Der Geruch, ich werde ihn nie vergessen. Man kennt ihn aus Großküchen, schwer und intensiv. Eine Mischung aus Käse, Fett und Putzmittel. Die Käsespätzle waren viel zu mächtig, Käse ohne Ende und zum Nachtisch Kuchen, süß und weich. Kein Essen für Sportler, für Leistungssportler, das sagten wir öfter, als mir lieb war. Aber an diesem Tag war auch das egal, es tat seinen Zweck – essen. Einfach essen.
Nach wochenlangem Hungern und Verzichten und trotzdem täglich ein bis zweimal Training. Die Worte meines Trainers hallten immer wieder durch meinen Kopf. Ja, er war sauer oder enttäuscht von mir, keine Ahnung, als er mir vor der gesamten Gruppe an den Kopf warf: „Bei diesen Portionen wundert es mich nicht, dass du keinen Berg anständig raufkommst.“ Ich war 15 Jahre alt, neu auf einem Internat und schon seit Tag zwei (Gewehr vergessen) das liebste Opfer zweier Teamkameraden. Und meines Trainers. Still, unsicher, immer bedacht, nichts falsch zu machen und trotzdem dauernd ein Problem. Seine Worte brachten die anderen zum Lachen. Und mich zum Nachdenken. Was, wenn er recht hat? Ich darf jetzt nicht aufgeben! Niemanden enttäuschen – meinen Heimtrainer, meine Eltern! Also fing ich an zu verzichten. Bis zu diesem einen Tag zu Beginn des Winters. Was dann folgte, prägte mein weiteres Leben und wurde zu meiner unsichtbaren Begleitung bis weit ins Erwachsenenleben hinein.
So drastisch wie bei mir muss eine Essstörungsgeschichte aber nicht unbedingt beginnen. Oft sind die Wege in die Anorexie oder Bulimie (die bei Sportlern am häufigsten vorkommenden Essstörungen) viel schleichender. Aber nicht minder gefährlich! Denn Essstörungen sind tödlich, Ca. 15 % der Betroffenen sterben daran. Oder leiden ihr Leben lang an den Folgeschäden. Und sie sind vor allem eines – schambehaftet! Wer will schon gerne als essgestört gelten – Essen ist doch die einfachste Sache der Welt! Und gerade als Leistungssportler fühlen sich viele Betroffene „nicht krank“, schließlich kontrolliert man sein Gewicht nur, um besser, schneller oder ausdauernder zu werden. Schließlich hat man alles unter Kontrolle. Und schließlich ist man gesund. Und wenn sie sich doch eingestehen, dass da was schief läuft, dann überwiegt oft die Scham gegenüber den Trainern und den Kollegen. Und zu guter Letzt kommt die Angst dazu, seinen Platz im Kader zu verlieren oder aus der Trainingsgruppe zu fliegen. Also einfach so weiter wie bisher. Doch genau das sollte nicht passieren. Denn ein „weiter so“ kann fatal enden. Und dass Essstörungen auch im Leistungssport ein Thema sind, ist uns in den letzten Jahren durch Langlaufgrößen wie Jessie Diggins bewiesen. Auch ihre Geschichte begann in den Jugendjahren.
