Die Nordische Kombination stand während der nun vergangenen Olympischen Spiele von Milano Cortina 2026 unter besonderer Beobachtung des IOC. Als einzige Sportart, in der nur die Männer antreten durften, kämpft sie sprichwörtlich um ihre Existenz. Während im Mai vonseiten des IOC darüber entschieden werden soll, ob 2030 in Frankreich entweder auch die Kombiniererinnen olympisch werden oder aber die Kombination insgesamt aus dem olympischen Programm verschwinden wird, könnte ein Aus der Kombination bei Olympia weitreichende Folgen auch für andere Disziplinen haben.
Kombinierer beeindrucken Gäste
Bereits beim ersten Wettkampf der Nordischen Kombinierer, dem Gundersen von der Normalschanze am 11. Februar, war unter anderem IOC-Präsidentin Kirsty Coventry anwesend und zeigte sich beeindruckt vom spannenden Wettkampf bei schwierigen Bedingungen. Auch FIS-Präsident Johan Eliasch war begeistert: „Die Nordische Kombination war bisher mein Highlight dieser Olympischen Spiele.“ Und er sicherte der Nordischen Kombination seine volle Unterstützung zu: „Indem die Nordische Kombination attraktiver wurde, hat sie ihre globale Reichweite vergrößert. Es gibt keinen Zweifel, dass sowohl Männer als auch Frauen an den nächsten Olympischen Spielen teilnehmen sollten. Wir werden alles Mögliche tun, um sicherzustellen, dass diese Disziplin langfristig im Kalender bleibt.“ Auch in der zweiten Wettkampfwoche waren Delegationen des IOC an der Schanze und bekamen spannende Wettkämpfe geboten, die teilweise, wie im Team Sprint, erst auf der Ziellinie entschieden wurden.
Olympia als Kindheitstraum und als Schlüsselfaktor für die Zukunft
Während die Männer ihre olympischen Wettkämpfe austrugen, blieb den Frauen nur die Zuschauerrolle. Einige Athletinnen waren regelmäßige Zuschauer vor Ort, wie beispielsweise Annika Malacinski (USA), die ihren Bruder Niklas anfeuerte. Oder Daniela Dejori (ITA), die als Volunteer und Vorspringerin agierte. Nathalie Armbruster (GER) co-kommentierte für Eurosport. Andere trainierten zuhause oder bestritten zwischenzeitlich den COC in Lillehammer. Dabei ist für viele Athletinnen die Teilnahme an Olympischen Spielen weit mehr als ein sportliches Ziel. Sie ist ein Lebenstraum. „Olympia“ steht für Anerkennung, Sichtbarkeit und den Höhepunkt einer Karriere. Daran wollen auch die Kombiniererinnen teilhaben. Wer die Entwicklung der noch jungen Sportart betrachtet, erkennt, dass sie dazu bereit sind. Zugleich ist Olympia mehr als Symbolik. Die Aufnahme ins olympische Programm gilt als entscheidender Garant für Stabilität und Weiterentwicklung einer Sportart. Ohne olympische Perspektive bleibt unklar, wie sich Strukturen, Nachwuchsarbeit und internationale Wettbewerbe entwickeln werden.
Weitreichende Folgen eines Olympia-Ausschlusses
Was würde passieren, wenn die Nordische Kombination aus dem olympischen Programm flöge? Die möglichen Konsequenzen eines Ausschlusses aus dem olympischen Programm reichen weit über die Frauenfrage hinaus. Natürlich geht es in erster Linie um Geld. Neben staatlicher Förderung stehen auch Sponsoreneinnahmen in Frage. Langfristig könnte dadurch die Vielfalt der Wettbewerbe nicht nur in der Nordischen Kombination, sondern im gesamten nordischen Sport auf dem Spiel stehen.
