Kolumnen

PhilosoSki: Murmeltieren oder etwas Neues ausprobieren?

Von Carsten Stolz

Es ist die Zeit der lang-langsamen Grundlagen-Einheiten. Der Trainingsplan sagt: «Drei Stunden, bei gutem Gefühl auch gerne mehr.» Rollski raus und die lange Ausfahrt vorbereiten: Ausrüstung, Verpflegung, Handy, Air Pods. Alles läuft mechanisch-institutionalisiert ab. Die Gedanken sind irgendwo anders. An den Startpunkt gehen und wieder die gleiche Runde starten. Podcast auf den Ohren, damit der Kopf etwas zu tun hat. Auf der Strecke sind jede Kurve und jedes Schlagloch bekannt. Das Doppelstock-Schieben läuft uhrwerkgleich ab. Die Gedanken sind schon bald auch vom Podcast völlig losgelöst und schweifen durch das Universum. Der Körper braucht den Geist nicht; er weiss auch allein, was zu tun ist für die nächsten «drei Stunden, bei gutem Gefühl auch gerne mehr.» Den schweifenden Gedanken kommt der tägliche Gruss des Murmeltiers in den Sinn: es hat schon manchmal etwas von «same same, but different». Nennen wir es «murmeltieren» (ein selbstkreiertes Verb in Anlehnung an den Film «Und täglich grüsst das Murmeltier»).

Jakob kommt unerwartet ins Spiel. Er ist felsenfest davon überzeugt, dass jede sportliche Aktivität nur ein Übergangszustand ist, der früher oder später zur einzig möglichen Körperertüchtigungserleuchtung führt. Er nennt es Seekajakfahren. Er macht davon auch «drei Stunden, bei gutem Gefühl auch gerne mehr». Ist also auch murmeltierendes «same same, but different.»

Jakob lässt nicht locker. Die missionarische Wiederholung seines Mantras beginnt Reaktion bei mir auszulösen. Ich drehe den Spiess um: die einzig mögliche Körperertüchtigungserleuchtung ist Skilanglauf. Damit sind wir jetzt in einer Patt-Situation: Er sagt Kajakfahren, ich sage Skilanglauf. Sackgasse und damit beendet. Basta.

Aber, das wäre ja gelacht! Kann nicht so schwer sein. Der Doppelstockoberkörper wird wohl wechselweise ein Paddel mal links, mal rechts ins Wasser halten und so ein Seekajak in eine gleitende Vorwärtsbewegung versetzen können. Dann lassen wir uns einmal darauf ein. Ich verabrede mich mit Jakob zum Paddeln. Selbstverständlich ohne Anerkennung seines Mantras. Auch nicht ansatzweise.

Wir treffen uns und alles ist neu: der Ort, das Material, die Begriffe, die Körperbewe-gungen, die Gedanken. Keine Zeit für abschweifende Gedanken. Podcast auf den Ohren ist undenkbar; das Wasser ist viel zu kalt, um mit dem Kajak umzukippen. Ich sitze im Boot und beginne mit dem Paddeln. Das flutscht gut, wie erwartet. Der Doppelstock-oberkörper ist fest verankert im gestählten Rumpf und arbeitet erwartungsgemäss. Schon gewonnen! Seekajak haben wir unmittelbar im Griff und damit ist auch klar, dass die einzig mögliche Körperertüchtigungserleuchtung nicht in einem Boot, sondern auf Langlaufskiern stattfindet. Habe ich ja gleich gesagt. Das wäre ja gelacht!

Keine 500 Meter weiter ermattet die Rotatorenmanschette in der rechten Schulter. Die klaren technischen Anweisungen von Jakob kann meine zentrale Recheneinheit (Gehirn) nicht in korrekte Bewegung umsetzen. Kleine Wasseroberflächenkräuselungen (von Wellen zu sprechen wäre masslose Übertreibung) treffen auf hoffnungslos überforderte Propriozeption. Auf deutsch: es ist ein einziger Eiertanz.

