Kolumnen

PhilosoSki: „So ein Saustall!“

Von Carsten Stolz

„So ein Saustall!“ Oft gehört. Vor allem in der schon länger zurückliegenden Kindheit. Oft auch innerlich gedacht oder ausgesprochen. Das ist gar nicht so lange her. Der heiße Sommer, die ausgedehnten Ferien und noch so Dies und Das von links und rechts haben Routinen, Rituale und Disziplin strapaziert. Nein, das ist kein „Opfer-der-Umstände“-Argument, mit dem es sich ja immer einfach und erleichtert lebt: man kann ja gar nichts dafür, dass es so ist wie es ist.

Es liegt schon auch an mir, dass es so ist, wie es ist. Es gibt sie eben, die nicht durchgeführten Trainingseinheiten, die verkürzten Trainings, die nicht wirklich mit Vollgas durchgeführten Intervalle (so eher VO2 mini, bestimmt nicht VO2 max), die Flucht in andere Sportarten (bei mir war es Schwimmen wegen der Hitze) und sonstige geschickte Ausweichmanöver. In den Ferien hat es dann auch sehr gut geschmeckt. Die stille Legitimation: „Die lokale Küche gehört eben zur Kultur und die wollen wir ja schließlich kennenlernen!“ Irgendwie ist es halt jetzt gerade ein richtiger Saustall! Im übertragenen Sinne natürlich.

Aus irgendeinem Grund lese ich über Entropie. Ein ehrfürchtiges Wort. Ist nichts anderes als das Mass für Unordnung. Kommt aus der Physik. Und jetzt kommt es: Es ist der natürliche Lauf der Dinge. Ohne Zutun steigt die Unordnung immer! Wenn ich es einfach passieren lasse, dann wird der Saustall immer grösser. Hochtrabender ausgedrückt: die Entropie nimmt zu. Ich frage mich, wie ich den Zustand der erhöhten Entropie (wie oben beschrieben) wieder zurückführe in mehr Syntropie (das ist der Gegenpol und bezeichnet Ordnung und Rhythmus). Die Idee: einen neuen Ausgangspunkt schaffen.
Hier beginnt eine neue Geschichte. Nennen wir sie „Standortbestimmung“. Oder: „objektives Saustall-Foto“. Wir brechen das Muster und gehen zu einer leistungsdiagnostischen Untersuchung. Das läuft so ab: Ich sitze auf einem stationären Rad-Ergometer verkabelt wie ein Astronaut und trete bis zum Pupillen-Stillstand in die Pedale. Neben mir steht laut anfeuernd ein Mensch, der auf Bildschirme guckt und mir immer wieder ins Ohr sticht, um Blut abzunehmen. Das Ganze dauert länger oder kürzer, je nachdem wann Körper und/oder Geist am Ende sind.
Als er „LSD“ sagt, ist der Schweiss schon getrocknet und ich sitze nicht mehr auf dem Ergometer. „LSD!“ sagte er. Wirklich! Nein, ich habe mich nicht verhört. Der bayerische Kontext zur Oktoberfest-Zeit passt nicht zu meinen Assoziationen. Wir blicken auf unendlich viele Kurven, Zahlen, Abkürzungen, Punktewolken und Regressionsgeraden. Auf mich wirkt es höchst entropisch (wenn man das Wort oft benutzt, dann entwickelt man Zuneigung zu ihm).
Wenn man auf die Auswertungen schaut, kann es schon halluzinogen wirken und einen veränderten Bewusstseins-Zustand hervorrufen. Dahin kommen wir in der Besprechung der Ergebnisse nicht. Es klärt sich, was er meint: Er spricht gar nicht von Lysergsäurediethylamid. Er spricht von Long Slow Distance. Ach so! Die langen Grundlagen-Einheiten, die während der oben beschriebenen Entropie-Zeit ausfielen oder verkürzt wurden. LSD braucht es mehr. Auch die Intervalle „können wir in der Qualität noch verbessern.“ Ohne Weichspüler heißt das: härter, länger, öfter. Weg von VO2 mini, hin zu VO2 max. Die Flucht in andere Sportarten ist beendet. Für andere geschickte Ausweichmanöver ist kein Platz mehr.
Die Leistungsdiagnostik unterstützt Syntropie (wenn man das Wort oft benutzt, dann entwickelt man Zuneigung zu ihm). Einverstanden: Jetzt muss Schluss sein mit effektheischender Wortspielerei. Eigentlich wollte ich nur sagen: die Leistungs-diagnostik hilft, wieder in die Spur zu kommen und den Saustall aufzuräumen. Und weil der Ausgangspunkt immer im Jetzt ist, schließe ich Frieden mit dem entropischen Sommer. Es ist, wie es ist. Ich danke für das objektive Saustall-Foto und beginne den syntropischen Weg nach vorne. Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitermachen. Nach vorne gefahren wird mit dem Blick durch die Windschutzscheibe, nicht in den Rückspiegel.
Ich öffne die Keksdose. Das Gebäck liegt vollkommen unordentlich darin. „So ein Saustall!“ huscht es durch meine Gedanken. Heute Abend gibt es Lachs mit Blattspinat.Es gibt immer was zu tun.

Über diese Kolumne

Wenn wir auf zwei Brettern gleiten, ist dies mit besonderem „Sein“ und „Tun“ verbunden. Da gibt es immer wieder Gelegenheiten, aus einer anderen Sicht darauf zu blicken, geprägt von der „Liebe zur Weis(s)heit“ (am liebsten mit zwei „s“, weil verschneite Landschaften am schönsten sind). Durch die verschneiten Landschaften laufen wir lang, schreiten diagonal und denken quer. Unsere Lieblingsbeschäftigung ist damit im Kern philosophisch. Dies findet in der neuen Rubrik „PhilosoSki“ seinen Platz und schneit jeden Monat einmal mit Schneeflocken aus Satire und Humor herab.

Viel Spaß beim philososkieren!Der PhilosoSkist Carsten