Birkebeinerrennet: Aus "Nie wieder!" wird "Nächstes Jahr wieder!" - Seite 2 von 3 - xc-ski.de Langlauf

Birkebeinerrennet: Aus „Nie wieder!“ wird „Nächstes Jahr wieder!“

Von Carsten Stolz

Das Ganze begann eigentlich am 15. März 2025. Nach dem Zieleinlauf eines komplett verwachsten 52. Birkebeinerrennet mit Klister drauf, Klister runter, Stollenbildung, Stillstand und irgendwie durchgekommen war eines klar: „NIE WIEDER!“ Kaum zuhause angekommen wurde nachgeschaut, wann der Lauf 2026 sein würde und das Datum in der Wettkampfplanung verankert. Suchtverhalten? Ein bisschen mindestens. Fakt ist: 2026 sollte der Lauf nochmal unter die dünnen Latten, die die Welt bedeuten. Und wie so oft wird aus Leiden während eines Rennens später eine heroische Geschichte, die im Umfeld alles zwischen grenzenloser Bewunderung und vollkommenem Unverständnis auslöst. In meinem näheren Umfeld dominiert eher das vollkommene Unverständnis.

Perzeption ist Realität

Bei näherem Hinsehen sind dies jedoch alles Menschen, die das Gleiten des perfekten Skis bei strahlendem Sonnenschein in messerscharf geschnittener Loipe mit hoch aktivierter Muskulatur und vollkommen präsentem Mental-Flow noch nicht erlebt haben. Eben genau der Zustand, der das 53. Birkebeinerrennet am 14. März 2026 kennzeichnen würde. Die Loipen-Fahrzeuge würden perfekte Loipen in die norwegischen Traumlandschaft gezogen haben. Genau wie Sushi-Meister mit japanischen Stahlmessern dem Verlauf der Fasern im Thunfisch oder Lachs folgen, würden die Loipen-Gurus klassische Loipen durch die Landschaft ziehen. Von Start bis Ziel würden die gleichen Bedingungen herrschen. Skiwahl und -präparation würden einem Kindergeburtstag gleichen. Es würde alles einfach nur „Ois isi!“ werden! Oder philosophischer: Es würde alles nur „Carpe Skiem“ und „Panta Rhei“ sein. Genau so würde es sein! Insbesondere bei Rollski-Trainings auf schlechtem Teer mit Gegenwind und Nieselregen erwies sich diese Vorstellung im folgenden Frühling, Sommer und Herbst immer wieder als zuckersüß…

Zwei Wochen vor dem Rennen

So rund zwei Wochen vor dem Rennen rückt das kommende Ereignis näher ins Bewusstsein. Warum gerade zwei Wochen? Es ist bei den Wetter-Apps der Zeitraum, den die Vorhersagen abdecken und so kommt langsam das Wetter am Renntag ins Blickfeld. Die oben dargestellte Wunschvorstellung wird langsam mit Wetterprojektionen konkretisiert. Es treten klassische Verdrängungs- und Bewältigungs-strategien hervor: „Es ist noch lang bis zum Renntag und die Wetterprojektionen sind noch sehr instabil.“ So spricht die linke Gehirnhälfte. „Oh Mist!“ oder „Es wird schon alles gut werden!“ So spricht die rechte Gehirnhälfte. Der Dialog zwischen den beiden Gehirnhälften ist kognitiv-emotionale Gemüsesuppe. Und führt zu kompensierenden Handlungen: noch ein paar Ski mehr einpacken, noch mehr Wachs, noch mehr Klamotten. Für alles gewappnet sein; das ist das Mantra! Begrenzend wirken einzig die Gewichtsschranken für das Fluggepäck.

