Nach über hundert Jahren wird die Nordische Kombination bei den Olympischen Spielen von Alpes 2030 in Frankreich erstmals nicht mehr vertreten sein. Anstatt die Kombiniererinnen ebenfalls mit aufzunehmen, flog die Disziplin als Ganzes aus dem Programm. Zwischen Schock, Kritik und Durchhalteparolen – Reaktionen aus dem Umfeld.
Kritik an der Argumentation des IOC
„Nicht beliebt genug“, lautete das vernichtende Urteil des IOC. Gemessen an Zuschauerdaten, Ticketverkaufszahlen, Social Media-Daten. Dazu eine „fehlende Universalität“ – immer die gleichen Nationen auf dem Podium, so die weitere Begründung. Beim deutschen Skiverband kann man diese Argumente nicht nachvollziehen. „Die beiden angeführten Punkte, die Social-Media-Daten und die fehlende Universalität der Disziplin, können aus unserer Sicht so nicht stehen bleiben. Gerade bei der Universalität haben wir uns in den vergangenen drei Jahren enorm weiterentwickelt. Bei den Herren waren in den beiden olympischen Wettbewerben jeweils fünf Nationen in den Top Ten vertreten. Bei den Damen kamen sogar sechs Nationen aus dem Gesamtweltcup unter die Top Sechs und sieben Nationen aus drei Kontinenten unter die Top Ten. Da stellt sich die Frage: Welche Sportart hat hier eine größere Universalität? Deshalb fällt es uns sehr schwer, diese Argumentation so zu akzeptieren,“ widerspricht DSV-Sportdirektor Nordisch, Horst Hüttel, dem IOC.
„Zahlen transparent vorlegen!“
Auch Herren-Bundestrainer Eric Frenzel hat seine Zweifel – und fordert mehr Transparenz: „Für mich persönlich tut es einfach weh, mit Kriterien konfrontiert zu werden wie angeblich zu wenige Nationen oder eine zu geringe Medienpräsenz. Gerade im Vergleich zu anderen Sportarten kann ich diese Argumentation nicht wirklich nachvollziehen. Ich hoffe deshalb inständig, dass das IOC jetzt die Größe hat, einen fairen Prozess zu ermöglichen und den Verbänden, dem Internationalen Skiverband und dem Deutschen Olympischen Sportbund diese Zahlen im Vergleich transparent vorzulegen. Als traditionsreiche Sportart haben wir das verdient – auch, um für uns eine gewisse Ruhe zu bekommen und die Entscheidung sportlich einordnen zu können. Aktuell fällt es uns jedoch enorm schwer, diese Begründungen nachzuvollziehen und zu akzeptieren. Ich hoffe sehr, dass man noch einmal das Gespräch mit dem IOC sucht – und dass auch das IOC auf uns als Sportart zugeht.“
„Grundpfeiler des Nordischen Skisports“ seit 1924
Der Internationale Skiverband (FIS) reagierte in einem ersten Statement tief enttäuscht. „Unsere erste Reaktion ist natürlich Enttäuschung“, sagte FIS-Präsident Alexander Ospelt nach der IOC-Mitteilung, in der die Mängel des Nordischen Kombinationssports anhand von 14 Popularitätsindikatoren als Hauptgrund dafür genannt wurden, dass die Disziplin nicht beibehalten wird. „Die Nordische Kombination ist seit den allerersten Olympischen Winterspielen 1924 Teil des Programms und ein Grundpfeiler des Nordischen Skisports auf allen Ebenen, besonders in Bezug auf die Athletenentwicklung. Dazu kommt, dass die Disziplin in den letzten Jahren dank der Einbeziehung von Frauenwettbewerben deutlich und greifbar gewachsen ist und die internationale Beteiligung immer breiter wird. Das ist eine sehr schwierige Entscheidung für die FIS und unsere Nationalen Skiverbände“, sagte der FIS-Präsident.
