Ich blicke von der Bühne in den großen Ballsaal und sehe in viele anerkennend nickende Gesichter. Mit dem Worldloppet Master Diplom in den Händen fühle ich mich gerade wie ein Olympiasieger und das knapp 8.000 Kilometer von zuhause entfernt!
Es war an der Zeit nach Rennen acht und neun im letzten Winter in dieser Saison das zehnte Worldloppet-Event anzugehen und damit das Master Diplom zu erlangen. Über den Sommer habe ich mich damit beschäftigt, wo an den verbliebenen neun Orten ich dies vollbringen könnte. Gunnar Zlöbl, Presseverantwortlicher der Skimarathon Vereinigung brachte mich schließlich in Kontakt mit den Veranstaltern des Vasaloppet China und schnell stand mein Entschluss fest: Das Jahr 2026 beginnt mit einem echten Langlauf-Abenteuer!
Nun liegt Changchun im Nordosten von China nicht um die Ecke und eine individuelle Planung wäre wohl sehr zeitaufwendig gewesen. Da war es sehr hilfreich, dass die schwedische Agentur Nordic Ways hinter der Veranstaltung steht. Das hilft enorm bei der Vermittlung und zudem wird ein Pauschalpaket ab der Ankunft in Changchun angeboten, das man um ein touristisches Reiseprogramm unterschiedlicher Länge erweitern kann. Highlights wie die Große (Chinesische) Mauer und die Verbotene Stadt will ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Und so packe ich an Neujahr meine Koffer und fliege über Dubai nach Peking. Von dort geht es entweder mit einem Inlandsflug oder mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Changchun in der Provinz Jilin. Ich werde mit anderen Teilnehmern zusammen am Flughafen abgeholt und ins Eventhotel wenige Kilometer von Start und Ziel entfernt gebracht. Es ist schon spät und nach der langen Reise freue ich mich erstmal auf etwas Schlaf!
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen geht es zunächst zur Streckenbesichtigung. Es ist kalt hier in Changchun. Zweistellige Minusgrade sind um diese Jahreszeit die Regel, nachts können es auch mal minus 25 Grad werden. Aber es ist eine eher trockene Kälte und so habe ich dank entsprechender Kleidung keine Probleme mit 15 Grad unter Null. Das Startgelände ist gesäumt von Schneeskulpturen, am angrenzenden See wird jede Menge Eissport betrieben. Ich nehme den ersten Teil der 25 Kilometer langen Runde unter die Ski und stelle fest, dass hier sehr professionell gearbeitet wird. Aufgrund der geringen Menge an Niederschlag besteht die komplette Strecke aus Kunstschnee, der bei den eisigen Temperaturen hier in rauen Mengen produziert wird. Damit ist das Rennen sehr ausfallsicher.
Nach dem Training geht es schnell wieder ins Hotel zurück, wo ich meine Startunterlagen abhole. Beim Blick auf die Startnummer bin ich dann doch etwas überrascht. Nummer 15 und damit ein Startplatz im Eliteblock! Das bereitet mir tatsächlich mehr Kopfzerbrechen als die 50 Kilometer an sich. Viel Zeit darüber nachzudenken habe ich nicht. Die nächsten Programmpunkte warten. Am Nachmittag schließe ich mich der Gruppe an, die den Tiger Park besichtigt. Neben zwei Pandabären, die eher gemütlich in ihrer Unterkunft liegen, streifen mehrere ausgewachsene Sibirische Tiger durch ihr Gehege. Es ist schon beeindruckend, diesen majestätischen Tieren bis auf wenige Zentimeter nah zu kommen. Nachdem ich schnell meine Rennski fertig präpariert (extra kaltes Gleitwachs und Fell in der Steigzone) und zu Abend gegessen habe, wartet trotz Rennvorbereitung noch ein Besuch im Eisskulpturen Park auf mich. Diesen sollte man unbedingt bei Dunkelheit einplanen. Dann werden die großen Bauwerke aus Eis und Schnee mit farbigen Lichtern eindrucksvoll in Szene gesetzt.
Am nächsten Morgen herrscht hektische Betriebsamkeit im Stadion und es kommt echtes Skimarathon-Feeling auf. Nach dem Aufwärmen begebe ich mich zu meiner Startposition und wenig später werden wir losgelassen. Circa 1.000 Teilnehmer gehen in den nächsten Minuten auf die Strecke und ich versuche mich ordentlich einzureihen. Die erste Runde läuft eigentlich ganz okay und ich liege unter dem mir gesteckten Zeitlimit. Ob aufgrund des Jetlags oder aus anderen Gründen dauert es aber trotzdem bis in die zweite Runde, ehe ich mich etwas wacher fühle. Da beginnt für mich jedoch der Kampf gegen den inneren Schweinehund.
