Interviews

Gimmler / Rydzek: Das sagten unsere olympischen Bronze-Gewinnerinnen im Langlauf zu ihrem Erfolg

Eine Medaille bei den Olympischen Spielen! Das war das große Ziel von den deutschen Langläufern und Laura Gimmler und Coletta Rydzek haben es geschafft. Was sie später im Hotel in einem ausführlichen Gespräch zu ihrem Erfolg sagten, lest ihr hier…

Großer Druck und Nervosität

Die Voraussetzungen waren nicht die besten vor dem Sprint und ein großer Druck und Nervosität lastete auf Laura Gimmler und Coletta Rydzek, so dass beide ziemlich schlaflos in Fiemme waren. Dazu genehmigte sich Coletta das eine oder andere „Nervositätskötzerle“, wie sie das bei der Tour de Ski genannt hatte – auch in der Umkleide. „Mein Magen hat heute nicht mitgespielt. Ich kenne das schon, aber so schlimm war es noch nie. Ich weiß, dass es trotzdem möglich ist, das heißt nicht unbedingt was und ich habe meinen Speicher in den letzten Tagen gut aufgefüllt. Aber natürlich ist das nicht ganz angenehm. Die Nervosität war sehr groß und die Anspannung, das hat man daran sehr gesehen.“ Und auch Laura hatte ihre Probleme mit Nervosität, nachdem sie in der Staffel für einen zu großen Rückstand gesorgt hatte – in erster Linie wegen eines zu glatten Skis, wie man inzwischen weiß. „Mir ging es auch nicht viel besser als Coletta. Wir haben beide nicht viel geschlafen, ich hatte auch die ganze Nacht Bauchschmerzen. Ich habe dann vor dem Finale zu Coletta gesagt, wir leben hier unseren Traum, das fühlt sich so an. Aber so ist es halt, wenn man liefern will. Sport hat seine harten Momente, sowas fällt einem nicht in den Schoß. Wir haben uns das jetzt verdient erarbeitet und ich habe Coletta mal gefragt: ‚Kann ich irgendwas sagen, kann ich irgendwas für dich tun?‘ Nee, wenn wir drüber reden, dann wird es nur noch schlimmer.“ Und Coletta ergänzt: „Ich bin es ja gewohnt. Bei einigen meiner Podien ging es mir nicht so gut. Heute war es schon der Peak, aber normal weiß ich, dass es nicht unbedingt was mit der Leistung zu tun hat.“

Überraschung nach dem Prolog

Aber bevor es ins Finale ging, wartete noch eine große Überraschung auf Coletta – ihr Freund Simon Jocher, der doch eigentlich im Training für die nächsten Alpin-Weltcups sein sollte. Da war die 28-Jährige wohl zunächst einmal sprachlos, als er nach dem Prolog plötzlich vor ihr stand, wie man im Video sieht. Am Nachmittag erzählte sie dazu: „Ich habe nichts davon gewusst, Laura wusste das offenbar schon länger. Ich wusste, dass er eigentlich trainiert und deswegen war ich sehr nervös. Darum ist mir auch kurz nach dem Prolog alles entglitten. Das hat mich sehr gefreut, es war sehr emotional und insgesamt ein Wechselbad der Gefühle.“

