Von Carsten Stolz
Die Durchsage der Schulleitung kommt um 11.00 Uhr: «Aufgrund der hohen Temperaturen endet der Schulbetrieb heute um 11.15 Uhr. Es gibt Hitzefrei.» Wir hatten das ersehnt und erwartet und die Badehosen bereits morgens in den Schulranzen (so nannte man zu meiner Zeit die Behälter für Schulmaterial, welche man auf dem Rücken trug). Hitzefrei war selten und besonders. Oft galt eine gemessene Temperatur von 25 Grad (ist kein Tippfehler: 25 Grad nicht 35 Grad) als genug für Hitzefrei.
In den letzten vielen Wochen wäre ich bei dieser Regel gar nicht mehr erst in die Schule gegangen, sondern direkt ins Freibad. Und ich muss mich bei der geschätzten Leserschaft dieser Kolumne für die verspätete Publikation entschuldigen: es war zu heiß zum Schreiben. Jetzt gerade ist es kurz nach Schulbeginn (genauer: fünf Minuten nach acht Uhr morgens) und die Außentemperatur beträgt 21.6 Grad (Gewitter gestern Abend). Also noch kein Hitzefrei, also Schreiben. Damit ist der Gang nach Canossa erfolgt und wir können uns dem Thema widmen. Es braucht allerdings noch eine kleine Vorbemerkung: die große und lange Hitzewelle hatte und hat schlimme Folgen für die Natur und auch die Menschen. Wenn nun satirische und spitz formulierte Worte folgen, dann ist dies den schreibenden Händen bewusst und es ist in keiner Weise beabsichtigt, die Ernsthaftigkeit der Hitzefolgen zu negieren. Wenn jetzt zwischen Schreiben und Lesen ein Handschlag besteht, dann können wir endgültig loslegen.
Die Hitze hat mich im Sommer-Training doch vor echte Herausforderungen gestellt und ich war dabei nicht allein. Diverse Anpassungsmechanismen waren beobachtbar, die in «Bruce Lee»- und «Matador»-Strategien eingeteilt werden können. Hinter den «Bruce Lee»-Strategien steht die Haltung des berühmtesten Zitats von Bruce Lee «Sei Wasser, mein Freund.» Wasser nimmt die Form an von allem, worin es ist. Wasser kämpft nicht gegen Hindernisse, sondern umfliesst sie. «Matador»-Strategien hingegen suchen über den Kampf den Sieg. Ich habe beides ausprobiert.
Bei den «Bruce Lee»-Strategien kam die Stirnlampe häufiger zum Einsatz: Rad- und Rollski-Einheiten weit vor dem Sonnenaufgang, um von der leichten Abkühlung in der Nacht zu profitieren (eben: das Hindernis umfliessen!). Dann natürlich das Wasser selbst: lange war Schwimmen nicht mehr Teil des Sommer-Trainings. Dieses Jahr habe ich es wiederentdeckt. Kraulen ist durchaus wertvoll und hat sich für Abkühlung echt bewährt; eigentlich noch ein wertvoller Trainingsreiz: gut für Gelenke, Kraft, Atmung, Rumpfstabilität. Eine echte hitzebedingte Wiederentdeckung! Und als bekennender Ausrüstungs-Aficionado waren die Schwimm-Gadgets auch wieder ein Genuss. Da entdeckte ich, dass Schwimmbrillen heute nach einem Gesichts-Scan mit 3D passend auf mein Gesicht gedruckt werden können. Natürlich gleich probiert. Und dann das Unterwasser-Metronom an der Bademütze, damit man der Armzug regelmässig und schnell ist. Dieses Metronomi ist übrigens auch sehr cool beim Doppelstock-Schieben. Macht mental richtig Dampf!
«Körper im Wasser» kann man auf zweierlei Art spielen: stilles Wasser und durch gezielte Körperbewegungen Vortrieb erzeugen (das ist das klassische Verständnis von Schwimmen) oder man dreht es um: fließendes Wasser und stiller Körper! Das gibt auch Vortrieb und man muss nichts selbst machen! Braucht nur einen Fluss. In Basel haben wir den Rhein und man nennt es tatsächlich «Rheinschwimmen» (nicht etwa Rheintreiben). Tut saugut, bringt trainingsmäßig gar nichts. Dann gab es einen höheren Anteil von nicht-kardiovaskulären Spielformen: Kraft-Training, Pilates, Yoga, Atemübungen. Das ist ja schon wertvoll, aber es braucht ja nun gerade zu dieser Jahreszeit die langen Grundlagen-Einheiten. Eine große Rolle spielte auch der Keller. Hier war es deutlich kühler (na ja, alles ist relativ: 28 Grad statt 38 Grad) und geschützt vor UV und Ozon. Indoor Cycling und Ski-Ergometer im Juli. Echt jetzt? Gehört aber klar zu den «Bruce Lee»-Strategien.