Ankunft und erste Offenbarungen

Die schwere Realität holt uns an der Gepäckausgabe in Oslo wieder ein. Da ist sie wieder, die kognitiv-emotionale Gemüsesuppe und ihre Auswirkung. Schnell wird klar, dass wir damit ganz und gar nicht allein sind. Wir sehen die eine oder andere Halsschlag-Ader, die sich sichtbar weitet, wenn Koffer oder Skisack vom Gepäckband gezogen werden. Ein Knäuel aus erwartungsvollen Ausdauernetzwerk-Menschen, Koffern und Skisäcken rollt dann in einem Kleintransporter vom Flughafen nach Rena, unserem Ausgangspunkt für das Rennen. Nach dem Einzug in das Basislager (sprich: ein schönes norwegisches Haus) kommt es zu ersten Offenbarungen. Skisäcke öffnen sich und erlauben interessante Analysen: welche Ski, welche Belags-Schliffe, welche Stöcke? Und dann natürlich das Wachs- und Servicematerial: Gleitzonen-Pülverchen, Steigzonen-Magie, Bürsten und Bügeleisen. Und natürlich werden diese Offenbarungen wortreich kommentiert und im Dialog vertieft. Es geht um die Aktivierung und Nutzung der kollektiven Intelligenz! Dumm ist, wer sich diesem Prozess entzieht. Also: parlieren und diskutieren à gogo! Etwas belastet wird die Gruppen-Kohäsion dadurch, dass es zwei Athleten gibt, die sich der Steigzonen-Frage entziehen, weil sie doppelt Bock auf Doppelstock haben.

Lachs © Carsten Stolz

Rote Bete, Salat, Pasta, Lachs

Mittwochabend. Renntag minus drei Tage. Es steht rote Bete, Salat, Pasta und Lachs auf dem Tisch. Ernährungsüberzeugungen treten wortlos oder wortreich zu Tage. Diskussionsloser Sieger in diesem Diskurs ist die rote Bete, welche durch ihren hohen Nitratgehalt die Durchblutung und Sauerstoffversorgung der Muskulatur verbessert und so Ausdauer und Kraft steigert. Also: rein damit!

Wettergötter, Wettermodelle und Wetterrealitäten: unverrückbare Konvergenz

Wettergötter, Wettermodelle und Wetterrealitäten beginnen unverrückbar zu konvergieren: Regen am Start, Schnee in den Hochlagen, Regen im Ziel verbunden mit starkem Südwind (das heisst: praktisch immer von der Seite oder leicht von vorne) bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und markantem windbedingten Chill-Faktor. Man spricht ja auch vom «perfekten Sturm», bei welchem sich mehrere negative Faktoren so kumulieren, dass maximaler Schaden entsteht. In diesem Fall: vollkommene Verwirrtheit und Dilemma bezüglich Wachswahl. Am Start wäre Klister als Antwort auf sehr nassen und alten Schnee himmlisch! Der Himmel würde sich in den Höhenlagen bei verwehtem Neuschnee rasch in Hölle verwandeln. Anders gesagt: Unüberwindbare Stollenbildung garantiert! Also kein Klister, sondern Hartwachs in der Steigzone. Der Preis: Teflongleiches Rutschen bis in die Hochlagen, bei dem die gnadenlose Hangabtriebskraft nur mit hartnäckigem Doppelstock überwunden werden kann. Immer diese Dilemmata! Garantierte Stollenbildung oder garantiertes Oberarm-Laktat, das ist hier die Frage. Und fast vergessen: die Abfahrt ab Sjusjoen: 13 km Hangabtrieb (auch nicht wirklich erbaulich mit Klister!) und zuletzt wieder pflotschnasse Klisterbedingungen bis ins Ziel. Manchmal keimt der Gedanke auf, warum aus dem „NIE WIEDER!“ eigentlich ein „NÄCHSTES JAHR WIEDER!“ wurde. Der Unterschied zum vergangenen Jahr: dieses Mal kommt der „NIE WIEDER!“-Gedanke bereits vor dem Startschuss und nicht erst im Ziel. Aber das ist mental auch nicht wirklich hilfreich. Und bis jetzt sind ja alles Annahmen. Schlaue Leute haben gesagt, dass man seine Annahmen immer testen soll. Mal sehen, was die Erfahrung beim Strecken-Check am Donnerstag zeigt.