Eineinhalb Stunden später ist wieder fester Boden unter den Füssen und der Körper kann im aufrechten Gang bewegt werden. Die folgenden Tage zeigen, dass Laktat an bislang vollkommen unbekannten Stellen gebildet werden kann. Die übrigen Schmerz-Zustände ordnet Jakob mit dem «Beginn von sportartspezifischen Anpassungs-prozessen» ein. Analytisch präzise; dadurch geht es aber auch nicht schneller weg.

In den folgenden Wochen finden weitere «same same, but different»-Sessions in der neuen Sportart statt. Und es ist dann doch erstaunlich: Ort, Material, Begriffe, Bewegungen, Gedanken werden vertrauter. Die Propriozeption tut ihren Dienst immer besser. Ein neues Muskelgedächtnis kommt in Schwung. Technische Hinweise finden immer besser ihren Weg über die Ohrmuschel in die Kommandozentrale zum Maschinenraum. Es gibt sogar Momente von Flow, die ich bisher vor allem beim Langlaufen erlebt habe. Mentaler Fokus wechselt sich ab mit genussvoller Präsenz, man könnte es gar Freude und Spass nennen. Der Atem fliesst in Resonanz mit dem Paddelschlag. Eigentlich wie Doppelstock-Schieben.

Ein neues mentales und freundschaftliches Problem entsteht. Jakob und ich befanden uns bis hierher in einem Kräftegleichgewicht: er sagt, nur Seekajak ist sportliche Erleuchtung. Ich sage, dass dies nur auf Langlaufen zutrifft. «Wer nur eine Alternative hat, hat keine Wahl. Wer zwei Möglichkeiten hat, ist im Dilemma. Freiheit beginnt ab drei Wegen.» Irgendjemand hat das mal gesagt; keine Ahnung, wem die Anführungszeichen gehören.

Dieses Zitat kommt mir bei der nächsten Rollski-Einheit in den Sinn. Und da wird es interessant: ich versuche, mit dem Seekajak-Anfänger-Zauber die nächste Trainingseinheit zu machen. Kein Podcast, mehr Präsenz. Kein Auto-Pilot. Mal wieder so tun, als wäre es das erste Mal. Die tausendfach geübten Bewegungen wieder zum ersten Mal machen. Ein bisschen verändern, neu entdecken. Eben «same same, but different.» Mentaler Fokus mit genussvoller Präsenz. Fast wie beim Seekajak fahren. Hoppla! Habe ich den letzten Satz tatsächlich geschrieben?

Wo ist er nun also, der dritte Weg? Mal wieder Anfänger in einer Sportart sein durchbricht Routine. Es kann ja auch sowohl Langlaufen als auch Seekajak sein. Muss sich ja nicht ausschliessen.

Und im nächsten Winter steht Jakob zum ersten Mal auf Langlaufskiern. Und dann sehen wir mal, wie das mit Kräften, mit Gleichgewicht und beginnenden sportartspezifischen Anpassungsprozessen bei ihm so aussieht.

Das wäre ja gelacht!

Über diese Kolumne

Wenn wir auf zwei Brettern gleiten, ist dies mit besonderem „Sein“ und „Tun“ verbunden. Da gibt es immer wieder Gelegenheiten, aus einer anderen Sicht darauf zu blicken, geprägt von der „Liebe zur Weis(s)heit“ (am liebsten mit zwei „s“, weil verschneite Landschaften am schönsten sind). Durch die verschneiten Landschaften laufen wir lang, schreiten diagonal und denken quer. Unsere Lieblingsbeschäftigung ist damit im Kern philosophisch. Dies findet in der neuen Rubrik „PhilosoSki“ seinen Platz und schneit jeden Monat einmal mit Schneeflocken aus Satire und Humor herab.

Viel Spaß beim philososkieren!Der PhilosoSkist Carsten