24 Stunden Rennen Kelheim: Der längste Tag
Mario Felgenhauer am 21.07.2008 - 15:45 Uhr
HHH-schhhh, HHH-schhh, HHH-schhh… Atemgeräusche sind für einen kurzen Augenblick die einzigen Laute, die die Finsternis durchbrechen. Im kleinen Lichtkegel der Stirnlampe bewegt sich schwarzer Asphalt wie ein langsamer Strom stetig in eine Richtung. An der nächsten Kurve ist es schon wieder vorbei mit der Ruhe. Eine kleine Gruppe Fans bringt mich zurück in die Realität: Zum 24 Stunden Rennrad-Rennen in Kelheim.
Schnapsidee
So manches Team, das beim 24 Stunden Rennen in Kelheim am Start steht, wurde unter Alkoholeinfluss geboren. Diese mildernden Umstände kann ich für mich nicht in Anspruch nehmen. Ich war bei klarem Verstand, als ich im letzten Jahr nach dem 111 Kilometer Rollski-Rennen in Kelheim den Entschluss gefasst hatte, ein XC-Ski.de Team für DAS Sportevent schlechthin im kleinen Städtchen an der Donau auf die Beine zu stellen. Dass es gar nicht so einfach ist, fünf "Verrückte" zu finden, ist wohl jedem klar. Mit mir selbst und Thomas Freimuth stand der Kern der Mannschaft jedoch ziemlich schnell fest. Nordisch sollte es zugehen und so war meine Schwägerin Steffi Felgenhauer die nächste Kandidatin auf der Liste. Im Winter bestreitet sie erfolgreich Volksläufe, im Sommer fährt sie Radrennen auf hohem Hobbyfahrer-Niveau. Dann hagelte es Absagen. Keine Zeit, keine Form, keine Lust. Bis Thomas in seiner Zweitheimat dem Allgäu einen Trainingskollegen fand, dessen Radform und Jahreskilometer uns alle in den Schatten stellten. Michael Fülle erfüllte auch das nordische Kriterium, schaffte er doch beim letzten Vasalauf einen respektablen 647. Platz. Er war schnell überzeugt und brachte sogar noch seinen Sparringspartner Jens Kopczak mit ins Team. Letzterer war dann der einzige, der (noch) nichts mit nordischem Sport am Hut hat. Aber welcher Mensch ist schon perfekt? ;-)
Viel Vorarbeit und Planung
Was es an Aufwand bedarf, einem Team die perfekten Rahmenbedingungen für so einen Event zu bieten, das erfuhr ich in den Wochen vor dem Start. Bereits im März beim Skadi Loppet fand ich in Hermann Grundner von der Firma Löffler einen begeisterungsfähigen Sponsor für die Radbekleidung. Damit war auch der Teamname geboren: "Team Löffler/www.XC-Ski.de". Als nächstes galt es, möglichst viele Informationen über die vergangenen Veranstaltungen zu sammeln: "Wie viele Betreuer, wie viel Essen, welche Nachtausrüstung…" Immer für Fragen offen, waren die beiden Mitorganisatoren Rudi Eberl und Hans Dachs, die mir so manchen Reinfall ersparten. Als ganz wichtiger Aspekt stellte sich bereits im Vorhinein die richtige und ausreichende Betreuung während des Rennes dar. Doch wer schlägt sich schon nur zum Spaß 24 Stunden um die Ohren? Na klar, die Verwandtschaft! Erste Anlaufstation meiner großangelegten Suche war meine zweite Schwägerin Steffi Rother. Als Physiotherapeutin brachte sie das nötige Wissen um die richtige Entspannungsmassage mit. Mit Karin und Sigi Herzog fanden sich zwei perfekte Mannschaftsführer, die vor allem die Organisation der Wechsel übernehmen sollten. Nicht zuletzt wurde meine Frau für besondere Aufträge und die fotografische Dokumentation abgestellt. Der Event konnte also kommen.