Ein Blick in die Zukunft
„Mir fehlen die Worte“
FIS-Renndirektor Lasse Ottesen zeigt sich ebenso zutiefst erschüttert. „Die heutige Entscheidung des IOC ist äußerst enttäuschend“, gab Ottesen zu. „Mir fehlen die Worte und ich kann die Gründe dahinter kaum nachvollziehen. Die Hingabe und harte Arbeit unserer weiblichen und männlichen Athleten, das herausragende Engagement unserer Organisatoren und die enorme Unterstützung unserer nationalen Skiverbände über viele Jahre hinweg waren schlichtweg bemerkenswert, und ich kann ihre heutige Enttäuschung vollkommen nachvollziehen.“
Botschaft an die Athleten
Weitreichende Auswirkungen auch aufs Skispringen
ÖSV-Sportdirektor Mario Stecher nennt die Entscheidung des IOC „eine Hiobsbotschaft für den österreichischen Wintersport und ein[en] schwere[n] Schlag für die Nordische Kombination“: „Kaum eine andere Disziplin steht so sehr für Tradition und eine österreichische Erfolgsgeschichte wie diese. Wir sind zutiefst enttäuscht, dass die sichtbare Weiterentwicklung dieser Sportart nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Unsere Athletinnen und Athleten haben enorme Fortschritte gemacht, die leider nicht jene Anerkennung finden, die sie verdienen. Die Auswirkungen dieser Entscheidung reichen weit über die Nordische Kombination hinaus. Auch das Skispringen ist unmittelbar betroffen, denn ohne olympische Perspektive wird es mittelfristig schwieriger werden, Schanzenanlagen zu erhalten und den Nachwuchs nachhaltig zu fördern. Am schwersten wiegt jedoch eines: Vielen Talenten wird mit einem Schlag eine Zukunftsperspektive genommen. Kinder und Jugendliche, die mit Leidenschaft trainieren, verlieren ihr großes Ziel – den olympischen Traum. Wir werden dennoch alles dafür tun, die Nordische Kombination stark zu halten und gemeinsam mit der FIS sowie unseren Partnern Wege zu finden, dieser einzigartigen Sportart eine attraktive Bühne und eine stabile Zukunft zu sichern.“
Olympia als Finanzierungsgrundlage
Auch Langlauf-Sportdirektor Peter Schlickenrieder sprach in einem mdr-Interview wenige Stunden vor Bekanntgabe der IOC-Entscheidung von der enormen Bedeutung von Olympia für den gesamten Sport. Olympia sei nicht nur der Glanzpunkt, sondern auch eine Finanzierungsgrundlage für die Verbände. Gäbe es nur noch Weltmeisterschaften, bedeutete das deutliche Einschnitte in der Finanzierung. Im Deutschen Skiverband gebe es jedoch einen Plan B. Die Frage sei, wie man es schaffen könne, die jungen Menschen, nun vorerst ohne Olympia-Perspektive, weiter am Ball zu halten, und wie man das finanzieren könne.
„Auch künftig eine sportliche Perspektive bieten“
Blick richtet sich nach vorne
„Für unsere Athletinnen und Athleten, Trainerinnen und Trainer sowie die vielen Ehrenamtlichen in den Vereinen ist diese Entscheidung zunächst einmal eine große Enttäuschung“, erklärt Horst Hüttel. „Jetzt richtet sich unser Blick nach vorne. Gemeinsam werden wir bewerten, welche Konsequenzen sich daraus ergeben und wie wir die Nordische Kombination künftig bestmöglich weiterentwickeln können. Dazu gehört selbstverständlich auch der enge Austausch mit den anderen führenden Skinationen sowie insbesondere mit der FIS.“ Der Deutsche Skiverband werde sich auch künftig gemeinsam mit der FIS und seinen internationalen Partnerverbänden für die Weiterentwicklung der Nordischen Kombination einsetzen, teilte der Deutsche Skiverband am Abend in einer Pressemitteilung mit.
Entsetzte Athleten
„Tut weh, diese jungen Gesichter zu sehen“
Bundestrainer Eric Frenzel meldete sich aus dem Trainingslager, wo er die Reaktionen seiner Athleten mit ansehen musste. „Die Entscheidung trifft uns natürlich enorm. Wir sind aktuell im Lehrgang – von den Junioren bis zu den Herren – und gerade für die jungen Athleten ist das besonders schmerzhaft. Wenn man heute in ihre Augen geblickt und die Enttäuschung gesehen hat, wurde deutlich, was diese Entscheidung mit ihnen macht. Sie verlieren damit ein Stück Zukunft, viele Optionen und auch Vertrauen in gewisse Strukturen. Das müssen wir in den kommenden Wochen wieder aufbauen. Wir haben deshalb versucht, direkt gemeinsam in den Austausch zu gehen und über alle Bereiche hinweg – unabhängig von der Disziplin – weiter zusammenzuarbeiten. Wir haben den Athleten klar vermittelt: Wir werden gemeinsam für sie kämpfen. Trotzdem tut es weh, gerade diese jungen Gesichter zu sehen.“
Disziplinübergreifende Unterstützung
„Ohne Athletinnen und Athleten gibt es keine Olympischen Spiele.“
„Von ‚first gender-equal Olympic Winter Games‘ zu sprechen, ist eine Frechheit“
„Wenn wirtschaftliche Interessen wichtiger sind als Tradition, Fairness und die Vielfalt des Sports, dann verliert Olympia seine Glaubwürdigkeit.“