1. „Dominoeffekt“ für Finanzierung und Infrastruktur
In vielen Ländern hängt die staatliche Förderung maßgeblich am olympischen Status einer Sportart. Fällt die Nordische Kombination aus diesem Raster, drohen erhebliche Kürzungen. Beispielsweise sind Skisprungschanzen auf regelmäßige Zuschüsse angewiesen. Ohne olympische Förderung könnten Instandhaltung und Betrieb vieler Anlagen nicht mehr finanziert werden. Das würde nicht nur die Nordische Kombination betreffen, sondern auch das Skispringen insgesamt – Männer wie Frauen. Die Disziplin ist infrastrukturell eng mit dem Skispringen verbunden. Ein Rückbau oder die Schließung von Anlagen hätte einen Dominoeffekt im gesamten nordischen Bereich zur Folge. Bei einer Pressekonferenz im Rahmen des Weltcups in Trondheim vergangenen Dezember gab Sportdirektor Horst Hüttel (GER) ein Beispiel aus Oberstdorf: Dort würden jährlich mehr als 300.000 Euro für den Erhalt der Infrastruktur der Schanzen benötigt, die sich zum Teil aus den Mitteln der Nordischen Kombination finanzierten. Oberstdorf ist ein wichtiges Trainingszentrum der Nordischen Kombinierer, die diesjährigen Olympiateilnehmer Johannes Rydzek, Vinzenz Geiger und Julian Schmid stammen alle vom Skiclub Oberstdorf. Hüttel geht davon aus, dass bis zu 70 Prozent der Gelder wegfallen würden, verlöre die Kombination ihren olympischen Status. Auch FIS-Renndirektor Lasse Ottesen bestätigt die finanzielle Bedeutung der Nordischen Kombination: „Rund 30 Prozent der Einnahmen und der medialen Reichweite bei der Weltmeisterschaft in Trondheim 2025 entfielen auf die Nordische Kombination, 40 Prozent auf den Langlauf und 30 Prozent auf das Skispringen. Ein Drittel der Gesamtwirkung also kommt von der Kombination.“
2. Auswirkungen auf die Olympischen Spiele 2030 in Frankreich
Mit Blick auf die Winterspiele 2030 in den Französischen Alpen gewinnt die Diskussion zusätzliche Brisanz. Ohne Nordische Kombination gäbe es auf der Normalschanze lediglich zwei Wettbewerbe. Investitionen in die Modernisierung von Anlagen – etwa in Courchevel – werden auch mit Blick auf die Anzahl der Wettbewerbe kalkuliert. Fällt eine Disziplin weg, geraten Finanzierungsmodelle ins Wanken. Im schlimmsten Fall könnten Veranstalter auf einzelne Anlagen verzichten, was wiederum langfristige Auswirkungen auf den nordischen Sport in der Region hätte. Die Franzosen wollen die Nordische Kombination unbedingt im Programm sehen, zumal sie die komplette Infrastruktur ohnehin auch für das Skispringen benötigen. Auch Langlaufanlagen in der Nähe von Courchevel, die für die Kombination genutzt werden sollen, sind vorhanden.
3. Zukunft des nordischen Skisports insgesamt
Besonders problematisch wäre der Effekt auf Nachwuchsprogramme: Viele Athletinnen und Athleten wechseln zwischen Disziplinen oder kommen ursprünglich aus der Kombination. Eine Schwächung dieser Basis könnte auch das Skispringen treffen. Ottesen betont die enge sportliche Verzahnung der beiden Disziplinen Kombination und Skispringen ebenfalls: „Viele Weltklasse-Skispringerinnen kommen aus der Nordischen Kombination. Beispiele sind Lisa Hirner (AUT) sowie Heta Hirvonen und Minja Korhonen aus Finnland, die in dieser Saison in beiden Disziplinen antreten.“ Da sie als Kombiniererinnen nicht bei den Olympischen Spielen starten durften, verstärkten sie das Team der finnischen Skispringerinnen. Hirvonen trat zudem auch im Mixed Team Wettbewerb an. Andere Athletinnen, etwa Annika Sieff (ITA) oder Gyda Westvold Hansen (NOR) wechselten komplett zum Skispringen. Ohne die Nordische Kombination wären also auch im Skispringen weniger Teilnehmer vorhanden, könnten manche Nationen gar keine Teams für Großereignisse zusammenstellen.
4. Verhalten von Sponsoren
Neben den staatlichen Fördermitteln steht auch sonst wirtschaftlich viel auf dem Spiel. Sponsoren investieren in Sportarten, die Sichtbarkeit, Reichweite und Werte wie Fairness und Gleichberechtigung transportieren. Bleiben Frauen dauerhaft von Olympia ausgeschlossen, könnte dies das Engagement einzelner Partner infrage stellen. Unternehmen, die sich klar zur Gleichstellung bekennen, sehen darin nicht nur ein sportliches, sondern auch ein gesellschaftliches Thema. Ein anhaltender Ausschluss könnte daher kommerzielle Konsequenzen nach sich ziehen. Tore Dammann Langballe, Kommunikationschef von Aker BP, bestätigte dies anlässlich der oben genannten Pressekonferenz in Trondheim, bei der auch die Vertragsverlängerung des Sponsorships der norwegischen Kombinierer bekannt gegeben wurde: „Als Unternehmen legen wir großen Wert auf Chancengleichheit – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Alter oder Perspektive. Dieses Prinzip hat uns in die Nordische Kombination geführt. Sollte der Ausschluss der Frauen bestehen bleiben, könnte das allerdings auch der Grund sein, unser Engagement zu überdenken. Wenn Frauen dauerhaft von Olympia ausgeschlossen werden, verliert der Sport auch kommerziell an Attraktivität. Das betrifft nicht nur uns, sondern viele wirtschaftliche und politische Akteure.“
Entscheidung mit Signalwirkung
Die anstehende Entscheidung über die Zukunft der Nordischen Kombination im olympischen Programm ist damit weit mehr als eine sportpolitische Formalie. Sie betrifft Träume junger Athletinnen, die Glaubwürdigkeit von Gleichberechtigung im Sport, die Finanzierung ganzer Infrastrukturen und die Stabilität des nordischen Skisports. Eine Aufnahme der Frauen ins olympische Programm würde nicht nur einen historischen Schritt bedeuten, sondern auch Planungssicherheit schaffen – für Verbände, Veranstalter, Sponsoren und Athletinnen gleichermaßen. Ein Ausschluss hingegen hätte Folgen, die weit über 2030 hinausreichen würden. Ottesen hofft auf eine positive Entscheidung: „Wir arbeiten sehr hart. Eine positive Entscheidung wäre ein enormer Schub für unseren Sport – und das schon mit der Entscheidung im Mai 2026, nicht erst 2030.“




