Startunterlagen und Wachs-Spionage
Der nächste Besuch in Rena hat zwei Ziele: Start-Unterlagen ergattern und Wachs-Spionage betreiben. Die Start-Unterlagen sind schnell abgeholt. Auf dem Weg aus der Gemeindehalle ist ein Bild an der Wand, welches den Streckenverlauf des Birkebeiner zeigt. Alle Ausdauernetzwerk-Athleten reihen sich vor diesem Bild für ein Foto auf und hängen sich die Startnummern um den Hals. Es handelt sich eher um ein kleinkindliches Schlabber-Lätzchen für den Einmalgebrauch. Schließlich geht es beim Birkebeiner ja um die Rettung eines Babys! Es folgt eine intensive Phase der Spionage. Unmittelbare Zielobjekte sind Rode, Swix, Vauthi und HWK. Wie wird die Wettersituation eingeschätzt? Welche Wachse? Welche Strukturen? Der Grundtenor besteht aus einem glasklaren «Sehr schwierig!» und «Wir müssen noch abwarten.» Damit ist nur eines klar: es ist sehr schwierig und wir müssen noch abwarten. Wo ist sie denn jetzt, die kollektive Intelligenz? Vom Winde verweht? Vom Regen verwischt? Von den Bergen verschluckt? Eindeutige Antworten finden wir auf die Frage der Verpflegung. Safranrisotto, Spinat, Lachs und Salat mit roter Bete (dass sie wieder dabei ist, dürfte nach den obigen Ausführungen nicht überraschen). Der Schlaf wird etwas unruhiger. Morgen ist Ski-Testen angesagt.
Jeder ist sein eigener Croupier im Glücksspielkasino!
Vollkommen unbeeindruckt tickt die Uhr. Mittlerweile ist Renntag minus eins. Freitag. Ski testen in Skamstadsetra. Das ganze Gerödel auf die Loipe schleppen. Wind und Schneeregen sind zuverlässig da. Es gibt sie also doch noch, die Konstanten im Leben. Ski ausprobieren, Ski wechseln und Kontraste spüren. Gerne auch mal zwei verschiedene Ski an jedem Fuss. Viel diffus, wenig Genuss. Und am Ende ist dann jeder der eigene Croupier in seinem Glücksspielkasino. Als wir ins Auto steigen, ist entschieden, welcher Ski für das Rennen das Vertrauen erhält.
Das religiöse Ritual naht
Wir haben somit die Phase des religiösen Wachsrituals erreicht. Es wäre der Bedeutung dieses Vorgangs nicht angemessen, wenn die schreibenden Hände in der gleichen Süffigkeit wie bislang weitertippen würden. Hier braucht es doch für einen Moment etwas mehr Ehrfurcht (schliesslich hat das Wachsmaterial eine gewaltige Stange Geld verschlungen) und auch Wahrheit (Ok, einverstanden. Was Wahrheit ist, das ist auch nicht einfach zu beantworten.). Bill McKibben bezeichnet das Wachsen als «religiöses Ritual» oder «Gebet», bei dem geheimnisvoll-alchemistische Wirkstoffe sorgfältig aufgetragen werden, nur um sie für unsichtbare Leistungssteigerungen dann wieder minutiös wegzukratzen. Er beschreibt den Prozess in seinem Buch Long Distance als ein „halb-mystisches“ Unterfangen, bei dem man Wachs aufträgt, nur um es nach andächtigem Warten wieder manisch bürstend abzukratzen, sodass im Grunde nichts übrigbleibt. Er bezeichnet die Vorbereitung des Skis als «Gleitgebet» (das oft Tage dauert), das Geduld, das Studium des Wetters und das Anbringen spezieller Wachsformeln erfordert, um den Ski an Schnee, Temperatur und Luftfeuchtigkeit anzupassen. Er betont die technische Magie des Kickwachs, das Langläufern erlaubt, der Schwerkraft zu trotzen, indem es Grip auf steilen, schneebedeckten Hügeln bietet. Reine Traumvorstellung?! Er hebt hervor, dass das Fehlen des richtigen Wachses einen Langläufer wie eine Comic-Figur wirken lassen kann, was die leidenschaftlich-genaue Wahl der „kleinen Dosen“ unerlässlich macht.
