The Norwegian Way: Wie "Friluftsliv" Generationen von Stars hervorbringt - xc-ski.de Langlauf

The Norwegian Way: Wie „Friluftsliv“ Generationen von Stars hervorbringt

Die Olympiasaison ist vorbei und wer erinnert sich nicht an die vielen Kommentare, Berichte und Reportagen über das „schlechte“ Abschneiden der deutschen Mannschaft in Italien?! Jeder Dritte schien Langlauf-Bundestrainer zu sein oder sah in den Ergebnissen sowieso schon den Niedergang Deutschlands. Dazu kam der neidische Blick in den hohen Norden – die skandinavische Dominanz war aber auch kaum zu übersehen.

Insbesondere in den Statistiken, die die Einwohnerzahl in Relation zu den sportlichen Erfolgen bei Sommer- und Winterspielen stellt, steht Norwegen auf den vorderen Plätzen (greatestsportingnation.com). Aber liegt es, abseits der bekannten „Begründungen“ von mehr Schnee und Asthmasprays, vielleicht vorrangig an der Einstellung der Gesellschaft? Als meine Kinder noch klein waren, durfte ich zwei Jahre lang die Weltcuprennen in Oslo, Falun und Lahti begleiten, sowie die WM in Falun. Ich erinnere mich noch an diesen kalten, windigen, feuchten Vormittag in Falun. Ruhetag für die Athleten, oder besser gesagt Trainingstag. Aber die Schulen aus Falun und Umgebung hatten sich im Stadion versammelt, alle hatten Ski an den Füßen und liefen in verschiedenen Gruppen durchs Stadion. In Lahti hatten die Organisatoren eine Turnhalle neben dem Stadion in ein Indoor Sportparadies für Kinder verwandelt – Eintritt frei und Spaß und Bewegung garantiert! Und wer schon mal auf einer norwegischen Langlaufloipe stand, der weiß, dort trifft man sie alle, Kinder, Babys in Pulkas, Omas, Opas, Eltern, Hunde… Es wird gegrüßt, ausgewichen, aufgepasst und jeder hat seinen Platz. Egal ob Anfänger oder Profi.

Aber wie genau wachsen die Kinder nun in die Langlaufwelt hinein in Norwegen? Ich habe mich mit Trond Nystad unterhalten, norwegischer Skilanglauftrainer und Mitbegründer von Myra Norge – eine Agentur die „den norwegischen Weg“ für andere zugänglich machen möchte. Und für ihn ist es ganz klar eine „Systemfrage“. Die Norweger haben eine ganz andere Kultur was den Sport angeht. „Friluftsliv“ wird dies genannt und soll heißen, die Norweger sind einfach gerne draußen (dies ist in Schweden und Finnland ganz ähnlich, aber wir bleiben mit diesem Artikel mal in Norwegen). Für sie ist ihr Leben untrennbar mit der rauen Natur und Sport verbunden. Und die Kinder bekommen dies vorgelebt, nicht nur von Eltern sondern auch in Schule und Verein. „So viele wie möglich, so lange wie möglich, so gut wie möglich“ – soll heißen, man möchte so viele Kinder wie möglich zum Langlaufen bringen, man möchte das sie so lange wie möglich dabei bleiben und so viel wie möglich dabei lernen fürs Leben. „Man will keine Weltmeister sondern Kinder, die die Welt meistern“ erklärt mir Trond Nystad.