Eine letzte «Bruce Lee»-Form muss noch angesprochen werden: Hitze-Training. Die Hitze gezielt nutzen, um zusätzliche Trainingseffekte zu erzielen. Das muss man vorsichtig angehen und braucht neue Messdaten (juhu, wieder ein Gadget!). Das Prinzip: «Train hot, race cool!» Kannte ich bisher nur aus dem Höhentraining, wo «Train high, sleep low!» eine Trainingsform ist. Beim Hitze-Training wird die Körper-Kerntemperatur gezielt gesteigert, um so Anpassungen in der Thermoregulierung zu bewirken. Das ist echt hart. Die Tour de France 2026 war die heisseste und gleichzeitig schnellste Tour in der Geschichte: 43.3 km/h Durchschnitt über alle 21 Etappen gerechnet. Ich habe Stimmen von Rad-Teams der Tour de France gelesen, die sagen, dass sie im Winter (der Winter beim Radfahrer ist ja der Sommer beim Langläufer) Höhen- durch Hitzetraining ersetzt haben. Und dass sie mit Hitzetraining vergleichbare Hämoglobin-Anpassungen erzielen konnten. Das klingt ja sehr spannend! Adieu Höhengenerator? Herzlich willkommen Wollpullover und Einmal-Maler-Overall auf dem Indoor-Bike oder am SkiErg? In den Marginalien liegt der Performance-Unterschied!
Damit kommen wir zu den «Matador»-Strategien. Wir packen den Stier bei den Hörnern und besiegen die Hitze-Dämonen! Kühlwesten waren mir bisher vor allem bei Formel 1-Fahrern aufgefallen. Auch gesichtet beim Aufwärmen (lustig, gell? Kühlwesten beim Aufwärmen!) vor Einzelzeitfahren im Radsport. Bei mir hat das erste Mal mit Kühlweste beim Frühstück sitzen dann doch zu heftigem Unverständnis geführt. War vielleicht einer zu viel. Dann eben zur Tankstelle fahren und Flockeneis kaufen. Das war unauffällig, da jeder an der Tankstelle bei Flockeneis an Caipirinha denkt. Flockeneis in einen ausrangierten Damenstrumpf einflechten und dann ab ins Trikot auf den Rücken und los geht es zum Rollski-Training. Herrlich! Das schmilzende Eiswasser läuft den Rücken hinunter. «Bitte ein Bit!»-Feeling während des Trainings. Diese Strategie hinterliess allerdings Spuren, die bei Spaziergängern zu vollkommen falschen Assoziationen führten. Aber das war deren und nicht mein Problem.
Zuletzt muss als «Matador»-Strategie natürlich noch ganz einfach die Dienstverweigerung genannt werden. Einfach nicht trainieren. Das hat die Hitze jetzt davon! Noch etwas mehr Trotz kommt zum Ausdruck, wenn gleichzeitig Speiseeis gelutscht wird. Das waren nur kurzfristige Pyrrhussiege: die Quittung kam umgehend durch messbar veränderte Körperzusammensetzung.
«Bruce Lee» und/oder «Matador» haben mich bis hierher gebracht. Der Herbst naht und es ist ein Ende der Hitze absehbar. Bleibt die Hoffnung auf ausgleichende Gerechtigkeit mit einem kalten, langen und schneereichen Winter. Das Universum hat diesen Wunsch sicher gehört. Ich trinke jetzt erst Mal einen Eiskaffee.
Über diese Kolumne
Wenn wir auf zwei Brettern gleiten, ist dies mit besonderem „Sein“ und „Tun“ verbunden. Da gibt es immer wieder Gelegenheiten, aus einer anderen Sicht darauf zu blicken, geprägt von der „Liebe zur Weis(s)heit“ (am liebsten mit zwei „s“, weil verschneite Landschaften am schönsten sind). Durch die verschneiten Landschaften laufen wir lang, schreiten diagonal und denken quer. Unsere Lieblingsbeschäftigung ist damit im Kern philosophisch. Dies findet in der neuen Rubrik „PhilosoSki“ seinen Platz und schneit jeden Monat einmal mit Schneeflocken aus Satire und Humor herab.
Viel Spaß beim philososkieren!Der PhilosoSkist Carsten