Der Bagger, Dein Freund und Helfer

Team © Carsten Stolz

Donnerstag. Startgelände. Was uns empfängt sind gewaltige Bagger, die von Schnee-Depots mehr oder weniger verdreckten Schnee (Na super! Das heisst schon auf der Startlinie setzt sich der Dreck im Steigwachs fest!) in die Startzone baggern. Also schon beim Start in Tingstadjordet Treibsand und haltloses Versinken der Stockteller. Das eigentliche Startgelände ist mit Wasserpfützen übersät. Ski an die Füße und mal reinlaufen in den Startberg. Die Spuren weich oder verglast, die Stockspur wie Vanille-Pudding ohne Geschmack. Bei der abstoßenden Oberschenkelkontraktion lacht Dich der Untergrund aus. Der fauchende Trizeps mit der angriffigen Bauchmuskulatur im Schlepptau beeindruckt den Vanille-Pudding auch nicht. Kurz: die Vorstellung vom perfekten Sturm wird beim Strecken-Check durch die Realität des perfekten Sturms ersetzt. Nicht zu vergessen: der Wind bläst und der Regen zieht auf. Also: die oben beschriebene Konvergenz von Göttern, Modellen und Realitäten setzt sich fort. Es ist kontemplativ still auf der Rückfahrt. Die Verarbeitungsprozesse finden eher im Stillen statt. Jeder denkt und fühlt seinen eigenen Teil. Die kollektive Intelligenz ist weit weg; es ist eher so ein leises Gefühl von aufkeimender Einsamkeit da und die sinnlose Sinnfrage („Wofür?“) verschafft sich Raum. „Halt die Schnauze!“ versteht sie nicht immer. Oder dann die Frage, welche Geschichte ich mir selbst erzähle, wenn ich gar nicht starte. „Halt die Schnauze!“ Wenigstens das funktioniert. Mal sehen, was die Wachs-Spionage am Nachmittag ergibt.

Startunterlagen und Wachs-Spionage

Der nächste Besuch in Rena hat zwei Ziele: Start-Unterlagen ergattern und Wachs-Spionage betreiben. Die Start-Unterlagen sind schnell abgeholt. Auf dem Weg aus der Gemeindehalle ist ein Bild an der Wand, welches den Streckenverlauf des Birkebeiner zeigt. Alle Ausdauernetzwerk-Athleten reihen sich vor diesem Bild für ein Foto auf und hängen sich die Startnummern um den Hals. Es handelt sich eher um ein kleinkindliches Schlabber-Lätzchen für den Einmalgebrauch. Schließlich geht es beim Birkebeiner ja um die Rettung eines Babys! Es folgt eine intensive Phase der Spionage. Unmittelbare Zielobjekte sind Rode, Swix, Vauthi und HWK. Wie wird die Wettersituation eingeschätzt? Welche Wachse? Welche Strukturen? Der Grundtenor besteht aus einem glasklaren «Sehr schwierig!» und «Wir müssen noch abwarten.» Damit ist nur eines klar: es ist sehr schwierig und wir müssen noch abwarten. Wo ist sie denn jetzt, die kollektive Intelligenz? Vom Winde verweht? Vom Regen verwischt? Von den Bergen verschluckt? Eindeutige Antworten finden wir auf die Frage der Verpflegung. Safranrisotto, Spinat, Lachs und Salat mit roter Bete (dass sie wieder dabei ist, dürfte nach den obigen Ausführungen nicht überraschen). Der Schlaf wird etwas unruhiger. Morgen ist Ski-Testen angesagt.

Jeder ist sein eigener Croupier im Glücksspielkasino!

Skitest © Carsten Stolz

Vollkommen unbeeindruckt tickt die Uhr. Mittlerweile ist Renntag minus eins. Freitag. Ski testen in Skamstadsetra. Das ganze Gerödel auf die Loipe schleppen. Wind und Schneeregen sind zuverlässig da. Es gibt sie also doch noch, die Konstanten im Leben. Ski ausprobieren, Ski wechseln und Kontraste spüren. Gerne auch mal zwei verschiedene Ski an jedem Fuss. Viel diffus, wenig Genuss. Und am Ende ist dann jeder der eigene Croupier in seinem Glücksspielkasino. Als wir ins Auto steigen, ist entschieden, welcher Ski für das Rennen das Vertrauen erhält.

 

