Vinzenz Geiger (GER)
Nordische Kombination Weltcup News

Nordische Kombination: Premiere im Skifliegen

Die Nordische Kombination steht vor einem historischen Ereignis: Erstmals wird ein Weltcup auf einer Skiflugschanze ausgetragen. Der Compact-Wettbewerb findet am Freitag am Kulm (Bad Mitterndorf/ Österreich) statt. Mit dabei sind sieben deutsche Athleten. Was das Skifliegen so besonders macht, fassen wir hier zusammen.

Nächstes Saisonhighlight folgt

 

 

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Nach den olympischen Spielen ist die Saison für die Nordischen Kombinierer noch lange nicht vorbei. Mit dem lange erwarteten Skifliegen am Kulm steht direkt das nächste Highlight bevor. Teilnehmen dürfen nur die besten 40 Athleten der Best-Jumper-Wertung. Tritt einer dieser Qualifizierten nicht an, gibt es keine Nachrücker. So stehen tatsächlich nur 30 Teilnehmer auf der Startliste, und damit deutlich weniger als bei normalen Weltcups. Zwei der Qualifizierten, Österreichs Mario Seidl, der am Kulm bereits als Vorspringer aktiv war und starke 222,5 Meter weit flog, sowie Benjamin Loomis (USA) beendeten in den letzten Wochen ihre Karrieren und werden nicht mehr starten. Auch aus Deutschland und Österreich werden zwei Qualifizierte nicht antreten: Andreas Gfrerer (AUT) und Terence Weber (GER) stehen nicht in den jeweiligen Aufgeboten. Mit dabei sind dagegen aus dem deutschen Team die Olympiateilnehmer Vinzenz Geiger, Johannes Rydzek und Julian Schmid, sowie Wendelin Thannheimer, David und Simon Mach und Richard Stenzel. Acht Athleten aus Österreich werden am heimischen Kulm antreten. Dies sind Johannes Lamparter, Stefan und Thomas Rettenegger, Florian Kolb, Franz-Josef Rehrl, Martin Fritz, Lukas Greiderer und Paul Walcher.

Geschichte der Skiflugschanze am Kulm

Skiflugschanze am Kulm (AUT)
Skiflugschanze am Kulm (AUT)

Die Skiflugschanze am Kulm in Bad Mitterndorf zählt zu den traditionsreichsten und beeindruckendsten Anlagen des Skifliegens. Ihre Geschichte beginnt 1950, als dort die erste Skiflug-Veranstaltung stattfand. Schon damals zog die Schanze über 10.000 Zuschauer an und legte den Grundstein für ihre spätere internationale Bedeutung. In den folgenden Jahrzehnten wurde sie mehrfach erweitert und modernisiert – unter anderem 1953, 1986 und 2014 –, um den steigenden sportlichen Anforderungen gerecht zu werden. Bis 2014 galt sie als eine der größten Naturschanzen der Welt, hat diesen Charakter durch die damaligen Umbaumaßnahmen allerdings verloren. Damals wurde der Schanzentisch künstlich um acht Meter angehoben und um 21 Meter nach hinten verlegt, sowie Vorbau und Aufsprunghang verändert, um größere Weiten zu ermöglichen. Heute hat die Anlage eine Hillsize von 235 Metern (K 200) und ist damit eine von nur vier aktiv im Skiflugweltcup genutzten Skiflugschanzen weltweit – neben Oberstdorf (GER), Vikersund (NOR) und Planica (SLO). Der aktuelle Schanzenrekord liegt bei 247,5 Metern, aufgestellt von Ziga Jelar (SLO) im Jahr 2023. Daniela Iraschko-Stolz (AUT) war bereits 2003 die erste Frau, die dort 200 Meter erreichte. Der Kulm war bereits mehrfach Austragungsort der Skiflug-Weltmeisterschaften, zuletzt 2024.

„Neuland“ für die Kombinierer

Vinzenz Geiger (GER)
Vinzenz Geiger (GER) © Barbieri/NordicFocus

Auch wenn viele der Kombinierer bereits den ein oder anderen Trainingsflug absolvieren konnten, ist ein Weltcup auf einer der größten Schanzen der Welt doch Neuland. Aus dem österreichischen Team sind es beispielsweise nur Martin Fritz und Lukas Greiderer, die schon etwas Flugerfahrung mitbringen. Selbst Weltcup-Spitzenreiter Johannes Lamparter und der erfahrene Franz-Josef Rehrl werden am Donnerstag im Training ihre ersten Flüge von einer Flugschanze überhaupt absolvieren. Dementsprechend groß ist die Vorfreude bei Lamparter: „Das erste Mal Skifliegen ist sehr cool. Die Anspannung und der Respekt vor einer größeren Schanze ist da, aber ich freue mich drauf. In erster Linie ist es aber für unsere Sportart ein richtiges Highlight, es ist toll, dass wir diese Möglichkeit bekommen. Ich habe schon mit den Spezialspringern gesprochen, da können wir uns auf was richtig Tolles einstellen. Hoffentlich haben wir ein paar richtig weite Flüge dabei.“