Das beinhaltet auch, dass bis zum 12. Lebensjahr keine Ergebnislisten existieren wie wir sie kennen. Bei regionalen Rennen gibt es zwar alphabetische Listen, aber diese dürfen nicht auf Websites oder in der Presse veröffentliche werden – Vergleichen ist unerwünscht! Die Kinder sollen einfach raus gehen und Spaß haben, sie sollen lernen die Bewegung an sich zu lieben, ganz egal in welcher Sportart! „Wir wollen, dass die Kinder so viel wie möglich ausprobieren“ dazu gehört auch, dass Clubs mehrere Sportarten anbieten und ein Wechsel nur eine Frage von Uhrzeiten und Orten ist. Die Kinder lernen dadurch verschiedene Bewegungsstile kennen und können so in späteren Jahren ihren Körper besser einschätzen. Außerdem ist die Chance so größer, dass man „seine“ Sportart findet. Die Kinder lernen dadurch auch, dass sie keine Angst vor Fehler haben müssen. Fehler gehören dazu zum lernen und sind unerlässlich für die Entwicklung – genau so wie kleinschrittiges Lernen. „Jemand der langsam und kontinuierlich an seiner Technik arbeitet, wird später besser sein als jemand der von Beginn an nur Erfolge liefern muss,“ beschreibt Trond das System, in dem norwegische Kinder groß werden. Er erklärt mir außerdem, dass in den norwegischen Clubs alle Kinder immer wichtig sind. Auch wenn sie größer werden haben sie ihren Platz im System und werden dazu angehalten weiter zu laufen, auch ohne unmittelbare Erfolge. „Alle Sportler sind wichtig, sie bilden ein Team, eine Struktur in der sich geholfen aber auch miteinander trainiert und weiterentwickelt wird“. Außerdem bleiben begeisterte Sportler dem System später eher als Helfer, Coach, Wachser, Journalist oder Wissenschaftler treu. Dazu kommt, dass in Norwegen die Sportarten durch „Olympiatoppen“ miteinander vernetzt sind, untereinander aber auch mit der Wissenschaft und Politik – das führt zu einem schnelleren und besseren Erfahrungsaustausch.

Langlauftraining © Felgenhauer/xc-ski.de

Bevor wir jetzt zu schnell zu weit gehen: wie funktioniert das eigentlich, wie werden „so viele Kinder wie möglich“ zum Langlaufen gebracht? Es gibt an vielen Orten Langlaufloipen, die dank öffentlichen Verkehrsmitteln leicht erreichbar sind. Die Clubs verfügen entweder über Kontingente von Ski oder Roller für Familien, die sich keine Ausrüstung leisten können, und außerdem rät der Norwegische Skiverband auf seiner Homepage, dass Kinder bis 12 Jahre nur ein paar Ski pro Technik benötigen und das billige Wachs verwendet werden soll. So soll sicher gestellt werden, dass es in jungen Jahren nicht zum Konkurrenzkampf kommt. Der Spaß soll einfach im Vordergrund stehen und die gemeinsame Entwicklung. Die Kinder sollen ihren Körper kennen lernen und auch den Umgang mit dem Material. Aber warum will man in Norwegen keinen so frühen Erfolge? „Wer mit 14 oder 15 ’nur‘ Durchschnitt ist, der ist mit 20 möglicherweise Weltklasse“ so erklärt es Trond. „Nimmt man Klaebo, er war mit 14 nicht einmal unter den 100 besten Langläufern Norwegens und ist jetzt unschlagbar!“ Und dies ist nicht nur seine Meinung sondern wissenschaftlich belegt. Die Studie von Arne Güllich et all (www.science.org/doi/10.1126/science.adt7790) zeigt, dass langfristige Entwicklung zu besserem Erfolg führt als Erfolge in jungen Jahren.