Das religiöse Ritual naht

Wir haben somit die Phase des religiösen Wachsrituals erreicht. Es wäre der Bedeutung dieses Vorgangs nicht angemessen, wenn die schreibenden Hände in der gleichen Süffigkeit wie bislang weitertippen würden. Hier braucht es doch für einen Moment etwas mehr Ehrfurcht (schliesslich hat das Wachsmaterial eine gewaltige Stange Geld verschlungen) und auch Wahrheit (Ok, einverstanden. Was Wahrheit ist, das ist auch nicht einfach zu beantworten.). Bill McKibben bezeichnet das Wachsen als «religiöses Ritual» oder «Gebet», bei dem geheimnisvoll-alchemistische Wirkstoffe sorgfältig aufgetragen werden, nur um sie für unsichtbare Leistungssteigerungen dann wieder minutiös wegzukratzen. Er beschreibt den Prozess in seinem Buch Long Distance als ein „halb-mystisches“ Unterfangen, bei dem man Wachs aufträgt, nur um es nach andächtigem Warten wieder manisch bürstend abzukratzen, sodass im Grunde nichts übrigbleibt. Er bezeichnet die Vorbereitung des Skis als «Gleitgebet» (das oft Tage dauert), das Geduld, das Studium des Wetters und das Anbringen spezieller Wachsformeln erfordert, um den Ski an Schnee, Temperatur und Luftfeuchtigkeit anzupassen. Er betont die technische Magie des Kickwachs, das Langläufern erlaubt, der Schwerkraft zu trotzen, indem es Grip auf steilen, schneebedeckten Hügeln bietet. Reine Traumvorstellung?! Er hebt hervor, dass das Fehlen des richtigen Wachses einen Langläufer wie eine Comic-Figur wirken lassen kann, was die leidenschaftlich-genaue Wahl der „kleinen Dosen“ unerlässlich macht.

Also Airpods ins Ohr (damit ungestörter Fokus vorhanden ist), prozesswürdige Musik anstellen (wie wäre es mit «Like a Prayer» von Madonna im Endlos-Loop?) und los geht es! Es kann bestätigt werden, dass sich bei jedem Wachsenden das Ritual in individueller Ausprägung manifestiert. Moment mal: Jetzt weiss ich endlich, woher die Bezeichnung „Er-Wachsener“ wirklich kommt! Was für ein „Heureka“! Das ritualistische halb-mystische Unterfangen nimmt seinen Lauf. Streng rhythmisiert durch Auftragen, Abkühlen, Abziehen, Ausbürsten in mehreren Durchgängen. Dabei werden Entscheidungsspielräume schrittweise durch eine einzige Realität ersetzt. Die Güte der Entscheidungen würde sich morgen zeigen. Damit findet das seit Langem andauernde „Gleitgebet“ seinen krönenden Abschluss.

Der Wunsch nach Aufwärtsantrieb erhält besondere Aufmerksamkeit. Spitze Steigzone, Einbügeln des Basis-Wachses mit bedächtigem, ja fast streichelndem nacharbeitenden Daumenstrich, Auftragen weiterer feiner Schichten mit Einkorken (mal entspannt-sanft, mal besessen-brutal) und schließlich mit keilförmigem Aufbau gipfelnd im Tageswachs unter der Ballenzone des Fusses. Kickwachs-Magie in Reinform. Reine Traumvorstellung?! Der leidenschaftliche Einsatz braucht – glaube ich – keine weitere Erwähnung; er versteht sich von selbst. Schließlich will man nicht nur effektiv vorankommen, sondern dabei schon auch noch eine anständige Figur machen. Adel verpflichtet schließlich. Ich entscheide mich für eine sehr kurze Kick-Zone mit Hartwachs, um Stollenbildung in den Bergen zu vermeiden. Den Preis für Klister habe ich im vergangenen Jahr bezahlt. Mir ist bewusst, dass diese Wahl bedeutet, am Anfang sehr lange beim Bergauf-Doppelstock-Schieben zu leiden. „Da musst Du dann geduldig bleiben“ hat ein Mit-Läufer (tatsächlich war die Person gar kein „Mit-Läufer“, sondern ein „Ganz-weit-vorne-Läufer“) gesagt; dass sollte sich noch in meinem Ohr festsetzen.

Das Baby für den Transport vorbereiten

Die Ski sind gemacht. Damit sind die letzten Würfel gefallen. Der Croupier hat seine Schuldigkeit getan. Rollenwechsel: Retter! Schliesslich hat der Lauf zum Zweck, ein Baby vor den Barbaren zu retten. Wenn das mal kein ernstzunehmender Auftrag ist! Es handelt sich um ein Norm-Baby, welches im Ziel mindestens 3.5 kg wiegen muss. Also wird gepackt und gewogen, bis der Rucksack die Vorgabe erfüllt. Abendessen und versuchen, zu schlafen. Morgen ist Renntag.