Dank meines Fellskis kann ich an den beiden längeren Anstiegen immer mal wieder einen Läufer überholen. Meist kommt dieser aber später dank des besser gleitenden Skis wieder zurück. So verläuft auch mein Duell mit Markus aus Österreich, den ich schon von unserem gemeinsamen Essen im Hotel kenne. 16 Kilometer vor dem Ziel kann ich ihn abhängen, aber als wir sechs Kilometer später auf den zugefrorenen See abbiegen, zieht er wieder an mir vorbei. In unserem harten Fight bis zum Ziel sehe ich ihn immer nur wenige Meter vor mir, kann ihn aber nicht mehr erreichen. So überquert er schließlich auf Rang 87 die Linie, ich folge sieben Sekunden dahinter auf Rang 88. Mit 3:19:10 Stunden liege ich damit wenige Sekunden unter meinem selbstgesteckten Ziel von 3:20 Stunden und bin sehr zufrieden.
Mit dem Bus-Shuttle geht es kurz darauf zurück ins Hotel, wo ich mich nach einer schnellen Dusche am Mittagsbuffet stärke und schon mal den zehnten Stempel für meinen Worldloppet-Pass abhole. Die große Zeremonie zu Ehren der Sieger und Master-Athleten findet dann am Abend beim Vasa-Nacht-Bankett statt. Im Beisein zahlreicher Offizieller, mit viel Folklore und jeder Menge leckerem Essen wird dieser Abend zu etwas ganz Besonderem, das ich so noch bei keinem anderen Skimarathon erlebt habe. Zusammen mit 13 anderen frischgebackenen Worldloppet Gold Mastern werde ich auf die Bühne gerufen und erhalte aus den Händen von Doppelolympiasieger Björn Lind, der als Wettkampfchef des Vasaloppet China fungiert, mein Diplom und eine Medaille. Ein wirklich unvergesslicher Moment!
Doch damit endet diese Reise noch nicht. Ich habe mich für den 7-Tage-Trip entschieden, der unsere Gruppe am nächsten Morgen nach einer Besichtigung des Kulturplatzes und des Wanshou Tempels von Changchun mit dem Schnellzug nach Peking führt. Dort checken wir nach dem Abendessen, bei dem es regionale Köstlichkeiten gibt, in einem Top-Hotel ein. Bereits am nächsten Morgen geht es dann früh los in Richtung Große Mauer. Etwas mehr als eine Stunde vom Hotel entfernt liegt ein sehr gut restaurierter Abschnitt dieses ehemals 8.800 Kilometer langen Bauwerks. Vom Parkplatz aus erklimmen wir über den Wehrgang auf der Mauerkrone mehr als 300 Höhenmeter, was uns einen sagenhaften Ausblick in Richtung Stadt und Hinterland ermöglicht. Am Nachmittag erwartet uns noch der Himmelstempel mit seiner für das historische China typischen Bauweise.
Am zweiten Tag in Peking führt uns Joanne, unsere chinesische Reiseführerin mit außerordentlichem Hintergrundwissen zu allen Sehenswürdigkeiten und zur Geschichte des Landes, zum Tian’anmen Platz und in die Verbotene Stadt. Sie repräsentieren sinnbildlich das alte China unter Herrschaft der Kaiser und das neue China im Kommunismus. Am Nachmittag stehen zudem noch eine chinesische Tee-Zeremonie und der Besuch einer typischen Marktstraße auf dem Programm. Schließlich dürfen wir beim Fairwell-Dinner noch Peking Ente als kulinarisches Highlight genießen. Kurz nach dem Essen heißt es für mich dann jedoch ab zum Flughafen und zurück in die Heimat. Ein Großteil der Gruppe reist dagegen auf der 9-Tage-Reise noch weiter nach Xi’an, wo sie die Terrakotta-Armee zu Gesicht bekommen.
Im Flieger zurück nach Europa lasse ich die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren und bin mir absolut sicher: Diese Tour muss jeder Skimarathon-Läufer mit Liebe zum Reisen und Interesse an fremden Kulturen einmal gemacht haben!














































