Blogs

Birkebeinerrennet: Aus „Nie wieder!“ wird „Nächstes Jahr wieder!“

Von Carsten Stolz

Das Ganze begann eigentlich am 15. März 2025. Nach dem Zieleinlauf eines komplett verwachsten 52. Birkebeinerrennet mit Klister drauf, Klister runter, Stollenbildung, Stillstand und irgendwie durchgekommen war eines klar: „NIE WIEDER!“ Kaum zuhause angekommen wurde nachgeschaut, wann der Lauf 2026 sein würde und das Datum in der Wettkampfplanung verankert. Suchtverhalten? Ein bisschen mindestens. Fakt ist: 2026 sollte der Lauf nochmal unter die dünnen Latten, die die Welt bedeuten. Und wie so oft wird aus Leiden während eines Rennens später eine heroische Geschichte, die im Umfeld alles zwischen grenzenloser Bewunderung und vollkommenem Unverständnis auslöst. In meinem näheren Umfeld dominiert eher das vollkommene Unverständnis.

Perzeption ist Realität

Bei näherem Hinsehen sind dies jedoch alles Menschen, die das Gleiten des perfekten Skis bei strahlendem Sonnenschein in messerscharf geschnittener Loipe mit hoch aktivierter Muskulatur und vollkommen präsentem Mental-Flow noch nicht erlebt haben. Eben genau der Zustand, der das 53. Birkebeinerrennet am 14. März 2026 kennzeichnen würde. Die Loipen-Fahrzeuge würden perfekte Loipen in die norwegischen Traumlandschaft gezogen haben. Genau wie Sushi-Meister mit japanischen Stahlmessern dem Verlauf der Fasern im Thunfisch oder Lachs folgen, würden die Loipen-Gurus klassische Loipen durch die Landschaft ziehen. Von Start bis Ziel würden die gleichen Bedingungen herrschen. Skiwahl und -präparation würden einem Kindergeburtstag gleichen. Es würde alles einfach nur „Ois isi!“ werden! Oder philosophischer: Es würde alles nur „Carpe Skiem“ und „Panta Rhei“ sein. Genau so würde es sein! Insbesondere bei Rollski-Trainings auf schlechtem Teer mit Gegenwind und Nieselregen erwies sich diese Vorstellung im folgenden Frühling, Sommer und Herbst immer wieder als zuckersüß…

Zwei Wochen vor dem Rennen

So rund zwei Wochen vor dem Rennen rückt das kommende Ereignis näher ins Bewusstsein. Warum gerade zwei Wochen? Es ist bei den Wetter-Apps der Zeitraum, den die Vorhersagen abdecken und so kommt langsam das Wetter am Renntag ins Blickfeld. Die oben dargestellte Wunschvorstellung wird langsam mit Wetterprojektionen konkretisiert. Es treten klassische Verdrängungs- und Bewältigungs-strategien hervor: „Es ist noch lang bis zum Renntag und die Wetterprojektionen sind noch sehr instabil.“ So spricht die linke Gehirnhälfte. „Oh Mist!“ oder „Es wird schon alles gut werden!“ So spricht die rechte Gehirnhälfte. Der Dialog zwischen den beiden Gehirnhälften ist kognitiv-emotionale Gemüsesuppe. Und führt zu kompensierenden Handlungen: noch ein paar Ski mehr einpacken, noch mehr Wachs, noch mehr Klamotten. Für alles gewappnet sein; das ist das Mantra! Begrenzend wirken einzig die Gewichtsschranken für das Fluggepäck.

Ankunft und erste Offenbarungen

Die schwere Realität holt uns an der Gepäckausgabe in Oslo wieder ein. Da ist sie wieder, die kognitiv-emotionale Gemüsesuppe und ihre Auswirkung. Schnell wird klar, dass wir damit ganz und gar nicht allein sind. Wir sehen die eine oder andere Halsschlag-Ader, die sich sichtbar weitet, wenn Koffer oder Skisack vom Gepäckband gezogen werden. Ein Knäuel aus erwartungsvollen Ausdauernetzwerk-Menschen, Koffern und Skisäcken rollt dann in einem Kleintransporter vom Flughafen nach Rena, unserem Ausgangspunkt für das Rennen. Nach dem Einzug in das Basislager (sprich: ein schönes norwegisches Haus) kommt es zu ersten Offenbarungen. Skisäcke öffnen sich und erlauben interessante Analysen: welche Ski, welche Belags-Schliffe, welche Stöcke? Und dann natürlich das Wachs- und Servicematerial: Gleitzonen-Pülverchen, Steigzonen-Magie, Bürsten und Bügeleisen. Und natürlich werden diese Offenbarungen wortreich kommentiert und im Dialog vertieft. Es geht um die Aktivierung und Nutzung der kollektiven Intelligenz! Dumm ist, wer sich diesem Prozess entzieht. Also: parlieren und diskutieren à gogo! Etwas belastet wird die Gruppen-Kohäsion dadurch, dass es zwei Athleten gibt, die sich der Steigzonen-Frage entziehen, weil sie doppelt Bock auf Doppelstock haben.