Und dann kam das Finale…

Langsam wurde es aber ernst und die Nervosität stieg wenn möglich noch mehr an. „Ich habe gesehen, dass ich die Distanz-Mädels auf der ersten Runde habe und das Tempo war dann auch dementsprechend von Anfang an sehr hoch durch Jonna Sundling und Jessie Diggins. Mir war aber auch klar, dass es sehr schwierig wird, auf der Runde wegzukommen, weil sehr schnelle Bedingungen sind und immer wieder kleine Abfahrten kommen und wenn man in Kontakt mit der Gruppe bleibt, fährt sich alles immer wieder zusammen“, erzählte Laura: „Ich wollte dann die ersten beiden Runden ein bisschen Kraft sparen, weil ich gedacht habe, dass in der dritten Runde der Mann mit dem Hammer kommt bei der ein oder anderen. Gott sei Dank habe ich das dann so geschafft. Ich habe mich natürlich mehr auf die Bronzemedaille fokussiert als auf die Goldmedaille. Man muss da manchmal ein bisschen clever sein und ich konnte dann in Kontakt zur Drittplatzierten an die Coletta übergeben und dann wisst ihr ja, wie es weitergegangen ist.“ Genau, das wissen wir. Coletta beschreibt ihr Rennen so: „Es war heute ein brutales Rennen und die Medaille fühlt sich sehr hart erarbeitet an. Ich bin froh, dass ich den Zielsprint so machen konnte. Die erste Runde war vom Tempo ganz okay. In der zweiten Runde hat man dann gemerkt, dass sich das Feld auseinanderzieht und alle nach vorne wollen. Ich habe versucht, so weit es geht Kräfte zu sparen in den ersten zwei Runden. Ich wusste, auf die dritte kommt es an. Die Nadine [Fähndrich] ist auch gut nach vorne marschiert und ich habe mich drangehängt und Leute überholt. Am letzten Anstieg habe ich dann gesehen, dass die Finnin ein bisschen eingeht. Ich habe gedacht, ich muss nur an der Norwegerin dranbleiben und im Windschatten in die letzte Abfahrt und dann alles in den Zielsprint reinhauen und ich bin froh, dass ich das für uns beide so ins Ziel bringen konnte.“ Auf die letzten Meter angesprochen meinte sie: „Man denkt sich schon relativ viel. In der Abfahrt habe ich mir gedacht, ich wollte in den Windschatten rein, vielleicht war es ein bisschen zu weit? Ich wollte da eigentlich mit Überschwung vorbei, das hat nicht ganz so funktioniert und eigentlich wollte ich auch 1-1 auf der Zielgeraden machen. Aber sie [Julie Drivenes] hat die ganze Zeit nur Beinarbeit gemacht und die vor mir auch, glaube ich. Da dachte ich mir, ich muss jetzt so schnell wie möglich… Ich kann ganz schön viel bei Kniebeugen drücken… und da habe ich kurz gedacht, jetzt muss ich alles in die Beine reinhauen und die Schnellkraft da rauslassen, denn die Medaille ist da zum Greifen. Da kam dann der Killerinstinkt durch und ich dachte mir, die Medaille lasse ich mir jetzt nicht nehmen, das habe ich im Augenwinkel schon gesehen, dass ich davor bin.“ Die Belohnung war also die Bronzemedaille, die ein richtig schöner Erfolg ist nach all dem Erwartungsdruck. „Aber den Druck haben wir uns primär schon selber gemacht. Wir standen dieses Jahr schon öfter auf dem Podium, alleine und zusammen. Wir wussten, dass die Chance da ist, deswegen war der Druck von uns sehr hoch. Ich habe zu Laura gesagt, ich habe gehofft, dass sie in der Staffel eine Medaille machen, damit das Thema weg ist. Aber so ist Sport. Mir hätte das heute genauso gehen können wie der Laura. Als Sportler weiß man, dass es manchmal nicht so läuft wie man es sich wünscht, auch wenn die Chancen realistisch sind, muss alles zusammenpassen. Stürze könne gerade beim Teamsprint auch super schnell passieren. Deswegen ist die Erleichterung auch so groß“, sagte Coletta und fügte hinzu: „Klar, vor vier Jahren waren wir super erfolgreich und waren eher die Überraschungen und ich glaube schon, dass wir in den letzten vier Jahren einen Schritt nach vorne gemacht haben. Also wir beide auf jeden Fall, wir hatten vor vier Jahren nicht so schöne Spiele. Deswegen bin ich froh, dass wir es dieses Jahr zeigen konnten. Wie gesagt – die Serviceleute, die Trainer, die stecken alle so viel Arbeit rein und ich bin froh, dass wir das heute auch ein bisschen zurückgeben konnten.“

