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Birkebeinerrennet: Aus „Nie wieder!“ wird „Nächstes Jahr wieder!“

Besser ist der Feind des Guten! Ändere niemals ein funktionierendes System!

Der Ski gleitet gut und ich schiebe weiter mit Doppelstock nach oben. Die Temperatur in den Bergen sinkt nicht so schnell wie erwartet. Daher bleibt der Schnee sehr nass. Kein Grip. Glücklicherweise – und im Nachhinein betrachtet – fange ich nicht an, unterwegs mit zusätzlichem Wachs zu experimentieren. Besser ist der Feind des Guten. Ich halte mich weit entfernt von den verheissungsvoll aussehenden, aber verhängnisvollen Wachsstationen mit ihren dampfenden Wachsmaschinen. Mein Körper fühlt sich okay an, das Doppelstock-Schieben bringt mich langsam, aber stetig nach oben und der Ski gleitet wirklich gut. Ändere niemals ein funktionierendes System! Und dann beginnt doch noch der frische Schnee zu fallen. Läufer mit Klister-Skiern beklagen starke Stollenbildung und kratzen verzweifelt den Schnee von ihren Steigzonen, nur um es wenige Augenblicke später wieder tun zu müssen.

Raudfjellet: Iconic Climb!

Ich erreiche den ersten „Iconic Climb“ bei Raudfjellet. Der Traum einer greifenden Abstoss-Zone erfüllt sich auch hier nicht. Gott sei Dank habe ich auf den Rat einer anderen Vertrauensperson gehört, die mir sagte: „Wachse sehr spitz!“ So verschlechtert das Steigwachs die Gleitfähigkeit des Skis nicht. In der anschliessenden langen Abfahrt kommen mehr und mehr die Gedanken, dass es heute möglich ist auch ohne Grip mit Doppelstock nach Midtfjellet zu kommen und von dort liegt das Ziel in Lillehammer drin. Eigentlich endet das Rennen also in Midtfjellet, das sagt mindestens mein Kopf. Bis zur Verpflegungsstation in Kvarstad geht es dann mehrheitlich bergab. Ich spüre, dass mein Ski nach wie vor schnell ist im Gleiten. Das tut auch dem Kopf echt gut. Allerdings müssen wir an dieser Stelle einmal über die Loipe sprechen.

Ein Rodeo-Ritt!

Die Zutaten für den Rodeo-Ritt bestehen aus: (1) nassem und leicht windgepresstem Schnee und (2) ein paar tausend Langläufern, die den Schnee mit jedem Schritt sehr punktuell verdichten. Es entstehen ungeordnete, verglast-vereiste Rinnen, die keinen Ski der Welt mehr ruhig führen. Also: Ski setzen und auf die Rodeo-Rückmeldung von unten warten, dann auf die eigene gute trainierte Propriozeption vertrauen und irgendwie die nächste Vorwärtsbewegung einleiten. Und dann das Ganze wieder von vorne, tausende von Wiederholungen. Dabei stets äusserlich und innerlich lächeln. Oder auch mal einen anständigen Fluch in eigenem Dialekt ablassen (wird eh schnell vom Seitenwind weggeblasen, so dass es keiner hört!).

Du bist verdammt schnell f…d-up da oben!

Schnee und kühle Winde in den Bergen und das Wissen, dass der einzige Weg hindurch führt («the only way out is through»), sind mental eine Herausforderung. Viele Leute zerbrechen bei Stürzen in den Abfahrten Material. Mit kaputten Stöcken oder Skiern bist du verdammt schnell f…d-up da oben (Entschuldigung für meine Sprache)! Deshalb bin ich sehr aufmerksam.

Koffein-Halluzination

Der Rodeo-Ritt hat mittlerweile bis rund 2 km vor Midtfjellet geführt. Rechts an der Loipe steht ein in Sponsorenkleidung gehüllter Mann mit Cola in der Hand. Ich halluziniere nach Koffein. Und plötzlich streckt er mir die Flasche vor die Brust und fragt: «Cola?» Meine Antwort folgt in Millisekunden: „JA!“ Die Cola ist sogar von der Kohlensäure befreit! Da ist ein Profi am Werk! Wir sprechen nett miteinander. Er bestätigt mir: noch zwei Kilometer bis Midtfjellet. Jetzt ist klar: wir bringen das Baby nach Lillehammer. Wie versprochen. Allerdings sind diese zwei Kilometer dann noch echt hart und brauchen nochmal die langsame Stetigkeit, die mich bis hier gebracht hat.

Midtfjellet

Und dann ist Midtfjellet erreicht. Die inkorporierte Erinnerung des letzten Jahres flammt auf: ab hier konnte ich mehr Gas geben. Der Ski läuft noch immer und der Körper ist nach wie vor in ganz guter Doppelstock-Laune. Einen kurzen Dankbarkeitsgruß sende ich in Gedanken an Thomas Freimuth, der meinen Trainingsplan macht. Kurze Pause, Getränk rein, Banane und das gute Gebäck und dann weiter. Obwohl es weiterhin ein Rodeo-Ritt ist, finde ich auf dem Weg nach Sjusjoen einen Rhythmus, der Spass macht und voranbringt.

Sjusjoen: Her mit dem Koffein!

Letzte Verpflegungsstation in Sjusjoen: haaaa, endlich: nochmal Cola! Gib mir noch einen großen Becher! Und los geht’s in die rauschende Abfahrt. Aber zuerst: Durch die Red-Bull-Zone mit all den Zuschauern und sich fühlen wie Tour de France-Fahrer beim Aufstieg zur Alpe d’Huez. Nach dem Tunnel zu Beginn der Red Bull-Zone höre ich meinen Namen und sehe Mathias Flunger. Das ist unerwartet und freut mich umso mehr. Es gibt nochmal Cola und ein Gel. Einfach himmlisch! Ich erfahre, dass meine Gattin Caroline fünf Minuten vor mir ist (sie läuft auf dem HalvBirken-Track). Etwa 8 km vor dem Ziel hole ich sie ein. Der Schnee wird immer schwerer und verwandelt sich manchmal in irgendetwas zwischen Griesbrei und Tapetenkleister. Caroline und ich laufen die zwei Kilometer Seite an Seite und überqueren die Ziellinie gemeinsam Hand in Hand. Unmittelbar gefolgt von einem dicken Busserl natürlich.

Im Reich der Erinnerungen angekommen

Im Ziel wird der Rucksack per Handgriff gewogen. Ziel-Ansteckpin überreicht und ein Red Bull. Na ja, Flügel wurden uns heute nicht verliehen. Ab zu den Transferbussen und hinunter nach Lillehammer. Kleidersack holen, umziehen und Abfahrt Richtung Rena. Auf der Fahrt gibt es Käse mit Gewürzgurken und salzige Cracker. Himmlisch! In Rena in die Pizzeria und anständig reinhauen. Dann zurück ins Basislager und nach dem Ausräumen wird es irgendwie ganz still. Körper und Geist fahren zurück und nehmen sich Zeit zum Ankommen. Aus dem Erleben während des Rennens ist eine Geschichte geworden. Das Birkebeinerrennet 2026 ist im Reich der Erinnerungen angekommen.

Carpe Skiem. Panta Rhei. Ois isi.