Von Michael Richter
Für diesen Winter war meine vierte Teilnahme an einer Seniorenweltmeisterschaft im Skilanglauf geplant, wobei der Name insofern irreführend ist, da man bereits ab 31 Jahren starten kann. Aber mal schön der Reihe nach: Nach guter Herbstvorbereitung in der Skihalle in Oberhof und zeitigem Schneefall im Erzgebirge war für Ende Januar 2026 die Marcialonga als richtungsweisendes Vorbereitungsrennen geplant. Und genau das war es dann auch, 70 Kilometer Schneefall, davon 50 km mit Wind von vorn, für vier Stunden ein epischer Kampf im oder gegen den Neuschnee ließ hoffen. Ich lag im Ziel nur 25 Minuten hinter dem Sieger!
Es folgten noch ein paar Tage entspanntes Höhentraining auf der Seiser Alm, um dann nach Sappada umzusetzen, einem kleinen deutschsprachigen Ort (Plodn) in den Karnischen Alpen im Nordosten Italiens. Bereits am nächsten Tag stand der erste Wettkampf über 20 km in der klassischen Technik an. Nach leichten Plusgraden am Vortag waren früh minus 8°C zu verzeichnen. In meiner Altersklasse waren gute Klassikläufer am Start und ich der einzige „Schieber“, also ohne Steigwachs auf dem Ski. Bei den vier Runden a 5km war je Runde eine Klassikzone dabei, in der filmend kontrolliert wurde, also hieß es, den klassischen Stil zu imitieren und die dabei entstehenden ca. 20m Rückstand wieder aufzuholen. So ging es vier Runden lang, Lücke da, schieben unter Volllast, Lücke geschlossen, ein wenig erholen, um in der letzten Runde in der letzten Spitzkehre die entscheidende Attacke zu setzen. Es gelingt, ich bin vorn, die drei anderen direkt dahinter, der Puls rast, die Luft wird immer knapper. Trotzdem erhöhe ich im Zielgarten nochmal die Frequenz: Sieg, völlig fertig, nach Luft schnappend, kaum zu realisieren, meine erste Goldmedaille bei einem Masters World Cup! Wahnsinn!
Am nächsten Tag steht bei minus 11 Grad und knirschendem Schnee der Sprint über 10km klassisch an. Die zwei Runden a 5km sind vom Vortag wohlbekannt, also die gleiche Taktik: Als Schieber in der Technikzone nicht zu viel verlieren, die Lücke wieder schließen, etwas erholen. In der zweiten Runde warte ich auf die letzte Spitzkehre, ziehe außen außerhalb der beiden Loipen an den drei vor mir liegenden Läufern vorbei und gehe von vorn in die letzte kurze Abfahrt. Im Zielgarten versucht der Finne rechts an mir vorbeizukommen. Als ich seine Skispitzen neben mir sehe, erhöhe ich nochmals die Schlagfrequenz und rette drei Zehntel Vorsprung ins Ziel! Unglaublich, es hat nochmals im Sprint zum Sieg gelangt!
Nach einem Pausentag folgte die Staffel über 4x5km. Die deutsche Staffel ist in meiner Altersklasse von den bisherigen Ergebnissen am stärksten besetzt und wir werden dem gerecht. Mit einer Minute Vorsprung vor den Norwegern holen wir souverän Gold. Nach einem weiteren Tag Erholung, an welchem die Skater ran durften, folgten am letzten Wettkampftag die 30km klassisch über vier Runden a 7,5km. Es gibt zwei Technikzonen je Runde. Die guten Klassikläufer wittern ihre Chance und versuchen in den ersten beiden Runden die Lücke genau dort zu reißen. Das gelingt ihnen zwar, aber es sollte nicht reichen, um mich abzuschütteln. In der dritten Runde gehe ich in die Offensive, bringe eine Lücke zwischen mich und den letzten verbliebenen Verfolger. Der Tscheche läuft mit einem Zero Ski sehr stark, kommt aber selbst an den Bergen nicht mehr heran. Die zweite Hälfte der vierten Runde ist dann ein Lauf mit einem Lächeln für die vielen deutschen Unterstützer, sie haben versorgt, Fotos geschossen und angefeuert. Nun kann ich etwas zurückgeben, die vierte Goldmedaille im vierten Rennen!
Sowohl die Abendveranstaltungen zur Medaillenübergabe als auch die Abschlussgala waren ganz großes Kino. Acht ehemalige Olympiasieger von Maurilio de Zolt, über Silvio Fauner bis hin zu Pietro Piller Cottrer sind auf der Bühne sozusagen zum Anfassen. Mit Musik und toller Stimmung geht der Masters World Cup (MWC), der in meinen Augen organisatorisch schwer zu toppen sein wird zu Ende.
Für mich ist dieser MWC der Höhepunkt meiner bisherigen Langlauf „Karriere“. Mit 30 Jahren habe ich erstmals auf den schmalen Brettern gestanden, 28 Jahre später stimmt in dieser Woche in Sappada einfach alles, die Gesundheit, die Form, die Ski. Die Jungs von HWK hatten die richtigen Tipps gegeben und mein Skikumpel und Wachser Matthias hat dies auf die Bretter gebracht und ich brauchte nur noch laufen und durfte das alles vergolden!
