Auf Skirollern durch Europa: Mittel- und Osteuropa Teil 2

Am Ziel am schwarzen Meer © Stefan Prinz

Warum zwei Kilogramm Ersatzteile im Rucksack Sinn ergeben

So gehen die Tage dahin, und ich rolle weiterhin über 100 Kilometer pro Tag. Kurz vor der Stadt Giurgiu reißt plötzlich die in den Handschuh integrierte Stockschlaufe. Oh Mann, da werde ich wohl nicht von Materialsorgen verschont – aber nach tausenden von Kilometern und extremer Nutzung darf das schon mal passieren. Meine Nähkünste und zitternden Hände können zwar kurzzeitig alles wieder reparieren, aber schon beim nächsten impulsiven Stockabstoß ist die Schlaufe wieder gerissen. Nun bin ich extrem froh, mehr als zwei Kilogramm Ersatzteile im Rucksack mit mir herumzutragen. Denn neben Rädern, Mänteln, Schläuchen, Stockspitzen und Ersatzstock führe ich auch Ersatzschlaufen mit, mit denen es schließlich weiter gehen kann. Alles richtig gemacht beim Packen des Rucksacks. Erst jetzt realisiere ich, wie wenige Materialprobleme ich eigentlich habe. Selbst als ich beim letzten Sturz mit meinem gesamten Körpergewicht auf den LEKI-HRC-Carbonstock gefallen bin, ist nichts passiert. Und auch der Cross-Roller, mein SRB XRS01, läuft ohne Zwischenfälle ruhig vor sich hin und überwindet noch so schlechte Wege mit Bravour. So soll es doch sein!

Übernachten auf Touren – Einfach alles dem Zufall überlassen

Wildzelten am Donauufer © Stefan Prinz

Gemäß diesem Motto gestaltete ich die Tage auf den Skirollern. Wo ich am nächsten Abend wohl landen werde? Keine Ahnung. Schließlich habe ich ja Zelt, Luftmatratze und Schlafsack im Rucksack dabei. Zusätzlich bin ich durch das Wildzelten in meinen Tagesdistanzen nicht festgelegt und kann rollen, solange ich will. Und so lande ich unerwartet auf verlassenen Grundstücken, oder etwa bei einem Charity-Haus-Projekt, auf Grasstreifen zwischen Hotelpools und Sonnenliegen, oder direkt am Donaustrand unter dem Sternenhimmel, um schließlich inmitten einer Schafherde aufzuwachen.

Ich kann den Schmerz nicht mehr aushalten

Es ist nicht mehr weit bis zum Schwarzen Meer! Als Endziel habe ich mir die Küstenstadt Constanta vorgenommen – weiter nördlich will ich mich aufgrund des Krieges in der Ukraine nicht begeben. Es wird wieder hügelig, und als ich gerade an einem langen Anstieg am Kämpfen bin, muss ich aufschreien. In meinem Kopf spielt sich wieder der Sturz in Kroatien ab. Es ist derselbe Schmerz. Genau derselbe. Nur auf einmal viel schlimmer. Ich steige aus der Bindung heraus, humple ins Gras und muss die Zähne zusammenbeißen. Es ist echt nicht mehr zu ertragen. Ernsthaft: Ich will nach Hause. Nun bin ich hier in der totalen Pampa, es hat 37 Grad, und ich trinke den letzten verbleibenden Schluck aus meiner Trinkblase. Ich bin aufgeschmissen. Bin ich gerade eingeschlafen? Ich weiß es nicht. Mir auch egal. Ich muss weiter fahren, denn hier kann ich nicht bleiben. An Skating-Schritte ist nicht zu denken, und so quäle ich mich im Doppelstockschub bergauf, möglichst ohne Belastung des Fußgelenks. Ich überlege ins weit entfernte Krankenhaus zu gehen, aber im Doppelstockschub kann ich mich ja eigentlich noch ziemlich schmerzfrei vorwärts bewegen, oder? Ich weiß, es wäre vernünftig zu stoppen, aber der Sportler in mir sagt mir, dass ich jetzt kurz davor bin, Europa durchquert zu haben. Es sind vielleicht noch zwei Tage. Ich kann das aushalten. Es ist nicht mehr weit.

Aufgeben – kurz vor dem Ziel?

Nach der letzten Nacht im Zelt muss ich erstmal die Ameisen aus dem Essen herausfischen und die Schnecken aus den Schuhen entfernen, bevor es auf die Straße geht. In Schonhaltung spule ich Kilometer für Kilometer ab, mit starrem Blick und im totalen Erschöpfungszustand. Ich nehme nur noch wenig um mich herum wahr, es regnet und stürmt und die Autos rasen an mir vorbei. Nach einer Zwei-Liter-Cola aus einem Dorfladen wird mir klar, wie blöd mein Vorhaben eigentlich ist. Aber zugleich bin ich doch Vorbild für den einen Jungen, der mich gerade im Bushaltehäuschen ungläubig angeschaut hat. Aber meine Kräfte sind nun endgültig am Ende. 150 Kilometer sind für mich am letzten Tag zu viel, und ich werde spätabends, kurz vor dem Ziel, in einem orthodoxen Kloster spontan aufgenommen. Ich schaffe nicht mal mehr ein Abendessen, und falle nur noch ins Bett. Ich schwitze und kriege es nicht mal mehr hin, mein Wasser aus dem Rucksack neben mir zu nehmen. Ich schaffe es einfach nicht. Es ist der Moment, in dem ich merke, dass ich nun tatsächlich am Ende meiner letzten Kräfte bin. So etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Ich kann nicht mehr. Doch am nächsten Morgen mache ich mich mit dem Segen des Priesters auf die letzten Kilometer. Ich werde es schaffen.

Europa ist auf Skirollern bezwungen!

Am Ziel am schwarzen Meer © Stefan Prinz

Egal was der Schmerz sagt, irgendwann heute werde ich schon am Ziel ankommen. Auch wenn es ein übler Schotterweg ist – egal. Ich sage mir: Komm, durchhalten! Nicht mehr weit. Und nach dem letzten Anstieg sehe ich es. Das Meer. Plötzlich sind die Schmerzen wie von alleine weg, und ich rolle dem Gegenwind entgegen. So erreiche ich die Schwarzmeerküste – das andere Ende von Europa. Ich lasse einen gewaltigen Freudenschrei raus, und kann meine Freudentränen nicht mehr unterdrücken. Ich lasse mich im Meer treiben und kann es nicht begreifen. Ich kann es absolut nicht begreifen. Wahnsinn. Ich habe es geschafft. Europa ist auf Skirollern bezwungen.

Epilog – im Nachtzug nach Hause

Ich liege nun im Nachtzug nach Hause auf meinem Bett. 7400 Kilometer liegen nun hinter mir. Ich werfe auf meinem Smartphone einen Blick auf die Europakarte und zoome ein wenig heraus. Ich gehe auf dem Display die zurückgelegte Strecke rückwärts, Richtung Westen, ein bisschen schneller als gedacht. Und ich lande mitten im Atlantik. Noch ein bisschen weiter, und ich sehe schon wieder Festland auf dem Bildschirm. „New York“ steht in großen Lettern geschrieben. Ich bleibe dort irgendwie hängen. Ab diesem einen Zeitpunkt ging mir diese eine verrückte Idee nicht mehr aus dem Kopf heraus. Es gibt mehr als nur einen Kontinent.

Servus, und bis bald
Stefan

Zum Verfolgen und Nachschauen: www.linktr.ee/stefanprinz

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