Lachs © Carsten Stolz

Rote Bete, Salat, Pasta, Lachs

Mittwochabend. Renntag minus drei Tage. Es steht rote Bete, Salat, Pasta und Lachs auf dem Tisch. Ernährungsüberzeugungen treten wortlos oder wortreich zu Tage. Diskussionsloser Sieger in diesem Diskurs ist die rote Bete, welche durch ihren hohen Nitratgehalt die Durchblutung und Sauerstoffversorgung der Muskulatur verbessert und so Ausdauer und Kraft steigert. Also: rein damit!

Wettergötter, Wettermodelle und Wetterrealitäten: unverrückbare Konvergenz

Wettergötter, Wettermodelle und Wetterrealitäten beginnen unverrückbar zu konvergieren: Regen am Start, Schnee in den Hochlagen, Regen im Ziel verbunden mit starkem Südwind (das heisst: praktisch immer von der Seite oder leicht von vorne) bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und markantem windbedingten Chill-Faktor. Man spricht ja auch vom «perfekten Sturm», bei welchem sich mehrere negative Faktoren so kumulieren, dass maximaler Schaden entsteht. In diesem Fall: vollkommene Verwirrtheit und Dilemma bezüglich Wachswahl. Am Start wäre Klister als Antwort auf sehr nassen und alten Schnee himmlisch! Der Himmel würde sich in den Höhenlagen bei verwehtem Neuschnee rasch in Hölle verwandeln. Anders gesagt: Unüberwindbare Stollenbildung garantiert! Also kein Klister, sondern Hartwachs in der Steigzone. Der Preis: Teflongleiches Rutschen bis in die Hochlagen, bei dem die gnadenlose Hangabtriebskraft nur mit hartnäckigem Doppelstock überwunden werden kann. Immer diese Dilemmata! Garantierte Stollenbildung oder garantiertes Oberarm-Laktat, das ist hier die Frage. Und fast vergessen: die Abfahrt ab Sjusjoen: 13 km Hangabtrieb (auch nicht wirklich erbaulich mit Klister!) und zuletzt wieder pflotschnasse Klisterbedingungen bis ins Ziel. Manchmal keimt der Gedanke auf, warum aus dem „NIE WIEDER!“ eigentlich ein „NÄCHSTES JAHR WIEDER!“ wurde. Der Unterschied zum vergangenen Jahr: dieses Mal kommt der „NIE WIEDER!“-Gedanke bereits vor dem Startschuss und nicht erst im Ziel. Aber das ist mental auch nicht wirklich hilfreich. Und bis jetzt sind ja alles Annahmen. Schlaue Leute haben gesagt, dass man seine Annahmen immer testen soll. Mal sehen, was die Erfahrung beim Strecken-Check am Donnerstag zeigt.

Der Bagger, Dein Freund und Helfer

Team © Carsten Stolz

Donnerstag. Startgelände. Was uns empfängt sind gewaltige Bagger, die von Schnee-Depots mehr oder weniger verdreckten Schnee (Na super! Das heisst schon auf der Startlinie setzt sich der Dreck im Steigwachs fest!) in die Startzone baggern. Also schon beim Start in Tingstadjordet Treibsand und haltloses Versinken der Stockteller. Das eigentliche Startgelände ist mit Wasserpfützen übersät. Ski an die Füße und mal reinlaufen in den Startberg. Die Spuren weich oder verglast, die Stockspur wie Vanille-Pudding ohne Geschmack. Bei der abstoßenden Oberschenkelkontraktion lacht Dich der Untergrund aus. Der fauchende Trizeps mit der angriffigen Bauchmuskulatur im Schlepptau beeindruckt den Vanille-Pudding auch nicht. Kurz: die Vorstellung vom perfekten Sturm wird beim Strecken-Check durch die Realität des perfekten Sturms ersetzt. Nicht zu vergessen: der Wind bläst und der Regen zieht auf. Also: die oben beschriebene Konvergenz von Göttern, Modellen und Realitäten setzt sich fort. Es ist kontemplativ still auf der Rückfahrt. Die Verarbeitungsprozesse finden eher im Stillen statt. Jeder denkt und fühlt seinen eigenen Teil. Die kollektive Intelligenz ist weit weg; es ist eher so ein leises Gefühl von aufkeimender Einsamkeit da und die sinnlose Sinnfrage („Wofür?“) verschafft sich Raum. „Halt die Schnauze!“ versteht sie nicht immer. Oder dann die Frage, welche Geschichte ich mir selbst erzähle, wenn ich gar nicht starte. „Halt die Schnauze!“ Wenigstens das funktioniert. Mal sehen, was die Wachs-Spionage am Nachmittag ergibt.