Doch muss es immer so ein einschneidendes Erlebnis sein wie bei mir, um in eine Essstörung zu rutschen? Anja Schneider von Foodcoaching Kopfsache sagt ganz klar nein. Die Diätassistentin und Spezialistin für Essstörungen hat in ihrer 20-jährigen Tätigkeit schon unzählig viele Fälle gesehen von Sportler/innen, die langsam in ihre Essstörungsgeschichte reingerutscht sind. Gerade in der Pubertät hadern viele Jugendliche mit ihrer körperlichen Entwicklung, dann reichen schon ein paar Tipps zur „richtigen“ Ernährung und schon werden bestimmte Lebensmittelgruppen aus dem Speiseplan gestrichen oder versucht, den letzten Ernährungsvortrag perfekt umzusetzen. „Ich esse keinen Kuchen mehr während der Saison“ oder „ich will auf Schokolade verzichten“ kann schnell eine gefährliche Eigendynamik entwickeln. Denn Verzicht ist nie eine Lösung! Schnell kann es, wie bei mir, zu Essanfällen kommen, die dann wieder kompensiert werden, durch mehr Training oder durch andere Methoden (Erbrechen, Abführmittel etc.). Der Übergang zwischen Anorexie (Magersucht) und Bulimie ist fließend. Und dann kamen die ersten Erfolge bei mir. Ja, auch das gehört thematisiert. Ich war nie „massig“, einfach normalgewichtig, aber der beliebte Spruch meines Trainers „vorne laufen die Bleistifte, hinten die Radiergummis“ stellte mich ganz klar in die hintere Kategorie. Und ich, das junge Mädel aus dem Bayerischen Wald, wollte in der neuen Welt Sportinternat einfach dazu gehören. Ich wollte nicht enttäuschen.
Auch das erklärt mir Anja, ist eine Dynamik, die zur Entstehung von Essstörungen beiträgt. In der Pubertät oder auch aufgrund von äußeren Umständen ist die Abnabelung vom Elternhaus oft schwierig, eine neue Gruppe wird gesucht, denn ohne Gruppe können wir nicht überleben, ein Überbleibsel aus der Steinzeit. Für unser Gehirn im Umbau oder auch in Stresssituationen ist es daher unerlässlich, Anschluss zu finden. Und die Trainingsgruppe ist für junge Sportler oft genau dieser gesuchte sichere Hafen, der Trainer eine Figur, zu der man aufschaut und die man achtet – logischerweise tut man alles dafür, zu dieser Gruppe zu gehören. Also nahm ich ab. Und wurde besser, schneller. Ein oft beobachteter Effekt beim Abnehmen – bis zum Punkt X, wenn der Körper an seine Reserven gehen muss und beginnt, sich selbst aufzubrauchen. Aber das ist doch aufgefallen, werden sich jetzt manche fragen, so heftige Gewichtsabnahme. Ja, sie fiel positiv auf, mein Trainer war erfreut, die Ergebnisse wurden besser! Bis ich es nicht mehr aushielt und die Ess-Brechanfälle anfingen. Und mein Gewicht wieder leicht nach oben ging. Ich schämte mich für den Kontrollverlust, warum konnte ich nicht mal das durchziehen? Also mehr trainieren! Ich kompensierte all die Scham, die Angst, nicht dazu zu gehören, und all die anderen Gefühle mit Essen oder eben nicht essen. Aber das sah ich damals nicht so. Ich hatte alles unter Kontrolle, das war alles nur eine Phase. Ich konnte jederzeit aufhören. Und außerdem – ist doch nicht schlimm, was ich hier mache.
Auch das ist laut Anja Schneider völlig normal. Betroffene sehen sich nicht als krank. Sie sehen ihr Verhalten auch nicht als Problem, sondern „feiern“ ihre Art der Kontrolle über den eigenen Körper. Schließlich sind Essstörungspatienten ebenso wie Sportler sehr strikt, leistungsorientiert, neigen zu Perfektionismus, handeln planvoll, pflichtbewusst und zielstrebig. Gleichzeitig fehlt den Betroffenen ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein. Und wirklich aufgefallen ist meine Essstörung erst viel später, was bei Bulimiepatienten oft der Fall ist aufgrund der fehlenden heftigen Gewichtsabnahme. Damals hatte sie mich schon unter Kontrolle (was ich natürlich ganz anders sah). Bis ich es mir selber eingestand, verging nochmals Zeit, Zeit, in der ich weiterhin Gefühle kompensierte und meinen Körper als zu dick ansah, die berüchtigte Körperschemastörung at its best. Es vergingen Jahre, voller Scham, Angst und Trauer um verlorene Jahre, bis ich Anja Schneider kennenlernte. Ihr tiefenpsychologischer Ansatz veränderte einiges, doch auch das ist laut ihr ein Problem, Essstörungen werden immer noch abgetan, „Iss doch einfach anständig“ ist kein Lösungsansatz, den häufig liegen sie tiefer, die Probleme. Ich habe meine Lösung gefunden, nach fast 25 Jahren.