Vorfreude auch im deutschen Team

Johannes Rydzek (GER)
Johannes Rydzek (GER) © Barbieri/NordicFocus

Auch im deutschen Team freut man sich unisono auf die neue Herausforderung. Die deutschen Athleten kennen den Kulm bislang nicht persönlich. Zwar durften einige von ihnen bereits die Skiflugschanze im Oberstdorf kennenlernen, am Kulm geflogen ist aber noch keiner von ihnen. Geiger, Rydzek, Schmid und Thannheimer sowie einige weitere deutsche Kombinierer konnten teils 2022, teils im Januar 2026 beim Einfliegen der Heini-Klopfer-Skiflugschanze in Oberstdorf vor der dortigen Weltmeisterschaft bis zu fünf Flüge absolvieren. Auch die magische 200 Meter-Marke konnten Rydzek und Co. zum Teil bereits knacken. „Als ‚erfahren‘ würde ich mich aber jetzt noch nicht bezeichnen“, schmunzelte Rydzek im Presse-Vorgespräch. Vinzenz Geiger ist dennoch optimistisch: „Es gibt keinen Grund, warum wir das nicht schaffen sollten. Bei Olympia hat man erst wieder gesehen, dass wir vom Niveau der Spezialspringer nicht weit weg sind.“ Der Vergleich zwischen Oberstdorf und dem Kulm fällt logischerweise bisher eher theoretisch aus: „Am Kulm hat man einen höheren Luftstand als in Oberstdorf. Insgesamt sieht die Schanze nach meinem Eindruck etwas ruppiger aus, aber das kann man erst am Donnerstag nach dem Training wirklich sagen,“ meint Schmid.

Was ist beim Skifliegen anders?

Skiflugschanze am Kulm (AUT)
Skiflugschanze am Kulm (AUT)

„Es sind andere Dimensionen, ein höherer Luftstand, höhere Geschwindigkeiten und ein ganz anderer Druck in der Luft“, fasst Bundestrainer Eric Frenzel, der seinerseits gegen Ende seiner aktiven Karriere 2022 ebenfalls noch in den Genuss einiger Flüge kam, zusammen. Zum Vergleich: Hat man auf einer Normalschanze meist knapp unter 90 Stundenkilometer Anfahrtsgeschwindigkeit, sind es auf einer Großschanze bereits knapp über 90 km/h. Auf einer Flugschanze können da je nach Windverhältnissen auch über 100 km/h zusammenkommen. Damit hat man erst einmal weniger Zeit, sich auf den Absprungpunkt vorzubereiten. Gleichzeitig ist es wichtig, die Geschwindigkeit möglichst optimal mitzunehmen und auf den höheren Druck, der auf Mensch und Material einwirkt, gefasst zu sein: „Da muss man vom Kopf her parat sein und es gleich mit Überzeugung und Gefühl angehen, damit da nichts verloren geht,“ erläutert Frenzel. Auch das Material muss entsprechend angepasst werden: „Der Ski muss mehr auf Geschwindigkeit getrimmt sein und die Aufbiegung an der Skispitze etwas flacher, damit er sich nicht gleich oben zu sehr aufbiegt.“

Von den Spezialspringern lernen

Julian Schmid (GER)
Julian Schmid (GER) © Barbieri/NordicFocus

Das Gefühl ist beim Fliegen besonders wichtig, weil sich auf der großen Schanze kleinere Fehler, die eine Normalschanze vielleicht noch verzeihen würde, viel stärker auswirken. „Man muss in erster Linie sauber springen und nicht zu viel Kraft einsetzen,“ meint Schmid. „Der Hille [Philipp Raimund, Olympiasieger von Milano Cortina 2026 auf der Normalschanze] hat mal gesagt, man macht da eigentlich nur einen 80-Prozent-Sprung und fährt eher einfach drüber über den Schanzentisch. Wichtiger ist es, mit Ruhe zu agieren und nicht zu ruckartig, damit man schön ins Gleiten kommt.“ „Die Challenge wird sein, den Punkt nicht zu verpassen, an dem es richtig abgeht,“ ergänzt Wendelin Thannheimer, dessen persönliches Ziel es sein wird, die 200-Meter-Marke zu knacken. „Das ist mein Ziel, das habe ich bei meinen zwei bisherigen Flügen noch nicht erreicht.“

Wer sind die Favoriten?

