Training

(Leistungs)Sport und die Pubertät – Mädchen im Fokus

Fangen wir gleich mit ein paar harten Fakten an, die Jungs und Mädchen gleichermaßen betreffen und natürlich auch die Eltern. Die Move for Health Studie des Bundesministeriums für Familie, durchgeführt in den Jahren 2023 und 2024, zeigt, dass ein Drittel aller jugendlichen Mädchen (13-18 Jahre) nicht sportlich aktiv sind, sowie 24,4% aller Jugendlicher! Im Kindesalter sind es nur 12% (Jungen) bzw. 14% (Mädchen). Die beliebtesten Sportarten der Jugendlichen sind Fitness- und Kraftsport bei den Mädchen (2023 war es noch Laufen) und Fußball bei den Jungs.

Wir lernen also, es hören mehr Mädchen mit dem Sport auf während der Pubertät als Jungs, was auf viele verschiedene Faktoren zurückzuführen ist, wie die Erwartungshaltungen im Bereich Leistung, Schule und Arbeit, fehlende Unterstützung, Probleme innerhalb der Trainingsgruppe, aber auch die Pubertät. Nun kann man sagen „ja, aber alle müssen durch die schwierige Zeit der Pubertät“ und „was betrifft uns das als Langläufer“. Es betrifft uns alle, als Eltern, Trainer und Sportler – der Nachwuchs ist für eine Sportart essentiell! Und auch wenn die Meisten nie Olympiasieger werden, so bleiben sie dem Sport doch treu und verbunden, begeistern andere oder finden ihre Zukunft z. B. in der Sportartikelbranche oder der Wissenschaft. Und auch wenn die Pubertät für beide Geschlechter keine einfache Zeit ist, so haben Mädchen im Sport nachweislich mehr zu kämpfen als Jungs. Die Pubertät beginnt bei Mädchen nicht nur früher (zwischen 9 und 12 Jahren), sie ist auch aufgrund verschiedener Faktoren schwieriger. Männliche Athleten profitieren oft von dem steigenden Testosteronspiegel, der die athletische Entwicklung begünstigt. Dadurch nimmt die Muskelmasse vor allem im Oberkörperbereich zu, die Knochendichte sowie die roten Blutkörperchen, der Sauerstofftransport im Körper erfolgt dadurch viel besser.

Im Gegensatz dazu stehen das Östrogen und Progesteron bei Mädchen. Das Östrogen bringt die Pubertät in Gang und steuert mit dem Progesteron den Menstruationszyklus. Außerdem sorgt das Östrogen für die körperlichen Veränderungen, wie zum Beispiel das Brustwachstum und die Veränderung der Fettverteilung, die sich vor allem an den Hüften abzeichnet. Progesteron beeinflusst auch das Körpergefühl, die Temperaturregelung, die Regeneration sowie die Stimmung der Athletinnen. Die Veränderung des Körperfetts kann nicht nur einen Knick in der Leistung nach sich ziehen, sondern beeinträchtigt oft auch die Koordination – Bewegungsabläufe, die vorher locker leicht von der Hand gingen, sind plötzlich schwieriger zu meistern und verlangen viel mehr Energie und Konzentration. Apropos Energie – durch die körperlichen Veränderungen steigt auch der Energiebedarf der jungen Athletinnen. Essen die Sportlerinnen dann nicht ausgewogen und genug, kann das Wachstum und die Entwicklung nicht nur stagnieren, es drohen langfristige Folgen (z. B. RED-S Syndrom, Ausbleiben der Regelblutung etc.). Außerdem entwickeln sich männliche Athleten oft linear von Kindheit bis zum Erwachsenenalter, während ihre Kolleginnen nur halb so stark sind und ihren Leistungspeak erst Ende 20 erreichen.

Klingt schwierig, ist es auch. Vor allem wenn Eltern, Trainer und vor allem Sportlerinnen völlig unvorbereitet in diese Zeit hineinlaufen. Die körperlichen Veränderungen, die Gewichtszunahme oder -veränderung, der Stress/Angst der einsetzenden Regelblutung, aber auch ein möglicher plötzlicher Leistungsabfall können den Mädchen schwer zusetzen. Wenn sie sich selbst nicht erklären können, warum sie plötzlich zunehmen, „wenn ich das Essen nur ansehe“, oder sich das Gleiten am Ski wie ein Tanz auf dem Drahtseil anfühlt, obwohl es doch schon so smooth ging, dann können sie schnell überfordert werden. Das Gleiche gilt natürlich für die psychische Entwicklung – irgendwo zwischen Abgrenzung, der Suche nach Anschluss und zeitweisen Selbstzweifeln suchen viele Jugendliche Orientierung und verstehen sich manchmal selbst nicht mehr. Für das Umfeld kann es schwierig sein, diese Überforderung mit der eigenen Entwicklung richtig zu deuten. Mädchen gelten schnell als „trainingsfaul“ oder „lustlos“, der plötzliche Leistungsabfall wird als fehlendes Training interpretiert. Dabei „kämpfen“ viele Sportlerinnen nur mit ihrer eigenen Entwicklung! Und können mit der richtigen Aufklärung, Verständnis und Support von Seiten der Trainer, Eltern, aber auch der Trainingsgruppe vor einem frühzeitigen „Drop-out“ sowie mentalen wie körperlichen Entwicklungsproblemen (z. B. Essstörungen, Depressionen) bewahrt werden.

