Im neuen GLIDING Artikel erhält Prof. Dr. Andreas Almqvist das Wort, um ein wenig aus dem Schwedischen Wintersport-Nähkästchen zu plaudern: Im Langlauf und Biathlon entscheidet sich ein Teil der Leistung dort, wo man ihn nicht sieht: auf den wenigen Quadratzentimetern Kontaktfläche zwischen Ski und Schnee. Dieser Kontakt ist ein tribologisches System – also eine bewegte Grenzfläche, in der Druck, Temperatur, Belagsstruktur und die Eigenschaften des Schnees zusammen bestimmen, wie viel Energie durch Reibung verloren geht. Auch wenn Gleitpräparation oft wie ein geheimnisvolles Handwerk erscheint, lässt sich dieses System physikalisch beschreiben und in vielen Punkten gezielt beeinflussen.
Ein Grund für den mystischen Ruf liegt darin, dass Reibung ein mehrskaliges Phänomen ist. Auf der Makroskala bestimmen Körpergewicht, Technik und die Vorspannung des Skis, wie sich der Druck entlang des Belags verteilt. Auf der Meso- und Mikroskala formen Schliff und Rillen die Oberfläche des Belags und schaffen Kanäle, über die Wasser aus der Kontaktzone abfließen kann. Noch kleiner, auf Mikro- und Nanoskalen, beeinflussen Materialeigenschaften des Belags, Wachsschichten, Schmutzpartikel und andere Oberflächenprozesse, wie stark der Ski am Schnee „haftet“ oder wie gut sich ein dünner Wasserfilm ausbilden kann. Erst das Zusammenspiel dieser Ebenen bestimmt das reale Gleitverhalten.
Für die praktische Präparation bedeutet das, dass nicht alle Stellhebel gleich wichtig sind. In vielen Situationen zeigt sich eine klare Hierarchie: Am größten ist der Einfluss der Skiauswahl und der Vorspannung, weil sie die Druckverteilung und damit die Reibungswärme im Kontaktbereich bestimmen. Erst danach folgen Schliff und Struktur, die die effektive Kontaktfläche sowie den Wasserabfluss regulieren. Wachs und andere Oberflächenbehandlungen spielen in erster Linie eine Rolle beim Feintuning – etwa bei der Kontrolle von Verunreinigungen oder der Anpassung an bestimmte Schneebedingungen.
Mit dem Fluorverbot hat sich der Fokus der Gleitpräparation zusätzlich verschoben. Extrem wasserabweisende Fluorwachse spielten lange eine wichtige Rolle, besonders bei nassen Bedingungen. In der sogenannten Post-Fluor-Ära rücken daher wieder stärker die mechanischen Aspekte des Systems in den Vordergrund: passende Skiauswahl, geeignete Strukturen und eine saubere, systematische Präparation. Erfolg hängt weniger von einer „magischen“ Wachsmischung ab als von einem gut abgestimmten Gesamtsystem.
Moderne Ansätze versuchen deshalb, das Gleiten zunehmend messbar zu machen. Programme wie LTU-SPORTC kombinieren tribologische Modelle mit Messungen unter realistischen Bedingungen. Dazu gehören etwa präzise Positionsmessungen im Feld, Tribometer-Tests zur kontrollierten Bestimmung der Reibung, Plantardruckmessungen zur Analyse der Belastung sowie Beschleunigungs- und Kraftsensoren an Ski und Stöcken. Ziel ist es, Variablen systematisch zu untersuchen und Unsicherheiten zu reduzieren.
Den kompletten Artikel lest ihr hier: snowstorm-gliding.de
Matthias Scherge beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit den Grundlagen des Gleitens auf Eis und Schnee. Er leitet das MikroTribologie Centrum, eine gemeinsame Einrichtung der Fraunhofer Gesellschaft und des Karlsruher Instituts für Technologie, wo er als Professor das Fach Tribologie lehrt. Die Tribologie ist die Wissenschaft von Reibung, Verschleiß und Schmierung und beschäftigt sich unter anderem auch mit dem Gleitverhalten von Kufen und Ski. Seit 2012 berät Scherge das Nordic Paraski Team Deutschland und leitet das Snowstorm Institute, ein leistungsfähiges Netzwerk aus Hochschulpartnern und Unternehmen zur Unterstützung von Athleten und ambitionierten Wintersportlern: www.team-snowstorm.de