Der Countdown läuft
Neben der geklärten Betreuungsfrage standen weitere wichtige Punkte auf meiner Liste, die jedoch erst vor Ort abzuarbeiten waren. Und so reiste ich gemeinsam mit meiner Frau bereits am Donnerstagabend nach Kelheim, um dort in die heiße Phase der Vorbereitung überzugehen. Nach unserer Ankunft begaben wir uns zunächst auf die Suche nach einem Standort für unser Fahrerlager. Drei Orte innerhalb der Stadt waren vom Veranstalter dafür vorgesehen und der erste am alten Kanalhafen war bereits zwei Tage vor dem Start "ausgebucht". Mit Trassierband konnte man sich nämlich seinen Platz reservieren, was die einheimischen Teams natürlich großzügig ausnutzten. Sowieso etwas günstiger gelegen, aber dennoch noch nicht voll besetzt war der Parkplatz "Niederdörfl". Dort setzten wir unsere "Duftmarke" und machten uns gleich mit den neuen "Nachbarn" bekannt. Freitagvormittags ging es dann zur Streckenbesichtigung. Ob es ein Vorzeichen war, dass wir genau die 30 Minuten erwischten, in denen es an diesem Tag regnete? Am Abend stand die Nudelparty auf dem Programm, ehe gegen 21 Uhr Teamfahrerin Steffi mit einem wichtigen Bestandteil unserer "Wagenburg" im Fahrerlager, einem geräumigen Kleinbus eintraf. Für den Aufbau hatten wir dann den Samstagvormittag vorgesehen und mit vielen helfenden Händen, die inzwischen ebenfalls eingetroffen waren, stand unser kleines Erholungsheim pünktlich zwei Stunden vor dem Start. Nach der Fahrerbesprechung im großen Wechselzelt und einer abschließenden Streckenbesichtigung, die unser Startfahrer Michael gleich zum Aufwärmen nutzte, konnte es endlich losgehen.
24 Stunden Vollgas
Man hatte uns schon darüber berichtet, aber dass es an der Spitze des Feldes gleich vom Start weg so zur Sache gehen würde, damit hätten wir nicht gerechnet. Nach einem neutralisierten Start in der Fußgängerzone von Kelheim führt die Strecke bereits nach 500 Metern direkt in den Anstieg zur Befreiungshalle. Über zwei Serpentinen gelangt man auf ein sehr kurzes Flachstück mit anschließender Abfahrt und an eine kurze und steile Rampe, den "Stausackerer Berg". Nach sechs Kilometern ist dann "cruisen" angesagt. Von hier aus führt die Runde nur noch bergab und flach zurück nach Kelheim. Die Startfahrer mussten, um das Feld der 141 Teams und 48 Einzelfahrer zu entzerren, zwei Runden zurücklegen. Nach großem Kampf meldete sich Michael zurück im Fahrerlager. Er hatte bis zur Hälfte der zweiten Runde den Anschluss zur Spitze gehalten, war dann aber am letzten Anstieg zurückgefallen und mit der zweiten Gruppe zum Wechsel gekommen. Von nun an wechselten wir zunächst jede Runde und ab meiner ersten Zieldurchfahrt kann ich mich nur noch an ganz besondere Höhepunkte der 24 Stunden erinnern. Zumindest hatte Sigi gewissenhaft jede Rundenzeit notiert, was mir einen Rückblick deutlich erleichtert. Die Taktik war eindeutig. Fang dir am Berg eine gute Gruppe und lege mit ihr das Flachstück so schnell als möglich zurück. Das gelang mal besser mal schlechter und dementsprechend unterschiedlich sind auch die gefahrenen Rundenzeiten. Außerdem stand für unsere Konditionsboltzen Michael, Jens und Tom immer noch die Frage im Raum, ob denn nicht eine Doppelrunde sogar günstiger wäre, als viele Einzelrunden mit kurzer Pause. Als Erster wagte dann Tom einen Selbstversuch und schaffte es tatsächlich, die zweite Runde auf die Sekunde genau so schnell zu fahren wie die Vorangegangene. Etwas verblüfft kam wenig später Michael aus dem Wechselraum zurück: „Die Steffi hat mich gerade stehen gelassen. Sie fährt auch eine Doppelrunde.“ Dennoch blieben sie die Ausnahme und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich keine einzige gefahren bin.