Was können Trainer und Eltern nun tun? Oder auch die Athletinnen selbst?
Es gibt einige Tipps und Tricks:

  • Die richtige Ernährung ist ebenso wichtig wie die richtige Erholung! Der Körper braucht für den Umbauprozess, körperlich sowie mental, mehr Energie! Zu wenig Essen kann nicht nur die Leistung mindern, sondern auch zu langfristigen Problemen führen. Und fehlende Erholung, wieder körperlich wie mental, kann die Lust am Sport nehmen.
  • Krafttraining sollte nicht vernachlässigt werden, aber langsam gesteigert und anfangs nur mit dem eigenen Körpergewicht durchgeführt werden. Das erhöht nicht nur die Muskelmasse, sondern ist auch für die Verletzungsprophylaxe unglaublich wertvoll.
  • Die Koordination wird in der Pubertät für die Sportlerinnen wieder wichtig, der sich verändernde Körper verlangt manchmal ein Neuerlernen von Altbekanntem. Geduld, Spaß und abwechslungsreiches Training auf verschiedenen Terrain mit Balance- und Beweglichkeitselementen bringen nicht nur frischen Wind ins Training, sondern fördern die Entwicklung von Koordination und Beweglichkeit.
  • Mit dem Einsetzen der ersten Menstruation sinkt die max. Sauerstoffaufnahme ab, richtiges Ausdauertraining hilft den Athletinnen, dies auszugleichen.
  • Den Menstruationszyklus im Blick behalten und ins Training integrieren! Die Mädchen dürfen lernen, sich selbst zu beobachten und einzuschätzen, wie der Zyklus die Befindlichkeit und Leistung beeinflusst. Aber auch, ob es ernste Probleme gibt, wie Schmerzen, Zyklusveränderungen oder ausbleibende Blutungen.
  • Geduld!!!! Nicht jede Pubertät verläuft gleich, nicht jeder Körper entwickelt sich gleich! Es gibt „Schnellstarter“ und „Spätentwickler“ – beides ist in Ordnung! Hauptsache, die Mädchen haben Spaß am Sport und entwickeln sich gesund.
  • Mentales Training in den Trainingsalltag integrieren. Lernen, mit Druck, Selbstzweifeln und Ängsten umzugehen.

Die Trainer spielen in dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle. Sie können innerhalb ihrer Trainingsgruppen „sichere Räume“ für die Athletinnen schaffen (vor allem weibliche Trainerinnen spielen hier eine große Rolle), in denen die Sportlerinnen über Probleme, Ängste, Zweifel frei reden können und Hilfe, ein offenes Ohr und Verständnis erhalten. Kommentare über die körperlichen Veränderungen von Athletinnen sind dabei sehr kontraproduktiv und können tiefe Spuren hinterlassen. Aber auch die Motivation oder die Koordination sollten nicht negativ hervorgestellt werden. Eine verständnisvolle Ansprache und Nachfrage erwirkt hier oft mehr als ein lapidarer, bewertender Kommentar.

Die Pubertät sollte, egal ob bei Jungen oder Mädchen, kein Tabuthema sein! Die Mädchen sollen lernen, sich zu verstehen, vorbereitet werden auf das, was kommen kann, auf körperliche und mentale Veränderungen und sollten mit Geduld und Verständnis begleitet werden. Natürlich ist dies für die Trainer eine zusätzliche Herausforderung, aber eine, die es sich lohnt anzunehmen! Aber auch die Eltern sollten sich informieren und unterstützen! Denn so ist es möglich, Mädchen länger beim (Winter)sport zu halten. Dann haben sie die Möglichkeit, sich langfristig gesund und auch sportlich zu entwickeln und ihr ganzes Potenzial zu entfalten!

Quellen:

MOVE FOR HEALTH
myranorge.substack.com/p/puberty
www.swissolympic.ch
sport-iat.de/factsheets-allgemein/detail/af-training-hormone-und-hoechstleistung-leistungssportlerinnen-in-der-pubertaet