Also Airpods ins Ohr (damit ungestörter Fokus vorhanden ist), prozesswürdige Musik anstellen (wie wäre es mit «Like a Prayer» von Madonna im Endlos-Loop?) und los geht es! Es kann bestätigt werden, dass sich bei jedem Wachsenden das Ritual in individueller Ausprägung manifestiert. Moment mal: Jetzt weiss ich endlich, woher die Bezeichnung „Er-Wachsener“ wirklich kommt! Was für ein „Heureka“! Das ritualistische halb-mystische Unterfangen nimmt seinen Lauf. Streng rhythmisiert durch Auftragen, Abkühlen, Abziehen, Ausbürsten in mehreren Durchgängen. Dabei werden Entscheidungsspielräume schrittweise durch eine einzige Realität ersetzt. Die Güte der Entscheidungen würde sich morgen zeigen. Damit findet das seit Langem andauernde „Gleitgebet“ seinen krönenden Abschluss.
Der Wunsch nach Aufwärtsantrieb erhält besondere Aufmerksamkeit. Spitze Steigzone, Einbügeln des Basis-Wachses mit bedächtigem, ja fast streichelndem nacharbeitenden Daumenstrich, Auftragen weiterer feiner Schichten mit Einkorken (mal entspannt-sanft, mal besessen-brutal) und schließlich mit keilförmigem Aufbau gipfelnd im Tageswachs unter der Ballenzone des Fusses. Kickwachs-Magie in Reinform. Reine Traumvorstellung?! Der leidenschaftliche Einsatz braucht – glaube ich – keine weitere Erwähnung; er versteht sich von selbst. Schließlich will man nicht nur effektiv vorankommen, sondern dabei schon auch noch eine anständige Figur machen. Adel verpflichtet schließlich. Ich entscheide mich für eine sehr kurze Kick-Zone mit Hartwachs, um Stollenbildung in den Bergen zu vermeiden. Den Preis für Klister habe ich im vergangenen Jahr bezahlt. Mir ist bewusst, dass diese Wahl bedeutet, am Anfang sehr lange beim Bergauf-Doppelstock-Schieben zu leiden. „Da musst Du dann geduldig bleiben“ hat ein Mit-Läufer (tatsächlich war die Person gar kein „Mit-Läufer“, sondern ein „Ganz-weit-vorne-Läufer“) gesagt; dass sollte sich noch in meinem Ohr festsetzen.
Das Baby für den Transport vorbereiten
Die Ski sind gemacht. Damit sind die letzten Würfel gefallen. Der Croupier hat seine Schuldigkeit getan. Rollenwechsel: Retter! Schliesslich hat der Lauf zum Zweck, ein Baby vor den Barbaren zu retten. Wenn das mal kein ernstzunehmender Auftrag ist! Es handelt sich um ein Norm-Baby, welches im Ziel mindestens 3.5 kg wiegen muss. Also wird gepackt und gewogen, bis der Rucksack die Vorgabe erfüllt. Abendessen und versuchen, zu schlafen. Morgen ist Renntag.
Renntag
Wetter wie erwartet. Um null Grad, Wind mit Böen, Regen am Start, Schnee in den Bergen. Die Startzone ist mit Wasser überflutet. Also wird beschlossen, in letzter Minute das Startverfahren zu ändern: Statt Wellenstarts jetzt Massenstart für alle, damit die Läufer so schnell wie möglich auf die Strecke kommen. Es ist die richtige Entscheidung, heisst für mich aber auch, dass ich ohne Aufwärmen loslaufe. Der Massenstart hat den Preis, dass ich in einer Karawane eingesperrt bin und versuche, auf Schnee, der weich wie Sanddünen ist, einen Rhythmus zu finden. Die Stöcke brechen durch den Schnee, wenn man zu stark drückt. Jetzt braucht man sogar beim Stockeinsatz noch Gefühl! Loipen? Welche Loipen? Was passiert, wenn in butterweichem Schnee ein paar tausend Menschen mit Mikado-Stäbchen an den Beinen ambitioniert bergauf straucheln? Das gibt Kraut und Rüben im Gemüsebeet.
Point of no Return
Erster Verpflegungsposten nach 9 km. Scharenweise strömen die Leute zu den Wachsmaschinen. Bleibe ihnen fern! Ich höre die Stimme des Ganz-weit-vorne-Läufers: „Da musst Du geduldig bleiben!“. Ich bleibe geduldig und schiebe weiter. Ich weiß, dass ab Skramstadsetra der Point-of-no-Return überschritten wird. Danach gilt: „the only way out is through!“. Das Wetter und die Bedingungen machen mich ehrfürchtig auf dem Weg in die Hochebene. Mensch und Material müssen jetzt funktionieren und schon kleine Pannen können große Folgen haben. Am Loipenrand sind immer mehr Läufer mit Stollen unter den Skiern. Ich komme langsam und stetig voran. Wenn es nicht so garstig wäre, dann würde ich meinen Hut vor den Veteranen ziehen. Sie laufen in der rechten Spur meist vollkommen unbeirrt und in sich gekehrt, einen Schritt nach dem anderen. Die langsame Stetigkeit macht sie schnell.