Nacht und Regen
Langsam brach die Nacht herein und wir montierten die Beleuchtung an unsere Räder. Von 21 Uhr bis 5 Uhr früh bestand Beleuchtungspflicht, da die Strecke nicht komplett für den Straßenverkehr gesperrt werden konnte. Langsam wurden die Warteschlangen im Wechselbereich etwas kürzer. Es hatte sich alles eingespielt und Routine eingestellt. Das hieß für uns: Fünf bis zehn Minuten Warmfahren auf der Rolle, dann in den Wechselbereich, Übernahme des Staffelstabs, 17,2 Kilometer Vollgas, Übergabe, zurück ins Fahrerlager, kurz Ausfahren auf der Rolle, Essen, eventuell Massage und schließlich ab auf die Liegen und Matratzen. Gestört wurde diese Routine erst, als der Regen einsetzte. Tom war gerade auf der Strecke und ich machte mich gerade startklar. Innerhalb weniger Sekunden waren die Straßen nass und wir mussten unter unseren Zeltdächern enger zusammenrücken. Zu Beginn meiner Runde ließ der Regen zwar nach, aber das Spritzwasser der Hinterräder vor mir und meines eigenen Rades reichte aus, um klatschnass wieder im Ziel anzukommen. Zum Glück hatte Sigi an ein gasbetriebenes Heißluftgebläse gedacht, dank dem wir in der Folgezeit immer wieder in trockener Bekleidung losfahren konnten. Nach einer etwas längeren Pause (der Rest des Teams war im Regen Doppelrunden gefahren) mit dem Versuch zu schlafen und abgetrockneter Strecke gelang mir dann im Windschatten der Spitzengruppe (die uns bereits zweimal überrundet hatten) meine beste Rundenzeit des Rennens. Auf der langen Geraden von Essing bis nach Kelheim kam da schon ein bisschen das Gefühl auf, zu fliegen, wie wir da mit 50 Sachen über die Straße bretterten. Es wurde auch langsam heller und die letzten Stunden des Rennens brachen an. Ein vorsichtiger Blick in Richtung Zwischenstand fand uns auf einer Position zwischen Platz 20 und 25, die Kräfte schwanden aber zusehends. Dennoch kämpften wir weiter und die Rundenzeiten ließen erkennen, dass wir im Vergleich zu den Führenden gar nicht so schlecht unterwegs waren. Zusätzliche Motivation verschaffte uns das herausragende Kelheimer Publikum. Ob am Anstieg oder im Wechselbereich, überall wurde angefeuert und gefeiert. Am „Stausackerer Berg“ hatten viele die ganze Nacht durchgemacht und mit dröhnender Musik sowie allem möglichen Fan-Equipment eine gewaltige Geräuschkulisse erzeugt.
Auf dem Weg ins Ziel
Einzig dem Publikum und unserer Physiotherapeutin Steffi habe ich es zu verdanken, dass ich auch in meinen beiden letzten Runden noch Zeiten erzielen konnte, die mich so einigermaßen zufrieden stellten. Auch den Anderen stand die Erschöpfung mittlerweile ins Gesicht geschrieben. Jeder quälte sich nach der Pause in seine Radklamotten, aber ab dem Wechsel hieß es wieder Vollgas. Zu was der menschliche Körper nicht alles fähig ist. Immer wieder musste ich dabei an einen Satz eines Kelheimer Triathleten denken, der mir am Freitag noch erzählt hatte, dass er noch nie beim 24 Stunden Rennen am Start stand: "In anderen Ländern ist Schlafentzug eine Foltermethode und hier machen es die Fahrer freiwillig." Auf der anderen Seite der Medaille steht jedoch dieses einmalige Erlebnis, mit dem Team etwas geschafft zu haben, was nicht jeder schafft. Michael war dann schließlich die Ehre zuteil, nach der Startrunde auch unsere letzte Runde zu fahren. Eigentlich hatten wir damit gerechnet, dass Jens noch einmal in den Sattel muss, dies blieb ihm jedoch aufgrund eines vorgezogenen Wechselstopps erspart. Somit blieb unser Rundenzähler bei 50 stehen, was einer Gesamtdistanz von 860 Kilometern entspricht. Wir klatschten uns trotz der Müdigkeit ab und waren mehr als zufrieden mit unserer gezeigten Leistung. Jeder von uns war über sich selbst hinausgewachsen und hatte sein Bestes gegeben. Das ist es was zählt!
Dank und Pläne
Ein großer Dank geht natürlich an das gesamte Team, die Fahrer und Betreuer, aber auch an unseren Sponsor Löffler und alle die zum Gelingen dieses ersten Versuchs in Kelheim beigetragen haben. Dazu zählt natürlich auch das Organisationsteam dieses einmaligen Events, das uns immer bestens unterstützt und alles im Griff gehabt hatte. Noch während des Rennens haben wir teamintern über Verbesserungen für das nächste Jahr diskutiert. Dann vielleicht sogar mit einem Frauen- und einem Männerteam. Also Nordic-Sportler, schwingt euch aufs Rennrad. Es sind nur noch 12 Monate bis zum nächsten 24 Stunden Rennen und wir suchen noch Teamfahrer!
