeschäftigung ist damit im Kern philosophisch. Dies findet in der neuen Rubrik „PhilosoSki“ seinen Platz und schneit jeden Monat einmal mit Schneeflocken aus Satire und Humor herab.

Viel Spaß beim philososkieren!Der PhilosoSkist Carsten

Die mobile Version verlassen
Die mobile Version verlassen