Und was ist geblieben von „mir passiert schon nichts“? Nicht viel. Ich habe über die Jahre in zahlreichen Foren, Gruppen und einer Klinik zahlreiche Leute kennengelernt, die heute nicht mehr leben. Essstörungen sind tödlich. Punkt. Mein Gastroenterologe, mein Hausarzt und mein Zahnarzt kennen mich besser, als mir lieb ist. Essstörungen kosten Lebenszeit, Geld und Zukunft. Punkt. Sie kosten Leistung, Träume, Kinderwünsche. Die unzureichende Nährstoffversorgung hemmt das Wachstum in der Pubertät, der Hormonhaushalt gerät außer Kontrolle (Testosteronmangel, Ausbleiben der Periode). Die Zähne, der Magen-Darmtrakt leiden bei Bulimie. Das Herzkreislaufsystem nimmt Schaden. Die Betroffenen verlieren Gehirnmasse, was irreversibel ist nach heutigem Forschungsstand. Um nur ein paar der möglichen Folgen zu nennen.
Und nun? Was können Eltern oder Trainer tun, um zu helfen? Eine klare Empfehlung der Expertin: Ansprechen! Die Trainer sind Vertrauenspersonen, die Jugendlichen wollen gesehen und wahrgenommen werden! „Mir ist aufgefallen, dass…“ „Ich mache mir Sorgen, weil…“ Ich – Botschaften sind ein super Einstieg und sollten natürlich nur im privaten Setting fallen! Vorwürfe oder Blossstellen vor der Gruppe geht gar nicht! Auch die Eltern „hinter dem Rücken des Sportlers“ informieren ist kein guter Einstieg. So zerbricht das Vertrauensverhältnis schnell und ein Zugang zum Betroffenen wird noch schwieriger. Ziel ist es, gemeinsam Hilfe zu finden! Auch wenn der Sportler die Erkrankung nicht sehen will. Gemeinsam die Eltern informieren, einen Arztbesuch anregen, psychologische Hilfe finden – so kann der Weg aussehen. Für die Trainer ist dies eine schwierige Situation, wo beginnt eine Essstörung, wie viel Intervention braucht es, um den Sportler gesund zu halten oder zu bekommen? Denn am Wichtigsten ist es, dass die Jugendlichen gesund bleiben! Leistung darf nicht über allem stehen! Apropos Trainer, auch wenn es sich vielleicht so anhört bei mir, der Trainer ist nie allein Schuld! Die Schuld an jemanden abzugeben ist keine Lösung! Trainer können helfen und reflektieren und vielleicht bei Anja Schneider ein Seminar besuchen für den Umgang mit Essstörungen. Außerdem erarbeitet der DSV gerade ein Konzept zum Thema Essstörungen im Leistungssport – ein wahnsinnig wichtiger, starker Schritt, wie ich finde!
Ein Wort von mir noch an alle Sportler da draußen, bleibt entspannt! Egal was kommt, es ist wichtiger, gesund zu bleiben, als sportlich durchzustarten! Nehmt das Essen nicht zu ernst, gönnt euch etwas! Verzichtet nicht! Was nach Kalendersprüchen klingt, meine ich ernst! Bis heute fällt es mir unendlich schwer, Kuchen und Eis zu essen, nicht weil es mich triggert, sondern weil der Geschmack und die Konsistenz zu viel Scham und Trauer auslösen. Weil es weh tut, dass ich so viel Lebenszeit an eine Krankheit verloren habe. Sucht euch Hilfe, sprecht mit Trainer oder Eltern oder Teamkollegen! Holt euch Unterstützung – ihr seid es wert! Auch ich hätte es ohne die Unterstützung meines Mannes nie da raus geschafft. Vergesst die Scham – sie kann töten! Ihr seid nicht allein und kein Erfolg der Welt ist all die Schmerzen und Ängste wert.