Schnapsidee
So manches Team, das beim 24 Stunden Rennen in Kelheim am Start steht, wurde unter Alkoholeinfluss geboren. Diese mildernden Umstände kann ich für mich nicht in Anspruch nehmen. Ich war bei klarem Verstand, als ich im letzten Jahr nach dem 111 Kilometer Rollski-Rennen in Kelheim den Entschluss gefasst hatte, ein XC-Ski.de Team für DAS Sportevent schlechthin im kleinen Städtchen an der Donau auf die Beine zu stellen. Dass es gar nicht so einfach ist, fünf "Verrückte" zu finden, ist wohl jedem klar. Mit mir selbst und Thomas Freimuth stand der Kern der Mannschaft jedoch ziemlich schnell fest. Nordisch sollte es zugehen und so war meine Schwägerin Steffi Felgenhauer die nächste Kandidatin auf der Liste. Im Winter bestreitet sie erfolgreich Volksläufe, im Sommer fährt sie Radrennen auf hohem Hobbyfahrer-Niveau. Dann hagelte es Absagen. Keine Zeit, keine Form, keine Lust. Bis Thomas in seiner Zweitheimat dem Allgäu einen Trainingskollegen fand, dessen Radform und Jahreskilometer uns alle in den Schatten stellten. Michael Fülle erfüllte auch das nordische Kriterium, schaffte er doch beim letzten Vasalauf einen respektablen 647. Platz. Er war schnell überzeugt und brachte sogar noch seinen Sparringspartner Jens Kopczak mit ins Team. Letzterer war dann der einzige, der (noch) nichts mit nordischem Sport am Hut hat. Aber welcher Mensch ist schon perfekt? ;-)
Viel Vorarbeit und Planung
Was es an Aufwand bedarf, einem Team die perfekten Rahmenbedingungen für so einen Event zu bieten, das erfuhr ich in den Wochen vor dem Start. Bereits im März beim Skadi Loppet fand ich in Hermann Grundner von der Firma Löffler einen begeisterungsfähigen Sponsor für die Radbekleidung. Damit war auch der Teamname geboren: "Team Löffler/www.XC-Ski.de". Als nächstes galt es, möglichst viele Informationen über die vergangenen Veranstaltungen zu sammeln: "Wie viele Betreuer, wie viel Essen, welche Nachtausrüstung…" Immer für Fragen offen, waren die beiden Mitorganisatoren Rudi Eberl und Hans Dachs, die mir so manchen Reinfall ersparten. Als ganz wichtiger Aspekt stellte sich bereits im Vorhinein die richtige und ausreichende Betreuung während des Rennes dar. Doch wer schlägt sich schon nur zum Spaß 24 Stunden um die Ohren? Na klar, die Verwandtschaft! Erste Anlaufstation meiner großangelegten Suche war meine zweite Schwägerin Steffi Rother. Als Physiotherapeutin brachte sie das nötige Wissen um die richtige Entspannungsmassage mit. Mit Karin und Sigi Herzog fanden sich zwei perfekte Mannschaftsführer, die vor allem die Organisation der Wechsel übernehmen sollten. Nicht zuletzt wurde meine Frau für besondere Aufträge und die fotografische Dokumentation abgestellt. Der Event konnte also kommen.