Das lässt sich im Vorfeld schwer sagen: „Es gibt verschiedene Typen. Hille zum Beispiel ist Olympiasieger von der Normalschanze, tut sich aber beim Fliegen immer etwas schwer. Auch bei uns gibt es bestimmt welche, denen es besser liegt, das sind die flugstarken Athleten. Andere sind eher absprungstark, die sind wahrscheinlich besser auf einer Normalschanze,“ meint Geiger. Thannheimer sieht „die, die sonst auch vorn dabei sind, also [Thomas] Rettenegger und Lamparter“ vorn. Interessant wird auch sein zu sehen, wie sich die Norweger schlagen. Jarl Magnus Riiber, der seit dem Ende seiner aktiven Karriere als einer der Sprungtrainer im Team mitarbeitet, durfte 2023 in Vikersund ebenfalls bereits als Vorspringer ran – und absolvierte mit 240 Metern bei seinem ersten Versuch prompt den weitesten Flug des gesamten Wochenendes. Er weiß also, wie es geht, und er stellte seit vergangenem Frühjahr im norwegischen System einiges um, was in den jüngsten Erfolgen der beiden Oftebros sowie Andreas Skoglund resultierte. Im Unterschied zu ihnen haben die beiden anderen Medaillengewinner der Olympischen Spiele, Ilkka Herola und Eero Hirvonen aus Finnland bereits die Schanze in Planica getestet.

Große Schanze, kurzes Rennen

 

 

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Auch wenn die Schanze größer ist als üblich, ist das Rennen vergleichsweise kurz: Der Wettkampf findet als Compact Race statt. Das heißt, dem Flug folgt ein 7,5 Kilometer-Rennen mit fixen Zeitabständen, das Fliegen legt also lediglich die Startreihenfolge fest. „Das wurde wahrscheinlich gemacht, damit nicht Riesenabstände entstehen. Aber Anpassungen im Punktesystem wären für die Zukunft sicher möglich, damit man künftig auch einen Gundersen machen könnte,“ meint Thannheimer. „Es ist für uns das erste Mal, da weiß man vielleicht noch nicht, wie groß die Abstände werden. Die richtig guten Flieger würden sich sicherlich über einen Gundersen freuen.“ Für Johannes Lamparter hat das Rennen besondere Brisanz, denn es ist der letzte Compact-Wettkampf der laufenden Saison, und es geht um die kleine Kristallkugel: „Natürlich denke ich oft dran, dass nach den Olympia-Erfolgen noch weitere Kugeln im Weltcup möglich wären, so wie kommendes Wochenende schon die Compact-Kugel.“ Lamparter führt in dieser Wertung mit 70 Punkten Vorsprung vor dem nun vierfachen Olympiasieger Jens Oftebro, Johannes Rydzek als Dritter ist mit 138 Punkten Rückstand bereits aus dem Rennen. Theoretisch könnte Lamparter sogar bereits den Gesamtsieg einfahren, wenn er nach dem Wettkampf mehr als 200 Punkte Vorsprung auf die Verfolger aufweist. Sein direkter Verfolger ist hier ebenfalls Jens Oftebro, er liegt aktuell 143 Punkte hinter dem Österreicher. Das Rennen findet auf einer eigens dafür angelegten Strecke statt, Start und Ziel sind dabei im Schanzenauslauf.

Die Premiere – erst der Anfang?

David Mach (GER)
David Mach (GER) © Manzoni/NordicFocus

Auch hier sind sich Aktive wie Trainer einig – wenn es nach ihnen geht, sollte das Fliegen fest im weltcup-Kalender der Kombinierer verankert werden. Geiger träumt von einem Weltcup in Oberstdorf: “ Dafür hatte ich mich schon früher eingesetzt, das wäre mein Traum. Wir hätten da auch die Loipe direkt an der Schanze, das würde also auch gut passen.“ Den Nachhaltigkeitsaspekt spricht auch Julian Schmid an: „Ich hoffe, dass wir künftig mehr Flugwettkämpfe mit den Spezialspringern und auch den Frauen haben werden. Wenn mehrere Disziplinen gleichzeitig vor Ort sind, lohnt es sich auch für den Veranstalter, die Schanze herzurichten.“ Könnte es eventuell in der Zukunft sogar eine Skiflug-WM für Kombinierer geben? Bundestrainer Eric Frenzel schmunzelt: „Warum auch nicht, man soll sich ja selbst keine Grenzen setzen. Wenn es funktioniert und ein Weltcup etabliert werden kann, wäre das irgendwann der nächste Schritt. Aber eins nach dem anderen.“ ÖSV-Cheftrainer Christoph Bieler sieht es ähnlich: „Seit der Ankündigung, dass es einen Skiflug-Weltcup für uns Kombinierer gibt, sind wir alle voller Vorfreude. Wir hoffen auf eine tolle Kulisse und dass wir weite Flüge zeigen können. Wir hoffen jetzt schon, dass es ein Fixpunkt in unserem Weltcupkalender wird.“

Zeitplan

Donnerstag, 26.2.2026
10.00 Uhr: offizielles Training (2 Runden)
12.00 Uhr: provisorischer Wertungsdurchgang

Freitag, 27.2.2026
10.00 Uhr: Probedurchgang
11.00 Uhr: Wertungsdurchgang
16.00 Uhr: Langlauf Compact 7.5km