Renntag

Wetter wie erwartet. Um null Grad, Wind mit Böen, Regen am Start, Schnee in den Bergen. Die Startzone ist mit Wasser überflutet. Also wird beschlossen, in letzter Minute das Startverfahren zu ändern: Statt Wellenstarts jetzt Massenstart für alle, damit die Läufer so schnell wie möglich auf die Strecke kommen. Es ist die richtige Entscheidung, heisst für mich aber auch, dass ich ohne Aufwärmen loslaufe. Der Massenstart hat den Preis, dass ich in einer Karawane eingesperrt bin und versuche, auf Schnee, der weich wie Sanddünen ist, einen Rhythmus zu finden. Die Stöcke brechen durch den Schnee, wenn man zu stark drückt. Jetzt braucht man sogar beim Stockeinsatz noch Gefühl! Loipen? Welche Loipen? Was passiert, wenn in butterweichem Schnee ein paar tausend Menschen mit Mikado-Stäbchen an den Beinen ambitioniert bergauf straucheln? Das gibt Kraut und Rüben im Gemüsebeet.

Point of no Return

Erster Verpflegungsposten nach 9 km. Scharenweise strömen die Leute zu den Wachsmaschinen. Bleibe ihnen fern! Ich höre die Stimme des Ganz-weit-vorne-Läufers: „Da musst Du geduldig bleiben!“. Ich bleibe geduldig und schiebe weiter. Ich weiß, dass ab Skramstadsetra der Point-of-no-Return überschritten wird. Danach gilt: „the only way out is through!“. Das Wetter und die Bedingungen machen mich ehrfürchtig auf dem Weg in die Hochebene. Mensch und Material müssen jetzt funktionieren und schon kleine Pannen können große Folgen haben. Am Loipenrand sind immer mehr Läufer mit Stollen unter den Skiern. Ich komme langsam und stetig voran. Wenn es nicht so garstig wäre, dann würde ich meinen Hut vor den Veteranen ziehen. Sie laufen in der rechten Spur meist vollkommen unbeirrt und in sich gekehrt, einen Schritt nach dem anderen. Die langsame Stetigkeit macht sie schnell.

Besser ist der Feind des Guten! Ändere niemals ein funktionierendes System!

Der Ski gleitet gut und ich schiebe weiter mit Doppelstock nach oben. Die Temperatur in den Bergen sinkt nicht so schnell wie erwartet. Daher bleibt der Schnee sehr nass. Kein Grip. Glücklicherweise – und im Nachhinein betrachtet – fange ich nicht an, unterwegs mit zusätzlichem Wachs zu experimentieren. Besser ist der Feind des Guten. Ich halte mich weit entfernt von den verheissungsvoll aussehenden, aber verhängnisvollen Wachsstationen mit ihren dampfenden Wachsmaschinen. Mein Körper fühlt sich okay an, das Doppelstock-Schieben bringt mich langsam, aber stetig nach oben und der Ski gleitet wirklich gut. Ändere niemals ein funktionierendes System! Und dann beginnt doch noch der frische Schnee zu fallen. Läufer mit Klister-Skiern beklagen starke Stollenbildung und kratzen verzweifelt den Schnee von ihren Steigzonen, nur um es wenige Augenblicke später wieder tun zu müssen.

Raudfjellet: Iconic Climb!

Ich erreiche den ersten „Iconic Climb“ bei Raudfjellet. Der Traum einer greifenden Abstoss-Zone erfüllt sich auch hier nicht. Gott sei Dank habe ich auf den Rat einer anderen Vertrauensperson gehört, die mir sagte: „Wachse sehr spitz!“ So verschlechtert das Steigwachs die Gleitfähigkeit des Skis nicht. In der anschliessenden langen Abfahrt kommen mehr und mehr die Gedanken, dass es heute möglich ist auch ohne Grip mit Doppelstock nach Midtfjellet zu kommen und von dort liegt das Ziel in Lillehammer drin. Eigentlich endet das Rennen also in Midtfjellet, das sagt mindestens mein Kopf. Bis zur Verpflegungsstation in Kvarstad geht es dann mehrheitlich bergab. Ich spüre, dass mein Ski nach wie vor schnell ist im Gleiten. Das tut auch dem Kopf echt gut. Allerdings müssen wir an dieser Stelle einmal über die Loipe sprechen.

Ein Rodeo-Ritt!

Die Zutaten für den Rodeo-Ritt bestehen aus: (1) nassem und leicht windgepresstem Schnee und (2) ein paar tausend Langläufern, die den Schnee mit jedem Schritt sehr punktuell verdichten. Es entstehen ungeordnete, verglast-vereiste Rinnen, die keinen Ski der Welt mehr ruhig führen. Also: Ski setzen und auf die Rodeo-Rückmeldung von unten warten, dann auf die eigene gute trainierte Propriozeption vertrauen und irgendwie die nächste Vorwärtsbewegung einleiten. Und dann das Ganze wieder von vorne, tausende von Wiederholungen. Dabei stets äusserlich und innerlich lächeln. Oder auch mal einen anständigen Fluch in eigenem Dialekt ablassen (wird eh schnell vom Seitenwind weggeblasen, so dass es keiner hört!).