Der Countdown läuft
Neben der geklärten Betreuungsfrage standen weitere wichtige Punkte auf meiner Liste, die jedoch erst vor Ort abzuarbeiten waren. Und so reiste ich gemeinsam mit meiner Frau bereits am Donnerstagabend nach Kelheim, um dort in die heiße Phase der Vorbereitung überzugehen. Nach unserer Ankunft begaben wir uns zunächst auf die Suche nach einem Standort für unser Fahrerlager. Drei Orte innerhalb der Stadt waren vom Veranstalter dafür vorgesehen und der erste am alten Kanalhafen war bereits zwei Tage vor dem Start "ausgebucht". Mit Trassierband konnte man sich nämlich seinen Platz reservieren, was die einheimischen Teams natürlich großzügig ausnutzten. Sowieso etwas günstiger gelegen, aber dennoch noch nicht voll besetzt war der Parkplatz "Niederdörfl". Dort setzten wir unsere "Duftmarke" und machten uns gleich mit den neuen "Nachbarn" bekannt. Freitagvormittags ging es dann zur Streckenbesichtigung. Ob es ein Vorzeichen war, dass wir genau die 30 Minuten erwischten, in denen es an diesem Tag regnete? Am Abend stand die Nudelparty auf dem Programm, ehe gegen 21 Uhr Teamfahrerin Steffi mit einem wichtigen Bestandteil unserer "Wagenburg" im Fahrerlager, einem geräumigen Kleinbus eintraf. Für den Aufbau hatten wir dann den Samstagvormittag vorgesehen und mit vielen helfenden Händen, die inzwischen ebenfalls eingetroffen waren, stand unser kleines Erholungsheim pünktlich zwei Stunden vor dem Start. Nach der Fahrerbesprechung im großen Wechselzelt und einer abschließenden Streckenbesichtigung, die unser Startfahrer Michael gleich zum Aufwärmen nutzte, konnte es endlich losgehen.
24 Stunden Vollgas
Man hatte uns schon darüber berichtet, aber dass es an der Spitze des Feldes gleich vom Start weg so zur Sache gehen würde, damit hätten wir nicht gerechnet. Nach einem neutralisierten Start in der Fußgängerzone von Kelheim führt die Strecke bereits nach 500 Metern direkt in den Anstieg zur Befreiungshalle. Über zwei Serpentinen gelangt man auf ein sehr kurzes Flachstück mit anschließender Abfahrt und an eine kurze und steile Rampe, den "Stausackerer Berg". Nach sechs Kilometern ist dann "cruisen" angesagt. Von hier aus führt die Runde nur noch bergab und flach zurück nach Kelheim. Die Startfahrer mussten, um das Feld der 141 Teams und 48 Einzelfahrer zu entzerren, zwei Runden zurücklegen. Nach großem Kampf meldete sich Michael zurück im Fahrerlager. Er hatte bis zur Hälfte der zweiten Runde den Anschluss zur Spitze gehalten, war dann aber am letzten Anstieg zurückgefallen und mit der zweiten Gruppe zum Wechsel gekommen. Von nun an wechselten wir zunächst jede Runde und ab meiner ersten Zieldurchfahrt kann ich mich nur noch an ganz besondere Höhepunkte der 24 Stunden erinnern. Zumindest hatte Sigi gewissenhaft jede Rundenzeit notiert, was mir einen Rückblick deutlich erleichtert. Die Taktik war eindeutig. Fang dir am Berg eine gute Gruppe und lege mit ihr das Flachstück so schnell als möglich zurück. Das gelang mal besser mal schlechter und dementsprechend unterschiedlich sind auch die gefahrenen Rundenzeiten. Außerdem stand für unsere Konditionsboltzen Michael, Jens und Tom immer noch die Frage im Raum, ob denn nicht eine Doppelrunde sogar günstiger wäre, als viele Einzelrunden mit kurzer Pause. Als Erster wagte dann Tom einen Selbstversuch und schaffte es tatsächlich, die zweite Runde auf die Sekunde genau so schnell zu fahren wie die Vorangegangene. Etwas verblüfft kam wenig später Michael aus dem Wechselraum zurück: „Die Steffi hat mich gerade stehen gelassen. Sie fährt auch eine Doppelrunde.“ Dennoch blieben sie die Ausnahme und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich keine einzige gefahren bin.