Und genau darauf baut das deutsche System auf. Mit 15 geht es um die Qualifikation für den Landeskader. Wer da nicht rein kommt, „ist nicht gut genug“ und läuft, wenn überhaupt, seine erste Deutschlandpokal Saison schon mal ohne Landeskadereinkleidung. Es wird ausgesiebt, getestet und bewertet – von Anfang an. Und gute Leistungen in jungen Jahren führen nicht nur zu Kaderplätzen sondern auch zu möglichen Arbeitsplätzen in Sportgruppen der Behörden. Ein System, das so in Norwegen nicht vorhanden ist. Wer weiter kommen will, der braucht private Sponsoren, Privatteams oder arbeitet nebenher. Ein Förderprogramm wie bei uns ist im hohen Norden nicht vorgesehen. Aber gerade deshalb bleiben mehr Jugendliche im Sport, der gehört ja einfach dazu, egal welcher es ist! In Norwegen muss man sich nicht dafür rechtfertigen, wenn man Sport macht, auch nicht als Kind oder Jugendlicher. Es ist ein Teil des öffentlichen Lebens. Den wer Sport macht, der lebt gesünder. Trond bezeichnet sie als „Healthy life years“, die höhere Lebenserwartung (statistisch erwiesen) in Norwegen gegenüber Deutschland kommt nicht von ungefähr!

Was heißt das für Deutschland? Betrachtet man es ganz nüchtern, dann hieße eine Orientierung an Norwegen nichts anderes als ein Systemwechsel. Ein grundlegender Systemwechsel. Ein Systemwechsel des Skiverbands? So einfach könnte man es sich machen. Aber so einfach ist es nicht! Sehen wir uns alles kurz zusammengefasst nochmal an: Wir sind ein Volk voll Tüftler und Denker, auch im Sport wie man an den Erfolgen im Bobsport sieht. Aber unser System belohnt Erfolge in jungen Jahren und siebt „Spätentwickler“ aus. Wer nach der Schulzeit keinen Kaderstatus hat, der braucht einen Plan B oder hört auf. Die Freude am Sport, das Miteinander – kommt hier oft viel zu kurz. Das norwegische System ist sicher nicht perfekt, aber es bietet eine andere Sicht auf den Sport, auf Erfolge und Entwicklung. Es stellt das Glück der Kinder und die Liebe an der Bewegung vor kurzfristige Erfolge.

Oder in Worten des norwegischen Skiverbands:

Vi må ta vare på hver eneste jente og gutt, fra de spenner skiene på bena og tar sine første, prøvende tak. Vi må ta vare på alle barn som i ren og utilslørt glede står klar til å føre ski-arven videre. De er selve bærekraften i vår idrett. Og i vår organisasjon.

Wir müssen uns um jedes einzelne Mädchen und jeden einzelnen Jungen kümmern – von dem Augenblick an, in dem sie sich die Skier anschnallen und ihre ersten zaghaften Schritte wagen. Wir müssen uns um all jene Kinder kümmern, die – erfüllt von purer und unverstellter Freude – bereitstehen, das Erbe des Skisports weiterzutragen. Sie sind die eigentliche tragende Kraft unseres Sports. Und unserer Organisation.

Aber nun herzugehen und zu sagen, der Skiverband ist alleinig in der Pflicht etwas zu ändern, ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen. Ist nicht viel eher ein Systemwechsel in der ganzen Gesellschaft notwendig, um die Voraussetzungen zu schaffen, ein langfristiger wirkendes Sportsystem zu gestalten? Sport, und damit ist nicht der Leistungssport gemeint, hat bei uns in Schule und Alltag vor allem in jungen Jahren einen sehr niedrigen Stellenwert. Was zählt sind Ergebnisse, Zahlen, Fakten. Wir alle sollten Sport und Bewegung als etwas verstehen, was uns gesund hält, geistig und körperlich. Wir dürfen unseren Kindern vorleben, dass Sport Spaß macht und zum Alltag gehört. Wir sollten als Gesellschaft den Kindern den Zugang zu Trainingszentren erleichtern, unabhängig vom Einkommen und der Zeit der Eltern. Sport ist Gemeinschaft, Integration, Ausprobieren und Lernen! Dadurch ändern wir nicht nur unser Leben sondern auch unseren Umgang mit Leistung und ermöglichen es den Kindern mit Leidenschaft und Spaß ihren Sport auszuleben. So lange sie möchten und so gut sie können! Den nur wenn die Kinder lernen die Welt zu meistern können sie auch Weltmeister werden.

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