Der große Bruder immer dabei

Johannes Rydzek ist Colettas große Stütze. Der sechs Jahre ältere Kombinierer war bei allen großen Erfolgen der kleinen Schwester vor Ort, das Geschwisterpaar lebt zu Hause in Oberstdorf unter einem Dach, nämlich Coletta in einer Einliegerwohnung bei Johannes und seiner Familie. Nach ihrer Bronzemedaille war er wieder zu Tränen gerührt: „Dass das jetzt für die beiden so aufgeht. Ich bin so glücklich, das freut mich für sie. Als ich gesehen habe, sie ist an der Gruppe dran, da wusste ich, was sie auf der Zielgeraden kann und habe schon damit gerechnet. Dass das nun Wahrheit wird, ist unglaublich schön“, sagte er im ZDF. Bei dem zweifachen Olympiasieger selbst hat es bei diesen Spielen aber nicht zum Medaillengewinn gereicht. Coletta war gestern vor dem abschließenden Wettkampf der Kombinierer aber recht zuversichtlich: „Ich weiß, wie Sport ist. Ich bin ziemlich sicher, dass die mehr drauf haben als sie zeigen konnten. Sie waren nicht die glücklichsten auf der Schanze. Läuferisch war das Quäntchen Glück gestern [Dienstag] nicht auf ihrer Seite, wie wir es alle hier gefühlt nicht hatten in Predazzo bis auf den Philipp Raimund. Der Sieg war brutal, aber danach hat das Glück gefehlt und ich hoffe, dass sie das Glück morgen haben, weil ich mir sicher bin, dass sie gut in Form sind und nur nicht zeigen konnten, was sie drauf haben und das das würde die Olympischen Spiele vor vier Jahren auf jeden Fall wett machen für uns, wenn das morgen hoffentlich genauso klappt.“

Und was kommt jetzt noch?

Nun gehen die Olympischen Spiele langsam zu Ende. Zwei lange Rennen über 50 Kilometer stehen noch auf dem Programm. Aber deutsche Medaillenchancen gibt es da wohl nicht mehr, oder? „Bei Katha [Hennig Dotzler] schaun wir mal beim 50er. Vielleicht peakt sie ja ihre Form“, hofft Coletta. Zur Abschlussfeier nach Verona wird das Team aber nicht fahren – das passt zeitlich einfach nicht. „Über die Abschlussfeier in Verona haben wir uns noch gar keine Gedanken gemacht. Laura ist auch noch nicht fix raus für Sonntag, ich bin sehr sehr sehr wahrscheinlich raus“, sagte Coletta und Laura ergänzte: „Wir fliegen ja auch Donnerstag schon wieder nach Schweden zum Weltcup und da fällt dann auch die Nacht aus, gerade wenn ich dann auch den 50er machen sollte. Ich glaube nicht, dass ich das alles pack.“ Da zieht das Team lieber ein paar ruhige Tage zu Hause vor, bevor es weiter nach Falun geht. „Alleine die Reise dann nach Verona und bis man dann zurück ist. Montag zu Hause…. Das war eine sehr intensive Zeit hier, viel Ups and Downs, deswegen ist man vielleicht auch mal froh, wenn man vier Tage zu Hause ist. Denn danach kommt nochmal ein Block von fast einem Monat, wo wir nochmal unterwegs sind.“

„Ich bin sicher, Vici freut sich von Herzen für uns“

Aber wer fehlt? Definitiv Victoria Carl. Als Mensch und Sportlerin im deutschen Team. Immer noch ist nicht bekannt, wie lange die endgültige Sperre ausfällt. In der Zwischenzeit muss sich die Thüringerin bemühen, sich auch allein zu motivieren, bis sie wieder ins Team zurückkehren kann. Zuletzt reiste sie von Mallorca weiter ins Trainingslager an der amerikanischen Ostküste, wo sie sich beim Radtraining filmt. Wie sehr sie die Langlaufentscheidungen bei den Olympischen Spielen verfolgt, ist auch Coletta Rydzek nicht bekannt. „Ich habe heute noch gar nichts aufs Handy geschaut, Da werden super viele Nachrichten gekommen sein. Ich weiß nicht, ob Vici es angeschaut hat, das ist für sie bestimmt sehr hart, da zuzusehen. Aber die letzte Zeit kam schon mal ne Nachricht von ihr, wenn es läuft wie zum Beispiel in Oberhof, was ich sehr wertschätze. Denn für sie ist es bestimmt keine leichte Zeit. Aber sie ist so ein Teamplayer, darum bin ich sicher, dass sie sich auch von Herzen für uns freut“, sagte sie.

Und was bleibt nach dem Erfolg?

Natürlich die Medaille. Eine olympische Medaille ist etwas ganz Besonderes – besonders für zwei so enge Freundinnen: „Ich habe gerade zu Coletta gesagt, das ist wie ein Ehering. Das wird uns immer verbinden. Ich denke, es dauert ein paar Tage, das zu verarbeiten. Aber wir werden ab jetzt alles in vollen Zügen genießen und ich glaube, das erlebt man nicht so oft im Leben“, sagte Laura Gimmler im ZDF.