Nacht und Regen
Langsam brach die Nacht herein und wir montierten die Beleuchtung an unsere Räder. Von 21 Uhr bis 5 Uhr früh bestand Beleuchtungspflicht, da die Strecke nicht komplett für den Straßenverkehr gesperrt werden konnte. Langsam wurden die Warteschlangen im Wechselbereich etwas kürzer. Es hatte sich alles eingespielt und Routine eingestellt. Das hieß für uns: Fünf bis zehn Minuten Warmfahren auf der Rolle, dann in den Wechselbereich, Übernahme des Staffelstabs, 17,2 Kilometer Vollgas, Übergabe, zurück ins Fahrerlager, kurz Ausfahren auf der Rolle, Essen, eventuell Massage und schließlich ab auf die Liegen und Matratzen. Gestört wurde diese Routine erst, als der Regen einsetzte. Tom war gerade auf der Strecke und ich machte mich gerade startklar. Innerhalb weniger Sekunden waren die Straßen nass und wir mussten unter unseren Zeltdächern enger zusammenrücken. Zu Beginn meiner Runde ließ der Regen zwar nach, aber das Spritzwasser der Hinterräder vor mir und meines eigenen Rades reichte aus, um klatschnass wieder im Ziel anzukommen. Zum Glück hatte Sigi an ein gasbetriebenes Heißluftgebläse gedacht, dank dem wir in der Folgezeit immer wieder in trockener Bekleidung losfahren konnten. Nach einer etwas längeren Pause (der Rest des Teams war im Regen Doppelrunden gefahren) mit dem Versuch zu schlafen und abgetrockneter Strecke gelang mir dann im Windschatten der Spitzengruppe (die uns bereits zweimal überrundet hatten) meine beste Rundenzeit des Rennens. Auf der langen Geraden von Essing bis nach Kelheim kam da schon ein bisschen das Gefühl auf, zu fliegen, wie wir da mit 50 Sachen über die Straße bretterten. Es wurde auch langsam heller und die letzten Stunden des Rennens brachen an. Ein vorsichtiger Blick in Richtung Zwischenstand fand uns auf einer Position zwischen Platz 20 und 25, die Kräfte schwanden aber zusehends. Dennoch kämpften wir weiter und die Rundenzeiten ließen erkennen, dass wir im Vergleich zu den Führenden gar nicht so schlecht unterwegs waren. Zusätzliche Motivation verschaffte uns das herausragende Kelheimer Publikum. Ob am Anstieg oder im Wechselbereich, überall wurde angefeuert und gefeiert. Am „Stausackerer Berg“ hatten viele die ganze Nacht durchgemacht und mit dröhnender Musik sowie allem möglichen Fan-Equipment eine gewaltige Geräuschkulisse erzeugt.
Auf dem Weg ins Ziel
Einzig dem Publikum und unserer Physiotherapeutin Steffi habe ich es zu verdanken, dass ich auch in meinen beiden letzten Runden noch Zeiten erzielen konnte, die mich so einigermaßen zufrieden stellten. Auch den Anderen stand die Erschöpfung mittlerweile ins Gesicht geschrieben. Jeder quälte sich nach der Pause in seine Radklamotten, aber ab dem Wechsel hieß es wieder Vollgas. Zu was der menschliche Körper nicht alles fähig ist. Immer wieder musste ich dabei an einen Satz eines Kelheimer Triathleten denken, der mir am Freitag noch erzählt hatte, dass er noch nie beim 24 Stunden Rennen am Start stand: "In anderen Ländern ist Schlafentzug eine Foltermethode und hier machen es die Fahrer freiwillig." Auf der anderen Seite der Medaille steht jedoch dieses einmalige Erlebnis, mit dem Team etwas geschafft zu haben, was nicht jeder schafft. Michael war dann schließlich die Ehre zuteil, nach der Startrunde auch unsere letzte Runde zu fahren. Eigentlich hatten wir damit gerechnet, dass Jens noch einmal in den Sattel muss, dies blieb ihm jedoch aufgrund eines vorgezogenen Wechselstopps erspart. Somit blieb unser Rundenzähler bei 50 stehen, was einer Gesamtdistanz von 860 Kilometern entspricht. Wir klatschten uns trotz der Müdigkeit ab und waren mehr als zufrieden mit unserer gezeigten Leistung. Jeder von uns war über sich selbst hinausgewachsen und hatte sein Bestes gegeben. Das ist es was zählt!
Dank und Pläne
Ein großer Dank geht natürlich an das gesamte Team, die Fahrer und Betreuer, aber auch an unseren Sponsor Löffler und alle die zum Gelingen dieses ersten Versuchs in Kelheim beigetragen haben. Dazu zählt natürlich auch das Organisationsteam dieses einmaligen Events, das uns immer bestens unterstützt und alles im Griff gehabt hatte. Noch während des Rennens haben wir teamintern über Verbesserungen für das nächste Jahr diskutiert. Dann vielleicht sogar mit einem Frauen- und einem Männerteam. Also Nordic-Sportler, schwingt euch aufs Rennrad. Es sind nur noch 12 Monate bis zum nächsten 24 Stunden Rennen und wir suchen noch Teamfahrer!
Fotoserie: 24 Stunden Rennen Kelheim: Der längste Tag
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