Du bist verdammt schnell f…d-up da oben!

Schnee und kühle Winde in den Bergen und das Wissen, dass der einzige Weg hindurch führt («the only way out is through»), sind mental eine Herausforderung. Viele Leute zerbrechen bei Stürzen in den Abfahrten Material. Mit kaputten Stöcken oder Skiern bist du verdammt schnell f…d-up da oben (Entschuldigung für meine Sprache)! Deshalb bin ich sehr aufmerksam.

Koffein-Halluzination

Der Rodeo-Ritt hat mittlerweile bis rund 2 km vor Midtfjellet geführt. Rechts an der Loipe steht ein in Sponsorenkleidung gehüllter Mann mit Cola in der Hand. Ich halluziniere nach Koffein. Und plötzlich streckt er mir die Flasche vor die Brust und fragt: «Cola?» Meine Antwort folgt in Millisekunden: „JA!“ Die Cola ist sogar von der Kohlensäure befreit! Da ist ein Profi am Werk! Wir sprechen nett miteinander. Er bestätigt mir: noch zwei Kilometer bis Midtfjellet. Jetzt ist klar: wir bringen das Baby nach Lillehammer. Wie versprochen. Allerdings sind diese zwei Kilometer dann noch echt hart und brauchen nochmal die langsame Stetigkeit, die mich bis hier gebracht hat.

Midtfjellet

Und dann ist Midtfjellet erreicht. Die inkorporierte Erinnerung des letzten Jahres flammt auf: ab hier konnte ich mehr Gas geben. Der Ski läuft noch immer und der Körper ist nach wie vor in ganz guter Doppelstock-Laune. Einen kurzen Dankbarkeitsgruß sende ich in Gedanken an Thomas Freimuth, der meinen Trainingsplan macht. Kurze Pause, Getränk rein, Banane und das gute Gebäck und dann weiter. Obwohl es weiterhin ein Rodeo-Ritt ist, finde ich auf dem Weg nach Sjusjoen einen Rhythmus, der Spass macht und voranbringt.

Sjusjoen: Her mit dem Koffein!

Letzte Verpflegungsstation in Sjusjoen: haaaa, endlich: nochmal Cola! Gib mir noch einen großen Becher! Und los geht’s in die rauschende Abfahrt. Aber zuerst: Durch die Red-Bull-Zone mit all den Zuschauern und sich fühlen wie Tour de France-Fahrer beim Aufstieg zur Alpe d’Huez. Nach dem Tunnel zu Beginn der Red Bull-Zone höre ich meinen Namen und sehe Mathias Flunger. Das ist unerwartet und freut mich umso mehr. Es gibt nochmal Cola und ein Gel. Einfach himmlisch! Ich erfahre, dass meine Gattin Caroline fünf Minuten vor mir ist (sie läuft auf dem HalvBirken-Track). Etwa 8 km vor dem Ziel hole ich sie ein. Der Schnee wird immer schwerer und verwandelt sich manchmal in irgendetwas zwischen Griesbrei und Tapetenkleister. Caroline und ich laufen die zwei Kilometer Seite an Seite und überqueren die Ziellinie gemeinsam Hand in Hand. Unmittelbar gefolgt von einem dicken Busserl natürlich.

Im Reich der Erinnerungen angekommen

Im Ziel wird der Rucksack per Handgriff gewogen. Ziel-Ansteckpin überreicht und ein Red Bull. Na ja, Flügel wurden uns heute nicht verliehen. Ab zu den Transferbussen und hinunter nach Lillehammer. Kleidersack holen, umziehen und Abfahrt Richtung Rena. Auf der Fahrt gibt es Käse mit Gewürzgurken und salzige Cracker. Himmlisch! In Rena in die Pizzeria und anständig reinhauen. Dann zurück ins Basislager und nach dem Ausräumen wird es irgendwie ganz still. Körper und Geist fahren zurück und nehmen sich Zeit zum Ankommen. Aus dem Erleben während des Rennens ist eine Geschichte geworden. Das Birkebeinerrennet 2026 ist im Reich der Erinnerungen angekommen.

Carpe Skiem. Panta Rhei. Ois isi.

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