Kolumnen

PhilosoSki: Die Musik des Erfolgs

Von Carsten Stolz

Es ist Herbst. In den Höhenlagen ist der erste Schnee gefallen. Auf einem Spaziergang beobachte ich ein fallendes Laubblatt in der letzten warmen Herbstsonne. Der Übergang zwischen Sommer und Winter ist da. Diese Kolumne ist ruhiger als die bisherigen.

Draußen regnet es. Drinnen bin ich am Ski-Ergometer. Seit fünfundvierzig Minuten höre ich immer wieder das gleiche Lied. In der wiederkehrenden Bewegung stellt sich ein interessanter Gleichlauf ein: Die Augen sehen immer das Gleiche, der Körper macht immer das Gleiche, der Atem fliesst immer gleich, die Ohren hören immer das Gleiche. Diese Synchronität der Sinne stellte sich nach etwa zwanzig Minuten ein und dauert seither an.

Und dann fangen die Gedanken an zu wandern, zu mäandrieren. Es macht «klick» zwischen scheinbar nicht zusammenhängenden Begegnungen, Ideen, Situation. Manchmal sagt es: «wow!». Manchmal sagt es: «aha!». Es ist wie Puzzle spielen: Teile fügen sich zusammen, Bilder entstehen. Als das Lied wieder von vorne beginnt, fragt sich der Kopf: «Wie klingt die Musik des Erfolgs?» Es ist die Nationalhymne. Mit der Goldmedaille auf dem Herz wendet man sich der Fahnenstange zu, an der die Flagge majestätisch-langsam gehisst wird.

Das Ski-Ergometer zeigt, dass ich nicht mehr ganz in der geplanten Trainingszone bin. Die wandernden Gedanken werden zu Fokus auf die Bewegung. Ich kehre zurück in die Trainingszone. Wenig später wandern die Gedanken wieder. Die Antwort auf die Frage, wie sich die Musik des Erfolgs anhört, kann doch nicht nur «Stille» lauten. Oder doch?

Vor vielen Jahren beeindruckte mich einmal eine Sportlerin, die die Nationalhymne unzählige Male hören durfte. Sie wurde gefragt, wie sie mit Niederlagen umgeht. Sie antwortete: «Ich habe in meiner Karriere kein einziges Rennen verloren.» Das war überraschend, weil sie trotz ihrer Erfolge nicht immer zuoberst stand. Dann sprach sie von ihrer Ziele-Matrix mit den Dimensionen Ergebnis, Technik und Haltung. Für jede dieser Dimensionen formulierte sie immer ein Minimum, ein Optimum und ein Maximum. Nach jedem Rennen reflektierte sie ihre Performance in dieser 3×3-Ziele-Matrix. So wurde jedes Rennen zu einem Erfolg: es gab Rennen, in denen die Goldmedaille verloren wurde und gleichzeitig die Technik und die Haltung Maximalwerte erreichten. Annie Duke, eine amerikanische Poker-Spielerin, schreibt in einem ihrer Bücher sinngemäss: Verwechsle Rangliste niemals mit Erfolg!

Der Timer auf der Sportuhr vibriert und erinnert mich ans Trinken. Das bringt die Gedanken zurück. Kurzer Check. Bei den Augen, dem Körper, dem Atem und den Ohren ist immer noch alles im Gleichklang. Der Ski-Ergometer surrt weiter in der richtigen Zone. Die Gedanken können also weiter wandern. Ich habe keine Ahnung, warum ich plötzlich an Ayrton Senna denke. Die Qualifying-Runde zum Grossen Preis von Monaco am 14. Mai 1988 von Ayrton Senna gilt als die legendärste Runde in der Geschichte der Formel 1. Ayrton Senna deklassiert darin Alain Prost mit einer unmöglich erscheinenden Bestzeit. Das Besondere an dieser Runde ist nicht der Zeitunterschied, sondern Sennas mentaler Zustand. In Interviews beschreibt Senna ein transzendentes Erlebnis. «Plötzlich merkte ich, dass ich das Auto nicht mehr bewusst fuhr. Ich fuhr es durch eine Art Instinkt, nur war ich in einer anderen Dimension.» Senna gibt an, das Gefühl gehabt zu haben, weit über seinem eigenen Bewusstsein zu agieren. Es war, als würde er über dem Auto schweben und sich selbst beim Fahren zusehen. Als er dies realisiert, stellt er das Auto in den Boxen ab. Er fährt an diesem Tag nicht mehr heraus.

Das ist jetzt schon weit weg von der Frage nach der Musik des Erfolgs. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hat die Musik des Erfolgs nicht nur die Tonalität des «Was?» und des «Wie?», sondern auch des «Warum?». Für Ayrton Senna ging es um den Ausdruck seiner Spiritualität. Das «Was» und das «Wie» für den kommenden Winter sind gesetzt. Trainingslager und Wettkämpfe sind terminiert, der Trainingsplan darauf abgestimmt. Das «Warum» braucht noch Gedanken-Raum. Das «Warum» hat etwas mit Stille zu tun. Damit dann beim Überqueren der Ziellinie die Musik des Erfolgs seinen ganzen Klangkörper entfalten kann.

Über diese Kolumne

Wenn wir auf zwei Brettern gleiten, ist dies mit besonderem „Sein“ und „Tun“ verbunden. Da gibt es immer wieder Gelegenheiten, aus einer anderen Sicht darauf zu blicken, geprägt von der „Liebe zur Weis(s)heit“ (am liebsten mit zwei „s“, weil verschneite Landschaften am schönsten sind). Durch die verschneiten Landschaften laufen wir lang, schreiten diagonal und denken quer. Unsere Lieblingsbeschäftigung ist damit im Kern philosophisch. Dies findet in der neuen Rubrik „PhilosoSki“ seinen Platz und schneit jeden Monat einmal mit Schneeflocken aus Satire und Humor herab.

Viel Spaß beim philososkieren!Der PhilosoSkist Carsten